Jahrgang 
1868
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feindliche Reden führen hörte, vermochte ſich des Gedankens nicht zu erwehren, daß er einen gefährlichen Menſchen vor ſich habe. Da er ſich erſt vor zehn Jahren in Nerbin niederge⸗ laſſen hatte, unverheirathet war und im Dorfe keine Ver⸗ wandten beſaß, ſo war er mit den übrigen Bewohnern wenig in Berührung gekommen; und da er ſich im Laufe der letzten Jahre noch mehr von Allen abgeſchloſſen hatte, ſo gab es kaum Einen oder den Andern, der einen tiefern Blick in ſeinen Charakter gethan. Die Wenigen, welche Gelegenheit dazu gehabt, verſicherten, daß Grambon ein weit, weit beſſerer Menſch ſei, als es den Anſchein habe, und daß er ſogar manche gute Eigenſchaften beſitze allein die Meiſten nahmen dieſe Verſicherungen mit Kopfſchütteln auf.

Die ungünſtige Meinung, welche die Leute von ihm hegten, behielt namentlich deswegen die Oberhand, weil ſeine Erwerbsquelle und ſeine Lebensweiſe ſich ihren Blicken entzogen. Dieſe war ſehr einfach, ja faſt ärmlich zu nennen aber da er ſich von dem Ertrage ſeiner wenigen Aecker kaum zwei Monate hätte ernähren können, ſo mußte er jedenfalls noch andere Hülfsquellen beſitzen und über dieſe gingen in Nerbin und den benachbarten Orten manche dunkle Gerüchte. Er ſelber gab an, er habe ſich durch ſeinen Pferdehandel ſo viel verdient, daß er jetzt mit genauer Noth leben könne, fand jedoch wenig Glauben. Da er ſehr häufig nach der einige Meilen entfernten Stadt wanderte, ſo nahmen die Meiſten an, daß er dort im Hauſe wohlhabender Kaufleute oder Handwerker als Tagelöhner arbeite.

Hätten Diejenigen, von welchen er für hart und wild gehalten wurde, ihm bei ſeiner einſamen nächtlichen Wanderung zur Seite gehen können, ſie würden einen ganz andern Menſchen in ihm gefunden haben.

Anfangs ſtürmte er in raſender Eile über die todtenſtillen Felder dahin, um ſeinen Bruder noch am Leben zu finden; als er aber etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, blieb er plötzlich ſtehen, fuhr mit der Hand über die Augen und ſprach mit ſchmerzerſtickter Stimme vor ſich hin:

Nein ich kann meinen einzigen Bruder nicht ſterben ſehen? Es iſt zu ſchrecklich, wenn man aus dem Munde eines Menſchen, den man ſehr lieb hat, die letzten Worte hört!

Hierauf ſchritt er geſenkten Hauptes langſam weiter; die regungsloſe Stille und das unheimliche Dunkel der Nacht thaten ihm wohl es däuchte ihm, als wolle die Natur mit ihm trauern.

Nachdem er eine Strecke gewandert war, blieb er aber⸗ mals ſtehen und blickte zu den Sternen empor, die droben am tiefblauen Frühlingshimmel ſo freundlich glänzten, als gäb' es drunten im dunkeln Erdenthale keinen Tod, kein Leid und keinen Schmerz.

So oft ich von früher Jugend an die beiden hellen Sterne da drüben über dem dunklen Walde angeſchaut, hab' ich immer gedacht: das ſind mein Bruder und ich! Ja die beiden Sterne die ſtehen da noch ſo ruhig und klar wie ſonſt aber mein Bruder wird bald in der ſchwarzen Erde liegen und dann dann geh' ich allein, ganz allein unter den Menſchen herum!

Als er ſo ſprach, rollte eine Thräne nach der andern über ſeine wettergebräunten Wangen der harte Mann war weich geworden wie ein Kind.

Und wie er nun langſam ſeinen Weg fortſetzte, zog die Vergangenheit vor ſeinem Geiſte vorüber die glückliche Jugendzeit im Vaterhauſe jenſeit der dunkeln Wälder, wo er mit ſeinem Bruder jauchzend durch die wogenden Sgaten ge⸗ ſtrichen und ſingend am Rande der blühenden Leinfelder ge⸗ ſeſſen, die wie ein unabſehbarer blauer See ſeine Heimat gegen Oſten begrenzt hatten.

O, wie war es da ſo anders! ſtieß er tief aufſeufzend hervor.Da wußt' ich noch nicht, was böſe und gut war da dacht' ich nicht, daß mir die Menſchen noch einmal das Leben vergiften und mich zum Aeußerſten treiben würden! Ich hab' es verdient, daß die Leute mich fliehen und fürchten, und an ihrer Meinung von mir liegt mir längſt nichts mehr aber daß mein Bruder mir ſeit jenen böſen Tagen ſeine

Liebe entzogen hat o, das hat mir oft das Herz abdrücken wollen! Doch Gott ſei Dank, ich hab ihn immer und immer ſo lieb gehabt wie ſonſt, auch wenn er mir bittere Vorwürfe machte und mich ſo gleichgültig und kalt behandelte, als ob ich ein Fremder ſei! Aber vielleicht hat ſich ſein Herz in dieſer Stunde wieder zu mir gewendet vielleicht ſpricht er noch einmal freundlich mit mir wie in alten Zeiten, fuhr er fort, indem er ſeine Schritte beſchleunigte;das wäre das erſte Glück, welches mir ſeit funfzehn Jahren zutheil würde!

Dieſe Hoffnung trieb ihn zu immer größerer Eile an, ſo daß er noch vor Mitternacht in Wieritz eintraf. Alle Häuſer des Dorfes waren dunkel; nur aus ſeines Bruders Gehöfte ſchimmerte ihm ein Licht entgegen das Licht gab ihm einen rechten Stich ins Herz.

Bei ſeinem Eintritt in das Zimmer, wo ſein Bruder lag, kam der junge Müller Tarmin, der mit ſeiner Mutter und ſeiner Verlobten neben dem Bett geſtanden, leiſe auf ihn zu und bat ihn, den Schlummer des Kranken nicht durch Aeußerungen des Schmerzes oder durch lautes Sprechen zu ſtören: der Arzt habe erklärt, daß längerer Schlaf das Einzige ſei, was der geſunkenen Lebenskraft neue Nahrung geben könne, wenn auch nur auf kurze Zeit.

Nach einer einſtündigen unheimlichen Stille, welche nur dann und wann durch das Schluchzen Mariens und das leiſe Flüſtern zwiſchen Tarmin und ſeiner Mutter unterbrochen worden war, und während welcher der Oheim der Erſtern regungslos am Fenſter geſtanden und ſtarr in die düſtere Nacht hinausgeblickt hatte, erwachte der Jucker und fragte mit matter Stimme, ob ſein Bruder gekommen ſei.

Mit mühſam erkämpfter Faſſung trat dieſer ans Bett und reichte dem Kranken ſtumm die Hand, der ſie innig drückte und ſich halb emporrichtend mit freudigem Lächeln in kurzen Pauſen ſagte:

Jetzt kann ich ruhig ſterben nachdem ich dich noch einmal geſehen habe, Johann. Vergib mir daß ich manch⸗ mal nicht ſo freundlich und herzlich gegen dich geweſen bin als ich hätte ſein ſollen. In dieſer Stunde wo der Tod an mein Herz klopft kommt mir' ſo vor als ſäßen wir Beide wieder im Sonnenſchein auf der ſchönen Wieſe vor unſerer Aeltern Hauſe oder neben den weiten blühenden Lein⸗ feldern und jauchzten und ſängen. Alles, was uns ſpäter getrennt hat hab' ich vergeſſen die Menſchen ſollen einander nicht richten! Wollen wir in dieſer dunkeln Nacht wie Brüder von einander ſcheiden, Johann?

Ja das wollen wir, Heinrich! ſtieß der mit aller Macht nach Faſſung Ringende mit freudeverklärter Miene hervor.Jetzt mag mein elendes Leben enden, wann es will weiß ich doch, daß du keinen Groll mehr gegen mich hegſt!

Der Kranke drückte ihm nochmals die Hand und ſagte

nach einer Pauſe:

Nimm Marie ſo lange zu dir oder ziehe hierher bis ihre Trauerzeit vorüber iſt und Tarmin ſie zum Altare führen kann.

Nachdem ſein Bruder ihm dies gelobt hatte, winkte er die Uebrigen zu ſich heran, bat die laut ſchluchzende Marie mit herzlichen Worten, ſich nicht über ſeinen Hintritt zu grämen, traf mit jener wunderbaren Gelaſſenheit, die allen ſeinen Stamm⸗ genoſſen vor dem Tode eigen, die genauſten Anordnnngen für ſein Begräbniß und nahm dann von Allen mit einer ſo heitern Ruhe Abſchied, als ob es ſich nur um eine kurze Fahrt durch ein dunkles Thal der Erde und nicht um die große Wanderung nach jenem unbekannten Lande handle, deſſen Pforten ſich auf ewig hinter dem ſchließen, vor welchem ſie ſich aufgethan.

Am öſtlichen Himmel tauchten eben die erſten blaſſen Scheine des Frühroths auf da ſank der Kranke zurück und verſchied mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen.

Marie war anfangs ganz untröſtlich und wollte nicht von dem todten Vater weichen; endlich aber gab ſie den vereinten Bitten Aller nach und willigte ein, mit ihrem Oheim, der

aufs Beſtimmteſte erklärte, daß er nicht nach Wieritz ziehen

könne, nach Nerbin zu gehen und dort bis zu ihrer Verheirathung zu bleiben. Sie vermochte zwar nicht, ihre heimliche Scheu

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