Jahrgang 
1868
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den Stempel der Entſchloſſenheit aufdrückt. Entſchloſſen läßt der Steuermann ſich an das Steuer binden, um von dem ihm anvertrauten Rad nicht fortgeriſſen zu werden. Feſt ſtand er da in dem Anprall der Wogen, welche in ihrem Zorn des Schiffes nicht achteten und darüber hinwegſetzten, feſt ſteht er da in den Strömen, die jetzt der Himmel herabſendet, als wolle er das Meer ertränken oder ſind das die Thränen furchtbarer Reue ob des ſich entſponnenen Kampfes? Die Thränenfluten ſtrömen fort und fort, ein Meer gießt ſich in das andere; aber tragen dieſe Thränen in ſich die Kraft der Verſöhnung? Allmählich ſänftigen ſich die furchtbaren Donner der Empörung; die Wälle, welche dem Meere entſtiegen, fangen an ſich zu ebnen, der Him⸗ mel lüftet den ihn verhüllenden dicken, grauen Wolkenſchleier ein wenig, in ſanftem Blau taucht ſein Antlitz wieder auf, und die aufgehende Sonne läßt darüber das erſte noch matte Lächeln gleiten. Der Seemann athmet auf, an Bord wird der Bann ge⸗ löſt, der Sprache und Gemüth in ſeinen Feſſeln hielt, die Freude zieht wieder ein in des Menſchen Bruſt, und Luſt und Leben kehrt in die Meereswelt zurück. Noch wandern und wallen breite Flut⸗ wellen über die aufgeregte Fläche weithin in der Richtung nach der fernen, mit dem Auge nicht zu erreichenden Küſte, als triebe es ſie dorthin, den letzten Funken von Feindſchaft in der Mit⸗ theilung ausſtrömen zu laſſen. Ruhig verfolgt das Schiff nun weiter ſeine Bahn, die Fiſche, die entſetzt in die Tiefe geflohen waren, nähern ſich wieder der Oberfläche, auf der noch eine Schicht ſüßen Regenwaſſers liegt, welche das erzürnte Meer nicht in ſich aufnehmen wollte, und die Seeleute, nachdem ſie munter das ein⸗ gedrungene Waſſer aus ihrem Fahrzeuge gepumpt, dürfen, während nur Wenige Dienſte zu verrichten haben, theilweiſe der Ruhe pflegen, theilweiſe ſich das Vergnügen des Angelns geſtatten. Sieh da! Der Fiſch beißt! Ein prächtiger Schweinefiſch wird heraufgezogen, ein 7 Zoll langes Exemplar nach dem andern. Koch, bereite die Mahlzeit, die ſoll uns ſchmecken! Sein Fleiſch, mit Zwiebeln gebraten, wiegt wol ein Beefſteak auf. Und dort ſind auch Makrelen, ſilberfarbig mit bläulichem Rücken und ſchwärz⸗ lichen Querſtreifen! Auch die ſind nicht zu verachten! O, heute ſcheint uns das Glück hold: ungeangelt fallen uns die Fiſche zu. Dort fliegt Einer aufs Verdeck! Dem Hai zu entrinnen ſchnellte ſich der ſpitzköpfige Flugfiſch aus der Tiefe empor, kann aber nun nicht zurück und verfällt dem Menſchen als Beute, indeß ſein gieriger Verfolger das Schiff umlauert, auf dem er Menſchenfleiſch wittert. In einiger Entfernung ſegeln die Walfiſche ſtolz vorbei, ſich ankündigend durch die hohe Fontaine, die ſie in die Luft ſpringen laſſen. Wie eine kleine ſchwarze Haſe, ihres Grüns entkleidet, hebt ſich inmitten der Waſſerwüſte der gewaltige Rücken des Thieres, den tauſend und abertauſend Seetulpen ſich zum Wohnplatz erwählt haben, aus dem Meere, das er kräftig durch⸗ furcht, wie wenn ein großer Elbkahn den Strom durchſchneidet, und doch zählen die Wale der gemäßigten Zone, in der wir ſchiffen, noch nicht zu den größten, doch ſtehen ſie bei Weitem ihren rieſigen Brüdern an den Polen nach.

Nach Weſten, o, nach Weſten hin beflügle dich, mein Kiel! In der Richtung nach dem erſehnten Ziel des Columbus ſteuern auch wir, wenn unſere Route auch etwas nordweſtlicher geht. Was iſt das? Plötzlich wird das Meer viel dunkler; für den gerade auffallenden Blick hat es zwar noch ſeine alte Farbe, die vielmehr keine Farbe iſt, aber, ſeitwärts geſehen, markirt es ſich durch ein tiefes, tiefes Blau.Das ſind die tiefen Stellen des Meeres! belehrt der Kapitän.Das blaue Waſſer hat keinen Grund, oder unſer Senkblei kann den Grund nicht erreichen. Man hat es gemeſſen bis 48000 Fuß. 48000 Fuß?! Uner⸗ gründlicher Ocean! Und wieder eine neue Erſcheinung! Da rauſcht im Weſten ein mächtiger, meilenbreiter Strom durch das Meer, wie eine zuſammenhangende, feſte Maſſe bahnt er ſich ſeinen Weg; ſein Lauf iſt reißend; das ihm entgegenſtrömende Waſſer kann denſelben nicht hemmen; dachartig böſcht ſich das Waſſer im Waſſer. Iſt wieder ein Sturm im Anzuge? Großer Gott!Fürchtet Euch nicht, ruft der Steuermann, der dem ängſt⸗ lichen Blicke gefolgt iſt,das iſt der mächtige, der wohlthätige Golfſtrom, der das warme Waſſer des Südens hinaufwälzt nach dem eiſigen Norden und deſſen Kälte mildert! Seht Ihr das Holz dort ſchwimmen? Von Amerika, von der Mündung des

Miſſiſſippi trägt es dieſer kräftige Arm, der ſich weiß aus der Flut hebt, nach dem Geſtaden Europa's!

Die Civiliſation hat auf der Erde Kunſtſtraßen und Eiſen⸗ bahnen geſchaffen, hat aber ihr Meiſterwerk doch nur von der Natur gelernt, die ſich auf dem Feſtlande ihre Päſſe gebrochen, am Firmament ihre Bahnen bezeichnet und auf der See nicht minder Straßen angelegt hat. Ueber dem Schiffe im Luftmeer erglänzt die Milchſtraße im Scheine der Sterne, unter dem Schiffe im Waſſermeere ſchnaubt der durch ſeine Geſchwindigkeit milch⸗ weiß erſcheinende Golfſtrom ſchneller denn das Dampfroß dahin und ſonderbarer Contraſt! Auf den Strom, der eine Temperatur von 24 Grad hat, ſegeln rieſige Eisblöcke los; klare Bäche ſüßen Waſſers rieſeln von ihrem Kryſtallgipfel herab. Wollen die Ungethüme des Nordens ſich dem Strome des Südens in den Weg werfen? Woher kommen ſie zu dieſer Zeit, wo kein Schnee fiel und das winterliche Eis dem Schiffe ſonſt nicht mehr lent⸗ gegentrat? Der vom Norden kommende kalte Meeresſtrom hat ſie zu ihrem Verderben aus der Heimat des Eiſes entführt; während ihr Fuß in dem kalten Strom wurzelt, der ſeine Bahn unter dem Golf ſtrom verfolgt, ragt ihr Körper in letztern hinein, und hier müſſen dieſe Rieſen, denen alles übrige Leben in der Natur erlag, end⸗ lich die Waffen ſtrecken. Die Wärme des Stromes ſchmelzt das ſtarre Eis des Berges, der nordiſche Hercules beugt vor ihr das Haupt, es fällt und unter ihrem löſenden Hauche hört ſeine Eriſtenz auf und ſein Waſſer geht in dem des Stromes, der ihn bewältigte, unter. Doch landen wir noch nicht hier an der Küſte von Newfoundland, wo der Golfſtrom dem Eisberge das Grab grub; die lauen, aus dem Süden kommenden Lüfte laden uns zur Fahrt dahin ein. Weicher Frühlingsodem weht uns entgegen und erfüllt das Herz mit ſeliger Ahnung, und doch ſieht das Auge noch kein Land, wo ein grünes Hälmchen keimt, es muß ſich immer noch mit dem Anblick des Meeres begnügen. Aber hat das Meer nicht eben die ſchönſten Schauſpiele von der Welt? Bei der Ausfahrt führte es ein Luſtſpiel auf, dann folgte ein ſchauriges, erhabenes Drama, und nun enthüllt es ein wunder⸗ volles Zaubermärchen; es wählt die Nacht zur Scene, eine ſtille, ruhige Nacht, in der das Waſſer aber nicht ganz bewegungslos iſt. Der Neumond verſagt dem Meere ſein Licht; dafür fängt es aber an in der Tiefe zu glitzern und zu leuchten, als ob tauſend Lichter angezündet würden, als ob die Schätze glühten, welche die gierige Charybdis verſchlungen hat, als ob des Him⸗ mels Heer in den Ocean verſetzt wäre. Da funkelt es von unter⸗ ſeeiſchen Meteoren und Raketen; doch zerplatzen ſie nicht mit er⸗ ſchreckendem Geräuſch; friedlich wie die Glühwürmchen im Graſe funkeln ſie im Waſſer, und das Waſſer löſcht nicht ihr Feuer, ſondern facht es lebhaft mit der raſtloſen Woge an, und faſt alle Bewohner des Meeres, Groß und Klein, betheiligen ſich an der bunten Illumination. Die Bohrmuſchel gibt ihren Schleim dazu her, die Rippenquallen rühren ihre Wimpern, die Ringelwürmer laſſen die Muskeln an ihren Füßen arbeiten, überſtrahlt noch von dem Glanz der Seeſcheiden. Auch die Fiſche ſchließen ſich nicht ganz davon aus, der Hai umgibt ſich mit grüngoldnem Schein, und die Todten ſcheinen lebendig zu werden; denn faulende Ueber⸗ reſte von Algen, Tangen und Fiſchen wirken mit bei dem zaube⸗ riſchen nächtlichen Spiele, das geeignet iſt, die Sinne zu bethören. Man möchte hineingreifen in den Schatz, der ſich vor den Augen ausbreitet; man möchte ſich überzeugen, ob, was man ſieht, kein Trugbild iſt, da hebt ſich, von Oſten kommend, die Flut, und die breite Flutwelle legt ſich in Windeseile wie ſchützend über ihr mächtiges Gebiet.

Schnell beflügelt durch den Paſſat, haben wir die letzte Tour zurückgelegt und nähern uns dem Aequator, der auch das Meer mit ſeiner Wärme beeinflußt. Bis auf einen Höhepunkt von 27 32 Grad treibt die warme Luft das Waſſer, deſſen Salz⸗ gehalt ſie zugleich vermehrt, indem ſie demſelben mehr Waſſer⸗ dampf entzieht und folglich mehr Salz ausſcheidet. Dichter drängt ſich daher das Waſſer unter dem heißen Erdgürtel zuſammen; es ſcheint dem Schiffe ſogar mehr Widerſtand entgegen zu ſetzen; denn dieſes ſteht ſtill. Wir ſind in den Bereich der Calmen, der furchtbaren Windſtillen, gelangt. Kein Lüftchen bläht die Segel, ſchlaff hängen dieſe danieder; kein Zephyr kräuſelt den Ocean; wie ein unbeweglicher Kryſtallſpiegel liegt er vor uns.