welche Befürchtung auch die übrigen Garniſonsärzte theilten, die Alle, nachdem ſie von dem Ereigniſſe Kunde erhielten, an der Pflege ſich betheiligten. Für mich ſelbſt hätte es keinen Zweck gehabt, in das Krankenzimmer einzutreten, auch war Jedem, außer den Aerzten, der Eintritt verwehrt. Nachdem ich daher meiner Abtheilung die nöthigen Inſtructionen gegeben, kehrte ich in die Kaſerne zurück, dem Obriſt meinen Bericht zu er⸗ ſtatten. Redgauntlet war heftigen Charakters, er war daher ſehr aufgebracht über den unvollſtändigen Bericht, den ich zu geben im Stande war. Er war nicht nur Garniſonscomman⸗ dant, in Abweſenheit des von England noch nicht ange⸗ kommenen Gouverneurs war ihm ſowol die Civil⸗ als auch die Militärgerichtsbarkeit über die Bermudas übertragen. Als ſein Secretär⸗ und Regimentsadjutant zugleich hatte ich voll⸗ auf zu thun, obgleich Vieles überflüſſig war. In der Auf⸗ regung darüber, daß ein ſolches Ereigniß unter ſeiner Ober⸗ aufſicht geſchehen ſei, und da er ſich daher in ſeiner Stellung perſönlich verantwortlich für den Ausgang hielt, dictirte er eine Menge dringender Anordnungen, deren Ausführung ich zu beſorgen und einige Stunden vollauf Beſchäftigung hatte. Gegen Mitternacht endlich war ich fertig und benutzte meine freie Zeit nun vor Allem, mich in F..'s Haus zu begeben, um mir Gewißheit über ſeinen Zuſtand zu verſchaffen.
In dieſer Zwiſchenzeit hatte eine große Veränderung ſtatt⸗ gefunden. Der arme F. hatte ſein Bewußtſein wieder⸗ erlangt, und war im Stande geweſen, den Hergang des Ver⸗ brechens, deſſen Opfer er war, zu erzählen. Da er dem Tode nahe war, wurde ſein Bericht zugleich zur Zeugenausſage, welche die Zuhörer dann bekräftigten. Seine Worte waren der Hauptſache nach folgende:
„Zur Regimentstafel geladen, kleidete ich mich um halb 6 Uhr Nachmittags an und ging kurz darauf aus dem Hauſe, um gemächlich den Weg zur Kaſerne zurücklegen zu können. Ich war bis zur Gaſſe gekommen, die links gegen das Gouver⸗ nementsgebäude führt und eben im Vorübergehen, als mich Jemand beim Namen rief, ſtehen zu bleiben. Ich ſah mich um und gewahrte einen Mann, in dem ich, obgleich es faſt dämmerte, Joel Tucker erkannte. Er lief die Gaſſe her auf mich zu und, wie er näher kam, bemerkte ich eine Piſtole in ſeiner Hand und daß er ungemein aufgeregt ſei.„Was gibt's Tucker? fragte ich.«(Was wollen Sie mit der Piſtole? „„Was ich damit will, werde ich Ihnen gleich ſagen.»
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Dann fügte er mit einem Fluche hinzu:„Ich habe Ihren Schwager geſucht, er war nicht zu Hauſe, ich will ihn aber niederſchießen, wo immer ich ihn finde.»
„„Ihr müßt toll ſein, Tucker!* ſagte ich. Euch Leides gethan?
„„Toll?* Piderholte Tucker,(kann ſein, daß ich toll bin, aber toll oder nicht toll, ich will ſein Blut ſehen! Leides gethan?— ſo viel, daß ich ihn tödten muß.»
„Bekannt mit der Leidenſchaftlichkeit Tucker's, verſuchte ich ihn zu beruhigen..
„„Kommt, Tucker?, ſagte ich.«Es hat Euch etwas allzu ſehr aufgeregt, und in Euerm Aerger und durch ein Misverſtändniß legt Ihr die Schuld meinem Schwager bei, der Euch übrigens ebenſo wenig feind iſt als ich oder wer immer auf der Inſel.»
„„Misverſtändniß?» erwiderte er heftig.«Oh, nein! Ich bin nicht ſo dumm dazu. Als ob ich nicht wüßte, wer vorige Woche, bevor ich heim kam, meine Schweine aus ſeinem Mais trieb, und eines mit ſeiner verdammten Haue beinahe entzwei hieb. Ein ſauberer Freund das, und Sie vielleicht eben ſo einer.
„(Nichts von mir», ſagte ich.(Laßt uns über H... ſprechen. Sicher hegt Ihr wegen einer ſolchen Sache keinen Haß und noch dazu ſo lange. Er war vielleicht etwas mis⸗ muthig, und dachte nie daran, das Thier zu beſchädigen, er wollte es nur wegtreiben und traf es zufällig.»
„«Ich würde ihn nicht zufällig treffen?, war Tucker s Antwort, cich will ihm das Gehirn ausblaſen, wo ich ihm begegne.»
„«Das müßte ich verhüten», erwiderte ich.„Ich weiß, Ihr meint es nicht ſo, wie Ihr ſprecht; aber Eure Piſtole müßt Ihr mir geben.»
„(Wo iſt H. 2» fragte er ungeſtüm.(Sagen Sie mir, wo verbirgt ſich der— 2»
„„Ich weiß es nicht», antwortete ich,«und würde es Euch auch gewiß jetzt nicht ſagen.»
„«Sie würden nicht?!» ſchrie Tucker in Wuth, ganz nahe an mich herantretend.
Was hat er
„„Nein, ich würde es nicht thun“, entgegnete ich feſt.
„„Dann nimm das!»ſchrie er, etwa zwei Schritte zurück⸗ ſpringend, erhob die Piſtole und ſchoß. Mehr erinnere ich mich nicht.“(Schluß folgt.)
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Eine Honnenfinſterniß auf der ſchwarzen Erde.
Skizze von Friedrich Bücker.
Der Kreml, dieſe ebenſo rieſige, wie veräſtelte, verzwickte und verzwackte Akropolis Moskaus, war endlich zu Papier gebracht und in allen ſeinen Einzelnheiten geſchildert. Freilich war die Arbeit, ſo wie ſie vor mir lag, nur mir und einem Chineſen verſtändlich, doch hoffte ich noch Ordnung in die bunte Moſaik zu bringen. Ich hatte, nebenbei bemerkt, bei 30 Grad Kälte niedergeſchrieben, was ich bei 30 Grad Hitze geſehen, war der Gefahr, mit lodernder Phantaſie zu arbeiten— einer Klippe, daran die meiſten Kreml⸗Schilderer ſcheitern— glücklich entronnen und wollte die ſeit kurzem eingetretene mittlere Tem⸗ peratur zu einem Ausflug und zur Betrachtung der Sonnen⸗ finſterniß in der„Fläche“ verwenden.
Kurz vor Tagesanbruch ſaßen wir, ein Arzt und ich, mit den nothwendigſten Inſtrumenten und Lebensmitteln verſehen, im Schlitten. Die Troika hatte bald den Don und das daran liegende dunkle Kreisſtädtchen im Rücken und eilte ſtracks nach Nordoſt der Wolga zu. Der fröhliche Tanz der Pferde über die ſchnee⸗ bedeckte, hindernißfreie Fläche hatte leider bald ein Ende. Der ſchlaftrunkene, ſonſt aber umſichtige Poſtmeiſter hatte uns ein abgetriebenes Dreigeſpann und einen Poſtillon gegeben, der im tiefſten Schlaf, von Zeit zu Zeit die Pferde durch Traumlaute anfeuerte. Auf dem Poſthofe und unter dem Fittich der Nacht
hatten wir unſere Beſcheerung nicht betrachten können.
„Wir werden weit kommen“, ſagte ich ärgerlich zu mei⸗ nem Gefährten.
„Geduld!“ ſagte dieſer, brannte vollends ſeine Cigarre an, warf das glimmende Zündhölzchen in den Schnee, rüttelte den Kutſcher wach und rief:
„He! Du! Weißt du nicht, daß wir heute eine Sonnen⸗ finſterniß haben?“
Die Wirkung dieſer Worte war eclatant. Der Poſtillon entſetzte ſich, wie einer, der ein Geſicht geſehen, ſchüttelte den Gott der Träume ab, ſchlug ein Kreuz, murmelte einen Spruch, ſpornte mit gellendem FPfiff und klatſchender Peitſche die Pferde an und fuhr, als wenn wir uns aus ſchlicht bürgeklichen Häuten in kaiſerliche Kuriere entpuppt hätten.
„Gott weiß, ob ſie ſein wird“, ſagte nach einiger Zeit ſcheu zurückblickend der Roſſelenker. Dabei flog das Dreigeſpann im geſtreckten Galop weiter.
„Sie wird ſein. Du wirſt deinen Mittag in ſtockfinſterer Nacht verzehren“, erwiderte ich.
„Gott ſei bei uns!“ murmelte er, bekreuzte ſich abermals und vergrub das erdfahle Geſicht in ſeinen Schafpelz.
„Warum fürchteſt du dich?“ fragte der Arzt nach einer Pauſe.„Siehſt du etwa, daß wir Furcht haben?“
„Warum ſolltet Ihr Euch auch fürchten, Herr? Ihr gehört
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