Jahrgang 
1868
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k Akibe

geblieben, die königlichen Kaſſen aber nehmen nur preußiſche Münzen. So ſehr auch z. B. das Briefporto herabgeſetzt ſein mag, es iſt hier oft nichts ſchwieriger, als einen Brief zu frankiren. Im ganzen Verkehr bekommen wir nur die Gulden und Sechs⸗ kreuzerſtücke; gehen wir damit zur Poſt, ſo weiſt ſie dieſelben zurück, und um einen elenden Silbergroſchen iſt oft große Noth. Die fremden Nationen ſind mit Recht über dieſen Wirrwarr ent⸗ rüſtet; ſie, die meiſt an das Decimal⸗Syſtem gewöhnt ſind, ſollen ſich hier mit zweierlei gleich unpraktiſchen Münzen den Kopf zer⸗ brechen, und wenn ein Engländer, ein Franzoſe mit einer ganzen Taſche voll Sechskreuzerſtücken und einem Brief in der Hand vor den Poſtſchalter tritt, ſchiebt ihm der Beamte Geld und Brief zurück und nöthigt ihn, erſt in ein benachbartes Geſchäft zu treten, und ſich dort preußiſches Geld einzuwechſeln. So Mancher iſt dadurch gezwungen, ſich erſt in der Nachbarſchaft ein halbes Dutzend Cigarren oder eine Stange Siegellack zu kaufen und bei dieſer Gelegenheit den Kaufmann um ein preußiſches Geldſtück zu bitten.

Man muß in Naſſau immer zweierlei Geld in der Taſche tragen, und Gott weiß doch, wie ſchwer es Manchem wird, auch nur einerlei davon zu haben! Mir will es zuweilen vorkommen,

als ſchonte man hier die preußiſchen Eigenthümlichkeiten mehr

als die naſſauiſchen. *

Es erſcheint mir oft, als müßten die gekrönten Herrſchaften weniger an Gicht und Podagra leiden als die übrigen Sterb⸗ lichen. Das Regieren muß wol den Magen mehr anſtrengen als die andern Organe, und auch das iſt erklärlich, denn im Grunde iſt mit dem Regieren eine ſitzende Lebensweiſe verknüpft. Man ſieht das an den Poſt⸗Conducteuren, und mit dem Leiten des Staatswagens mag es etwa ebenſo ſein wie mit dem eines Poſtwagens.

Die Verdauung muß durch das Regieren am meiſten ange⸗ ſtrengt werden, und Kiſſingen iſt deshalb ein bevorzugter Curort der hohen Herrſchaften. Die Rheumatismen ſind nur bei den mittlern Klaſſen, wie der Kropf und der Cretinismus bei den Gebirgsbewohnern. Wiesbaden bleibt deshalb der Curort der Bourgeviſie.

An der Spielbank ſieht man ſelten einen Gaſt von be⸗ ſonderer Waghalſigkeit. Die ruſſiſche Fürſtin S. operirt mit hohen Bankbillets und unglaublichem Glück; neben ihr die Fürſtin der Demi⸗Monde, Madame S. mit den funkelnden Diamanten auf der Bruſt und dem rothen Puder im Haar. Auch jene blonde Dame, die vor einer ganzen Reihe von Jahren Berlin und ihren

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Gatten verließ und in Paris ſich den Namenla belle Berlinoise verdiente, Madame M., hat ſich wieder eingefunden, etwas corpu⸗ lenter als ſonſt, aber immer noch ſchön und tugendhaft.

Ich werde mich hüten, das letztere zu bezweifeln. Sind's doch erſt einige Jahre her, als ſie mich in Berlin im Redactions⸗ bureau überfiel und mich mit Vorwürfen zu Boden ſchmetterte. Ich hatte an ihrer Tugend gezweifelt, ich hatte ſie im Bois de Boulogne mit eigener Hand die Roſſe lenken geſehen, und indis⸗ cret, wie wir Schriftſteller einmal ſind, mußte ich dies ausge⸗ plaudert haben.Ich bin unſchuldig, rief ſie,je le jure sur la téte de mon fils! Das ſchwor ſie mit Thränen in den Augen, und ich hätte ein Krokodil ſein müſſen, wenn ich ihren Schwüren nicht Glauben geſchenkt hätte.

Vier Wochen ſpäter, als ich wieder im Pariſer Bois ſpazieren fuhr, begegnete ſie mir in einer Equipage an der Seite eines mir bekannten Herrn. Sie warf mir einen Blick zu, in welchem

ich wiederum las: Ich bin unſchuldig! je le jure sur la téte de mon füls!

Sie muß mich wol für einen entſetzlich dummen Menſchen gehalten haben, aber das paſſirt Einem ja ſo leicht, wenn man einer klugen Frau gegenüber ſteht.

Sie gehört hier übrigens zu jenem Confect der Badegeſellſchaft, das mit giftigen Farben angeſtrichen iſt. Sie ſind meiſt Alle von Paris herübergekommen und geben wirklich der Societät einige Couleur. Man begegnet ihnen gruppenweiſe auf allen ſchönen Punkten des Rheingaues, und wie in Paris der Sport ohne ihre Protection nicht beſtehen kann, treiben ſie auch bei uns ihre eigenthümlichen Beſchäftigungen, wie die obige kleine Scene beweiſt, die ich neulich bei Eltville am Ufer belauſchte. Sie kutſchiren, angeln, ſchießen, reiten, daß es eine Luſt iſt; ſie jagen, was ihnen vorkommt, auch Vögel und Waſſerratten, und Eine von ihnen ſah ich kürzlich in Lorch ein ganzes Arſenal von Waffen undJagd⸗ geräth für alle Fälle auspacken. In ihrer Geſellſchaft fehlen niemals ein paar petits crevés vom Boulevard des Italiens, und der Rheinwein erhitzt ihre gepuderten Köpfchen oft bis zu den unglaublichſten Tollheiten.

Für die Hotelwirthe der Rhein⸗ und Taunusſtädte ſind ſie natürlich das ergiebigſte Hochwild, als welches ſie im Grunde uns Alle betrachten, denn ſobald wir auf Reiſen, ſind wir für ſie ein Stück Wild, daß ihnen vor den Schuß kommt. Ihre Rechnungen ſteigen mit jedem Jahre, und ihre Grobheit wird immer imponirender.

Als ich neulich Nachts in einem Frankfurter Hotel ſaß, er⸗ ſchien in demſelben eine ganze Karavane, angeführt von demſelben Pluto, dem Neufundländer des Frl. v. M., von der ich ſchon ge⸗

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