Jahrgang 
1868
Einzelbild herunterladen

½

721

der benachbarten Ortſchaften vereinigt. Das der tanzluſtigen Jugend verhaßte lange und etwas förmliche Mittagsmahl war endlich bis zu ſeinem Schluß gediehen, und während die Jungen mit wunderbarer Schnelligkeit die ſchweren Tiſche auf der geräumigen Hausflur beſeitigten und an deren oberm Ende den Muſikanten eine behagliche Stätte bereiteten, begaben ſich die ältern Männer und Frauen in die verſchiedenen Zimmer oder in den ſchattigen Obſtgarten, um dort in aller Ruhe ihre Lieblingsgetränke zu ſchlürfen und nach Herzensluſt zu plaudern.

Unter den im Garten ſitzenden Gruppen zeichnete ſich eine vor allen übrigen durch den auffallend leiſen Ton aus, in welchem ſie ihr Geſpräch führte. Sie beſtand nur aus drei Perſonen: einem alten Fiſcher aus Nerbin, einem Wirth aus Wieritz und dem Schulzen aus Danneik, einem zwiſchen Woll⸗ now und Nerbin gelegenen Orte. Sie unterhielten ſich von mehrern Unglücksfällen, die ſich im Laufe der letzten vier Wochen ereignet hatten, und bei jedem derſelben wußte der Fiſchet, der mit einer ſeltenen Zähigkeit an den Jahrhunderte alten Ueberlieferungen ſeines Stammes feſthielt, eine Reihe vonVorlauten*) anzuführen, aus denen von ihm ſel⸗ ber oder von Andern auf das, was ſich begeben hatte, ge⸗ ſchloſſen worden war. Dann kam die Rede auf ähnliche un⸗ heimliche Dinge, und wiederum war es der greiſe Garpke ſo hieß der alte Fiſcher der Hunderterlei geſehen und ge⸗ hört haben wollte, was dem Schulzen und dem Wirth un⸗ bekannt geblieben war oder von ihnen theils angezweifelt, theils beſpöttelt wurde.

Als ich neulich mit einem Korb voll Fiſche nach der Stadt gegangen war, erzählte er unter Anderm,ließen mich einzelne meiner Kunden ſo lange warten, daß ich erſt ſpät Abends den Heimweg antreten konnte. Die ſchmale Mond⸗ ſichel und die Sterne verbreiteten jedoch ſo viel Licht, daß ich auf eine ziemliche Strecke jeden Gegenſtand deutlich zu er⸗ kennen vermochte.

Ich ſchritt wacker aus, kam aber doch erſt gegen elf Uhr an den großen Tannencamp, an deſſen Südſeite der Pfad hinläuft und an deſſen Weſtſeite ſich die Landesgrenze hin⸗ zieht. Wenn ich bei Nacht wandere, ſchau ich immer fein ordentlich umher, denn ich hab' meine Freud an den ſchönen Bildern, die man da ſieht, und an den wunderbaren Stim⸗ men, die man da hört.

Ich mochte noch etwa hundert Schritte von dem Tan⸗ nencamp entfernt ſein, da gewahrte ich an deſſen anderm Ende einen Mann, der ruhig daſtand, gleich als ob er auf Jemand warte. Ich meinte anfangs, es ſei der Förſter, der den Wild⸗ und Holzdieben auflauere, oder der Controleur**) Hagers, der einen Trupp Schmuggler abfangen wolle al⸗ lein als ich näher kam, ſah ich an der Kleidung des War⸗ tenden, daß es keiner von Beiden ſein könne. Neugierig bin

ich nun einmal, und ſo ſchlich ich denn in das dichte Gehölz⸗

und eilte auf dem engen Pfade, der im Innern hinläuft, in die Nähe der Stelle, wo ich Jenen bemerkt hatte.

Anfangs drehte er mir den Rücken zu und blickte auch ſo unverwandt nach einem Punkte gegen Südoſten, daß ich nicht im Stande war, auch nur einen Theil ſeines Geſichts ins Auge zu faſſen. Endlich drehte er ſich aber vor Schrecken hätt' ich bald einen lauten Schrei ausgeſtoßen ſein Geſicht war kohlſchwarz! Mir ward es angſt und bange, und in wilder Haſt rannte ich auf einem großen Umwege nach Hauſe.

Das iſt ja eine fabelhafte Geſchichte! rief der wohl⸗ beleibte Wirth mit vielſagender Miene.

Hm! mir kommt ſie nicht fabelhaft vor, murmelte der Schulze unhörbar vor ſich hin.Der alte Garpke iſt ent⸗ weder ein Haſe oder beſitzt eine große Portion Einfalt! Habt Ihr den Mann denn nicht an ſeiner Statur, ſeiner Haltung und ſeiner Kleidung erkannt? fragte er nach einer

Pauſe.

) Vorbedeutung, Anzeichen eines bevorſtehenden Unglücks.

**) Allgemein gebräuchliche Bezeichnung für einen Zollbeamten.

Der alte Fiſcher ſchien keineswegs ſo einfältig zu ſein, wie Jener glaubte, denn er blickte eine Weile nachdenklich vor ſich nieder und erwiderte darauf mit einer eigenthümlichen Betonung:

Erkannt hab' ich ihn nicht, denn ich möchte niemals ſagen, ich hätte Jemanden erkannt, deſſen Geſicht ich nicht geſehen!

Dann habt Ihr vielleicht eine Vermuthung, wer der Mann mit dem ſchwarzen Geſicht geweſen ſein könnte? fragte der Schulze.

Eine Vermuthung? wiederholte Garpke mit Bedacht. Nein, ich habe auch keine Vermuthung. Das Einzige, was ich ſagen kann, fügte er mit leiſerer Stimme hinzu,iſt, daß der Mann in ſeiner Statur und Kleidung Aehnlichkeit mit Johann Grambow hatte.

Mit Johann Grambow! rief der Wirth, indem er mit den Zeichen der höchſten Ueberraſchung aufſprang.Mit Johann Grambow, dem Bruder des kürzlich verſtorbenen Juckers Heinrich Grambow?

Ja, den mein' ich, verſetzte der alte Fiſcher mit der größten Ruhe.

Der Schulze, dem der ehemalige Pferdehändler ſehr wohl bekannt war, ſchien ebenfalls im höchſten Grade überraſcht zu ſein, ließ ſich dies jedoch in keiner Weiſe merken. Er be⸗ mühte ſich auch, das Geſpräch auf andere Dinge zu lenken, aber ſeine Geſellſchafter gingen nicht darauf ein. Eigenthüm⸗ lich war es indeſſen, daß jeder von ihnen es mit einer ge⸗ wiſſen Aengſtlichkeit vermied, über den Zweck zu ſprechen, welcher den Mann mit dem ſchwarzen Geſicht nach dem Tan⸗ nencamp geführt haben konnte, daß Beide die Frage, ob Grambow es geweſen ſei, oder nicht, mit keiner Silbe weiter erörterten, und daß ſie ſich zuletzt ausſchließlich nur mit der Perſon des Letztern beſchäftigten.

Mir hat der finſtere Menſch nie gefallen wollen, ſagte der Wirth.Ich meine, daß Jemand, der ein gutes Ge⸗ wiſſen hat, nicht Jahr aus Jahr ein düſter und in ſich ge⸗ kehrt dahinſchleichen kann. So unglücklich iſt Keiner, daß ſein Geſicht nicht dann und wann einmal einen freundlichen Aus⸗ druck annähme.

Nun, darüber braucht Ihr euch nicht zu wundern, entgegnete der Fiſcher.Betrachtet nur ſeine Augenbrauen, die ſind über der Naſe zuſammengewachſen, ſo daß es ausſieht, als ſei die Stirn durch einen breiten ſchwarzen Strich von dem untern Theil des Geſichts getrennt. Menſchen mit ſol⸗ chen Augenbrauen beſitzen eine wilde Gemüthsart, und wer mit ihnen anbindet, kommt zu Schaden.

Ja, ſo ſagen die Leute, die ſich auf ſolche Dinge ver⸗ ſtehen.

Ich begreife wirklich nicht, wie die Tochter ſeines ver⸗ ſtorbenen Bruders, die jetzt bei ihm iſt, mit ihm auskommt, fuhr Jener fort.Er thut ihr zwar alles Mögliche zu Ge⸗ fallen aber, du lieber Gott, was ſoll das arme Mäd⸗ chen in dem öden Hauſe beginnen?

Iſt es denn wahr, daß er ſtark verſchuldet iſt?

Das vermag ich nicht zu ſagen wenn es aber der Fall iſt, ſo muß man ihm das Zeugniß ertheilen, daß er ſich ſtets nach der Decke geſtreckt und niemals einen Pfennig leichtſinniger Weiſe ausgegeben hat.

Ja, das iſt wahr, beſtätigte der Wirth.Wenn er ja einmal ein Stündchen in meinem Schenkzimmer jitzt, iſt er ſtets mit einem einzigen Glaſe Bier zufrieden, während alle Andern drei oder vier Gläſer trinken.

Es thut mir leid, daß die Leute ihm überall aus⸗ weichen, fuhr der alte Fiſcher fort,denn er kann doch nichts dafür, daß ihm die wilde Gemüthsart angeboren iſt, und daß dieſe ihn vielleicht zu unrechten Dingen verführt hat.

Einige näher herzutretende Hochzeitsgäſte machten hier der Unterhaltung ein Ende. Der Wirth und der Fiſcher knüpften ſogleich ein Geſpräch mit ihnen an, der Schulze ſchritt dagegen in ſichtlicher Aufregung dem Hauſe zu und

murmelte leiſe vor ſich hin:

8

Jetzt iſt mir Manches klar, was ich früher nicht be⸗

ode mer

die der

nein ito