gewiß zu denen, die im Feuer nicht verbrennen und im Waſſer nicht ertrinken.“
Die Station war in Sicht. Die Pferde ſchienen noch nichts von dem Feuer, welches die Sonnenfinſterniß, oder vielmehr der Kutſcher in ſie gejagt, verloren zu haben. In ſcharfem Trabe eilten ſie dahin. Der Poſtillon war, ſobald er den Giebel des Stationgebäudes ſah, wie umgewandelt. Er wurde geſchwätzig, pfiff, ſang und ſchnalzte mit der Zunge.
„Ich glaube gar nicht, daß es heute vor Abend dunkel wird“, ſagte er, als der Schlitten hielt. Darauf ſprang er vom Bock, warf den Pferden die Zügel auf den Rücken und verſchwand in dem Thorweg der Station.
Wir hatten ſchon länger als zehn Minuten auf das Um⸗ ſpannen gewartet. Keine Menſchenſeele erſchien. Die Pferde wurden nicht abgeſchirrt. Die Station ſchien wie ausgeſtorben.
„Wollen wir doch dem Poſtmeiſter etwas Feuer auf den Frack machen“, ſagte der Doctor und verließ den Schlitten. Ich Folgte. Wir gingen durch den Thorweg und gelangten bald auf den Poſthof. Aus einem der nahen Pferdeſtälle drangen lärmende Stimmen. Die Stallthür öffnete ſich und der Stations⸗ halter trat heraus.
„Sie haben mir die Kerle ſcheu gemacht. Die Knechte wollen nicht fahren. Sie haben eine Sonnenfinſterniß und eine Dunkelheit mit Sturm, Blitz und Donner prophezeit, daß man die Erde nicht vom Himmel unterſcheiden, und daß es wie Fie⸗ berſchauer durch alle Glieder fahren ſoll. Ich kann nichts machen, da ſehen Sie, wie Sie fortkommen.“
Alſo redete uns der„maitre de poste“, der übrigens in Knechtsgeſtalt einherging und ſich von ſeinen Untergebenen nur durch die Stentorſtimme unterſchied, an.
„Poſtmeiſter!“ ſagte der Doctor, indem er die Aſche von ſeiner Cigarre ſtieß.„Wenn Ihr einen faulen, betrunkenen, wie eine Biſamratte ſchlafenden Kerl auf dem Bock und drei Pferde vor dem Schlitten habt, die mehr rück⸗ als vorwärts gehen, Poſtmeiſter, was thut Ihr da? Haut Ihr den Kerl nicht in den Nacken, oder ſagt Ihr ihm nicht, der Teufel käme aus der ſchwarzen Erde? Thut Ihr das Alles nicht, Poſtmeiſter? Bleibt Ihr lieber auf dem Wege liegen und laßt den Knecht vierundzwanzig Stunden ausſchnarchen?“
„So war die Sonnenfinſterniß nur ein Mittel, vorwärts zu kommen?“ fragte der Poſtmeiſter.
„Weiter nichts, Poſtmeiſter, weiter nichts!“ ſagte der Doe⸗ tor.„Außerdem ſeid Ihr doch auch ein leſender Menſch und wißt, daß eine Sonnenfinſterniß im Winter ſo unmöglich iſt, wie eine Haferernte im Januar.“
„Ja, das iſt auch wahr! nicht daran gedacht“, ſagte der Poſtmẽiſter, welcher ſich durch den „leſenden Menſchen“ aufs Höchſte geſchmeichelt und gehoben fühlte. Er ging in den Stall, wetterte wie ein Jupiter fulmi-
Ich hatte in meiner Dummheit
Stimme ſein Ohr traf, und erhob ſich von einem fetten Mahl, wie es in der Butterwoche und vor den ſiebenwöchentlichen Faſten in Ruthenien ſo beliebt iſt.
„Sei gegrüßt!“ wiederholte der Pope und ſchüttelte dem Doctor die Hand.„Wie ſchön, daß du kommſt, die Sonnen⸗ finſterniß mit mir zu ſehen— und was die Hauptſache iſt, et⸗ was mit mir zu plaudern. Zu mir, dem Einſamen, Verſchla⸗ genen, kommt ſelten Jemand. Heute hätte ich die Sonnen⸗ finſterniß allein und noch dazu im Verborgenen betrachten müſſen, denn die Leute würden gar bedenklich den Kopf ſchütteln, wenn ich durch ein berußtes Glas gen Himmel ſähe und es dann plötzlich finſter würde. Willſt du, mein Lieber, nicht einen Blick auf meine Vorarbeiten werfen?“
Wir traten an einen Tiſch und ſahen einige außerordent⸗ lich ſauber ausgeführte Zeichnungen, welche die Sonnenfinſter⸗ niß in ihrem ganzen Verlauf, in Zu⸗ und Abnahme der Ver⸗ finſterung von fünf zu fünf Minuten darſtellten. Dabei war die Zeit ſorgfältig bis auf die Minute und Secunde notirt.
Ich ſah meinen Gefährten, den Doctor, erſtaunt an und ſagte dann lächelnd zu dem Popen:
„Väterchen, du haſt aſtronomiſche Studien gemacht? Du weißt, daß die heutige Finſterniß, hier betrachtet, eine centrale und zugleich ringförmige iſt? Du kennſt genau den Zeitpunkt, an welchem die Finſterniß hier beginnt und endet? Du haſt die Größe der Verfinſterung in Zollen, den Moment der Conjunction von Sonne und Mond, die Horizontalparall⸗Axe des Mon⸗ des, die heliocentriſche Länge des auf die Erde fallenden Mond⸗ ſchattens mit aſtronomiſcher Genauigkeit vorher berechnet.“
„Still, ſtill, mein Sohn!“ ſagte der Pope.„O, wie glücklich wäre ich, wenn ich das Alles könnte. O, es iſt eine Schande, daß ich ſo wenig weiß. Iſt da ein Uhrmacher Becker in Nauen bei Berlin, der Planeten findet und Sternbedeckungen berechnet! Ob wol der arme Uhrmacher Aſtronomie ſtudirt hat! Sucht und findet am Himmel, was man auf den großen Stern⸗ warten mit den langen hellen Rohren vorbeiſchlüpfen läßt. Ich habe Bücher und Gläſer gekauft, habe Tag und Nacht gelernt, kann mich aber in den gelehrten Schriften nicht zurecht finden. Das iſt Alles für Fachmänner und Solche, die es werden wollen, berechnet. Das Beſtimmen der geographiſchen Breite, die Meri⸗ dianbeſtimmung durch den Polarſtern, die Zeitbeſtimmung durch correſpondirende Sternhöhen, und wie alle die Vorkenntniſſe zur Aſtronomie heißen, ſind mir, obgleich ich ſie hundertmal geleſen und ſelbſt verſucht, doch ein Noli me tangere geblieben. Ja, drüben in Germanien ſchreibt man Alles viel verſtändiger, be⸗ ſcheidener, und aus einem ſo verſtändlichen, beſcheidenen Buch muß auch wol Uhrmacher Becker in Nauen bei Berlin gelernt haben. Kannſt du mir, mein Sohn, nicht etwas von ihm er⸗ zählen? Ich will dir auch votreffliche Blinis*) bereiten laſſen.“
Ja, vom Uhrmacher Becker wußte ich ſelbſt nicht viel mehr,
nans und beſorgte binnen fünf Minuten Schlitten und Anſpann. als vom Mann im Monde. Ich erzählte das Wenige gern und 3₰„Wiſſen Sie auch, daß wir nur auf dem eingeſchlagenen bedauerte auch, nicht mehr zu wiſſen. Der Pope lauſchte ge⸗ Wege mobil werden konnten?“ fragte der Arzt, als wir die Sta⸗ ſpannt, notirte ſich jede Kleinigkeit und fragte zuletzt, ob ſich tion mit dem Rücken anſahen und weiter fuhren. Becker in dem Giebel ſeines Hauſes vielleicht eine kleine Stern⸗ 6 „Ich weiß es“, erwiderte ich. warte gebaut. Der Himmel bewölkte ſich immer mehr. Der Wind wurde„Nun, Väterchen, wie haſt du denn deine Zeichnungen heftiger und umwirbelte uns bald mit tanzenden Flocken. Die machen können?“ fragte ich geſpannt, als endlich mein ganzes 1 † Sonne, welche bisher durch den bleigrauen Schleier hindurch⸗ Wiſſen über Becker auf den Popen übergegangen. 5 ſchimmerte, verhüllte ſich gänzlich. Der hohle, lange, gedehnte„Ich will es dir gleich erzählen“, ſagte er.„Doch ſage mir Ton der Windſtöße deutete auf einen Schneeſturm, der in der noch, ich bitte dich, ob Becker in Nauen bei Berlin ſchon viele „Tſcherno Sem“ nichts weniger als erquicklich iſt. Wir ſaßen Orden erhalten.“ 4 eine lange Stunde ſchweigend neben einander und harrten der Ich zuckte mit den Achſeln. 4 ſ DDinge, die du kommen ſollten. Die verſchiedenen Poſtillone„Lebte Uhrmacher Becker in Nauen bei Berlin in Rußland, wurden nicht mehr von der Sonnenfinſterniß geſchreckt, ſondern ſo würde er ſchon Orden haben!“ meinte der Prieſter. durch klingende Münze zur Eile angeſpornt.„Ich zweifle nicht daran“, ſagte ich. So legten wir mit Windeseile drei, vier Stationen zurück„Nun will ich dir erklären, wie ich die Zeichnungen habe und kamen gegen 10 Uhr an dem Ort unſerer Beſtimmung an. machen können. Ich habe geſtern, vorige Nacht und heute mit 3 „Mach' uns eine Taſſe Thee, Väterchen!“ ſagte der Doctor dem tollſten Vergnügen von der Welt daran gearbeitet. Doch— zu dem Popen, der einem beſcheidenen grünen Kirchlein gegen⸗ du biſt Raucher. Zünde dir dieſe Papyros an. Halt, den Thee!
über und inmitten eines langen Dorfes ſo idylliſch wohnte, wie Mütterchen, mache Thee!“
es nur irgend in einer flachen Gegend geſchehen kann.„Wir
kommen, um mit dir die Sonnenfinſterniß zu betrachten.“ „Sei gegrüßt!“ ſagte der Prieſter, als die wohlbekannte*) Ein ſchmackhaftes Butterwochengericht.


