Jahrgang 
1868
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theidigen konnten.

bauten ſie ſich in dieſer Gegend und drüben in der weiten Niederung, die vor Zeiten eine faſt unzugängliche Wildniß war, feſte Schlöſſer, in denen ſie ſich gegen alle Angriffe ver⸗ Auch auf jener Höhe dort ließ ſich einer der Tempelherren eine Burg erbauen, und mein Großvater erzählte mir, als ich noch ein Kind war, daß in alten Schriften ſtehe, es ſeien dort zu gewiſſen Zeiten bei nächtlicher Weile

die Tempelherren aus den benachbarten Schlöſſern zuſammen⸗

gekommen, und man habe dann wunderbare Geſtalten in weißen Mänteln mit einem rothen Kreuz in feierlichem Zuge rings um die Burg wallen ſehen, und herrliche Geſänge durch die Lüfte wehen hören.

Wie lange die Feſte geſtanden hat, weiß ich nicht; mein Großvater meinte, ſie ſei in einem blutigen Kriege zerſtört, durch den vor zweihundert Jahren alles Land weit und breit verheert worden ſei.

Auf der wüſten Höhe iſt's jetzt gar ſchauerlich, fuhr die alte Müllerin mit geheimnißvoller Miene fort.Auf den zerbröckelten Mauern wachſen Sträucher, Blumen und Gräſer im Burghofe aber ſteht ein Holunderbaum*), dem die Leute ſeltſame Kraft zuſchreiben. Wer das Herz auf dem rechten Flecke hat und in der Johannisnacht ſtillſchweigend unter dieſem Baume nachgräbt, ſagt man, ſoll da auch eine Wurzel finden, die wie eine Menſchenhand ausſieht, und vermittels deren man allerlei Krankheiten heilen kann.

Vor fünf Jahren iſt einmal ein Mädchen aus Wollnow in der Johannisnacht zwiſchen 12 und 1 Uhr ganz allein nach dem alten Schloß gegangen, um nach der handförmigen Wurzel zu graben und damit den Kopf ihrer Mutter zu be⸗ ſtreichen, welche von der Roſe befallen war und in Lebens⸗ gefahr ſchwebte.

Es war gerade eine mondſcheinloſe Nacht; im Weſten ballten ſich ſchwarze Gewitterwolken zuſammen. Aber noch regte ſich kein Hauch. Die Blätter der Bäume zitterten nicht einmal in der drückenden Schwüle die Todtenſtille, die auf den Wäldern und der weiten Haide lag, hätte den Muthigſten mit Grauen erfüllen können. Aber Anna Rembin ſo hieß das Mädchen fürchtete ſich nicht: es galt das Leben ihrer Mutter, und ſo ſchritt ſie raſch den Schloßberg hinan.

Als ſie faſt den Gipfel erreicht hatte, zuckte der erſte Blitz aus den düſtern Wolken und beleuchtete für einen Augen⸗ blick die öden Trümmer. So ſchnell auch Alles wieder in Finſterniß verſank, ſo hatte ſie doch geſehen, wie ein dunkler Gegenſtand in einiger Entfernung vor ihr vorübergeglitten war. Sie glaubte, es ſei ein Reh geweſen, und ſetzte ihren Weg fort.

Am Eingange zum Burghofe blieb ſie einen Augen⸗ blick ſtehen und lauſchte es däuchte ihr, als ſei ein Rauſchen durch den Holunderbaum gegangen.

Es iſt der Wind geweſen, der das Gewitter herauf⸗ jagt, dachte ſie und trat in den wüſten Raum hinein.

Vorſichtig ſchritt ſie zwiſchen den halbzerbröckelten Mauer⸗ ſtücken und Dornſträuchern auf den Holunder zu und begann mit dem kleinen Spaten, den ſie mitgebracht, unter dem Baum zu graben.

Was ſuchſt du hier, Mädchen?» rief da plötzlich eine Stimme, daß es ſchaurig durch die Todtenſtille ſchallte.

Mit einem gellenden Schrei ſank das arme Mädchen zu Boden, und als ſie halb betäubt zur Seite blickte, ſah ſie eine hohe Geſtalt neben ſich ſtehen, die etwas in der Hand trug, was ſie in der Dunkelheit nicht erkennen konnte.

Was ſuchſt du hier?!v rief die Stimme da noch drohender als das erſte Mal.

«Ich will eine Johannishand graben und mit ihr die Kopfroſe meiner Mutter beſtreichen», ſtieß Anna zitternd hervor.

Die findeſt du hier nicht, einfältiges Mädchen», lautete die Antwort.Entferne dich ſogleich und laß dich hier nie wieder ſehen!»

Halb nur ihrer Sinne mächtig raffte Anna ſich auf und

*) Der Holunder wird von den Wenden als ein heiliger Baum betrachtet.

wurf für ihren Oheim gelegen.

wollte davoneilen in demſelben Augenblick aber beleuchtete ein Blitz die Geſtalt, und ſie gewahrte zu ihrem Entſetzen, daß das Geſicht derſelben kohlſchwarz war.

Laut aufſchreiend ſtürzte ſie von dannen, flog in wilder Haſt den Berg hinab und kam mehr todt als lebend in Woll⸗ now an. Sie fiel ſogleich in ein hitziges Fieber, und da ſie während der Dauer ihrer Krankheit häufig irre redete, ſo glaubten Viele, daß ſie den Vorfall im öden Schloß, den ſie nach ihrer Geneſung erzählte, nur im Fiebertraum erlebt, oder daß ſie wenigſtens eine einfache Begebenheit, die ſich vor ihrer Krankheit ereignet, nach derſelben mit Fieberphantaſien ver⸗ miſcht habe.

Ein halbes Jahr ſpäter fand ihre Erzählung jedoch vollen Glauben, da einem unerſchrockenen und keineswegs abergläubiſchen Manne aus Wieritz etwas Aehnliches begegnete, als er einſt zur Nachtzeit nach dem verfallenen Schloß ge⸗ gangen war, um heimlich einen großen Quaderſtein, den er

eines Tages in einer Ecke des Burghofes geſehen und den er

als Schleifſtein benutzen wollte, nach ſeinem Hauſe zu ſchaffen.

Und ſeitdem hat man dort nichts Schreckliches wieder wahrgenommen? fragte Marie, die mit der größten Spannung zugehört hatte.

Die alte Müllerin ſchwieg eine Weile und erwiderte dann mit gedämpfter Stimme:

Doch, doch aber ich will dir nicht mehr davon er⸗ zählen du möchteſt dich ſonſt fürchten, wenn du einmal ſpät Abends von hier nach Nerbin zurückgehen müßteſt.

O, vor ſolchen Dingen fürcht ich mich nicht, verſetzte das Mädchen ruhig.Erzählt mir nur immerhin, was Ihr wißt.

Die Leute behaupten ſteif und feſt, fuhr Jene fort, daß noch jetzt in gewiſſen Nächten, wenn weder Mond noch Sterne am Himmel ſtehen, eine Reihe ſeltſam ausſehender Geſtalten aus dem oſtwärts gelegenen Walde kommt, langſam den Schloßberg hinanklimmt, in den Burghof ſchreitet und nach kurzer Zeit auf der gegenüber liegenden Seite ins Thal hin⸗ abſteigt, wo ſie im Walde gen Weſten verſchwindet.

Glaubt Ihr denn an dies Gerede? fragte Marie, auf welche das ſchauerliche Bild keinen beſondern Eindruck ge⸗ macht hatte.

Es ſchien, als habe die Frau Tarmin noch etwas auf dem Herzen, überlege aber noch, auf welche Weiſe ſie es ihrer künftigen Schwiegertochter am beſten mittheilen könne. So nahm ſie denn eine gleichgültige Miene an und verſetzte nach kurzem Beſinnen:

Nun, daß es die Seelen der abgeſchiedenen Ritter ſind, glaube ich nicht; ich denke mir, daß es ganz gewöhnliche Menſchen ſind, welche noch in der Nacht von ihrem Wohnort aufbrechen, um bei guter Zeit in der Stadt zu ſein.

Das iſt allerdings etwas Anderes, ſagte das Mädchen, nur begreife ich nicht recht, weshalb ſie denn gerade ihren Weg quer durch den Burghof nehmen.

So viel ich weiß, führt von dem Kirchdorfe Polentin, das hinter dem öſtlichen Walde liegt, ein ſchmaler Pfad über den Schloßberg nach der Stadt, entgegnete die Müllerin. Da derſelbe bedeutend näher iſt als der Fahrweg über Nerbin, ſo mögen ihn vielleicht Manche einſchlagen.

Dann thäten ſie aber doch beſſer, wenn ſie um den Schloßberg herumgingen, meinte Marie;der kleine Umweg iſt doch nicht ſo beſchwerlich als das Steigen.

Die Frau Tarmin erwiderte nichts auf dieſe Worte. Sie ſtand auf, that einige Schritte gegen die Mühle, rief die Dienſtmagd und ertheilte ihr einige Aufträge in Betreff des Mittageſſens. Dann wandte ſie ſich wieder zu ihrer künftigen

Schwiegertochter, ließ ſich von ihr ſchildern, wie ſie ihre Zeit

in Nerbin hinbringe, und fragte dann mit erheuchelter Gleich⸗ gültigkeit: Was treibt denn eigentlich dein Onkel den lieben langen Tag? Bei dieſer Frage ſchaute Marie ſie forſchend an es däuchte ihr, als habe in dem Ton derſelben ein leiſer Vor⸗

Als ſie aber die gleichgultige,