Jahrgang 
1868
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Die Reiſe ging trefflich und ohne ein Abenteuer von Statten.

Ein warmblütiger Humor und die wandernde Rumflaſche

tapfer Stich. Man ſang, pfiff, lachte und lärmte durchein⸗ ander; ein paar Kohlbauern, die des Weges daherfuhren, mußten glauben, Beelzebub mit ſeinen Heerſchaaren ſei im An⸗ zuge. Unter den Damen war der ausgelaſſenſte Tollkopf heute Emma. Ich mußte mir die Seiten halten vor Lachen, als ſie im(Rothen Lamm zu P..... allwo wir Mittags⸗ quartier hielten, unſern Director mit dem drolligſten Ernſte zu perſuadiren ſuchte, den Tag hier zu bleiben und am Abend eine Komödie zu entriren, damit(wie ſie ſagte), doch di P er mal was Rechtes zu ſehen kriegten und insbeſondere ihren(Hornpipe bewundern könnten. Er ſolle es nur Mittags austrommeln laſſen. Komiker(Langnaſe» könne ja die Quaſimodo⸗Jacke anziehen!Ach, Directorchen, Papachen! rief ſie, indem ſie jauchzend an ſeinem Halſe hing und mit den Füßen in der Luft zappelte,das wäre ein Häuptſpaß! Den Gefallen müſſen Sie uns thun! Sie kriegen auch einen rechten derben Kuß von mir, Papachen! He, was? Er hatte Noth, ſich von dem tollen Mädchen loszumachen. Natürlich konnte nichts daraus werden, ſo himm liſch auch die Idee war. Aber den Unband verdroß das; ſie wurde auf einmal recht einſilbig; und ich merkt' es wol, die Schmetterlingsflügel ihres Humors waren lädirt worden.

Gegen 6 Uhr Abends fuhren wir in die dunkeln Fe⸗ ſtungsthore von N. ein. Emma ſaß an der Seite Guſtav's mir gegenüber. Die letzte Wegſtunde hatte ſie kein Wort mehr laſſen fallen; wie in Träumen verſunken blickte ſie ſtarr vor ſich hin. Jetzt durchfuhr ſie ein leiſer Schauer, als die Rä⸗ der plötzlich dumpf über die Zugbrücke hinrollten und im nächſten Augenblicke unter der hohen finſtern Thorwölbung jenen unheimlich hohlen Widerhall hervorriefen, der ſo be⸗ ängſtigend wirkt.Mein Gott, wie das ſchauerlich klingt! flüſterte ſie leiſe vor ſich hin und lehnte ſich feſter an Guſtav, cich weiß nicht, wie mir auf einmal iſt? Als brächte man mich in ein Gefängniß, aus dem ich nie mehr heraus ſoll!» Wir blickten ſie erſchrocken an. Armes Kind! Wie bald ſollte ſich deine Ahnung beſtätigen!

Wir waren noch keine zehn Tage in N.., als eine wiederholte Krankheit ſie aufs Bett warf. Man ſagte uns, unter zehn Fremden, welche ſich in der Unglücksſtadt nieder⸗ laſſen, treffe ſieben oder acht dies Schickſal. Und es iſt Wahr⸗ heit! Was daran Schuld haben mag, ob Waſſer oder Luft in der Gegend, ich weiß nicht allein jene grauenhafte Seuche, die, als ſie in Europa zuerſt bekannt wurde, ſich das unglückliche Oberſchleſien zu einem dauernden Aſyl wählte, der Typhus, hatte juſt damals auch zu N. eine ſeiner Haupt⸗ ſtationen errichtet. Im Buche meiner Erinnerungen ſtarrt mir hinter dieſem Namen immer und ewig das Epitheton(Todten⸗ ſtadt» in ſchwarzen Lettern entgegen. Denn wir hatten uns, Guſtav und ich, leider in einer Wohnung der Berliner Straße, durch welche der Weg zu den Gottesäckern hinausführt, ge⸗ meinſam eingemiethet, und es verging in Wahrheit kein Tag, an welchem nicht wenigſtens ein Leichenzug unter unſern Fen⸗ ſtern vorüber geſchlichen wäre.

Offenbar hatte ſich das arme Mädchen nach ihrer erſten kaum überſtandenen Krankheit in L.. allzu viel zugemuthet, hatte den übertriebenen Anforderungen der Direction zu willig nachgegeben, ſo kam es, daß ihre Kräfte nach der fünften, ſechsten Rolle, welche ſie hier innerhalb einer Woche geſpielt hatte, jäh wieder zuſammenbrachen. Alle Shymptome ihrer Niederlage wieſen darauf hin, daß ſie ein Opfer dieſer 6 Seuche zu werden drohe, die ich eben genannt habe.

Und ſehen Sie, Freund, hier tritt das gemeine, grauen⸗ hafte Loos recht zu Tage, das dem Schauſpieler aus dem empörenden Widerſtreite ſeiner Berufspflicht mit den Zufällig⸗ keiten ſeines menſchlichen Ichs immer erwachſen kann. Hier iſt einer der Fälle, in welchen eine hartfellige Direction ſich verflucht, nicht ſtatt der üblichen Vertragsclauſel:

Längere Krankheit des Mitgliedes N. N. berechtigt die

Direction, dieſen Contract in allen ſeinen Theilen zu löſen?,

jene viel kräftigere eingeſchaltet zu haben: die ihn dann und wann anfachte, hielten dem rauhen Froſtwetter

Das Mitglied N. N. verpflichtet ſich, überhaupt niemals krank zu werden. Jede Contravention hingegen iſt einem Contractbruche gleich zu achten und zieht nicht nur ſofortige Entlaſſung, ſondern auch den Verluſt der laufenden Gage nach ſich.

Und das wäre wol auch hier eingetroffen, wäre nicht in ſo großer Verlegenheit um Erſatz geweſen und hätte er nicht täglich gehofft, es werde die Krankheit der Schauſpielerin, die in der kurzen Zeit ſchon zum Liebling des Publikums creirt war, von nicht gar zu langer Dauer ſein! Seine augenblickliche Lage war freilich troſtlos genug. Emma war ihm noch immer tragiſche Liebhaberin und Soubretten⸗Rem⸗ plagantin in einer Perſon geweſen. Denn als er damals die Ent⸗ deckung ihres Geſangstalents gemacht(pah!l' hatte er da ge⸗ meint, was brauch' ich denn noch nun überhaupt eine Soubrette? Das Geld kann ja nun erſpart werden! Einen Fall wie dieſen hatte er aber nicht berechnet; und ſo ſaß er nun da, rannte er nun umher hülf- und rathlos: wer ſollte jetzt all die Rollen ſpielen, die Emma in Beſitz gehabt? Wie ſollte über⸗ haupt jetzt ein Repertoire zu Stande kommen ohne ihre Mit⸗ wirkung? Und zu dem Unglück noch das größere: das Publikum fing an, auszubleiben. Man war mit den lückenhaften Vor⸗ ſtellungen nicht zufrieden; die Theaterluſt hatte ſich im Gan⸗ zen flau angelaſſen, jetzt drohte ſie völlig zu verlöſchen. Weirauch'sMaſchinenbauer? waren damals en vogue. hatte ſich die Poſſe kommen laſſen, weil er durch ſie hoffte, ſein ſinkendes Schiff wieder flott zu machen. Ueber Hals und Kopf wurde ſie einſtudirt. Aber die eine Rolle, den(Joſeph», wer ſollte den ſpielen? Da ſtockte es! Da war Holland in Noth! Ach, es war zum Verzweifeln!

Wird mir das Frauenzimmer nicht bald geſund? fuhr er Guſtav eines Tages an.

Der arme Junge, dem die Lage ſeiner Braut ſo ſchon den Kopf heiß machte, fühlte ſich empört ob dieſer Herzloſig⸗ keit.Pfui!» machte er grob und wandte ihm einfach den Rücken.

Nu nu! auch das noch? Die verfluchten Lieb⸗ ſchaften! ſchimpfte der Alte ihm nach.Das hat man da⸗ von! Wer weiß, was dem Frauenzimmer am Ende gar fehlt? Wird ſich Eins haben anbinden laſſen gewiß! und nun liegt ſie mir da! und nu kann ich ſehen, wo mein Geſchäft bleibt? Verfluchte Wirthſchaft das! Will aber gleich zum Doctor, der ſoll ſie mir unterſuchen, der ſoll mir auf Eid und Gewiſſen erklären*

Ja, lieber Gott! was konnte ihm der Arzt anders ſagen, als:

Dummheiten! was Sie ſich wol einbilden? ſatz zum Nervenfieber iſt's, weiter nichts!

Aber mein Geſchäft mein Geſchäft, Doctor! Ich bitte Sie!» jammerte T..... und rang verzweifelnd die Hände.

(Jal» machte der Arzt.

Können Sie denn gar nichts thun? die Geneſung denn gar nicht beſchleunigen? drängte T..... wieder.

Hm, hm! ja je nun» replicirte der Arzt, indem er bedenklich die Achſeln zuckte.'s ginge wol an, aber gewagt! ſehr gewagt!

Was thut's denn? Ich bitte Sie mein Geſchäft, Doctor! Ich brauche das Frauenzimmer immer wie's liebe Brot! Alſo, was zu machen iſt ich bitt' Sie!

Na, wollen ſehen!»

Und damit ſchieden die Beiden auseinander.

Ich weiß nun nicht, welche Parforce⸗Mittel der Arzt anwandte, allein nach ein paar Tagen ſchien's doch, als ob der Zuſtand der Kranken ſich beſſern wolle. Wir ſaßen theil⸗ nehmend an ihrem Bette: Guſtav ihr zu Häupten. Er hielt ihre weißen, durchſichtigen Finger in ſeiner Rechten; die Linke ruhte auf ihrem Kopfkiſſen und ſpielte ſanft mit den aufgelöſten dunklen Haarlocken der Geliebten. Wir ſprachen uns leiſen Troſt zu.

Ein An⸗

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Emma lächelte ein paar Male, dann

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