Jahrgang 
1868
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Iluſtrirtes Volksblatt. Herausgeber: Hans Wachenhuſen.

XI. Jahrgang.

1868. 46.

Am verfallenen Schloß.

Eine Erzählung aus dem wendiſchen Volksleben. Von Eduard Ziehen. (Fortfetzung.)

2.

n dem einſamen Leben der Verwaiſten war es ſtets ein

Freudentag, wenn ſie früh Morgens nach der Mühle

wanderte und dort an der Seite ihres Verlobten und deſſen Mutter das Glück des Familienlebens genoß, welches ſie jetzt aufs Schmerzlichſte vermißte, oder wenn Beide auf einige Stunden zum Beſuch zu ihr kamen, und ſie im trau⸗ lichen Geſpräch ihre gegenwärtige Lage vergaß.

Als ſie eines Morgens wieder nach Wollnow gegangen war, traf ſie nur die Frau Tarmin daheim, welche ſie mit der größten Herzlichkeit bewillkommnete und ſogleich nach ihrem Lieblingsplätzchen führte, einer Gruppe hoher Erlen und Wei⸗ den auf einem Hügel am Ufer des Fluſſes, deſſen Wellen mit den tief herabhängenden Zweigen ſpielten. Hier hatte der junge Müller ihr zu Liebe eine weiche Raſenbank errichtet, von der aus man nicht allein den blütenreichen Mühlgarten und einen Theil der Schlangenwindungen des Fluſſes über⸗ blicken, ſondern auch weit ins Land hineinſchauen konnte. Dort gewahrte man inmitten der finſtern Wälder die iſolirte Höhe, deren Gipfel einſt ein feſtes Schloß getragen, jenſeit der⸗ ſelben die wellenförmige Hügelkette und dahinter eine weite Ebene voll wogender Saaten, aus denen manches hübſche Dorf mit rothem Kirchthurm hervorſchimmerte.

Heinrich iſt über Land gegangen und kommt erſt heute Nachmittag zurück, liebes Kind, ſagte die freundliche alte Frau, indem ſie den Tiſch vor der Raſenbank zurecht rückte und mit einem ſaubern weißen Tuch bedeckte,und darum haben wir Beide viel Zeit, miteinander zu plaudern. Wir wollen heute hier draußen zu Mittag eſſen; wenn Heinrich zu Hauſe iſt, geſchieht es doch faſt nie, da er die Müllerknechte gern im Auge behält.

Sonſt hatte es Marie meiſterlich verſtanden, die Mutter ihres Verlobten durch kindliche Plaudereien, Scherze uud Er⸗ zählungen zu erheitern; ſeit dem Tode ihres Vaters war je⸗ doch noch kein fröhliches Wort über ihre Lippen gekommen, und ſo mußte denn die Frau Tarmin all' ihre Beredtſamkeit und Erfindungsgabe aufbieten, um die ſtille Traurigkeit, die ſich des Mädchens bemächtigt hatte, zu verſcheuchen. Die gute alte Müllerin verſtand ſich übrigens ſehr gut aufs Erzählen; ſie hatte in ihrem langen Leben Vieles von Andern gehört und Vieles ſelber erfahren; manche wunderſame Sage, manches ſchöne Lied und manchen uralten Brauch, welche im Lauf der Jahre der Vergeſſenheit anheimgefallen waren, hatte ſie treu

Wachenhuſen's Hausfreund. XI. 16.

in ihrem Gedächtniſſe bewahrt. Obgleich ſie für die geheim⸗ nißvolle Vorzeit überhaupt eine eigenthümliche Vorliebe beſaß, ſo ſchien ſie es doch heute beſonders darauf abgeſehen zu haben, ihre künftige Schwiegertochter von längſt entſchwundenen Tagen zu unterhalten.

Nachdem ſie ihr verſchiedene ſeltſame wendiſche Sitten aus der Heidenzeit geſchildert, Marie ihren Worten aber keine ſonderliche Beachtung geſchenkt hatte, erhob ſie ſich plötzlich, deutete mit der Hand auf jene aus dunkelm Waldesgrün her⸗ vorragende Höhe, deren Burg einſt das ganze Land ringsum beherrſcht, und fragte:

Weißt du denn eigentlich, wie das Schloß entſtanden iſt, welches einſt droben auf jenem Berge lag?

Ich habe niemals etwas davon gehört, verſetzte das Mädchen.Wenn ich mich recht erinnere, erzählte mir meine Großmutter einmal, daß ſie in ihrer Jugend noch einen Thurm dort geſehen.

Das iſt wol möglich, meinte Jene,ſo gar alt iſt das Schloß noch nicht. Ich will dir mittheilen, was ich da⸗ von weiß.

Es war, als wolle ſie mit dem, was ſie zu erzählen ge⸗ dachte, einen beſondern Zweck verbinden, denn gegen ihre Gewohnheit ſann ſie eine Weile nach, warf einen kurzen forſchenden Blick auf Marie und begann darauf folgender⸗ maßen:

Vor mehr als ſiebenhundert Jahren, als Kaiſer und Könige mit vielen tauſend Rittern nach dem gelobten Lande zogen, um das Grab unſeres Heilandes den wilden Heiden zu entreißen, ſtifteten mehrere Kreuzfahrer aus Frankreich in der heiligen Stadt den Orden der Tempelherren, deſſen Mit⸗ glieder ſich verpflichten mußten, die wehrloſen Pilger auf ihrem Wege nach dem Morgenlande zu beſchützen.

In dieſen Orden ließen ſich bald Tauſende von Rittern aufnehmen, und allgemach gewann er durch Schenkungen ſo viele Beſitzungen und Reichthümer und eine ſo große Macht, daß ein König von Frankreich, der vor fünfhundert Jahren lebte, neidiſch und eiferſüchtig auf die tapfern Ritter wurde, ihnen allerlei Uebelthaten Schuld gab, viele von ihnen ge⸗ fangen und verbrennen und den Befehl ergehen ließ, alle ihre Güter einzuziehen und nirgends mehr einen Tempelherrn zu dulden.

Auch in den übrigen Ländern ward der Orden von dem damaligen Papſte aufgehoben, und die armen Tempel⸗ ritter ſahen ſich überall hart verfolgt. Zu ihrem Schutz er⸗

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