rechnen hat, bleibt ihm nichts übrig, als die ihm widerfahrene Betrügerei zu verſchmerzen; denn iſt auch Polizei und zwar tüch⸗ tige Hafenpolizei zur Hand, ſo ſind die falſchen Spielgeſellen dennoch klüger und wiſſen ſich rechtzeitig aus dem Staube zu machen.
Schon mit Tagesgrauen beginnt das Leben am Hafen. Waaren, Kiſten und Ballen kommen auf Wagen und werden durch Maſchinerie von oben herab in Schuten herniedergelaſſen, um von dieſen weiter in die großen Schiffsräume ſpedirt zu werden. Ebenſo begegnen ſich in der Frühe Hunderte von Schuten, die Kaufmannsgüter vom Bord der Schiffe geholt und ſie nun den Speichern in der Stadt zuführen.
Die große Anzahl Fleethe Ganäle), welche ſich netzartig durch die ganze Stadt ziehen, ermöglichen es, daß alle Waaren direct aus den Schiffen, die im Hafen liegen, zu Waſſer an Ort und Stelle, alſo in die Räume des Kaufmanns gebracht werden können.
Der Verkehr zu Waſſer durch die Stadt erleichtert die Waaren⸗ Aus⸗ und Einfuhr um ein Bedeutendes. Die Fleethe ziehen ſich am Hintertheile der Geſchäftshäuſer hin, und werden von deren Fenſtern und Luken aus die Ballen in die unten harrende Schute hinabgelaſſen. Ein bis zwei Mann rudern gewöhnlich ein ſolches Fahrzeug. Das Schauſpiel, von irgendeiner der Brücken aus betrachtet, die Hamburg zu mehrern und zwar in ſchönen Exem⸗ plaren hat, iſt ein gar nicht unintereſſantes. Zwiſchen den kauf⸗ männiſchen Schuten erſcheinen die kleinen ſchlanken Böte mit Ver⸗ gnügungsluſtigen, oder mit Milchleuten, von den Elbinſeln her, oder es ſind bewimpelte Cver, mit Fiſchen und Grünzeug ange⸗ füllt. Kommen wir weiter aus den Fleethen in die Elbe hinein, begegnen uns im Fluge dahineilende Dampfer, die entweder zur Communication zwiſchen Hamburg und Steinwärder, Blankeneſe und Harburg beſtimmt, oder die den Weg nach Cuxhaven ein⸗ ſchlagen, um von da weiter nach England, Amerika u. ſ. w. zu fahren.
Stolze, gewaltige Fahrzeuge ſind's, ſolche Dampfer, z. B. von der Hamburg⸗Amerikaniſchen Packetgeſellſchaft; wahre Koloſſe ſind's, wenn ſie ſo vor der Landungsbrücke liegen und in dumpfen Tönen den Dampf aus ihren Eſſen loslaſſen. Es iſt, als hätte das Rieſengethier Leben und hauchte es den„Odem ſeines In⸗ nern“ aus. Wir können der Verſuchung nicht widerſtehen, einen ſolchen Packetdampfer zu betreten. Der erſte Eindruck, den er auf dem Verdeck macht, iſt der einer ſehr großen Reinlichkeit. Steigen wir in die Kajüten hernieder, treffen wir eine Eleganz, einen Comfort, der an die Salons unſerer Honoratioren erinnert. Hier iſt nichts vergeſſen, was zur Bequemlichkeit eines Paſſagiers dienen könnte. Ein Geſellſchaftsſalon mit geſchmackvollen Ge⸗ mälden, großen Goldſpiegeln und Bildhauerverzierungen, eine Bibliothek, eine tadelloſe Mittagstafel, beſtehend aus verſchiedenen Gängen, eine freundliche Behandlung von Kapitän und Offizieren,
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höfliches Benehmen der Matroſen— das ungefähr begegnet uns wenn wir aus unſerer Kajüte kommen. In dieſer ſelbſt haben wir Alles, was wir zur Reiſe brauchen. Bettvorrichtung, Waſch⸗ tiſch, Kommode, Tiſch, Sitze und eine geſund ventilirte Räumlich⸗ keit. Es mangelt uns an nichts, und bieten ſie in dieſer Hinſicht weit mehr als die Segelſchiffe. Natürlich ſind die Reiſekoſten auf einem letztern bedeutend billiger, wem es aber darum zu thun iſt, ſchnell an Ort und Ziel zu kommen, ohne dabei auf der Reiſe viel den Verluſt der Häuslichkeit zu verſpüren, dem iſt ein Packet⸗ dampfer auf jeden Fall anzurathen. Ueberdies iſt die Gefahr auf einem ſolchen eine weit geringere, als bei einem Sturm und Wetter monatelang ausgeſetzten Segler.
Die Abfahrt eines Packetdampfers, eines Auswandererſchiffes, macht immer einen feierlichen, ernſten Eindruck. Noch mehr das Segelſchiff, da es ruhig und langſam über die glatten Wellen hinſtreicht und kaum große Furchen im Waſſer hinterläßt. Der Dampfer aber ſchäumt und ſpritzt wild um ſich, erſt langſam, dann immer ſchneller und ſchneller. In dicken Säulen quillt der Dampf aus den Röhren heraus. Auf dem Verdeck haben ſich zum Lebewohl die Paſſagiere verſammelt; ſie ſchwenken die Tücher und Hüte, und die Anverwandten am Ufer werfen ihnen Kuß⸗ hände zu. Ach, wer keine Freundesſeele am Ufer ſtehen hat und ſo Abſchied nimmt von der Heimaterde, vom Vaterland, von Europa— o Gott, welche Gefühle mögen dieſes Auswanderers Bruſt bei dieſer Abfahrt durchzucken! Vieler Augen füllen ſich mit Thränen— wir ſchwencken ſelbſt unſern Hut, obgleich keine Seele auf dem Schiffe iſt, die wir kennen, aber ein brüderlich Gefühl iſt's, das uns durchzuckt, das uns hinüberwinken läßt nach für immer ihre Heimat verlaſſenden Auswanderern. Mütter mit ihren Kindern ſtehen auf dem Verdeck, ſie verfolgen fort und fort mit ihren Augen das ihnen immer mehr entſchwindende und ſich verkleinernde Küſtenland, und wenn ſich der letzte grüne Baum ihren Blicken entzogen, ſchreiten ſie langſam hinab in ihre Kajüte und laſſen ſich für dieſen Tag nicht mehr auf dem Ver⸗ deck ſehen. Ja, ja, es liegt ein eigener Zauber in dem Worte Heimat, und wir fühlen dieſen erſt recht, wenn wir ſelbſt auf dem Verdeck ſtehen und zum letzten Mal die Heimat grüßen.
Still und traurig geht ſelbſt mancher bloße Zuſchauer am Hafen, nachdem er dieſem Abfahrtsſchauſpiel beigewohnt, nach ſeiner Wohnung zurück. Das Leben am Hafen wird durch den Abgang eines ſolchen Auswandererſchiffes ſchon um ein Merk⸗ liches kleiner, aber am andern Tage füllen ſich von Neuem die Landungsbrücken, die Logirhäuſer, die Kneipen, alle Wochen gehen mehrere Male Auswandererſchiffe ab, dazwiſchen kommen große Dampfer mit Rindvieh, die nach England gehen, mit Schweinen und Schafen,— ho, das iſt ein Lärmen und Schreien den ganzen Tag, man langweilt ſich keinen Augenblick am Hafen, und es lohnt ſich, eine halbe Stunde ſeinem Zuſchauen zu opfern.
Otto Spielberg.
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Bade-Photographien.
VI.
Volksverſammlungen bei fünfunddreißig Grad Hitze zur Be⸗ rathung über die Zuſtände des Landes und zur Beſchließung einer Petition an den König! Ich habe ſchon neulich zugegeben, daß hier in Naſſau Vieles im Argen; ich gebe ſogar zu, daß man von Seiten der Regierung weniger junge und mit den Ver⸗ hältniſſen des Landes unbekannte Beamte
nach Naſſau ſchicken ſollte. Eben ſo wahr aber auch iſt es, daß man hier im Grunde eigentlich nicht genau weiß, was man will.
F ½„Zu Naſſau's Zeiten war's beſſer, Kwar's anders!“ Das iſt der ſtete Refrain. Man hat ſich einmal in den Kopf geſetzt,
die preußiſchen Steuern ſeien höher als die
irgendeines andern Staates, man ſei ein Opfer dieſes Steuer⸗ ſyſtems, und man zahlt deshalb mit Seufzen aus blutendem Herzen. Ich weiß nicht, was ſie auf der Volksverſammlung beſchloſſen haben, aber ich muß geſtehen, dieſe politiſche Unzu⸗ friedenheit, von der man als Badegaſt umgeben iſt, hat oft etwas Unerquickliches. Sie mögen uns Preußen hier nicht; ſie ſehnen ſich zurück zum alten Schlendrian, da der Landesvater der Herzog Adolph und die Landesmutter die Spielbank war. Er geht hier, wie es immer geht, wenn man was verloren hat. Früher habe ich niemals recht was Gutes vom Herzog hier erzählen gehört; jetzt aber treten ihnen oft die Thränen in die Augen, wenn ſie von ſeiner Herzensgüte und ſeiner väterlichen Regierung ſprechen.
Inzwiſchen herrſcht hier infolge jener„berechtigten Eigen⸗ thümlichkeiten“ eine heilloſe Confuſion in allen Angelegenbeiten, die unſer Portemonnaie angehen. Die Landesmünze iſt die alte
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