des Herzogs von Reichſtadt gerettet, eine lebenslängliche Penſion auszuſetzen.
In Talleyrand ſah Maubreuil den Urheber aller ſeiner Leiden, und ihm hatte er Rache geſchworen. Maubreuil, ver⸗ armt, mit 10 Franken in der Taſche, ſah am 21. Januar 1827 die Gelegenheit, dieſe Rache zu üben. Er kam nach St.⸗Denis, wo der ganze Hof eben in der alten Kirche einer Todtenfeier zu Ehren Ludwig's XVI. beiwohnte. Talleyrand bewegte ſich in⸗ mitten des königlichen Zuges. Maubreuil drängt ſich in die Kirche, er ſieht den Mann an ſich vorüberſchreiten, dem er drei⸗ zehn Jahre des Unrechts, der Schmach, der Verfolgung verdankt.
„Talleyrand“, ruft er,„Lügenfürſt, nimm deinen Lohn!“ und Talleyrand ſinkt unter der Wucht einer ſchallenden Ohrfeige zuſammen.
Maubreuil wird ergriffen und zu fünf Jahren Gefängniß, zehnjähriger polizeilicher Aufſicht und einer Geldſtrafe verurtheilt.
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Maubreuil verbüßte ſeine Strafe. Die ihm in Teplitz ver⸗ liehene Penſion wurde von Guizot unterdrückt, und erſt unter dem zweiten Kaiſerreich wurde ihm wieder eine Penſion von 2500 Frs. gewährt.
Das abenteuerliche Leben des Grafen Maubreuil hat vor wenigen Wochen ein Ende gefunden; wäſcht ihm auch Niemand die Schmach ab, welche er ſich kurz vor ſeinem Tode durch ein tadelswerthes Ehebündniß aufbürdete, ſo iſt es ſeinem Biographen wenigſtens gelungen, ihn von dem Vorwurf zu reinigen, als habe er wirklich ſich zum Mörder Napoleon's I. dingen laſſen und als ſei er es, welcher die der Königin von Weſtfalen abgenommenen Diamanten geſtohlen.
Was aus den Diamanten geworden? Sie wurden vom Grafen Artois verſchenkt und zieren jetzt den Nacken einer hoch⸗ geſtellten Dame, die von ihrem Urſprung vielleicht keine Ahnung hat. W.
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Der Ocean.
Skizze des Meerlebens. Von H. Stender.
Ja, Geiſt und Leben wohnt im Wellenreiche, Hoch ſchlägt's empor aufwirbelnd an den Strand; Die Erde muß ſich, zu gefallen, ſchmücken, Das Meer allein kann durch ſich ſelbſt entzücken. Anderſen's„Meerfrau“. Die alten Griechen erzählem uns, daß Zeus, als er ſeinem finſtern Vater Kronos die Macht abgerungen, das väterliche Reich mit ſeinen zwei Brüdern theilte; für ſich den Himmel behaltend, übergab er dem Hades das Reich der Unterwelt und dem Poſeidon die Herrſchaft des Waſſers, des weiten Meeres. Faſt gleichbe⸗ rechtigt mit dem Himmel, dem Luftmeere, tritt alſo in der griechi⸗ ſchen Mythologie unter dem brüderlichen Scepter das tiefer liegende Waſſermeer auf, das die ebenſo reiche, als logiſch ſchaffende Phantaſie der Griechen mit der Macht eines demſelben inne⸗ wohnenden Gottes belebte. Iſt jetzt auch das Gebäude jenes alten griechiſchen Glaubens zerfallen, ſo wird doch Niemand die göttliche Kraft des Meeres hinwegleugnen können. Wer je an ſeinem Geſtade geſtanden und dem Spiel der weiß bekränzten Wellen zugeſchaut hat, wie ſie ewig wechſelnd, ewig neu den Horentanz um das Ufer beginnen, wie ſie nach dem Bilde der Sonne hüpfend haſchen, als wollten ſie ihre Strahlen feſthalten; wer ihren weichen, melancholiſchen Klängen gelauſcht und geſehen hat, wie die Sonne am Abend ſich tiefer und tiefer zu dem Meere neigte und das Meer ſelbſt unter ihrem Kuſſe mit Purpur⸗ glut übergoſſen ward, der begreift die Worte, in die Lenau ausbricht: „Tiefewärts mit ſüßem Zwange Zieht es mich zu ſchauen, Mit geheimnißvollem Drange Zu den Seejungfrauen.“
der fühlt die unbezwingliche Sehnſucht, die das Meer entzündet, jene Sehnſucht, welche der Meiſterdichter ſo wundervoll malt, wenn er vom Fiſcherknaben und der Meermaid ſingt:
„Da war's um ihn geſchehen;
Halb zog ſie ihn, halb ſank er hin
Und ward nicht mehr geſehen.“ Kein fühlendes Herz bleibt unberührt und kalt dem vielgeſtaltigen, in tauſend Zungen redenden Meere gegenüber; darum laßt uns nicht an ſeinem Geſtade ſtille ſtehen, ſchiffen wir hinaus auf die Höhe ſeiner Majeſtät und Größe! Jubelnd verlaſſen wir den Hafen, unter dem Schalle froher Geſänge rühren ſich die Hände der Seeleute geſchäftig, um die Anker zu lichten, der Wind ſchwellt die Segel, die Welle hebt das Schiff auf ihren Rücken und ſchau⸗ kelt es ſanft, wie der Vater das Kind auf ſeinen Knien wiegt, und leichter athmet die ſehnende Bruſt des Reiſenden, der in langen Zügen die friſche wohlthuende Seeluft trinkt, mit der das Meer ihn ſogleich bewillkommt. Hinter ihm ſchwindet das Land, die feſte Stütze, und wie es ſeinem Geſichtskreiſe entrückt wird und der Abend hereinbeicht, miſcht ſich unwillkürlich ein banges Zagen in das Wonnegefühl beim Eintritt in die neue, ſchöne Welt. Er blickt hinunter in die ſchwindelnde Tiefe, in das
ſchwankende Element, ob er ihm auch trauen dürfe; aber das klare Auge des Oeeans lacht ihn an, und die Sterne ſpiegeln ſich ſo ruhig darin, als ob ſie das Meer durchkreiſten, und Himmel und Meer umſchließen einander im beſten Einverſtändniß ſo eng, als ob ſie zuſammen gehörten, die weite, ruhige Fläche wölbt ſich in der Ferne zum Himmel empor, und die Durchſichtigkeit der Flut hebt die Grenze zwiſchen Luft und Waſſer auf— ſollte ihm da noch bange ſein? Die Ruhe des Meeres gießt Ruhe in des Menſchen Herz, und arglos überläßt er ſich dem ſichern Schlaf in den die lieblichen Töchter Oceans ihn lullten. Da mitten in der Nacht weckt ihn ein Stoß, ein zweiter folgt; der Reiſende will ſich erheben, die Bewegung des Schiffes wirft ihn wieder danieder. Ein wilder Aufruhr der Elemente kündigt ſich an; Meer und Himmel haben ſich entzweit, ſie rüſten ſich zum offenen Kampfe. Unheil verkündende rothgraue Wolken fliegen am Himmel hin und her als Sendboten, welche die Stürme von nah und fern entbieten ſollen; ſchon tragen die Blutlechzenden auf ihrer geſchwollenen Stirn das blutige Zeichen, daß davor die Meeres⸗ vögel wild aufſchreien und ihre Neſter angſtvoll umkreiſen; das Licht der Sterne iſt erloſchen, ſchwarze Finſterniß deckt das Meer, das in wildem Trotze ſich aufbäumt und an die Flanken des Schiffes drängt und kracht, als wolle es das Fahrzeug zerbrechen. Stampfend verſucht das Schiff den Durchgang zu erzwingen; aber es iſt ein ohnmächtiges Spielzeug in der Gewalt des ergrimmten Meeres, es rafft die Segel und muß ſich auf Gnade und Ungnade er⸗ geben.— Pfeifend gibt nun der Sturm in dem Takelwerk des Schiffes das Signal zum Kampfe, und Himmel und Meer ſtürzen auf einander los, die Gebirgsmaſſen, welche die Winde am Himmel aufthürmten, beleben ſich und bohren ſich in die Tiefe, dieſelbe zerreißend, und die Tiefe ſchnellt Rieſen von Wellen empor, Giganten, beſtimmt, den Himmel zu ſtürmen. Der Himmel donnert, das Meer donnert dagegen, brüllend vermiſchen ſich die Glieder der Kämpfer, weiße Mähnen umfliegen das Haupt der tobenden Waſſermegäre; bereit, Alles zu verſchlingen, was ihr naht, öffnet ſie ihren Abgrund, und gleich darauf fliegt ſie wieder zum An⸗ griff empor, weithin ihren kochenden Giſcht ſendend. Meer und Himmel zertheilen ſich in furchtbare Klüfte, die Erde bebt in ihren Angeln, und das Menſchenherz? Der Menſch fühlt ſeine Schwäche dem Sturme gegenüber, das Meer, das ihm vor wenigen Stunden Ruhe und Vertrauen einflößte, hat ihn durch ſeine Schrecken faſt verſteinert. Die Macht der Natur vernichtet allen Selbſtdünkel, wenn ſie auch eine fromme, muthige Seele nicht ganz verzagen läßt. Stumm ſchauet der Seemann dem wilden Treiben zu; ſtumm verrichtet er die gefahrvollſte Arbeit, die viel⸗ leicht dem Schiffe noch Rettung bringen kann; kurz ertheilt der Kapitän durch das Sprachrohr die Befehle, welche faſt in dem heulenden Sturm verhallen. Und gerade an dieſem Kampf des Sturms und der Wellen ſtählt ſich die Kraft des Seemanns, die phyſiſche wie die geiſtige, die ſich ſo unverkennbar in der markigen Geſtalt deſſelben ausprägt, wie ſie ſeinen wettergebräunten Zügen


