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„Der Schamowar ſingt ſchon, Väterchen! Ich komme gleich!“ wurde die Stimme der geſchäftigen Gattin laut.
„Sieh, mein Sohn. Ich beſuchte meinen Bruder in W. Vorgeſtern kehrte ich heim. Auf einer Station, denke dir, ſehe ich einen Herrn, der eben eine ganz friſche Nummer der„Mos⸗ kauer Zeitung» entfaltet. Unten am Rande der dritten Seite ſehe ich Kreiſe mit einem halben ſchwarzen Ring. Das muß etwas Wichtiges ſein, denke ich. Die(Moskauer Zeitung“ iſt keine illuſtrirte. Wenn ſie einmal illuſtrirt, ſo iſt etwas Gro⸗ ßes im Anzuge. Ich wie ein Vogel aus dem Schlitten und bitte den Herrn, mir die Nummer auf einen Augenblick zu er⸗ lauben. Der Herr iſt ſehr freundlich und gibt mir das Blatt. (Mach', aber ſchnell, Vater; ich habe keine Zeit. Meine Pferde ſind ſchon vor», ſagte er. Ich leſe den ganzen Bericht über die Sonnenfinſterniß ſchneller, wie ich meinen Pſalter ſage. Ich bin fertig, gebe das Blatt zurück, danke und fahre weiter. Zu Hauſe angekommen, kenne ich kein größeres Vergnügen, als dieſe Zeich⸗ nungen zu machen. In der(Moskauer Zeitung? war Anfang, Minute und Ende der Finſterniß, ſo wie der weſtliche Berüh⸗ rungs⸗ und der öſtliche Trennungspunkt von Mond und Sonne verzeichnet. Daraus habe ich denn ganz genau dieſe Fünfmi⸗ nutenbilder machen können. Ja, da kommt Mütterchen mit dem Thee. Nun trinkt, ihr Lieben, und eßt Blinis dazu.“
Wir nahmen das freundlich Gebotene, wenn auch nicht zu⸗ ſammen Paſſende gern an, erquickten uns und ſahen dann hin⸗ aus in die Landſchaft. Der Schnee fiel in dichten Flocken, und die Sonne war unſichtbar.
„Es iſt ſchon elf“, ſagte der Pope.„Laßt uns unſere In⸗ ſtrumte nehmen und hinaus gehen. Iſt ſtehe wie auf Kohlen, kommt, kommt! Zugleich werde ich den Bauern ſagen, daß ihr gekommen ſeid, wiſſenſchaftliche Beobachtungen anzuſtellen. Ich leiſte euch nur hülfreiche Hand und kann auch einmal die Thiere während der Finſterniß betrachten. Leider iſt die Sonne noch nicht zu ſehen. O, wie Schade! Mütterchen, laß die Kühe, Schweine und Hühner hinaustreiben. Mache ſchnell, mein Liebchen!“
Und der Pope lief, wie von einer Tarantel geſtochen, im Zimmer umher, warf berußte Fenſterſcheibenſtücke, Brillen⸗ und andere Gläſer, ein kleines Fernrohr, einen Operngucker, ſeine Zeichnungen, Sonnenuhr und Kompaß in einen Kaſten, nahm dieſen unter den Arm und drängte uns lächelnd ins Freie. Draußen harrten ſchon die befreiten und von zwei Knaben gehü⸗ teten Kühe, Schweine und Hühner, ſelbſt die beiden Roſſe des Prieſters, der Dinge, die da kommen ſollten.
„Geht dort auf jenen Hügel. Er gewährt eine herrliche Fernſicht. Ich komme gleich nach. Iwan, Waſſil, treibt das Gethier den Herren nach.“
Nach dieſen Worten lief der Pope ins Dorf und war bald unſern Blicken entſchwunden. Nach einiger Zeit kehrte er mit zwei Bauern, noch einigen Kühen und Pferden zurück und ließ eine große leere Tonne als Obſervatorium auf den Hügel rollen. Wir hatten unſern Theodoliten ruhig im Schlitten gelaſſen und
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ſahen, ein kleines Fernrohr, Kompaß, Thermometer und Sonnen— uhr in der Hand, den Anordnungen des emſigen Popen zu. Die Sonne machte noch keine Miene, ihr holdes Antlitz durch den dichten Flockenwirbel hindurchſchimmern zu laſſen. Der Pope bat und beſchwor den Herrn, dieſen Tag in einen Freudentag zu ver⸗ wandeln. Er bekreuzte und verneigte ſich wiederholt. Dabei ordnete er auf der Tonne alle ſeine Geräthſchaften, wiſchte unter fortwährendem Gemurmel die ſchneefeuchten Gläſer ſeiner Inſtru⸗ mente und ließ ſich durch unſere eifrigen Tröſtungen nicht be⸗ wegen, den Reſt ſeiner entfliehenden guten Laune feſtzuhalten. Die Verfinſterung hatte bereits begonnen. Es wurde dunk⸗ ler, wärmer. Das Queckſilber fiel raſch von 6 auf 5 Grad. Meine Uhr zeigte genau eins. Die wahre Zeit war nicht zu beſtimmen. Die Verſicherung des Popen, daß ſeine Uhr nach der Sonne gehe, war werthlos. Er hatte ſein dickes Nürnberger Eilein ſeit Wochen nicht juſtirt. Wir hielten in der unerquicklichſten Stellung, eingeſchneit wie Grönländer, geduldig aus. Die Ver⸗ finſterung nahm ihren Fortgang. Die Flocken, dicht, groß und ſchwer, fielen faſt ſenkrecht zur Erde. Der Wind hatte ſich ge⸗ legt. Das Queckſilber ſank noch um einen halben Grad. Die Kühe wurden unruhig und drängten ſich in einen Haufen zu⸗ ſammen. Die Pferde eilten dem Stalle zu und konnten nur mit Mühe zurückgehalten werden. Die Hühner, welche nach der Verſicherung des Popen gar nicht flugfähig ſein ſollten, flogen gackernd den liebeleeren Neſtern zu. Die Schweine bewahrten ihr unverwüſtliches Phlegma und ſtarrten ſtumpfſinnig einander an.
Da entfaltete ſich, faſt wie durch einen Zauberſchlag, ein Schauſpiel, wie ich ein ähnliches geſehen zu haben mich nicht erinnere. Der Schneefall ließ nach. Helle Streiflichter flogen über die Gegend gen Weſt. Die in der abnehmenden Verfin⸗ ſterung begriffene Sonne ſchimmerte rothweiß durch den ſich im— mer mehr und mehr lockernden Wolkenſchleier. Die Streiflichter gen Weſten verſchwanden. Die ganze nordweſtliche Gegend glich einem bläulichen See, daraus die mit blendendem Schnee be— deckten Bauernhäuſer und Gehöfte gleich Inſeln hervorragten. Das einzige Wäldchen nach jener Gegend ſah aus als wäre es aus zartem feinen bläulichen Glaſe aufgebaut. Nach Süd⸗ oſt war die Gegend dunkel, und die Schneegefilde dorthin ſchie⸗ nen wie mit blauſchwarzem Ruß bedeckt. Wieder fielen Streif⸗ lichter über den weſtlichen Horizont. Der See verſchwand. Die Gegend glich einer niedrigen, ſtahlblauen, ſchroff abfallenden Eis⸗ oder Gletſcherwand, darauf die Bauernhäuſer und Gehöfte gleich Alphütten lagen. Eigenthümlich! die ebenfalls gen Weſt, aber näher liegende bekuppelte ruſſiſche Kirche machte keine von den Schattirungen mit.
Die Sonnenfinſterniß hatte ihr Ende erreicht. Die Fata⸗ Morgana hörte auf zu ſpielen. Wir ſtanden wie mitten auf einem großen einfarbigen, weißen, beſchneiten Papierbogen.
„Sieh, Väterchen, dein Gebet iſt erhört worden! Was willſt du mehr?“ ſagte ich zum Popen und ſchlug den Weg nach ſeinem Hauſe ein.
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Henriette Sontag in London, 1349— 1351. Biographiſche Skizze von Hermann Kindt.
In einer frühern kleinen Skizze, die Freundſchaft Henriette Sontag's mit dem alten liebenswürdigen Großherzog von Mecklen⸗ burg⸗Strelitz betreffend(S.„Hausfreund“, 1868, Nr. 3 und 4), habe ich ihrer Vorſtudien zu dem großen Beruf erwähnt, die Bühne nach beinahe zwanzigjähriger Abweſenheit von derſelben von Neuem zu betreten, und jetzt wünſche ich den Leſern dieſes Journals von ihrem Wiederauftreten in London ſelbſt zu erzäh⸗ len.*) Nicht um alle Einzelnheiten vor das große Publikum zu
*) Dieſer Skizze liegt namentlich das intereſſante Erinnerungsbuch („Reminiscences of the Opera“) des langjährigen Directors der königlichen Oper in London, Mr. Benjamin Lumley, zu Grunde, der mir bereitwilligſt die Erlaubniß ertheilt hat, dieſe ſeine Memvoiren zu dem obigen Zwecke zu benutzen, und mir auch brieflich noch freund⸗
bringen, nicht um Blößen aufzudecken, die, wie hier und da an— gedeutet worden iſt, beſtehen müſſen und ſollen: nein, mit theil⸗ nehmendem Intereſſe wollen wir Deutſche den Spuren der großen Künſtlerin nachfolgen, und nicht aus bloßer kleinſtädtiſcher Neu⸗ gierde ihrem Thun und Treiben nachſpähen.„Ein Künſtlerleben“, ſagt der geiſtreiche Alfred von Wolzogen irgendwo,„und nament⸗ lich die naturgemäß unabläſſig im Wogenbrande der gewaltigſten Aufregung dahinrollende Laufbahn eines genialen theatraliſchen Darſtellers iſt ein Myſterium, deſſen Enthüllung zu häufig nur zur Befriedigung lüſterner Neugierde dient, die traurigen Annalen
liche Mittheilungen über den Aufenthalt der Sontag in London ge⸗ macht hat. S
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