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ſorgloſe Miene der alten Frau gewahrte, verſetzte ſie nach einigem Zögern: „Nun, an mehrern Tagen in der Woche geht er ſchon
früh am Morgen nach der Stadt, wo er bei einigen Kauf⸗
leuten gegen gute Bezahlung ärbeitet.“
„Hm!* iſt gar weit von Nerbin bis zur Stadt!“ warf Jene hin.
„Auch beſchäftigt er ſich noch dann und wann mit dem
Pferdehandel“, fuhr das Mädchen fort.„Er hat mir wenigſtens
ein paar mal geſagt, daß ihm das Handeln gleichſam zur andern Natur geworden ſei.“
„Ja— ſo!“ ſprach die Müllerin mit bedeutſamem Tone halblaut vor ſich hin.
„Es iſt mir, aufrichtig geſagt, recht lieb, daß er wenig zu Hauſe iſt“, fügte Marie hinzu,„ſein Weſen hat etwas Unheimliches für mich, obgleich er mich ſtets mit einer Herz⸗ lichkeit und Liebe behandelt, die mich oft wahrhaft rühren. Wenn er abweſend iſt, mache ich mir oft Vorwürfe, daß ich nicht ſo freundlich gegen ihn bin, wie ich ſein ſollte— wenn er aber wieder vor mir am Tiſche ſitzt und aus ſeiner kurzen Pfeife rauchend finſter und ſtarr vor ſich hinblickt, erſterben mir die Worte auf der Zunge.“
„Er iſt früher gewiß von manchem Unglück betroffen worden“, hob die Frau Tarmin nach einer Pauſe wieder an, „und die Leute, welche ihm Böſes aller Art nachſagen, thun ihm ſicherlich Unrecht— aber er iſt theilweiſe ſelber Schuld daran, daß ihm die Meiſten aus dem Wege gehen, da er noch mit Keinem offenherzig geſprochen hat und Keinem ſagt, was er treibt.„——
„Ich hatte mir ſchon mehrmals vorgenommen, ihn über ſeine Schickſale zu befragen; allein ſo oft ſich mir eine Gelegenheit dazu darbot, fehlte mir der Muth, davon anzufangen.“
„Deinem Vater ſcheinen ſeine Schickſale aber doch be⸗ kannt geweſen zu ſein.“
„Das leidet keinen Zweifel, und ich habe ihn auch einige mal gebeten, ſie mir mitzutheilen, erhielt jedoch ſtets die Antwort, ich möge mich an meinen Onkel ſelber wenden.“
„Ich glaube nicht, daß dieſer es dir übel deuten wird, wenn du ihn einmal ganz offenherzig nach ſeinem frühern Leben fragſt— ſollte er dir verſchweigen, was er deinem Vater erzählt hat, ſo wäre das ein Zeichen, daß er kein reines Gewiſſen beſitzt. Zwei Menſchen, die einander ſo nahe ſtehen, dürfen kein Geheimniß vor einander haben.“
Marie verſprach, dieſen Rath zu befolgen, konnte ſich aber des Gedankens nicht erwehren, daß die Mutter ihres Verlobten irgendeinen beſonderen Argwohn hege, den ſie nicht offen zu geſtehen wage.
Die alte Müllerin lenkte das Geſpräch jetzt auf andere Dinge, führte Marie in Haus und Hof herum und freute ſich, wenn ſie im Stande war, ihr etwas Neues zu zeigen oder irgendeine unbekannte Einrichtung zu erklären. ten Beide zu dem Raſenſitz zurück, wo die Dienſtmagd in⸗ zwiſchen ein gutes Mittageſſen aufgetragen hatte, und ver⸗ zehrten daſſelbe in behaglicher Ruhe.
Um die vierte Nachmittagsſtunde kehrte der junge Müller von ſeiner Wanderung zurück. Er begrüßte Marie mit einer ſolchen Innigkeit und ward von ihr mit einer ſolchen natür⸗ lichen, vertrauensvollen Herzlichkeit bewillkommt, daß Jeder, der die Beiden geſehen hätte, geſagt haben würde, dieſe Ver⸗ bindung ſei nicht aus Rückſicht auf Geld und Gut geſchloſſen.
Hernach kehr⸗
Zuerſt zeigte er ihr die neuen Blumenbeete, die er für ſie angelegt, lenkte dann das Geſpräch auf den ſchönen Garten ihres verſtorbenen Vaters und ſagte:
„Haus und Hof in Wieritz gehören jetzt dir, liebe Marie, und da ich mir denken kann, daß es dich gewiß tief ſchmerzen würde, wenn der Ort, wo deine Aeltern faſt ein halbes Jahr⸗ hundert zuſammen gewandelt, wo deine Wiege geſtanden, und wo du deine glückliche Jugendzeit verlebt haſt, in die Hände fremder Menſchen überginge, ſo möchte ich dir vorſchlagen,
von dem ſchönen Beſitzthum nicht das Geringſte zu verkaufen, ſondern Alles zu behalten. Der Himmel hat mir ja ſo viel gegeben, daß wir alle Drei ein behagliches Leben führen können und des Geldes nicht bedürfen, welches wir aus dem Hof in Wieritz löſen würden. Wollen wir ſpäter einmal die Mühle verpachten, werden meiner Mutter mit den Jahren Laſt und Unruhe hier zu groß, oder iſt dein Onkel nicht mehr im Stande, ſein Brot zu verdienen, ſo haben wir ſtets einen freundlichen Zufluchtsort für uns und unſere Angehörigen.“
Marie wollte hier das Wort ergreifen, allein er fuhr raſch fort:
„Ich weiß, was du ſagen willſt. Du wunderſt dich darüber, daß ich von einem Zufluchtsort für deinen Onkel rede, da dieſer doch ſelber Haus und Hof beſitzt— aber ich darf dir nicht länger verſchweigen, daß ſein Eigenthum, wie ich heimlich herausgebracht habe, mit Schulden belaſtet iſt, und daß er in ſpätern Jahren in eine ſehr bedrängte Lage gerathen würde, wenn wir uns ſeiner nicht annehmen.“
Bei dieſen Worten traten Marien die Thränen in die Augen: es rührte ſie unbeſchreiblich, daß ihr Oheim ſeine be⸗ drängte Lage ſowol ſeinem wohlhabenden einzigen Bruder als ihr verſchwiegen, und daß er faſt keinen Tag vorübergehen ließ, wo er ihr nicht irgend eine Bequemlichkeit zu verſchaffen oder eine Freude zu bereiten ſuchte.
„Verdient er denn jetzt noch ſo viel, als er für ſich und mich braucht?“ fragte ſie.
„Ich glaube es“, verſetzte der junge Müller,„obgleich ich ſeine Erwerbsquellen nicht kenne.“
„Er verdient ſein Geld doch auf erlaubte Weiſe?“ rief das Mädchen plötzlich erſchrocken.
Hätte Marie einen größeren Scharfblick beſeſſen, ſie würde bald erkannt haben, daß ihr Verlobter von einer gewiſſen Beſorgniß erfüllt war, die er hinter einer äußern Heiterkeit zu verbergen ſuchte. Er hatte ſich zwar auf eine derartige Frage gefaßt gemacht, beſann ſich aber doch erſt einige Augen⸗ blicke, bevor er antwortete.
„Beruhige dich, liebe Marie“, entgegnete er,„die Grund⸗ lage ſeines Charakters iſt eine durchaus gute und edle, ſo daß er einer wirklich ſchlechten Handlung nicht fähig iſt. Das iſt meine feſte Ueberzeugung, und darum darf man etwaige unbeſonnene Schritte, die er gethan oder noch thut, auch nicht zu hart beurtheilen. Ich kann dir heute nichts mehr ſagen, werde mich aber im Stillen ſorgfältig nach ſeinem Treiben erkundigen und dir Alles, was ich höre, offenherzig mittheilen.— Wäre er auf Abwege gerathen“, fügte er nach einigem Zögern hinzu,„ſo würde es uns gerade jetzt weniger ſchwer fallen, ihn davon abzubringen.“
Marie drückte ihrem Verlobten bewegt die Hand und dankte Gott aus tiefſter Seele, daß Derjenige, mit welchem ſie Hand in Hand durch Leben gehen ſollte, ein ſo edles Herz im Buſen trug. Und als ſie einige Stunden ſpäter in ſeiner
Die alte Müllerin freute ſich auch von ganzer Seele über das Glück des jungen Paares und wünſchte nichts mehr, als daß der Tag, an welchem ihr Sohn das treffliche Mädchen heim⸗ führe, recht bald erſcheinen möge.
Nachdem alle Drei eine Zeit lang zuſammen geplaudert hatten, nahm Tarmin ſeine Verlobte bei der Hand und führte ſie in dem umfangreichen ſchönen Garten herum, der auf der einen Seite vom Fluß beſpült und auf der andern von einem Weiden⸗ und Erlenwäldchen begrenzt wurde. Es ſchien, als habe er gleich ſeiner Mutter etwas auf dem Herzen, was er ſeiner Verlobten zu ſagen wünſche, als ſuche er aber eben ſo wie Jene zuvor nach einer paſſenden Gelegenheit dazu.
Begleitung ihrem traurigen, öden Aufenthaltsorte wieder zu⸗ wanderte, ſagte ſie mit freudiger Zuverſicht:
„Meine bange Ahnung, daß mein Onkel einſt die Urſache unſerer Trennung werden könne, iſt jetzt völlig verſchwunden, ſeitdem ich ihn durch dich beſſer kennen gelernt habe. Gebe
Gott, daß er auch in andern Stücken von den Leuten unge⸗
recht beurtheilt wird!“
3.
Ein fröhliches Hochzeitsfeſt auf einem großen Sofe in Wieritz hatte faſt alle Bewohner dieſes Dorfes ſowie viele


