Jahrgang 
1868
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* 5.

In einer Beziehung iſt dieſer Name in der That ſehr paſſend, de, was das Klima betrifft, das ganze Jahr hindurch Sommer iſt und die kälteſten Nordwinde im Jänner und Februar das Queckſilber im Thermometer nur auf mäßig warm herab⸗ drücken, während die übrigen zehn Monate die Hitze der Hundstage wüthet. Von der Seite, von welcher ich der Inſel⸗ gruppe zuerſt anſichtig wurde, gewährte ſie einen Anblick unver⸗ gleichlicher Naturſchönheit. Die Schifffahrt, wie ſie bei den alten Transportſchiffen in Uebung war, war keineswegs exact, und das Schiff, das den Regimentsſtab, dem ich angehörte, führte, erreichte zuerſt die Südküſte des Haupteilands der Bermuden, anſtatt von der entgegengeſetzten anzukommen, da wir doch von Norden, nämlich von Halifax in Neu⸗Schott⸗ land abgeſegelt waren.

Es war Mittags, als wir eine lange Reihe von mit Cedern bedeckten Hügeln in Sicht bekamen, die von dem Tief⸗ waſſer, in dem wir fuhren, durch eine ausgedehnte gefährliche Brandung getrennt waren. Wir wußten nun, daß wir bei denDiabolos, wie die erſten Entdecker ſie, wegen dieſer Brandung wahrſcheinlich, nannten, angekommen waren, die noch lange nach ihrer Entdeckung noch als von Teufeln und böſen Geiſtern bewohnt durch die Seeleute, die ihre über⸗ ſtandenen Gefahren auf die unglaublichſte Weiſe vergrößerten, verrufen waren. Bei ſchwacher Briſe fuhren wir parallel dieſem von der Brandung gepeitſchten Ufer dahin, die Korallenriffe reſpectvoll meidend, und befanden uns, als der Tag zu Ende ging, an einem der Eingänge zu dem großen Hafen, der je⸗ doch nur für kleine Boote fahrbar war. Da das Transport⸗ ſchiff den Hauptkanal erſt den nächſten Morgen erreichen konnte, benützte eine kleine Geſellſchaft von uns, durch die erklärliche Ungeduld, endlich auf feſtes Land zu kommen, betrieben, das Bovot des Pilvoten, der im Laufe des Tages an Bord ge⸗ kommen war, dazu, noch denſelben Abend das Schiff zu ver⸗ laſſen. Bald darauf ging der Mond auf und ſtieg raſch am Himmel empor, als das Boot an der ſteilen Klippe einer be⸗ nachbarten Inſel dahinfuhr, die mit einem verfallenen Fort gekrönt war. Da fiel plötzlich der Wind und wir lagen be⸗ dahrt, doch nur einige Augenblicke, denn ſchnell waren die Ruder bereit, die Segel zu erſetzen. Die Scenerie, welche die Landſchaft in dem vielfachen Wechſel der felſigen Bucht uns bot, war von außerordentlichem Reiz. Das blendende Mond⸗ licht fiel auf die ſchneeweißen Mauern der zerſtreut aus dem Dickicht wohlriechender Cedern halb hervorblickenden Häuschen; der klare blaue Himmel war beſäet mit funkelnden Sternen ungewöhnlicher Größe; die See glitzerte rings um unſere Fährte, und die Bootsleute ſchlugen mit jedem Ruderſchlage weithin ſprühende Funken aus ihr; unſer Weg ging zwiſchen unzähligen Inſelchen hindurch, deren Uferränder durch die an⸗ muthige Belaubung der Pflaumpalme gekennzeichnet waren. Eine poetiſche Natur, wie die eines jungen Mannes von zwei⸗ undzwanzig Jahren, mit der Weltkenntniß, wie ſie dieſem Alter gewöhnlich eigen iſt, hätte mit dieſer feenhaften Gegend den Gedanken, hier auch etwas Böſes zu finden, nicht verbinden können. Die Fahrt durch dieſe Inſelbai dauerte einige Stunden, bis ſich eine ausgedehntere Rhede vor uns öffnete und, amphitheatraliſch von cedergekrönten Hügeln umgeben, die ſchimmernde Stadt St.-George unſern Blicken ſich darbot.

Dies war unſer Beſtimmungsort. Nachdem wir dem Rufe der Schildwache am Quai Parole gegeben, betraten wir das Ufer unter dem Eindrucke, den die Schönheit und tiefe Ruhe des Ortes auf uns machten. Der Hauptplatz bildet ein kleines Viereck, an drei Seiten umgeben von ſtattlichen weißen Häuſern mit ihren breiten dunkelgrünen Balkonen, be⸗ ſchattet von Reihen des anmuthigen Baumes, derStolz Indiens genannt, eine Art Fraxinus, deſſen Blätter jenen der Bergeſche ähnlich ſind und deſſen Lilablüten wie Laburnum in Trauben herabhängen.

Unwillkürlich blieb die Geſellſchaft⸗vor dem anſehnlichſten der Gebäude ſtehen, in der Meinung, es ſei ein Hotel, allein war nur das Wohnhaus eines der erſten Kaufleute in St.⸗George, mit gaſtfreundlich geöffneten Thoren für Alle, die bei Tag kamen, um dieſe Stunde jedoch geſchloſſen und

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in die gleiche tiefe Ruhe gehüllt, wie die übrige Stadt. Nicht gar lange darauf ſollte dieſer ruhige Punkt einen ganz ver⸗ ſchiedenen Anblick gewähren.

Garniſonsſtädte in kleinen Colonien, wie die Bermudas eine ſind, verdanken ihre geſellſchaftliche Anziehung dem freien Verkehre, der zwiſchen den Militärs, Beamten und den reichern Kaufleuten beſteht. Zur Zeit meines Aufenthalts auf den Bermudas diente zwar das Gouvernementsgebäude für größere Feſtlichkeiten, aber das wahreggeſellſchaftliche Leben genoß man nur in den Häuſern der Kaufiannſchaft. Vor allen war F.... ausgezeichnet, deſſen Haus eben jenes, das unſere Blicke bei der Ankunft auf ſich gezogen hatte, mit Recht die Inſchrift hätte tragen können:Patet janua, cor magis eine Verſicherung für den Eintretenden, daß ihm das Herz ein noch bereiteres Willkommen bietet als die ſtets geöffnete Pforte. Dieſer edle Mann hatte Jedermann zum Freunde, weniger ſeiner Frei⸗ gebigkeit als ſeiner perſönlichen Vorzüge wegen. Mit einem freien, offenen, liebenswürdigen Naturell verband er eine Bildung, wie gediegene Lektüre ſie verſchafft, obgleich auf dieſen Inſeln die Bekanntſchaft mit Büchern ſehr gering war. In der erſten Zeit ſeiner glücklichen Laufbahn hatte er viele Reiſen gemacht, war ſcharfſichtig und beobachtend geworden und wußte ſeine Converſation mit allerlei anziehenden Anek⸗ doten zu würzen. Wenige, die ich kannte, verdienen den Beinamen eines Biedermannes mehr als F.... Als ich ſeine Bekanntſchaft machte, war er ein großer, kräftiger, ſchöner Mann, etwa fünfunddreißig Jahre alt, und ſeit drei Jahren mit einem der blaſſen, zarten, ſchwarzäugigen Bermudenkinde vermählt, welche, wie Moore treffend ſchildert, nicht vollkommen hübſch ſind, aber durch den züärtlich ſchmachtenden Blick und das ganze Weſen ein größeres Intereſſe einflößen als voll⸗ endete Schönheit ſelbſt. Zwei Kinder waren die Frucht dieſer Ehe und in nicht ferner Zeit ein drittes zu erwarten. In ſeinen Verhältniſſen ſchien F.... glücklich, wie nur irgend Jemand, und verdiente es zu ſein. Er hatte eine Schweſter, die an Doctor H...., Arzt bei dem zur Zeit in St.⸗George ſtehenden Stabe, vermählt war, ein Mann von großem Talente in ſeinem Berufe, aber von ſehr reizbarem Temperamente, das oft bei geringfügiger Veranlaſſung das aufbrauſende Blut des Hochländers verrieth.

Das Leben in den Colonien iſt zu freundſchaftlichen Be⸗ ziehungen unter den Klaſſen, die, in ähnlichen Verhältniſſen ſtehend, mit einander verkehren, ſehr geeignet. Hier und da verleitet wol der manchem Ariſtokraten angeborene ſtolze Ernſt, alberner Weiſe verächtlich auf den Kaufmann herab⸗ blicken, aber im Allgemeinen iſt wol eher das Umgekehrte der Fall, und nicht ohne Grund, denn der Kaufmann iſt größtentheils der Bankier des Fremden auf der Colonie. Auf den Bermudas nun war Keiner, der den Bedürfniſſen eines Offiziers prompter entgegen kam als F...., dem das einfache Wort oft genügte, und der daher auch ſelten den ent⸗ ſprechenden Dank für das geſchenkte Vertrauen vermißte. Für die von Civiliſten zutheil gewordene Güte kann übrigens ein junger Offizier wenig entgegen thun. Gewöhnlich bietet nur die Regimentstafel die Gelegenheit zu einer Einladung. So kam es, daß F.... bald ein häufiger, gern geſehener Gaſt an derſelben war und endlich auch mich die Reihe traf, ſein Wirth zu ſein. Wir waren damals drei Monate auf der Inſel. Da ich gehört hatte, daß der Koch eine feine Schild⸗ kröte beſorgt und überdies ein friſcher kühler Wind eine Menge Regenpfeifer der Inſel zugeführt habe, deren einige in der Speiſekarte figuriren werden, ſchrieb ich an F.. ladung zur Tafel. Seine Antwort erging ſich in launiger Weiſe in Anſpielungen auf die beſondere Anziehungskraft des Bankets mit Schildkröte und Regenpfeifer und drückte das Bedauern aus, daß nicht eben die Saiſon der Walfiſche ſei, deren Fleiſch unter den bermudiſchen Leckerbiſſen einen her⸗ vorragenden Platz einnehme. Uebrigens ſei er, ſo ſchloß ſeine Erwiderung, mit der Lieblingsſpeiſe der brittiſchen Aldermen zufrieden. Sein ſchnurriges Schreiben erregte bei meinen Kameraden Heiterkeit und Alle waren. erfreutz daß F.... ſo⸗ bald wieder mit uns zu tafeln geneigt war.

. N 5 eine Ein⸗