Jahrgang 
1868
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ſprochen. Es waren ihrer fünf Perſonen, darunter eine Brüſſeler Sängerin Frl. D., Alle aber in ſchlechter Laune. Mitten in der Nacht hatten ſie den Hof von Holland verlaſſen, deſſen Beſitzer der Sängerin, als ſie vom Theater kommend mit ihrer Geſell⸗ ſchaft ſoupirte, ein Glas Bier verweigert hatte. Der Wirth dieſes Hotels ſcheint es Gott ſei Dank nicht nöthig zu haben; er iſt nur zu ſeinem Vergnügen Gaſtwirth, und da er ein Vergnügen darin findet, grob zu ſein, ſo ſind die Gäſte im Unrecht, die bei ihm einkehren. Die ganze Geſelſſchaft hatte nach einer lebhaften Unterhaltung mit dem Wirth eingeſehen, daß ſie den Kürzern ziehe, und war mit Sack und Pack hinüber ins Union-Hotel ge⸗ gangen.

Ein Gaſtwirth iſt ohne alle Frage Herr in ſeinem Hauſe, und wenn er wildfremden Menſchen erlaubt, unter ſeinem Dache zu wohnen, ſo iſt das ſchon Liebenswürdigkeit genug. Der Hof⸗

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herr von Holland aber hatte noch eine ſpecielle Malice gegen den großen Pluto, derkleine Kinder zerreiße, wie er behauptete, und ſo kam denn hier nicht nur der Gaſtwirth, ſondern auch der Vater ins Spiel. Im Weſtend⸗Hotel in Frankfurt ging's mir neulich auch nicht viel beſſer, als ich es wagte, mir nach Tiſch eine Cigarre anzün⸗ den zu wollen. Der Oberkellner trat mit Würde an mich heran und hielt mir eine lange Rede, in welcher er mir das Unziem⸗ liche meines Beginnens auseinander ſetzte. Wer alſo guten Ton lernen will, der wird gut thun, ſich an den Oberkellner dieſes Erziehungsinſtitutes für Reiſende zu wenden.

Der Leſer geſtatte mir, in meinen Bade⸗Photographien hier eine Pauſe zu machen. Die Hitze iſt erſtickend und das Oel meiner Denkmaſchine iſt eingetrocknet. In einigen Wochen die Fortſetzung. Hans Wachenhuſen.

Die Answanderer.

Noch immer entſendet Deutſchland jährlich Hunderte ſeiner Kinder nach dem fernen Welttheile, der jenſeit des Oceans liegt, weil ſie da hoffen, eine glücklichere Zukunft zu finden, als ihnen die karge Scholle ihrer Heimat verſprechen kann; noch immer iſt dies Amerika ein Eldorado für Europamüde; noch immer ſchallen dieſe zauberſüßen Stimmen von dort herüber, die von noch un⸗ bevölkerten Paradieſen reden, und die geſchäftigen Herolde der Speculation, die im Dienſte der menſchenlüſternen Regierungen von Arcanſas, Texas, Paraguay u. ſ. w. auf europäiſchem Boden ihre Werbe⸗Bureaux aufgeſchlagen, ziehen hier von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, tragen jenen Locſchall bis in die entlegenſten Thäler, ja bis in die dunkelſten Erdwinkel, wo Armuth und Elend niſten. Denn hier vor Allem findet ihre Werbung Anklang, hier lauſchen noch unendlich viel gläubige Ohren ihren Verheißungen.

Unſer Bild zeigt einen ſolchen Trupp Auswanderer, wie er uns in den Straßen Berlins, namentlich in der Nähe von Bahnhöfen, nicht eben allzu ſelten aufſtößt. Es ſind arme Land⸗ leute, vermuthlich aus Thüringen; denn die Anhaltiſche Bahn hat ſie daher befördert, und irgendein Hamburger oder Bremer Auswanderungs⸗Bureau, das ſeine Filiale in der Reſidenz hat, übernimmt ſchon hierorts ihre Weiterſchaffung. Ein geräumiger Möbelwagen hat ſie mit ihren paar Bündeln und Säcken, in denen ſie das Nöthigſte bei ſich führen aber viel größer wird wol auch kaum ihr nachfolgendes Gepäck ſein aufgenommen. Es iſt ein trauriges Bild und mit Wehmuth hängen unſere Blicke an ihm. Freilich eine lebhafte Reugier ſpricht noch aus den meiſten dieſer Geſichter; denn hier thut ſich ja ſchon der Vorhang der neuen Welt auf, dieſer ſo geräuſchvollen und großen Welt, von der noch bisher kein Laut, keine Ahnung in ihr ſtilles, enges Dorf drang: wie überraſchend wirkt jetzt auf einmal das lärmende Getöſe, der blendende Glanz, die Flut fremdartiger Erſcheinungen auf ſie ein! Ja, die ſchüchterne Kleine, die hier vorn zu Zweit auf dem Gefährt ſitzt, fühlt ordentlich Angſt und bricht in Schluchzen und Thränen aus, und es koſtet dem Vater da neben ihr vermuthlich viel Mühe, ſie zu tröſten. Da iſt doch die männliche Jugend ganz anders! Mit wie kecker Ver⸗ wunderung, Augen und Mund aufreißend, ſchaut der bausbackige Junge ihr zur Rechten und gar der putzige kleine Gerngroß da⸗ hinten, mit der Zipfelmütze auf dem Kopfe, auf alle die Wunder⸗ dinge, die ihnen im Vorbeifahren aufſtoßen, die hohen, weißen Häuſer mit den glänzenden Scheiben, die bunten Läden mit ihren Schaufenſtern, die funkelnden Carroſſen, in denen die reichen Herr⸗ ſchaften ſo bequem dahinfliegen, der Mann mit der weißen Schürze

da unten, der in Einem fortEeis! Eis! ſchreit bei dieſer Glühhitze noch Eis! ſo was haben ſie ja ihr Lebtag nicht erhört! Und der da hinten der mit dem Rücken gegen uns ſteht

kann ſich gar von dem Anblick jenes wunderlichen Ungethüms genannt Omnibus nicht losreißen: daß ſie doch in dieſer großen Stadt ſchon mit Häuſern herumfahren! Es iſt gar närriſch! Aber nun leſt einmal in den Geſichtern dieſer armen Frauen, die mit auf dem Reiſegefährt hocken! Wie viel wehmüthige Duldung, wie viel kaum überwundener Schmerz, welchen die Trennung von

der Heimat ihren Herzen bereitet, zuckt noch um ihre bleichen Lippen und mag ſich mit dem Lächeln der Neugier kaum paaren. Hier iſt eine Mutter, die noch ihr Jüngſtes auf dem Arm trägt. Armes Weib, du magſt wol mit ſchwerer Sorge ſeinen unſchul⸗ digen Schlaf hüten! Armes Kind, das noch kaum über die Schwelle des Aelternhauſes hat kriechen können, auch du ſollſt die verhäng⸗ nißvolle Reiſe ſchon mitmachen, die über das weite, große, tiefe Waſſer, zu den fernen und unbekannten Geſtaden hinführt. Kaum deiner Wiege entriſſen wer weiß, wie nahe dir ſchon dein Grab iſt! Endlich unter dieſer bunten Schaar Auswanderer, be⸗ obachtet Ihr nicht mit dem lebhafteſten Intereſſe dieſe gedrungene, breitſchulterige, hochragende Geſtalt, die hier vorn, dicht hinter dem Roſſelenker, ſich aufgepflanzt hat? Wie dieſer Kernbauer er iſt offenbar der Führer des Häufleins, ihr Aelteſter mit dem altväteriſchen langen Rock, der kurzen Weſte, der breiten Tuch⸗ mütze, die er ſich tief ins Geſicht gedrückt hat, ſo recht mürriſch ungeduldig darein blickt!Vorwärts! ſcheint er dem Kutſcher zu⸗ zurufen,treibt Eure Pferde an! Dieſer aufgeblaſene Reich⸗ thum, dieſes prunkende Wohlleben, dieſe hohlglänzenden Dinge, die ihm hier rings ins Geſicht ſpotten, die ihm nur den grellen Contraſt mit ſeinem Elende darthun, ſie mögen ihm wol auch tief und bitter ins Herz ſchneiden? oder vielleicht wer weiß? vielleicht gar regt ſich ſchon eine dunkle Empfindung der Reue in ihm, der er entfliehen möchte? Vielleicht nagt ſchon der betrach⸗ tende Vorwurf an ſeiner Seele:Was haſt du was haben all Dieſe, die du anführſt, die deiner Ueberredung gefolgt ſind, die beſchwerliche Fahrt mit dir zu wagen nicht Alles aufs Spiel geſetzt? Für ein Richts vielleicht! Am Ende für ein härteres, elenderes, hungrigeres Daſein, als es Euch in der Heimat beſchert war. Gott erbarm' ſich! Nein! Weg mit dem entſetz⸗ lichen Vorwurf, der dunkel hinter ihm aufſteigt! Ihm entflohen raſch! Spute dich, Mann! Wir haben die Würfel geworfen! Nun auch entſchloſſen vorwärts! B

Sie ſind vorüber! Theilnahmvoll ſchweifen noch unſere Blicke ihnen nach unſere Herzen möchten ihnen folgen! Werden ſie finden, was ſie gewünſcht? was ihnen gleisneriſche Lockung ver⸗ hieß? was ſie gläubigen Vertrauens erwarten? Uns drängen ſich die fluchwürdigen Namen zweier Schiffe, die erſchütternden Nachrichten noch ins Gedächtniß, wie auf ihnen jüngſt Hunderte jener Unglücklichen hingerafft wurden, die auch mit ſo lebens⸗ vollen Hoffnungen, mit ſo beflügelter Sehnſucht ihre Fahrt ange⸗ treten und nun mit erloſchenem Aug' und zerquetſchter Bruſt tief auf Meeresgrund ſchlummern! Und auch der Vielen müſſen wir denken, die drüben, wenn ſie ja angekommen, nur ein anderes Elend ſich erjagt haben die wieder nach Jahren herber Ent⸗ behrung und ſauern Schweißes die Summe einer verfehlten Exiſtenz zogen und endlich klagend ausriefen:O, hätten wir Eins blos unſere Heimat! Könnten wir dahin zurückkehren! Manche haben's gekonnt; mit dem Erlös ihrer letzten Tage⸗ werke haben ſie die Rückfahrt erſchwungen und ſind wieder⸗ gekehrt, ärmer, als ſie auszogen, gebrochenern Muthes und Herzens, als damals aber ſie ſind auch mit dem einzigen Troſt, der

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