„„Pah! der Arzt!? warf man mir von allen Seiten mit Zeichen des Unwillens ein,«der Arzt— ja, das iſt der Rechte! der hat ſie auf dem Gewiſſen! Warum mußte er dem unverſchämten Drängen unſeres Alten denn nachgeben? Warum mußte er dieſe abſcheuliche Parforce⸗Cur an dem ar⸗ men Mädchen probiren? Glauben Sie, der hat längſt ge⸗ wußt, was er für ein Kunſtſtück angerichtet! Und wenn er dem armen Schlucker, dem L.... Hoffnungen gemacht, ſo hat's ihm die Angſt eingegeben, und er hat einfach gelogen!»
„Tief erſchüttert und wie betäubt von der Nachricht ſtand ich einen Augenblick rathlos; dann raffte ich mich auf. (Ich kann das ſo nicht glauben“, rief ich, cich will ſelbſt zuſehen! Aber um Gottes willen— kein Wort gegen Guſtav; es wäre noch das Schlimmſte zum Schlimmen zu befürchten!»
„Man verſprach's mir, und ich eilte ſchnellen Schritts dem Kloſter zu. Ich öffnete die ſchwere Pforte und ging den langen, düſteren Bogenflur entlang bis zur Thür der Vor⸗ ſteherin. Eine Frau in ſchwarzem Gewande, mit dem weißen Kopftuche der Eliſabethinerinnen trat mir entgegen; ich fragte haſtvoll nach der kranken Wormann. Sie zuckte mitleidig die Achſeln.(Die iſt heute Nacht 2 Uhr verſchieden.“ Alſo wahr! Ich bat, mich zu ihr zu führen.
„Wie ward mir, als ich die kleine, ſchmuckloſe Zelle be⸗ trat, und die fromme Schweſter, die bis dahin die Wärterin der Kranken geweſen und mich nun an das Todtenlager führte, die weiße Leinwanddecke abzog und ich das ſchöne, bleiche, ruhige Kind entſeelt vor mir ſah! Mit frommer Rührung erzählte meine fromme Begleiterin, wie die Geſpräche der Dahingeſchiedenen mit ihrem Bräutigam nur immer von Tod und Unſterblichkeit und von einem freudigen Wiederſehen dort oben gehandelt, wie ſie kurz vor ihrem Scheiden nach Mitter⸗ nacht noch mit matter, brechender Stimme ſeinen Namen ge⸗ lallt und von einem Schwure geſprochen, den Guſtav recht bald erfüllen ſolle. Dabei habe ſie ſtets auf einen Ring, den ſie am Finger trug, gedeutet. Ich wußte wol, welch ein Schwur dies ſein könne. Ach, ich konnte meine Augen kaum abwen⸗ den von dieſem eingefallenen, wachsbleichen Antlitz, dem die lächelnde Ruhe des Todes nur eine rührende Schönheit ver⸗ liehen hatte. Und ich mußte noch einen Kuß auf dieſe kalten Lippen drücken, bevor ich ging, den erſten und einzigen, den ſie mir wol auch lebend nicht verwehrt hätte— war's doch ein Abſchiedskuß für ewige, ewige Zeiten, wenn ſich ihr Kin⸗ derglaube an ein Wiederſehen da oben nicht etwa beſtätigt.
„Als ich in das Theater zurückkam, konnte ich den dort Verſammelten nur ſagen:(Es iſt Wahrheit, was ihr gehört habt!“ Guſtav hatte freilich noch keine Ahnung. Und nicht blos wir, auch der allezeit ſorgſame T.....„der vor Allem eine Störung der heutigen Vorſtellung fürchten mochte, hatte es vermieden wiſſen wollen, daß ihm die Nachricht noch heute zu Ohren käme. Das war nun vorläufig nicht ſchwer: Gu⸗ ſtav hatte ſich ſchon ſeit Wochen iſolirt, verkehrte und ſprach mit Keinem, ſogar mit mir nur das Nöthige; allein noch vor Mittag machte er ja wie ſonſt ſeinen Kirchhofsgang, um
wie ſonſt mit dem Arzte zu reden, und da er ihn heute nicht fand, ſchöpfte er ſofort Verdacht, und mein Verſuch, ihn zu
beruhigen, bewirkte jetzt gerade das Gegentheil: er lechzte nach Aufklärung. Den Erſten, der ihm begegnete— es war ſelt⸗ ſamer Weiſe T.... ſelbſt— faßte er an, ſeine Frage war kurz:(Was iſt's mit meiner Braut? Ich beſchwöre Sie!» wollte ausweichen; aber ſein erſter Blick, ſein erſtes
geſtammeltes Wort ſagten dem Unglücklichen Alles, und dieſer brach ſchluchzend zuſammen. Ich hob ihn auf, halb bewußt⸗ los bracht' ich ihn nach unſerer Wohnung, und halb bewußt⸗ los lag er da, in die Ecke des Sofas gedrückt, drei, vier lange Stunden.
„Der Abend war ſchon längſt hereingebrochen, da erhob er endlich ſein Haupt. Der Thränenſtrom in ſeinen Augen war verſiegt, und mit leiſer, gefaßter Stimme bat er mich: Komm, Freund! Führe mich zu ihr! Ich will— ich muß ſie noch heute ſehen!? Bevor wir aber gehen wollten, kam der Theaterdiener herauf geſtürzt, der Director ſandte ihn: ob denn etwa Guſtav nicht ſpielen wolle? Es gebe ein gut beſetztes Haus! Um Gotteswillen ſolle er ihm den Schaden nicht anthun!(Sagen Sie dem biedern Manne, Alter, erwiderte ich an Guſtav's Statt, eſagen Sie ihm nur: er könne nur ruhig ſein! ich ſtünde ſchon dafür, er ſolle nicht ruinirt werden.“ Damit trollte der Diener ab, und wir gingen.
„Soll ich Ihnen das erſchütternde Bild, das nun folgt,
noch grell ausmalen? Wie uns die ſchweigſame Wärterin mit einer Laterne voranleuchtend, die dunkeln, geſpenſtigen Kloſtergänge entlang führt, über einen Hof weg, in ein nie⸗ deres Bretterhaus, wohin man die Leiche bereits geſchafft, wie der ſchmale, blendende Lichtſtreif in dem dunkeln Raume nur gerade dies Strohlager beleuchtet, auf welchem die weiße Geſtalt der Todten ausgeſtreckt liegt, wie Guſtav mit zitternder Hand das Tuch von ihrem Antlitz ſelbſt ablöſt, und nun mit unausſprechlichem Schmerze, mit ringenden Athemzügen, mit gebrochenen, thränenerſtickten Lauten darüber hinſinkt und dieſe kalten Lippen mit Küſſen überſtrömt, als denke er ihnen die entflohene Seele noch wieder einzuhauchen, wie er dann gefaßter ſich erhebt und ſeines Schwures gedenkend, den Ring von dem ſtarren Finger ſeiner Braut ſtreift, um den ſeinigen dafür anzuſtecken, und eine Haarlocke von ihrem Haupte ſchnei⸗ det, und noch einmal ſie küßt und einen letzten langen Blick auf die geſchloſſenen Augen ſenkt, bevor die Hand der Wärterin wieder das Leichentuch darüber hindeckt?— Nein genug, laſſen Sie auch mich einen Schleier über dies Bild iehen. „Wir verließen das Kloſter faſt zu ſpät, um noch zur rechten Zeit nach dem Theater zu kommen. Die Vorſtel⸗ lung durfte ja auf keinen Fall geſtört werden! Gu⸗ ſtav hatte jenen täppiſchen Bauernjungen, den(Michel' in (Robert und Bertram darzuſtellen. Er ſpielte heute Abend aus⸗ nahmsweiſe ſehr ſchlecht. Das Publikum war gar nicht zu⸗ frieden mit ihm, ja, es pfiff ſogar einige Male. Für ſein Geld wollte es doch auch was Ordentliches ſehen! Und wer wußte es, ja, wer kümmerte ſich auch darum, was da hin⸗ ter den Couliſſen heute vorgegangen? und ob da ein Herz gebrochen ſei oder nicht? und ob dieſer erbärmliche Komödiant da in der Stimmung ſei, mit Hanswurſtſpäßen aufzuwarten oder nicht lieber blutige, heiße Thränen zu vergießen? Le peuple veut s'amuser— voilà tout!
„Sehen Sie, Freund“, und damit ſchloß H..... ſeine einfache kleine Erzählung,„das iſt das Kehrbild der Me⸗ daille, das iſt, was ihr, die ihr dieſe bunte Lappenwelt vor euch habt, nicht ſeht, unſer lachendes Elend!“
Wir ſaßen noch eine Zeit lang wortkarg, in gedrückter Stimmung beiſammen; dann trennten wir uns, und Jeder
ging ſtill ſeines Weges.
C
—
Kellerwirthſchaften und Gaſthöfe vorſtellen. Das ganze auf dem Waſſer lebende Volk holt hier ſeine Bedürfniſſe ein; da finden wir Butiken mit allen nur erdenklichen Schildern in ſpaniſcher, engliſcher, franzöſiſcher und deutſcher Sprache. Alle Nationen, untergeordneten Ranges, gehen hier aus und ein; in den untern
das„God save the king“, ein Heidenſpectakel herrſcht an die⸗ ſen Orten, Prügeleien ſind an der Tagesordnung, und Kümmel⸗ blättchenſpieler treiben ihr Handwerk. Wehe dem armen Aus⸗ wanderer aus dem Binnenlande, der in ſolcher Leute Hände geräth. Da er ſelten auf die Hülfe der ſaubern Wirthe zu
4
v
C
=
6
hamburger Hafenleben. 1 Wenn man vom Baumwall aus kommt, ſieht man links eineſ Bier- und Grog⸗Räumlichkeiten wird getanzt, geſungen, muſicirt* lange Reihe Häuſer, die durchweg Kram— und Victualienläden, Neger klimpern auf der Guitarre, betrunkene Matroſen brüllen
.


