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huſchte es wie ein flüchtiger Schatten über ihre Stirn, und ſie ſchüttelte das Haupt, und ihr großes, braunes, mattes Auge richtete ſich wie flehend zu Guſtav's Geſicht auf, indeß ihre zitternden Finger ſich feſter um ſeine Hand ſchloſſen.
„Plötzlich hören wir vor der Thür draußen ein Geräuſch: ſchwere Männertritte, welche die dunkle, ſteile Treppe herauf⸗ ſtolpern. Jetzt geht die Thür auf und Director T..... ſtürmt herein, hinter ihm— gerechter Himmel!— mit Geige und Noten unſer Kapellmeiſter!
„„Na, Schatz, ſind wir bald wieder geſund?» ruft er, indem er ſofort einen Stuhl vor das Bett der Kranken rückt und geräuſchvoll darauf Platz nimmt.«He, he! Iſt ein Wundermann, der Doctor! Aber s freut mich! Nu können wir auch bald wieder Komödie ſpielen! He, he! Haben ſich die Rolle, den Joſeph, ſchon angeſehen? was? eine Pracht⸗ rolle! In acht Tagen, denk' ich, kann das Stück ſein. Da hab' ich unſer Kapellmeiſterchen mitgebracht, ſoll die Muſik gleich ein bischen mit Ihnen durchgehen!“ Und damit nahm er dem hinter ihm Stehenden ein Heft Noten ab und ſchob es der Kranken in die Hände. Dann ſtand er auf, drückte den Kapellmeiſter an ſeiner Statt auf den Stuhl hin, rückte ein kleines Betttiſchchen vor ihn hin, legte die Partitur, die er Jenem unterm Arm wegzog, aufgeſchlagen darauf und— (So, nun kann's losgehen! mit den Worten ſtellte er ſich breitbeinig, die Arme in die Rippen geſtemmt, hin, um den Beginn der von ihm ſo kategoriſch arrangirten Lehrſtunde ab⸗ zuwarten.
„Wir zwei Andern hatten dieſe ganze Procedur voll tie⸗ fen Erſtaunens, ja mit ſprachloſer Empörung mit angeſehen. Das war denn wirklich ſtark! Dieſe Inſolenz, dieſe hart⸗ herzige Unverſchämtheit grenzte denn doch ans Unglaubliche! Endlich fand ich zuerſt Worte:(Director», rief ich,(nein, ich begreife Sie nicht!»
„(Wie können Sie nur glauben—?»
„Sie ſehen doch?, fiel auch Guſtav jetzt ein,„daß es in einem ſolchen Zuſtande kaum denkbar—*
„(Was denkbar?» replicirte T..... ziemlich grob, (was verſtehen denn Sie? Ich halte mich an den Doctor, was der ſagt! Die(Maſchinenbauer? müſſen mir bis Sonn⸗ tag rauskommen!— Nehmen Sie ſich ein bischen zuſammen, Schatz— s wird ſchon gehen!'s muß gehen!»
„Und damit gab er dem Kapellmeiſter einen Stoß in die Seite, und ohne Weiteres fing der auf ſeiner Geige an, loszukratzen. Aber nun warf auch Emma, die ſich bis dahin ſtill verhalten, einen ſo flehenden Blick auf die beiden Quäl⸗ geiſter und ſtreckte die Arme ſo bittend abwehrend ihnen ent⸗ gegen und ſeufzte mit ſo durchdringlich klagender Stimme, in⸗ dem ſie mit den Händen zurück und an ihre pochenden Schläfe fuhr:(Mein Kopf! o mein Kopf! erbarmt euch!“ daß wirs nicht länger mit anzuſchauen vermochten.
„Guſtav ſprang auf, und während ich dem eifrigen Gei⸗ ger in den Arm fiel und meine Hand Ruhe gebietend auf ſein Inſtrument legte, ſtürzte er auf T..... zu, ſchob ihn unſanft zurück und rief ihm mit zorndurchwühlter, halblauter Stimme ins Ohr:(Jetzt iſts genug! Scheren Sie ſich zum
Satan! Oder wollen Sie, Fühlloſer, ein Menſchenleben auf Ihr Gewiſſen laden?! Ich dulde kein Wort weiter. Ueber⸗ legen Sie ſich draußen, was zu thun iſt! Adieu. Und
ohne viel Widerrede, durch die Energie Guſtav's völlig ver— ie ſich willenlos fortſtoßen und verſchwand polternd und mit einem unterdrückten Fluche zwiſchen den Lippen durch die Thüröffnung; ſeinen Freund Kapellmeiſter half ich ſanft nachſchieben, und wir waren, gottlob! wieder allein.
„Wir traten an Emma's Bett. Ihre Wangen waren fieberiſch geröthet; der geräuſchvolle Auftritt hatte ſie ohne Zweifel ſehr alterirt. Sie klagte über brennende Kopfſchmer⸗ zen. Guſtav ſtreichelte ihr zärtlich die Wangen, er machte ihr Umſchläge, er rückte ihr die Kiſſen zurecht, er ſprach ihr ſanften Troſt zu; endlich kam der Arzt. Dieſer ſah kaum die Kranke, als ſchon ſeine Blicke ſich fragend auf uns rich⸗ teten. Ich erklärte ihm kurz, was vorgefallen, unwillig ſchüt⸗
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telte er den Kopf, fühlte den Puls der Kranken; dann ſchrieb er neues Recept und empfahl die äußerſte Ruhe— vor Al⸗ lem Schlaftropfen zu nehmen. Ich ließ Guſtav allein zurück und begleitete den Doctor beim Hinabgehen. Vor der Haus⸗ thür ließ er nur ein unſicheres«Hm, hm!» hören und em⸗ pfahl ſich mir ſo eilig, daß ich nach Weiterm zu fragen nicht Zeit fand. Aber mir ward recht beſorgt zu Muthe, als ich heimging.
„Nach einigen Tagen gab der Arzt die Erklärung ab, die Kranke müſſe behufs beſſerer Verpflegung ſofort zu den Eliſa⸗ bethinerinnen geſchafft werden. Das geſchah denn auch. Frei⸗ lich ſahen wir die Heilſamkeit dieſer Maßregel wol ein, aber dieſer Abſchied von der Welt, womit halb auch der Abſchied zweier liebenden Herzen voneinander gemeint war, wollte uns Beiden, zumal Guſtav, doch ſchwer ankommen. Und die Thrãä⸗ nen, welche ihm verſtohlen ins Auge traten, als er an einem ſchneelichten Dezemberabende die Geliebte aus dem Haus tra⸗ gen und in den niedrigen Hospital⸗Schlitten einbetten ſah, den zwei unbekannte Männer wegzogen, und ringsum die fremden, kalten, neugierigen Geſichter, welche dem traurigen Gefährt nachblickten und dann geſchwätzig leiſe unter einander tuſchelten, dieſe Thränen hab' ich dem armen Jungen nicht verdacht, denn ſie waren ehrlich empfunden!
„Wiewol es im Kloſter nicht Sitte, daß männliche Be— ſucher zu den Patientinnen gelaſſen wurden, bei Guſtav machte man anfangs eine mitleidige Ausnahme. Er durfte wol täglich ein Stündchen am Bette der Geliebten ſitzen und leiſe Troſtgeſpräche mit ihr führen und ſich jedesmal von ihr ſagen laſſen:(Es geht beſſer, Guſtav, in acht Tagen haſt du mich wieder draußen!— Ach, ſie täuſchte ſich! Die acht Tage waren um und ſie immer noch drinnen. Und jetzt durfte ſie auch Guſtav nicht mehr ſehen.„Die Beſuche regten die Kranke zu ſehr auf?, hieß es; der Arme mußte ſich ſchon gedulden und mit dem Verſprechen des Arztes vorlieb nehmen, daß er täglich ausführlichen Rapport haben ſolle. Von nun an war ſein regelmäßiger Vormittagsſpaziergang in die Nähe des Kirchhofs, wo er ſeine Begegnungen mit dem Doctor verabredet, und viele, viele Tage lang brachte er mir nur immer die näm⸗ liche Nachricht: es gehe weder ſchlimmer noch beſſer mit der Geliebten, aber es ſei Hoffnung vorhanden.
„Endlich an einem Sonnabend Abend war er heim⸗ gekommen und hatte die tröſtliche Botſchaft gebracht, die er noch en passant von dem Doctor aufgegriffen: Emma ſei außer aller Gefahr. In acht oder zehn Tagen werde ſie das Klo⸗ ſter verlaſſen können. Wie groß unſere gemeinſame Freude war, läßt ſich denken, und lieblichere Träume, glaub' ich, als in der nun folgenden Nacht, werden das Haupt Guſtav's wol nie umſchwebt haben. Der Sonntag brach an. Es mochte in der achten Morgenſtunde ſein, als ich zuerſt auf⸗ wachte: ach, die geſtrige frohe Aufregung hatte uns müde ge⸗ macht. Ich lag noch halb träumend, als plötzlich jener be⸗ kannte, helle Glockenton an mein Ohr ſchlug, welcher die aufflatternde Seele eines Dahingeſchiedenen zum Himmel be⸗ gleitet.„Die Sterbeglocke!“ flüſterte ich ſchauernd in mich hinein.„Mein Gott, wem mag die gelten?? Auch Guſtav, der mir gegenüber lag, war von dem durchdringenden Klang er⸗ wacht und horchte, allein er ſprach nichts, und ich hütete mich wol, unſere Morgenunterhaltung, zumal am Sonntag mit derlei Dingen anzufangen.
„Wir kleideten uns ſtumm an. Um zehn Uhr war Probe zu dem heutigen Stück, der Poſſe„Robert und Bertram angeſagt. Ich ging etwas ſpäter vom Haus weg. Im Theater fand ich die Mehrzahl der Mitglieder bereits bei⸗ ſammen; ich ſah ſie um den Bühnenofen herum auf einem Fleck ſitzen und ſich leiſe und angelegentlichſt unterhalten. Indem ich hinzutrete, ruft mir eine zunächſtſitzende Dame ſofort zu:
„„Wiſſen Sie ſchon, H.. 2 Die Wormann iſt heute Nacht geſtorben!*
„Ich ſtand wie vom Donner gerührt das Todtengeläute!
„„Nicht möglich! rief ich mit unſicherer Stimme.(Der Arzt ſagte ja noch geſtern—
Das war alſo
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