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Die Kaſernen zu St.⸗George ſtehen, wenn ſie ſeitdem nicht verlegt worden ſind, auf einem Plateau, hoch genug, um die Stadt, von der ſie etwas mehr als eine Viertelmeile (engl.) entfernt ſind, und den Hafen zu beherrſchen. Wie der größte Theil der Gebäude auf Bermuda, die Häuſer der Kauf⸗ leute auf dem Platze ausgenommen, haben die Kaſernen nur ein Erdgeſchoß und erſetzt die Länge, was an Höhe abgeht. Die Quartiere der Offiziere, von jenen der Mannſchaft ge⸗ trennt, nehmen das ſüdliche Ende der Vorſeite ein, wo die Anhöhe ſanft gegen den Hafen zu abfällt. Der Neigung des Bodens entſprechend iſt die Grundmauer derart gebaut, daß eine Ebene für eine Veranda gebildet iſt, die ſich längs der ganzen Front des Gebäudes hinzieht. Dieſe Veranda war der Platz unſerer Zuſammenkünfte, ſei es, daß der Signal⸗ poſten auf dem Telegraphenhügel ein Kriegsſchiff in Sicht, oder die Ankunft der Poſt von Halifax meldete oder daß man einen Walfiſch in offener See ſeinen Waſſerſtrahl in die Höhe werfen ſehen konnte, oder endlich, daß die Stunde der Mahlzeit nahte. An dem Abende, an welchem F.... mein erwarteter Gaſt war, hatte der Tambour bereits zur Mahl⸗ zeit das Zeichen gegeben— die Trommel iſt nämlich die militäriſche Speiſeglocke— allein man betrat noch nicht den Speiſeſaal.„Warten wir auf Jemand?“ fragten Einige, worauf ſie die Antwort erhielten, daß C...s Freund und Gaſt für heute noch kommen ſolle.„Wer iſt's denn?“ wurde weiter gefragt und als ſein Name genannt wurde, ergoß ſich eine Menge der launigſten Vermuthungen über den Grund ſeines Ausbleibens.
„Nun“, ſagte der Obriſt— den wir, wegen ſeiner Ab⸗ ſtammung von der Familie des Helden in einem Romane Walter Scott's, ſpottweiſe Redgauntlet nannten,—„auf das Riſico, daß die Schildkrötenſuppe kalt und der Claret warm wird, wollen wir ihm fünf Minuten zugeben. Ich glaube, er iſt ſo verliebt in ſeine hübſche Frau, daß er ſich von ihr nicht trennen kann. Wir müſſen alle verheiratheten Frauen von der Inſel abſchaffen.“
„Lieber ſie ebenfalls einladen“, ſagte ein luſtiger junger Fähnrich.
„Ich will Euch Etwas ſagen“, erwiderte der Obriſt, ein Junggeſelle,„wenn einer meiner Offiziere auch nur im Geringſten galant gegen eine Frau iſt, ſolange ich das Regiment commandire, werde ich ihn vor ein Kriegsgericht ſtellen. Es iſt ein Verbrechen, das ich in meinem Entwurfe des Kriegsrechtes vorgeſehen und die Strafe dafür iſt—“
„Tod, vermuthlich Herr Obriſt“, fiel der Fähnrich ein. „Ich für meinen Theil nehme mein Schickſal an.“
„Sie haben recht, junger Springinsfeld! Tod durch Tanzen oder eine andere ähnliche Strafe, wie ſie das Kriegs⸗ gericht eben für angemeſſen halten wird.“
Auf ſolche Weiſe waren die zugeſtandenen und weitere fünf Minuten verfloſſen; als es aber nahe eine Viertelſtunde wurde, wollte der ungeduldige Obriſt nicht länger warten.
„Noch einmal den Speiſeruf“, ſagte er,„wer ihn hört, eben den Hügel heraufkommend, ſo muß er wol laufen, um zur Suppe zurecht zu kommen. Jetzt wollen wir hinein gehen.“ Er winkte mir jedoch, als er voranſchritt und ſagte:„Ihr Diener iſt ein flinker Infanteriſt, ſchicken Sie ihn hinab, den Säumigen etwas anzutreiben.“
John Hurley, der Mann, den der Obriſt meinte, war ein munterer intelligenter Irländer.„Keine Sorge, Herr“, erwiderte er, als ich ihn fortſchickte,„ich bringe ihn bevor der Tambour aufhört.“
Wir nahmen nun unſere Plätze ein und begannen zu ſpeiſen. Ich ſelbſt machte den Vergleich und hatte keine Ahnung, daß die Anſpielung ſich ſo ſchrecklich verwirklichen ſollte. Denn, kaum waren zehn Minuten verſtrichen, als John Hurley blaß und athemlos in den Speiſeſaal ſtürzte.
„Entſchuldigung, mein Herr“, wendete er ſich an mich, „Herr F. iſt ermordet worden.“ Alle ſprangen bei dieſen
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Ein Sitz der Tafel war leer, wie jener Banquo's.
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zeitig geſtellt.„Was ſagen Sie? Sind Sie betrunken Menſch? Wie kann das ſein? Erzählen Sie!“ rief man durcheinander.
„Ich bin nichts weniger als betrunken, Obriſt“, war Hurley's Antwort,„nicht ein Tropfen Naß kam ſeit morgens über meine Lippen, und ſollte ich ſo laut ſchreien, als die Kanone donnert, könnte ich nur ſagen, Herr F.... wurde erſchoſſen.“
„Wie? Von wem?“ fragten ein Dutzend Stimmen.
„Irgendein teufliſcher Bermudier, ſchlecht bekomm' es ihm! Ich weiß ſeinen Namen nicht“, erwiderte Hurleh.
„Hat man den Kerl feſtgenommen?“ fragte der Obriſt.
„Nein, Herr Obriſt“, antwortere Hurley,„ſobald er ſeine ſchändliche That verübt, war er auch davon, wie der Schuß, den er abgefeuert hatte. Herrn F.... ließ er liegen, wo er gefallen war.“
„Herr Adjutant!“ ſagte der Obriſt, indem er mich mit meiner Charge im Regimente, nicht mehr mit dem Namen an⸗ ſprach—„nehmen Sie eine Abtheilung mit einem Sergeant und ſchicken Sie Patrouillen aus, die Inſel zu durchforſchen. Aber keine Munition, denn der Schurke muß lebendig gefangen werden.“
Schnell verließ ich den Speiſeſaal, während Alles noch in Aufregung war. Blos auf einen Augenblick begab ich mich auf mein Zimmer, um meinen Säbel umzuſchnallen, dann eilte ich in das Ordonanz⸗Zimmer, rief den Sergeant⸗Major und gab ihm kurz den Befehl des Obriſten, nebſt dem Zwecke, wozu die Mannſchaft erfordert wurde, bekannt. Es war gar nicht nöthig, dieſe zum Dienſte zu beordern, denn mehr als ein Dutzend trugen ſich fogleich freiwillig an. Wir nahmen die, welche eben gerüſtet waren, während zwanzig oder mehr ſich in ihrer Kommodekleidung jagdbegierig ſogleich aufmachten. Die bewaffnete Abtheilung führte ich und folgte mit ihr den Andern ſchleunigſt in die Stadt. Auf dem Wege dahin er⸗ fuhren wir, daß F.... nicht todt, aber äußerſt gefährlich ver⸗ wundet ſei, da er in der Leiſtengegend getroffen ward; auch daß er bereits in ſein Haus gebracht worden ſei. Dahin nun begaben wir uns und fanden vor demſelben eine unge⸗ heuere Menſchenmenge, faſt die ganze Bevölkerung der Stadt, unruhig und lärmend, wie Farbige ſtets in einer Erregung ſind. Da hörte ich zum erſten mal den Namen des Meuchelmörders, mit der Beſtätigung ſeiner Flucht. Es war ein gewiſſer Jvel Tucker, Inhaber eines Schooners, der gewöhnlich einen Handel zwiſchen St.⸗George und Norfolk in Virginia trieb. Was das Motiv zu dem von ihm begangenen Verbrechen ſein mochte, konnte Niemand erklären, da durchaus nicht bekannt war, daß er mit F.... auf ſchlechtem Fuße ſtände. Im Gegentheil war er von ihm oft mit Frachtſendungen betraut, um deren Effectuirung ſich viele Andere bewarben. Auch auf ſeiner letzten Rückfahrt hatte er eine Sendung an F. mitgebracht, über deren Ergebniß dieſer ſeine vollſte Zufriedenheit mit Tucker, ihm gegenüber ſogar, geäußert haben ſoll. Der Mann ſtand jedoch nicht hoch in Jedermanns Achtung. Acte von Grauſamkeit gegen ſeine„Hände“— ſo nannte er alle farbigen Männer und Knaben— wurden von ihm erzählt und man hielt ihn düſtern und rachſüchtigen Charakters. Es drängte ſich daher die Frage auf, was für eine Urſache zum Streite mit F.... er haben konnte?
Während die Menge auf dem Platze ſich in den ver⸗ ſchiedenſten Vermuthungen erging, lag das Opfer des meuch⸗ leriſchen Angriffs bewußtlos und unfähig, irgendeinen Auf⸗ ſchluß über das Ereigniß zu geben, da. Sein Schwager, Dr. H... war an ſeinem Lager, wo auch ſeine arme, ver⸗ laſſene junge Gattin ſaß, deren Niederkunft nicht mehr ferne war. Sie hatte nach dem erſten Ausrufe des Schreckens und der Beſtürzung, als man ihren Gatten, dem Tode nahe, ins Haus brachte, kaum mehr geſprochen, war aber trotz der Erſchüt⸗ terung und nahen Ohnmacht nicht zu überreden, den Platz am Lager zu verlaſſen, ſelbſt als die ärztliche Unterſuchung ſtattfand.
Die Wunde, welche nicht ſondirt werden konnte, war ſicherlich ſehr gefährlich und nach ihrem äußern Anſehen und dem Zuſtande der Kleider, die ſtark verſengt waren, war es offenbar, daß die Piſtole ſehr nahe am Körper abgefeuert worden
Worten von ihren Sitzen auf, hundert Fragen wurden gleich⸗ war. Eine innere Blutergießung wurde von Pr. H... befürchtet,
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