Jahrgang 
1868
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Auch dieſe Worte ſchienen Mariens heimliche Beſorgniſſe nicht zu verſcheuchen. Sie blickte traurig in den frühlings⸗ hellen Morgen hinaus und ſagte tief aufſeufzend mit gepreßter Stimme:

Mitunter kommt mir's ſo vor, als als ob wir nie miteinander vor den Altar treten würden!

Um Gottes willen was haſt du nur?! rief der junge Müller erſchrocken.

Ich weiß es ſelbſt nicht, warum ich ſo traurig bin; aber mir iſt immer, als ſchwebte eine finſtere Wolke über meinem Haupte als müßte uns irgendein ſchweres Unglück treffen, welches uns von einander trennte!

Der Tod deines Vaters würde uns aber doch nimmer⸗ mehr von einander trennen! verſetzte Jener.

Das Unglück kommt ſelten allein, erwiderte das Mädchen.Stirbt mein Vater, ſo muß ich zu ſeinem einzigen Bruder in Nerbin ziehen, oder dieſer zieht hierher und du weißt, daß ich eine wahre Scheu vor meinem Onkel habe.

Ich glaube, du thuſt ihm Unrecht, liebe Marie. Die Leute munkeln zwar Allerlei über ihn und ſein Leben Niemand iſt jedoch bisjetzt im Stande geweſen, ihm zu be⸗ weiſen, daß er etwas Böſes verübt hat.

Es mag wol recht kindiſch von mir ſein; aber ſo oft ich ihn anſehe, erfaßt mich eine unerklärliche Angſt die Angſt, daß er uns trennen könnte!

Du ſollteſt dich am wenigſten über ihn beklagen, denn gegen dich iſt er zu allen Zeiten ſehr freundlich geweſen, und die herzliche Art und Weiſe, wie er mit deinem Vater um⸗ geht, hat bei dem harten und finſtern Manne wirklich etwas Rührendes. Hätte er Frau und Kinder, ſo könnte man auf den Gedanken kommen, er ſuche bei euch irgendeinen Vor⸗ theil; doch da er ganz allein auf Erden ſteht und auch ſonſt nicht nach Geld und Gut zu ſtreben ſcheint, ſo bin ich feſt überzeugt, daß die Zuneigung und Liebe, die er gegen euch an den Tag legt, der unverfälſchte Ausdruck ſeiner Gefühle ſind.

Ein leiſer Ruf des alten Grambon machte hier⸗ dem Geſpräch des jungen Paares ein Ende. Beide eilten zu ihm, und als er den Wunſch äußerte, ſeinen gegenwärtigen Platz mit einem weniger der Sonne ausgeſetzten zu vertauſchen, trug Tarmin den Lehnſtuhl unter einen ſchönen großen Apfelbaum im Garten, während Marie des Kranken Arm ergriff und ihn langſam dorthin geleitete.

Der Greis ſchien ſeinen Zuſtand als hoffnungslos zu betrachten. Er drückte ihnen dankbar die Hände und ſagte, indem er ſich niederließ:

Kümmert euch jetzt nicht weiter um mich, Kinder ich fühle mich vollkommen zufrieden und glücklich. Die wenigen Tage, die ich noch zu leben habe, ſind Freudentage für mich, weil ich weiß, daß Marie nicht verlaſſen ſein wird, wenn ich ſterbe.

Sprecht doch nicht vom Sterben, bat der junge Müller mit herzlichem Tone.Ich hoffe, daß Ihr noch jahrelang Zeuge unſers Glückes ſein werdet.

Weine nicht, liebe Marie, fuhr der Kranke fort, indem er die Hand des ſchluchzenden Mädchens ergriff.Ich habe redlich des Tages Laſt und Hitze getragen jetzt iſt der Abend gekommen, und da möcht' ich gern zu meiner Ruhe ein⸗ gehen. Aber da ſeh' ich unſere alte Nachbarin kommen, fügte er hinzu,laßt mich eine Weile mit ihr allein ſie hat mir vorhin zugerufen, daß ſie mir etwas Beſonderes zu ſagen habe.

Das junge Paar erfüllte den Wunſch des Greiſes und ſah von ferne, wie ſich der Letztere lange und angelegentlich mit der Frau des benachbarten Hofbeſitzers unterhielt. Im Weggehen rief dieſe, wie die angſtvoll beobachtende und lauſchende Marie vernahm, dem Kranken halblaut zu:

Ihr mögt wollen oder nicht heut Abend um 10 Uhr, wenn Alle im Hauſe ſchlafen, ſchick ich Euch die alte Hirtin die ſoll Eure Krankheit böten.*)

*)Böten, ein niederſächſiſcher Ausdruck, der bedeutet: durch Beſprechen oder durch ſympathetiſche Mittel vertreiben.

Obgleich Marie in der ſeltſamen Anſchauungsweiſe ihrer abergläubiſchen Stammesgenoſſen aufgewachſen war und die⸗ ſelbe auch in vielen Punkten theilte, ſo hatte ſie doch ſonſt oft über dergleichen Mittel geſpottet jetzt aber, wo ihres Vaters Leben auf dem Spiele ſtand, würde ſie ſelber zu dem Abenteuerlichſten und Schrecklichſten gegriffen haben, um ſich ſagen zu können, daß ſie zu ſeiner Rettung auch nicht das Geringſte verabſäumt habe. Da ihr Verlobter noch weniger auf dergleichen Dinge hielt, ſo verſchwieg ſie ihm, was ſie gehört, und er ging mit dem Verſprechen von dannen, am nächſten Morgen in aller Frühe wieder zu erſcheinen.

Eine Hauptbedingung bei den meiſten Arten desBötens iſt, daß die Ceremonie nach Sonnenuntergang oder vor Sonnen⸗ aufgang vorgenommen wird, und daß der Kranke ſo wie die bötende Perſon das tiefſte Schweigen dabei beobachten; die vorgeſchriebenen, oft ſehr ſeltſamen Beſprechungsformeln wer⸗ den jedoch mit vernehmlicher Stimme hergeſagt.

Treu dieſem alten Brauche, trat die Frau Röwitz ſo hieß die alte Hirtin um die feſtgeſetzte Stunde ſchweigend in das große Wohnzimmer, in deſſen Mitte der Jucker, in einem Lehnſtuhle ſitzend, ihrer harrte. Nachdem dieBötende ihr Tuch und ihren Korb abgelegt, nahm ſie einen Weiden⸗ zweig aus dieſem, beſtrich den Kranken damit, ſchritt in einem Kreiſe um ihn herum und wiederholte dies zweimal, indem ſie dabei langſam ſprach:.

Die Zehrung und die Weide, Die wollten ſtreiten beide; Die Weide, die gewann,

Die Zehrung, die verſchwand.

Darauf murmelte ſie noch die Worte:Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes, legte den Weidenzweig wieder in den Korb, hing ihr Tuch um, drückte dem Kranken die Hand und ging ſchweigend, wie ſie gekommen, von dannen.

Der Greis blieb noch eine Weile ſitzen, bis ihre Schritte in der Ferne verhallt waren; dann erhob er ſich, begab ſich in ſeine Schlafkammer und ſagte wehmüthig lächelnd:

Was an mir zehrt, iſt das Alter und gegen dieſe Zehrung hilft kein Weidenzweig und kein heiliger Name!

Als der jüngere, etwa funfzig Jahre alte Bruder des Juckers, der vormalige Pferdehändler Johann Grambon in Nerbin, jenem ſüdlich vom verfallenen Schloß gelegenen uralten Dorfe, nicht lange nach der eben geſchilderten Beſprechungsſcene eines Abends ſpät am Fenſter ſeines Wohnzimmers ſtand und eine ſchwarze Gewitterwolkenmaſſe beobachtete, die langſam vom Süden heraufzog, hörte er raſche Schritte in der Ferne, und gleich darauf rief ihm eine helle Mädchenſtimme zu:

Seid Ihr es, Grambon?

Ja, ich bin es, Lena, erwiderte Jener, der die Stimme ſeiner Nachbarstochter erkannte;was haſt du mir zu ſagen?

Euer Bruder in Wieritz liegt im Sterben

Was im Sterben?! ſtieß Grambon in wildem Schmerz hervores iſt nicht möglich!

Leider iſt es ſo, verſetzte das Mädchen;der Arzt ſagt, Euer Bruder werde die Sonne nicht mehr aufgehen ſehen. Eure Nichte wollte Euch durch die alte Hirtin rufen laſſen, als ſie mich aber unterwegs traf, bat ſie mich, den Auftrag auszurichten.

Ich danke dir für deine Mühe, Lena, ſagte Jener mit unſicherer Stimme.Ich werde mich ſogleich auf den Weg machen. Gute Nacht!

Das Mädchen wünſchte ihm ebenfalls gute Nacht und ging in ihr Vaterhaus Grambon aber riß Hut und Rock an ſich, löſchte die trübe brennende Lampe aus und eilte dem Wohnorte ſeines Bruders zu.

Grambon war ein ſeltſamer Charakter und ſelbſt ſeinen nächſten Angehörigen ein Räthſel. Wer nur ſein Aeußeres kannte und ſeine kräftige Geſtalt, ſeine trotzige Haltung, ſein wettergebräuntes finſteres Geſicht, ſeine zuſammengewachſenen buſchigen Brauen und ſeine unheimlich glühenden Augen be⸗ trachtete, hielt ihn für hart, roh und wild; und wer ihn dann noch hin und wieder in der Schänke allerlei bittere und menſchen⸗

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