Jahrgang 
1868
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Es gibt nichts Wandelbareres als die See; doch, wer ſie nur ſo ſieht, müßte an ihre ewige Gleichförmigkeit glauben und würde einen wenig entzückenden Eindruck von ihr empfangen, wenn er ſeinen Blick nicht in ihre Tiefen verſenkte.Da unten aber iſt's ſchauerlich! haben wir im Taucher gelernt. Nicht doch; ſchon die großen Aquarien unſerer Hauptſtädte belehren uns eines Andern, und der Blick von oben herab in der Natur iſt nun gar herrlich! Das Auge erſpäht einige Faden unter dem lufthellen Waſſer ein graues ſteinernes Riff, auf dem die bunteſten Blumen blühen; unverwelklich blühen ſie dort, die Näſſe bleicht nicht ihre Farben; denn trotz der Zartheit der Formen ſind dieſe Blüten von einer feſten Maſſe, ſind die Hüllen lebendig athmender Weſen, welche die Träger der prachtvollen rothen und gelben Nüancen ſind. Mit Muſchelgrotten und Seeanemonen legte Poſeidon ſeiner Gemahlin Amphitrite den herrlichſten Garten an; grüne Matten und Wieſen dehnen ſich da unten aus, und rieſige Tange, die an Größe die Bäume der feſten Erde übertreffen, verbinden ſich zu Wäldern. Sind das die Haine, in denen die lieblichen Oceaniden luſtwandeln? Aber kein Geſang durchtönt dieſe Haine; ſtumm durchſtrichen die Fiſche die Flut, einer fliehend vor dem andern; ſtumm kauern ſich die Seekrebſe an den Felſen, ſtumm ſtrecken die mit Unrecht verſchrienen Polypen ihre Arme aus; ſelbſt nicht der leiſe Ton eines Inſektes durchſchwirrt das Meer; denn wie das Meer keine wirklichen Blüten, keinen Blütenduft und keinen Honigſeim hat, ſo hat es auch keine Thiere mit aus Duft ge⸗ webten Schwingen. Der alleinige Weihrauch des Meeres iſt das ſteinige Ambra.

So üppig die innere Schönheit des Meeres ſich am Aequator entfaltet, iſt ſie zugleich aber dort auch eine ſtillſtehende, an der ſich kein Zug verändert und die daher Gefahr liefe, langweilig zu werden, wenn nicht der Himmel das Gegenſpiel hielte und ein immer neues Bild entrollte. Kein Landbewohner kennt die Pracht des Himmels, von welcher der Seemann Zeuge iſt; die ſchönſten Farbenſpiele lockt die Sonne hervor, ſcheinbar rieſige Gebirge bedeckt ſie mit Schnee, während ſie andere vergoldet; große Silberfälle ſtürzen

von den Lufthöhen herab. Am weſtlichen Horizonte malt de große Maler beim Sonnenaufgang Land, bebautes Land, endloſe grüne Wieſen, die ſich bald in die ſchönſten Regenbogenfarben verändern und trotz all ihres Farbenglanzes doch wieder vor der Sonne erbleichen müſſen, welche ſelbſt im Oſten als Feuermeer erſcheint, daß man glauben könnte, die Welt ſtände dort in

Flammen. Die brennend heiße Luft, welche kein Wind abkühlt, begünſtigt dieſe Meinung des Augenblicks. Kein Wind wie entſetzlich! Furchtbar iſt der Orkan, doch nicht minder furchtbar

iſt die Windſtille, die uns gefangen hält. Vorwärts, Schifflein, eile! Die Küſte von Guinea kann ja nicht fern ſein und alſo auch die Möglichkeit nicht fern, daß wir bald unſere ſengenden Lippen mit einem Schlucke Waſſers netzen können. Das weite Meer bietet dem Durſtigen keinen Tropfen Trinkwaſſer; verſiegt dem Schiffer der mitgenommene Quell, dann fahre wohl, Leben! Mitten auf dem Waſſer wartet des Seemanns der Tod des Ver⸗ durſtens. Da quillt plötzlich Milch auf hoher See! Gibt es denn auch ein Meer, wo Milch und Honig fleußt? Das Milch⸗ meer iſt es freilich; aber wiewol es ein milchiges Ausſehen hat, dem es ſeinen Namen verdankt, reicht es dem Verdurſtenden doch keinen Labetrank; denn die Pflänzchen, welche dem Milchmeer die Farbe geben, reinigen es ſo wenig von dem Salz, als jene Pflänzchen es thun, welche dem Anſchein nach das Meer bei den Abrothos⸗Inſeln in Blut verwandelten. Doch von anderer Seite winkt Rettung! Die Aequatorialſtrömung iſt da! Sie führt das Schiff ſchnell zur Küſte an das jetzt erſehnte Land, und dennoch kann dies Land den Seemann nicht lange feſſeln, das wundervolle Meer hat es ihm einmal angethan! Das große Meer hat eigentlich nicht Sommer und nicht Winter und doch ein ewig wechſelvolles Leben, einen regen, emporſprühenden Geiſt, wie Anderſen ſo richtig ſagt. Ohne fremden Schmuck iſt es unvergleichlich groß und ſchön an ſich ſelbſt, durch ſich ſelbſt. Proteus mit allen ſeinen Zaubergaben wohnt noch heute im Wellenreiche, und nicht ohne tiefern Sinn ließen die Griechen Aphrodite, das Urbild aller Schönheit, dem Meere entſteigen.

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Feüi

Aus aller Welt. XXXVIII.

Der Journaliſten⸗Krawal in Paris. Die Eiferſucht der Künſtler.

Ein großartiger Journaliſten⸗Skandal hielt wochenlang in Paris

das Publikum in Athem. Der koloſſale Erfolg, welchen Rochefort's Lanterne fand, zwang das Gouvernement, einige Bluthunde ge⸗ gen Rochefort und die Redacteure desFigaro loszulaſſen, zu welchen Letztern Rochefort bisher gehörte. Es erſchienen einige Schand⸗Brochüren, in welchen Rochefort als ein bereits von den Gerichten beſtrafter Betrüger geſchildert wurde, während ſeinen Col⸗ legen nachgeſagt wurde, ſie hätten ſilberne Löffel geſtohlen und eiſerne Geldſchränke erbrochen. Es handelte ſich darum, die Ehre dieſer Lieblinge des Publilums in den Koth zu treten, mit welchen Mit⸗ teln, das war gleichgültig.

Rochefort, wol der Ehrenwertheſte und unabhängigſte aller Pa⸗ riſer Journaliſten, ſuchte ſich perſönlich ſeine Gegner auf und trac⸗ tirte ſie mit Ohrfeigen, Albert Wolff verklagte ſie wegen Chrenkrän⸗ kung, und die Verleumder wurden vom Gericht auch verurtheilt zu 1 Franc Strafe, 1 Frane Koſten und einem Tage Gefüngniß. Rochefort floh nach Belgien, um ſich vor der Rache des Gouver⸗ nements zu retten.

Seltſame Anſichten, welche die franzöſiſche Geſetzgebung von dem Werth perſönlicher Ehre hat! Für 8 Silbergroſchen kann ich alſo

leton.

in Frankreich Jeden moraliſch umbringen, während in Konſtantinopel ein Malteſer ſich wenigſtens 50 Piaſter für einen Mord bezahlen läßt.

In dieſem geſegneten Frankreich bereiten ſich überhaupt die eigen⸗ thümlichſten Zuſtände vor, oder ſie haben ſich ſchon vorbereitet. Die letzten Klänge des großen finanziellen Dramas, deſſen Helden Mirds und die beiden Pereires waren, verhallen allmählich, und die politiſche Kataſtrophe ſteht bevor, ja man darf behaupten: Roche⸗ fort mit ſeinerLaterne iſt der Vorläufer der Revolution. Das Volk ſieht Alles im Lichte dieſerLaterne! Inzwiſchen ſpielen die Finanz⸗ helden den letzten Act der Schwindel⸗Tragödie ab. Mirès, der aus hundertundfunfzig Proceſſen mit einem blauen Auge davon kommt und ſeit ſeiner Freiſprechung jede Woche einmal öffentlich von ſich behauptet, er ſei der ehrenhafteſte Mann von Frankreich, Mirès be⸗ ſchuldigt die beiden Pereires, die beiden Pereires beſchuldigen Mirés, und Mires beſchuldigt endlich Alexander Dumas Sohn, er habe ihn in ſeinem StückeLa question d'argent dem öffentlichen Spotte preis⸗ gegeben, was Dumas' Sohn wiederum in einem ſehr launigen Brief an Mirds beſtätigt.

Das Publikum natürlich hört, lieſt und lacht über dieehrlichen Leute, die Millionen des Nationalvermögens vergeudeten, um ehr⸗ liche Leute zu bleiben; über das Gouvernement, das ſich von Roche⸗ fort wie ein heiliger Sebaſtian durchlöchern laſſen muß; über die Kirche und den Papſt, für den der fromme Veuillot vergeblich ſeine Lanzen bricht; über Alles, was bisher als unantaſtbar galt.

Es ſind eigenthümliche Zeichen, die am Himmel Frankreichs erſcheinen, aber die Zeichendeuter verſtehen ſie!

Selbſt die Künſte greifen zu den Waffen. Vor dem Kaffeehauſe eines Theaters in Mailand überfällt ein Tenoriſt einen dramatiſchen

Künſtler und bringt ihm am hellen Tage mit dem Meſſer ein halbes

Dutzend Stiche bei. Man behauptet, es ſei aus Neid über die Triumphe deſſelben geſchehen. Es iſt die alte Geſchichte der Tragöde iſt eifer⸗ ſüchtig auf die Erfolge des Tenoriſten, ſogar des Komikers, und um⸗

gekehrt.

Verlag der Hausfreund⸗Expedition(E. Graetz) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21. Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen. Haupt⸗Expedition und Druck bei F. A. Brockhhaus in Leipzig.

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