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vor ihrem Oheim zu überwinden, aber die Liebe, welche er ihrem Vater und ihr bewieſen, und das letzte Geſpräch zwiſchen den beiden Brüdern hatte etwas ſo Rührendes für ſie, daß ſie ſich vornahm, ihrem neuen Beſchützer wenigſtens äußerlich mit der größten Freundlichkeit zu begegnen.
So wanderte ſie denn mit dem Letztern um Tagesanbruch nach Nerbin, nachdem ihr Verlobter und deſſen Mutter feier⸗ lich verſprochen, jeden Wunſch, welchen ihr Vater hinſichtlich ſeiner Beſtattung geäußert, aufs Gewiſſenhafteſte zu erfüllen.
Als ſie das kleine Haus betrat, worin ihr Oheim wohnte, und in welches ſie ſeit Jahren keinen Fuß geſetzt hatte, ward ſie von einem unheimlichen Gefühl und von einem ſeltſamen Bangen ergriffen. Alle Räume ſahen wüſt und öde aus: die Fenſter waren halb erblindet, an der Decke und in den Win⸗ keln der Zimmer hingen Spinnengewebe, die Tiſche, Stühle und Bänke waren mit dickem Staub überzogen, und auf der Flur lagen Haus⸗ und Ackergeräthe herum. Der Gedanke, daß ſie hier, wo Alles in ſchneidendem Gegenſatz zu ihrer ſchönen Heimat ſtand und ihr den Verluſt, den ſie erlitten, zehnfach fühlbar machte, ein ganzes Jahr zubringen ſolle, ging ihr wie ein Meſſer durchs Herz, und ſie begann laut zu ſchluchzen. Ihr Oheim ahnte ihre Empfindungen, und ihre Hand ergrei⸗ fend, ſagte er mit ſanftem Ton:
„Weine dich nur recht aus, liebe Marie— ich weiß, daß dir hier Alles fehlen wird, was du in Wieritz gehabt haſt. Aber dies Haus und das Wenige, was darin iſt, kannſt du von Stund' an als dein Eigenthum betrachten und damit ſchalten und walten, wie es dir gefällt. Ich bin nicht im Stande, dir das Leben zu erheitern— ich bin ein finſterer, verbitterter Menſch und muß vom frühen Morgen bis ſpät in die Nacht auf Erwerb bedacht ſein, da ich zwei Drittel des Geldes, welches ich mir vor Zeiten durch den Pferdehandel verdient, bei dem Bankrott eines betrügeriſchen Hofbeſitzers in Wellahn verloren habe. Weil ich bei einigen Kaufleuten in der Stadt arbeite, ſo komm' ich manchmal erſt ſpät heim, habe jedoch Hunger und Durſt ſchon unterwegs geſtillt. Kümmere
dich daher nicht um mich, ſondern richte dich hier ein und lebe ſo, wie es dir gefällt. So oft du willſt, kannſt du ja nach
der Mühle gehen, und die Frau Tarmin wird dich auch gewiß jede Woche ein paar mal beſuchen.“
Dieſe Worte beſänftigten den Schmerz Mariens einiger⸗ maßen, und um ſich zu zerſtreuen, begann ſie, die wüſten Räume etwas wohnlicher zu machen, während Grambon in Hof und Garten ging, um auch dort zu ordnen und zu lichten.
Drei Tage ſpäter ward der Jucker beſtattet. Der alt⸗ hergebrachten Sitte gemäß bilden im wendiſchen Lande nicht nur die Angehörigen und Freunde des Verſtorbenen das Trauer⸗ geleit, ſondern auch ſämmtliche Bewohner und Bewohnerinnen des Dorfes müſſen ſich dieſem anſchließen. Zuerſt kommen die Männer, ihnen folgen die Frauen und Mädchen. Jede nähere Anverwandtin des Dahingeſchiedenen iſt von Kopf bis zu Fuß in ein weites weißes Leintuch gehüllt, welches ſo über das Geſicht gezogen und mit den Händen feſtgehalten wird, daß nur Augen, Naſe und Mund frei bleiben.
Die arme Marie wäre vor Weh faſt zuſammengebrochen, als ſie in ihrer ſchauerlichen Hülle an der Spitze der leid⸗ tragenden Frauen und Mädchen unter dem Geläut der Glocken langſam vom verlorenen Vaterhauſe nach dem Friedhofe ſchritt; ihr Oheim ließ dagegen kein Zeichen des Schmerzes blicken— vor den Augen der Welt verſtand er ſich zu beherrſchen. Auf⸗ recht ging er mit dem jungen Müller Tarmin unmittelbar hinter dem Sarge her— allein ſein todtenbleiches Geſicht ver⸗ rieth Denen, die ihn genauer kannten, welchen Kampf es ihm koſtete, eine äußere Ruhe zur Schau zu tragen. Nur einmal drohte dieſe ihn zu verlaſſen: es war der Augenblick, wo die erſten Erdſchollen mit dumpfem Getöſe auf den Sargdeckel fielen. Er ſtieß einen unarticulirten halblauten Schrei aus und machte eine krampfhafte Bewegung mit der Hand— unmittel⸗ bar darauf aber ſchaute er wieder regungslos und ſtarr vor ſich hin, gleich als ſei ſein Herz von Stahl oder Stein.
Die gualvolle und grauenerregende Stunde war endlich vorüber; die unheimlichen weißen Geſtalten verſchwanden eine nach der andern von den grasbewachſenen Gräbern, die düſtern Reihen löſten ſich auf, und bald herrſchte auf der grünen Friedhofshöhe wieder tiefe Stille.
(Fortſetzung folgt.)
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herz und ßühne.
Eine Epiſode aus dem Theaterleben. Von C. G. (Schluß.)
„Droben in der Wirthsſtube, um den runden Tiſch, der mit Reiſeſäcken, Hutſchachteln, Provianttaſchen, Tuchbündeln, Plaids, Ueberziehern, Damenhüten und allem möglichen Weg⸗ bedarf überfüllt iſt, ſitzt ſchon eine große, bunte Geſellſchaft von Herren und Damen beiſammen. Kinder drängen ſich hindurch, taſten über den Tiſch weg, um ein Butterbrot oder ein Stück Zucker zu erhaſchen, das von dem Kaffeefrüh⸗ ſtück Mamas erübrigt. Ein decolletirtes, noch halb ver⸗ ſchlafenes Dienſtmädchen bringt ein paar Taſſen warmer Milch für die Kleinen. Monſieur Louis, der allzeit fidele Kellner, ſtürzt dienſteifrig hinters Büffet, um dem Wunſche unſeres Heldenvaters„Einen Nordhäuſer bei die Kälte!» gehorſamſt nachzukommen. Der Director rennt, den Hut auf dem Kopf, die breite, offene Brieftaſche in Händen, rechnend und zäh⸗ lend, die prüfenden Augen in alle Winkel werfend, aus und ein und ein und aus; was er eigentlich ſucht, was ihm fehlt, was er zu inſpiciren hat, Niemand weiß das; aber ſeine Würde verlangt's, er muß hinten und vorn ſein!— Eben eilt Louis, um noch ein Fläſchchen Jamaica für den Helden⸗ papa als höchſt nöthigen Reiſetröſter zu beſorgen, zur Thür hinaus; Stimmengewirr, luſtiges Grüßen ſchallt von da drau⸗ ßen; dann erhebt ſich eine komiſch klagende Stimme auf dem Hausflur:
Mich hat das unglückſel'ge Weib Vergiftet mit ihren Thränen!
„Daran kenn' ich ihn, unſern ewig ſangeswüthigen
Komiker!
„Perioden⸗, ich möcht' ſagen, guartalweiſe hat er ſo ſein Leib⸗ und Magenlied, mit dem er aufwacht und ſich zu Bett legt. Seit Michaelis a. c. wird obiges(Unglücksweib» nach Schubert'ſcher Melodie von ihm Stund' um Stund' und zwar, de jure et facto, da ſie ja eine Giftmiſcherin iſt, gerädert, will ſagen abgeleiert.
„Und nun reißt er die Thür auf, noch den letzten Thrä⸗ nentriller zwiſchen den Zähnen verhallen laſſend, und da ſteht er, in breiter Majeſtät, den Kaſtor ſchief auf dem Haupte, den dickwollenen Radmantel maleriſch über die Schul⸗ ter geſchlagen, die dicke Weinrebe wie einen Scepter in der Rechten, mit den kurzen Krummbeinen, dem vollen Spitzbauch, dem röthlichen, langnaſigen, lächelnden Antlitz einem Ther⸗ ſites gleichend; o, er iſt ein Kerl, dem die holde Muſe, glaub' ich, ſein Hanswurſten⸗Patent ſchon in die Wiege gelegt hat! (Guten Morgen, Kinder!» ruft er.„Guten Morgen!» die allſeitige Antwort.(Alſo die Kamele ſind bereit!“ recitirte er mit Pathos,«auf denn, nach Mekka!— aber erſt Mokka! He, Louis— Louis! und indem er ſich breit in eine Sofa⸗ ecke hinein wirft und ſeinen Reiſeranzen abſchleudert, ſchnarrt die aufgezogene Leier von Neuem:
Das Meer erglänzte weit hinaus— in infinitum.
„Neue Ankömmlinge, neues Gewirr, bis das Directions⸗ horn endlich zum Aufbruch bläſt,— ich überlaſſe es Ihnen ſelbſt, Freund, ſich dies bunte Karavanentableau deutlicher auszumalen.


