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Dem
Gegen Mittag ſcheint meilenweit Alles einſam und öde zu ſein, ſteigt man jedoch die Hügelkette hinan, deren letzten Ausläufer der kleine Fluß beſpült, ſo gewahrt man drunten im Thal etwa zwanzig Häuſer, welche nach uralter wendiſcher Sitte in Huf⸗ eiſenform neben einander erbaut ſind, ſo daß ſich inmitten der⸗ ſelben ein weiter freier Platz befindet, der nur auf einer Seite offen iſt. Hinter den Wohngebäuden, deren Giebel ſämmtlich nach der Straße gekehrt ſind, erheben ſich die Scheunen und Stallungen, an welche ſich die Gärten und weiterhin die Felder anſchließen.
In Wollnow, dem Dorfe neben der Mühle, lebte vor einigen Jahrzehnten eine halb irrſinnige Frau von etwa fünf⸗ undvierzig Jahren, die bei einem der dortigen Hofbeſitzer, ihrem Anverwandten, wohnte und allgemein unter dem Namen„die ſchwarze Lisbeth“ bekannt war. Ueber ihre frühern Schickſale wußte Niemand etwas Beſtimmtes; es hieß jedoch, ſie habe infolge eines entſetzlichen Unglücks, das ſie plötzlich betroffen, ihren Verſtand verloren. Die Arme ſprach und handelte oft wochenlang vollkommen vernünftig, und wenn man ſie in der Zeit, wo ihre Geiſteszerrüttung zu Tage trat, ruhig gewähren ließ, ſo ging der Anfall weit eher vorüber, als wenn man Zureden, Drohungen oder Gewaltmaßregeln anwandte. Ihr Irrſinn offenbarte ſich namentlich dadurch, daß ſie unverſtänd⸗ liche Klagen und ſchreckliche Verwünſchungen ausſtieß, welche letztere alle gegen einen ihrer Todfeinde gerichtet zu ſein ſchienen, deſſen Namen ſie niemals nannte, den ſie aber mit einer bemit⸗ leidenswerthen Ausdauer überall heimlich ſuchte. Am Schluß einer ſolchen Irrſinnsperiode pflegte ſie mit den Worten:„Er weicht mir immer aus, aber ich treff ihn doch noch einmal!“ ihr Umherſchweifen und Klagen einzuſtellen und in ihr kleines Stübchen zurückzukehren, wo ſie oft halbe Tage ſaß und ſpann. Mitunter ſang ſie auch— halbvergeſſene fröhliche Lieder aus der Jugendzeit oder geiſtliche Lieder nach bekannten Choral⸗ melodien, aber der Geſang hatte etwas Unheimliches— es war, als ſpielte Jemand auf einer Harfe, deren Saiten theils zerriſſen, theils ſeltſam umgeſtimmt ſeien.
An einem dunklen Maiabend, als die Thurmuhr des weiter abwärts im Flußthal gelegenen Kirchdorfs Wieritz, zu welchem die oben geſchilderten beiden Orte gehörten, die zehnte Stunde verkündet hatte, ſtieg ein Mann auf einem ſchmalen Pfade zu der Höhe empor, welche einſt das feſte Schloß ge⸗ krönt. Das Gebüſch zu beiden Seiten des Weges war auf dem untern Abhang des Berges ſo hoch, daß des ſpäten Wanderers Haupt kaum darüber hervorragte; erſt weiter oben ward es niedriger und hörte in der unmittelbaren Nähe der Trümmer ganz auf. Der Mann blieb hin und wieder ſtehen und lauſchte, ſchritt aber jedesmal nach wenigen Augenblicken weiter.
Droben angekommen, ging er leiſe um die kaum noch ſichtbare Ringmauer herum, trat in den ehemaligen Burghof, in dem einige Bäume und Geſträuche ſtanden, und lauſchte einige Minuten mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit in die Nacht hinein. Als er nichts vernahm als das Rauſchen des Windes im Laube und den Schrei des Wildes drunten im Walde, ſetzte er ſich auf einen bemooſten Stein, ſtützte den Kopf in die Hand und blickte gedankenvoll vor ſich nieder.
„ iſt doch ein elendes Leben!“ murmelte er nach längerm Schweigen zwiſchen den Zähnen.„Während die andern Men⸗ ſchen von ihren Arbeiten ausruhen und ſchlummern, ſchleich' ich wie ein Raubthier in dunkler Nacht umher! Aber ich wollte gern bettelnd von Haus zu Haus gehen, wenn mir nicht all⸗ ſtund jene beiden ſchrecklichen Geſtalten vor Augen ſchwebten, von denen die eine längſt im Grabe ruht, und die andere mich wie ein böſer Geiſt verfolgt!“
Nach dieſen Worten wanf er einen ſpähenden Blick nach em Sam des gegen Morgen gelegenen Waldes und verſank Nun wieder in Grübeleien.
hoEndlich erhob er ſich, ſchritt dem Ausgang des Burg⸗ ſchadu⸗ lehnte ſich an ein halbverwittertes Gemäuer und hinter Vrr gen Oſten, wo der abnehmende Mond blutroth
„Spchweigenden, finſtern Walde emporſtieg. umen noch immer nicht“, ſprach er bei ſich,„und
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doch hätten ſie ſchon vor einer Stunde hier ſein können. Wenn ihnen nur kein Unglück zugeſtoßen iſt!“
Als er noch ſo daſtand, kam eine Frauengeſtalt auf dem⸗ ſelben Pfade, den er gegangen, unhörbaren Schrittes daher⸗ geſchlichen, ſpähte mit ungemeiner Vorſicht in den Burghof, ſchlüpfte durch das Gebüſch hinein und blieb dann ſtehen.
Hatten die Zweige ſtärker gerauſcht, als der Wind ſie bewegen konnte, oder beſaß der Mann drüben ein geſchärftes Gehör— er horchte auf und ſchaute ſich nach allen Sei⸗ ten um.
„War mir's doch eben, als rauſchte es drüben in den Hollunderſträuchen“, murmelte er.„Heute möcht' ich am aller⸗ wenigſten...“
In dieſem Augenblick ſprang das Weib plötzlich aus dem Gebüſch hervor, ſtürzte auf ihn los und ſchrie mit gellender Stimme:
„Ha! Da ſteht der Mörder! Bin dir lange genug ver⸗ S nachgeſchlichen— jetzt reiß' ich dir das Herz aus der
ruſt!“
„Lisbeth!“ ſtieß der Mann entſetzt hervor, machte ſich von den ihn krampfhaft umklammernden Händen des Weibes los, ſchwang ſich mit einem gewaltigen Satz übers Gemäuer und ſtürzte dem Walde zu, an deſſen Saum er verſchwand.
Das Weib ſtand einige Secunden ſtarr da— dann ſchlug ſie ein lautes Hohngelächter auf, das ſchauerlich durch die nacht⸗ umhüllten öden Räume hallte, und eilte dem Punkte zu, wo ſie ihren Todfeind aus den Augen verloren hatte.
Als der Mond ſich über die trübe Nebelſchicht erhoben hatte und ſein Schein die zerfallene Burg beglänzte, herrſchte droben wieder tiefe Stille; nur die Gräſer und Geſträuche, die aus den Trümmern hervorgewachſen waren, flüſterten und rauſchten leiſe im Nachtwinde, gleich als ob ſie Kunde geben wollten von Tagen, die längſt im Ström der Jahre ver⸗ ſunken.—
Eine ganz andere Scene beleuchtete die Sonne des folgen⸗ den Morgens in dem vorhin erwähnten Kirchdorfe. Vor der Thür eines hübſchen kleinen Hauſes, deſſen Aeußeres und Inneres große Wohlhabenheit verriethen, ſaß der Eigenthümer deſſelben, der alte Jucker*) Grambon mit gefalteten Händen in einem weichen Lehnſtuhl und blickte mit ſtiller Freude auf ein neben der Gartenpforte ſtehendes junges Paar, welches ſich ſehr lebhaft unterhielt und häufig nach dem Greiſe hin⸗ überſchaute. Es waren ſeine Tochter Marie und der junge Müller Tarmin aus Wollnow, der ſich vor einigen Wochen mit ihr verlobt hatte.
„Dein Vater iſt nicht ſo ſchwach, wie du glaubſt, liebe Marie“, ſagte Tarmin in tröſtendem Tone.„Er iſt heute ohne Anſtrengung im Hauſe umhergegangen und ſieht unge⸗ mein wohl aus. Wenn ſeine Beſſerung ſolche Fortſchritte macht, kann er noch manches Jahr leben.“
Das Mädchen ſchwieg eine Weile; dann legte es die Hände auf die Schultern ihres Verlobten, ſchaute ihn mit dem Ausdrucke herzlicher Liebe und unbegrenzten Vertrauens an und fragte:
„Biſt du auch vollkommen aufrichtig gegen mich, Hein⸗ rich? Sagſt du das nicht nur, um mir keinen Schmerz zu verurſachen?“
„Ich will nicht leugnen, daß mich deines Vaters Zuſtand vor acht Tagen mit Beſorgniß erfüllt hat, allein ſeit vor⸗ geſtern ſcheint eine ſo günſtige Veränderung mit ihm vor⸗ gegangen zu ſein, daß ich wirklich mit voller Zuverſicht an ſeine baldige Wiederherſtellung glaube.“
„Iſt deine Mutter derſelben Meinung?“
„Sie muß wol ſo denken wie ich, denn geſtern Abend erzählte ſie mir voller Freude, ſie wünſche nichts ſehnlicher, als daß unſere Hochzeit am 30. Juni gefeiert werde, da auch ſie an dieſem Tage mit meinem verſtorbenen Vater eingeſegnet ſei. Fürchtete ſie für deines Vaters Leben, ſie würde wol nicht mit ſolcher Ruhe und Fröhlichkeit von unſerer Hochzeit geſprochen haben.“
) Jucker: Bienenzüchter.
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