Jahrgang 
1868
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ihnen noch blieb, jetzt zufrieden: daß ſie im Schoſe der Heimat⸗ erde einſt ruhen können! Euch da, die ihr auf der weiten Reiſe noch erſt begriffen

ſeid, wolle ein beſſeres Loos zutheil werden! Glückliche Fahrt! Frohe Ankunft! Raſch Beginnen! Und dann ſegne Euch Gott, arme Auswanderer!

PDie Diamanten der Bönigin von Weftfalen.

In Nr. 3 des Hausfreund erzählten wir den ſkandalöſen Eheprozeß des Grafen Maubreuil, der vor kurzem in Paris ſo enormes Aufſehen erregte. Der Held dieſes Proceſſes war der⸗ ſelbe jetzt vierundachtzigjährige Graf Maubreuil, der einſt am Hofe des Königs von Weſtfalen eine ſo glänzende Rolle ſpielte, der dann, als er ſein Vermögen vergeudet und Napoleon ihm nicht geſtatten wollte, ſich durch Lieferungen für die ſpaniſche Armee einige Millionen zu verdienen, der unverſöhnliche Gegner Napoleon's ward, beim Einzuge der Alliirten in Paris ſein Ehrenlegionskreuz am Schweife ſeines Pferdes durch den Koth ſchleppte und der Erſte war, der Hand anlegte, als es galt, die Statue des geſtürzten Eroberers von der Vendöme⸗Säule herab⸗ zuholen. Es war derſelbe, deſſen Haß Talleyrand benutzen wollte, um Napoleon ermorden zu laſſen, derſelbe, durch den das pro⸗ viſoriſche Comité die Diamanten der Königin von Weſtfalen ſtehlen ließ; derſelbe, der Talleyrand in London öffentlich eine derbe Ohrfeige gab, als der Letztere die Urheberſchaft dieſes Mord⸗ verſuchs von ſich abwälzte und Maubreuil ins Gefängniß ge⸗ ſandt hatte.

Wenige Monate ſind ſeit dem oben erwähnten Proceß ver⸗ ſtrichen, der den greiſen Abenteurer wieder in den Vordergrund der Geſellſchaft drängte. Maubreuil hatte, um nicht betteln zu müſſen, ſeinen Namen an ein unwürdiges Weib verkauft und ward durch ſie zum Skandal der Welt. Er ſtarb, von Allen verlaſſen, in tiefſter Armuth, und jetzt erſt erfahren wir Näheres über jenen berühmten Diamantendiebſtahl. Talleyrand und das Comité hatten Maubreuil und ſeine Genoſſen wegen des Ver⸗ ſchwindens dieſer geſtohlenen Diamanten anklagen und ſie ins Gefängniß werfen laſſen; wie ſehr ſich Maubreuil auch bemühte, die Schuld angeſichts der Welt von ſich abzuwälzen, ſie blieb auf ihm haften, und erſt jetzt nach ſeinem Tode erfahren wir, wer die wirklichen Diebe geweſen.

Aus dieſen Details geht jetzt hervor, daß das proviſoriſche Gouvernement, den Haß Maubreuil's gegen Napoleon benutzend, dieſen Mann wirklich als Mörder gedungen und ihn mit allen Vollmachten hierzu ausgerüſtet; um der Welt die Ruhe zurückzu⸗ geben, ſollte der Brander vernichtet werden; Maubreuil ward mit einem Befehl für alle militäriſchen und polizeilichen Poſten aus⸗ gerüſtet, laut welchem dieſe ihm ohne Weiteres zu Dienſten ſein ſollten; der Befehl ſelbſt lautete auf eineMiſſion, die natürlich nicht weiter bezeichnet war.

Maubreuil alſo brach am 21. April 1814 mit einigen Getreuen auf, aber merkwürdiger Weiſe nahm er eine Richtung, die der⸗ jenigen, in welcher er Napoleon ohne Escorte begegnen mußte, ganz entgegengeſetzt war; ja noch mehr: er brach erſt am Tage nach deſſen Abreiſe von Fontainebleau auf; mehrere Tage alſo nach der Abreiſe der Marie Louiſe und des Königs von Rom.

Hieraus geht hervor, daß Maubreuil perſönlich kein At⸗ tentat gegen das Leben des Kaiſers beabſichtigte. Wie er ſich dabei mit ſeinem Haſſe abfand, mag dahingeſtellt bleiben; es iſt notoriſch), daß Maubreuil's Moßnahmen nicht auf einen Mord hinzielten.

Wie es ſcheint, war die Königin von Weſtfalen hinter den übrigen Mitgliedern der kaiſerlichen Familie zurückgeblieben, denn bei Montereau fielen Maubreuil und ſeinen Genoſſen die Reiſe⸗ wagen derſelben in die Hände. Es iſt nicht unmöglich, daß Maubreuil dieſe Wagen überfiel und plünderte, um dem Kaiſer ſelbſt Zeit zu einem größern Vorſprung zu laſſen.

Die Königin war von ihrem Kammerherrn von Fürſtenſtein und einer Ehrendame, der Gräfin Rocholtz, begleitet; ihr folgten etwa zehn Fourgons, in welchen ſich ihre Diamanten und ihre Kaſſe befanden. Nur einer dieſer Wagen wurde genommen, die übrigen ließ man paſſiren; in dieſem Wagen fand man elff

Käſten mit Diamanten und vier Säcke, in welchen 84000 Frs enthalten ſein ſollten.

Während ein Gefährte Maubreuil's neun dieſer Käſten und die vier Geldfäcke in einen andern Wagen ſchaffen ließ, unter⸗ hielt ſich Maubreuil mit der Königin, deren Stallmeiſter er früher geweſen war, und bemühte ſich dabei, eine gleichgültige Miene zu beobachten. Die Königin erklärte ihm, dieſe vier Geldſäcke ſeien ihre einzigen Hülfsmittel, ſie bedürfe derſelben zu ihrer Reiſe. Maubreuil nahm ſeine Börſe hervor, die etwa 100 Gold⸗ ſtücke enthielt, und bat die Königin, ſie huldreichſt annehmen zu wollen. Die Königin weigerte ſich, Maubreuil indeß drang in ſie und bat, dieſes Geld als ein Darlehn betrachten zu wollen, das ſie zu jeder Zeit zurückerſtatten könne, und die Königin gab nach. Mit einemAuf Wiederſehen! trennten ſich Beide.

Maubreuil war alſo jetzt im Beſitz eines ungeheuern Schatzes. Es lag in ſeinem Belieben, mit demſelben auf und davon zu gehen und in einem fremden Lande ein Aſyl zu ſuchen; ſtatt deſſen ſtieg er mit ſeinem Gefährten Daſies in den Wagen, vor ſich die Käſten mit den Diamanten und die Geldſäcke, und an⸗ ſtatt den flüchtigen Napoleon zu verfolgen, wandte er ſich nach Paris zurück.

Die neun Käſten und die Geldſäcke wurden von Maubreuil an Herrn von Vanteaux, den Chef des Comité, abgeliefert, der den TitelCaſſier-Controleur der Kronenſchätze führte. Van⸗ teaux ließ kein Inventar aufnehmen, ſondern ſandte die Koſtbar⸗ keiten an den Baron de Vitrolles in den Tuillerien, der die Functionen des Staatsminiſters verrichtete, und den man um Mitternacht wecken mußte, um ihm die Schätze zu übergeben.

Vitrolles ließ die Käſten und die Säcke neben ſein Bett ſtellen und erſt zwei Tage darauf ein Inventar anfertigen. Mau⸗ breuil ſollte daſſelbe unterzeichnen, weigerte ſich aber, da er nicht wiſſe, ob der Inhalt unberührt ſei, und gab bei dieſer Gelegen⸗ heit die Erklärung ab, er habe bei Wegnahme der Schätze die Königin gebeten, ihr Siegel darauf zu ſetzen, was ſie jedoch ver⸗ weigert habe.

Inzwiſchen wurden in Gegenwart von vier Perſonen, dar⸗ unter Maubreuil, die Säcke geöffnet und, o Wunder, ſie ent⸗ hielten nur ganze und halbe Franesſtücke. Man öffnete die Käſten, und ſie waren ſämmtlich um einen großen Theil der Diamanten erleichtert!

Auf der Stelle, in den Tuillerien ſelbſt, wurden Maubreuil, Daſies und Vanteaux verhaftet. Der Letztere ward bald wieder entlaſſen, die erſten Beiden aber blieben in geheimer Gefangen⸗ ſchaft. Man machte ihnen den Proceß, während man ihnen unter der Hand zur Flucht rieth, zu der man die nöthigen Mittel gewähren wollte. Maubreuil wies dieſe Anträge zurück; er ver⸗ langte vor das Tribunal geführt zu werden.

Inzwiſchen werden die verſchwundenen Diamanten im Seine⸗ fluß gefunden. Maubreuil, ſo heißt es, hat ſie hinein werfen laſſen, und während er ſeit vier Monaten im Gefängniß ſitzt, erklärt der als Sachverſtändige herbeigeholte Juwelier, die Dia⸗ manten hätten höchſtens vier Wochen lang im Waſſer gelegen.

Während Maubreuil's und Daſies' Gefangenſchaft, als Beide einmal von dem Gefängniß la Force zum Palais de Juſtice ge⸗ führt wurden, überfielen vierzehn Bewaffnete den Wagen und ſuchten die beiden Gefangenen zur Flucht zu zwingen. Daſies floh wirklich, da er des Kerkers ſatt war; Maubreuil blieb, ſein Urtheil verlangend, und Niemand dachte daran, Daſies zu ver⸗ folgen. Maubreuil ward nach dem unverantwortlichſten Proceß verurtheilt. Zwei Jahre dauerte ſeine Haft, während welcher man ihn in einem Dutzend verſchiedener Kerker umherſchleppte. Als er frei ward, ging er nach England. In Teplitz beſchloſſen indeſſen die Diplomaten, dem Grafen Maubreuil, der das Leben