er zahle ſeine wöchentliche 5000 Frs. Stempel für ſeine Proſa, nicht für die der Regierung, er erkaufe mit dieſem Stempelgelde das Recht, ſeine Schriften abzudrucken, und wolle lieber die 1000 Frs. Strafe für ſeinen Ungehorſam gegen das Geſetz zahlen, als eine Verichtigung abdrucken, die ihm an Satz, Druck und Papier 7000 Frs. koſte. Wenn die Regierung das ſo fort treibe, ſagt er, ſo ſende ſie ihm das nächſte Mal als Berichtigung das„Memorial von St. Helena“, das ſieben Bände ſtark, und das dritte Mal die„Ge⸗ ſchichte des Conſulats und des Kaiſerreichs“, die zwanzig Bände umfaſſen, und er ſei gezwungen, das Alles für ſeine Rechnung ab⸗ drucken zu laſſen.
Man iſt geſpannt, wie die Sache ablaufen wird. Rochefort's Oppoſition gegen dieſen Geſetzparagraphen iſt von großer Wichtigkeit für die geſammte franzöſiſche Preſſe, für ſeine„Laterne“ aber han⸗ delt es ſich um Leben und Tod, wenn er verurtheilt wird und das Miniſterium ihn mit amtlichen Berichtigungen zu erwürgen beabſich⸗ tigt, wie das zu vermuthen iſt.
Daß man der„Laterne“ das Licht ausblaſen wird, iſt mit Be⸗ ſtimmtheit zu erwarten bei der Schonungsloſigkeit, mit welcher Roche⸗ fort ſelbſt der Perſon des Kaiſers zu Leibe geht; es fragt ſich nur, welche Mittel das Gouvernement dazu wählen wird. Rochefort ſelbſt macht ſich daraus kein Hehl und ſpürt ſchon was vom Todeskampf in ſeiner Feder.
Schon bei Gelegenheit ſeiner letzten Oper„Der erſte Glücks⸗ tag“ war die Rede von der unverwüſtlichen Jugend des ſiebenund— achtzigjährigen Componiſten Auber. Wie ich aus einem Brief ent⸗ nehme, wird dieſer ſeltene Mann in der That mit jedem Tage jünger, und ſowol ſeine geiſtigen wie ſeine phyſiſchen Kräfte erlahmen nicht, wo die ſeiner jungen Collegen erſchlaffen.
Auber iſt bekanntlich Director des Pariſer Conſervatorium; als ſolcher präſidirt er ſtets der Jury, welche über den Werth oder Un⸗ werth von Compoſitionen zu entſcheiden hat. Während ſeine Collegen ſich in dieſen Sitzungen den Kopf zerbrechen, die Noten ſtudiren und nicht einig werden können, wem ſie die Preiſe beſtimmen ſollen, ſitzt Auber mit halbgeſchloſſenen Augen da, ſcheinbar ſchlummernd, laut— los, als wiſſe er nichts von Allem, was um ihn her vorgehe. Dann plötzlich erwacht er, findet in irgendeiner der Compoſitionen Schön⸗ heiten und Vorzüge, die ſeinen Collegen entgangen, macht die Letztern darauf aufmerkſam und frappirt ſie durch die Schärfe und Unum— ſtößlichkeit ſeines Urtheils.
Selbſt während der furchtbaren Hitze des Sommers verſäumte Auber keine Sitzung; er war ſtets auf ſeinem Poſten, wenn die Andern zuſammenſanken: ja es ſcheint faſt, als bedürfe dieſer ſeltene Mann gar keiner Ruhe. Auber ſucht erſt morgens um zwei oder drei Uhr die Ruhe; er ſchläft nur zwei bis drei Stunden und ſitzt vor Anbruch des Tages oft ſchon bei der Arbeit. Dann begibt er ſich ins Conſervatorium und widmet ſich ſeinen Amtsgeſchäften. Hiernach macht er ſeine Promenaden, geht um ſechs Uhr zu Tiſche und iſt von acht Uhr abends bis einige Stunden nach Mitternacht überall zu finden; er promenirt, beſucht die Concerte, die Theater, die Soirsen, immer unermüdlich, unverwüſtlich. Es ſcheint, als be⸗ dürfe in der That dieſer ſiebenundachtzigjährige Mann der Ruhe nicht; denn bei all dieſer Thätigkeit hat er ſchon wieder eine neue Oper zur Hälfte vollendet!
Intereſſante Geſchichten, die da im Lande der Kaſtanien vor ſich gehen! Der Herzog von Seſſa, Gemahl einer ſpaniſchen Infantin, iſt mit Hinterlaſſung ſeiner Gattin mit einem Mädchen aus den unterſten Ständen durchgegangen, und die Königin ſchneidet ihm die Lebensmittel ab, indem ſie in allen ſpaniſchen Zeitungen warnt, ihm Geld zu borgen.
Als ich in Spanien reiſte, erzählte man mir, eine der Infan— tinnen ſei mit einem Dichter, der ſehr ſchlechte Verſe mache und der Sohn eines havaneſiſchen Colporteurs ſei, vermählt, nachdem ſie mit dieſem durchgegangen. Sehr bedenkliche Verwandtſchaften, in welche der ſpaniſche Hof ſchon gerathen iſt!
Wir erzählten von dem Tode der Königin Raſoherina von Ma— dagaskar und den Urſachen ihres Todes. Gleich nach ihrem Ableben entſtand eine Revolution auf der Inſel, die jedoch niedergeſchlagen wurde. Die Verſchwörer ſind verhaftet und in ein Grab eingeſperrt worden; ihre Frauen und Kinder wurden als Sklaven verkauft. Inzwiſchen iſt aber das Begräbniß der Königin aufs Glänzendſte gefeiert worden. Sie wurde auf eine Bahre von reinem Silber ge⸗ legt, zu deren Herſtellung man 30,000 Piaſter einſchmolz. In ihr Grab legte man die koſtbarſten Gegenſtände, welche ſie beſaß, ihre goldenen, mit edeln Steinen gezierten Kronen, Sammt—- und Seiden— kleider, im Ganzen an die dreihundert verſchiedene Sachen, ſodaß das Grab der Königin wie ein Trödelmagazin ausſehen muß. Wäh⸗ rend der Trauerfeſtlichkeiten vertheilte man 3000 Stück Ochſen an die Einwohner. Ob man der Königin auch die Flaſche mit ins Grab gelegt, die ſie ſo ſehr geliebt, davon verlautet nichts Näheres.
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Kirchenfeier des Palmſonntags in Abyſſinien.
Es war am Sonntag Palmarum— ſo ſchreibt uns ein Arzt
der engliſchen Expedition nach Abyſſinien— und da nicht weit von
unſerm Lager eine alte koptiſche Kirche ſtand, ſo faßte ich den Ent⸗ ſchluß, einmal zuzuſehen, wie die chriſtlichen, wenn auch tiefdunkeln Unterthanen Seiner geheiligten Majeſtät des Negus Theodor dieſen Palmentag kirchlich begehen würden. Gefahr war eben nicht dabei, da wir faſt derſelben ſchreckensbleichen Ehrfurcht begegneten, welche die Gefährten des Cortez und Pizarro ſicherte, ehe ſie die kupferne Raſſe durch Brutalität und kaltblütige Grauſamkeit zur Verzweiflung gebracht hatten. Ich nahte mich alſo unbefragt dem Kirchplatze, den ſchon eine Zahl Gläubiger beſetzt hielt, roh gehauene Stäbe ſchwingend und Pſalmen ſingend, unter Anführung ihres Alaki, d. h. eines Ober⸗ prieſters, der ſehr davon befriedigt zu ſein ſchien, daß bei dieſem Geſange auch nicht eine der bekannten und überhaupt möglichen Ton⸗ arten unvertreten blieb. Plötzlich ertönte Trommelwirbel, und nun fingen die Heiligen an, wie die Wahnſinnigen zur Ehre Gottes um⸗ herzuſpringen, von Zeit zu Zeit ihre Stäbe in die Erde zu ſtoßen und in die Hände zu klatſchen, bis ſie vollſtändig erſchöpft waren und die eigentliche Feier anhob, die durch Vertheilung von Palmzweigen eingeleitet wurde. Nunmehr trat die Geiſtlichkeit in prieſterlichem Hrnat auf der Oſtſeite, der ſogenannten Bethlehemfronte, aus der Kirche auf den Platz, und einer der ältern Prieſter, der vor der von zwei jüngern Geiſtlichen emporgehaltenen, in koptiſchen Lettern ge⸗ ſchriebenen Pergamentausgabe der Heiligen Schrift Platz nahm, be⸗ gann aus derſelben, während er in der rechten Hand ein reich ver⸗ ziertes Kreuz, in der linken den üblichen Palmenzweig hielt, der ver⸗ ſammelten Menge einige Kapitel vorzuleſen. Neben ihm ſtand ein Knabe mit der Klingel, die in gemeſſenen Pauſen geſchüttelt wurde, hinter ihm zwei Prieſter, der eine mit dem Weihrauchsgefäß, der andere mit dem Prieſterſtabe, deſſen Knopf das morgenländiſche Kreuz mit dem darunter befindlichen Halbmonde ſchmückte. Nach Beendigung dieſer Vorleſung wurde den Frauen, die ſich auf der Weſtſeite in der Vorhalle der Kirche verſammelt hatten, dieſelbe Gunſt zutheil, und nun folgte unter Abſingung von Pſalmen in großer allgemeiner, bunt gemiſchter Proceſſion ein feierlicher Umzug um die, Kirche.
Die Prieſter zogen ſich nach dieſer Proceſſion in das Innere der Kirche, das Sanctuarium zurück, um dort die Sakramente, das Brot in einem Körbchen, den Wein in einer Schaale einzuſegnen, während die andächtige Menge in Gruppen getheilt und die Geſichter der Oſt⸗ ſeite zugewendet, ſo oft die Klingel in der Kirche erſchallte, auf die Knie ſank, und das oben erwähnte Kreuz, das umhergereicht wurde, mit Inbrunſt küßte. Endlich öffneten ſich die Thüren des Sanctuariums, die celebrirenden Prieſter erſchienen auf den Stufen des Hochaltars und das Abendmahl begann, bei dem es im übrigen nur bemerkens⸗ werth ſein dürfte, daß der Wein Denen, die zur Gunſt der Sakramente zugelaſſen wurden, mit einem Löffel verabreicht werden mußte.
Mit dem Abendmahl ſchloß die kirchliche Feier, die vom Morgen bis zum Mittag gewährt hatte. Die abendländiſchen Confeſſionen werden ſie kaum als eine chriſtliche anerkennen mögen, aber Jeder dient dein Herrn nach ſeiner Weiſe, und die Abyſſinier halten ſich für mindeſtens ebenſo gute Chriſten wie das heilige Collegium im Vatican.
Die Burgruine Hohenſtein im Pegnitzthale.
Auf den Vorhöhen des Fichtelgebirges in der Nähe von Schnabel⸗ weid ſpringt die Pegnitz aus kühlem Bergesſchooß und rieſelt und rauſcht über den reinen Kiesgrund in munterm Lauf durch das ge— ſegnete Mittelfranken in einem Thale voll hoher landſchaftlicher Reize bis Fürth, wo ſie ſich mit der Regnitz vereint, deren größere Waſſer⸗ einlage fortan dieſem Societätsgeſchäfte den Namen verleiht. Die Perle des Thales iſt bekanntlich die alte, berühmte und ehmals freie Reichsſtadt Nürnberg, aber das deutſche Mittelalter verewigte ſich hier nicht blos mit den Steinhieroglyphen, in denen ein übermäch⸗ tiges Bürgerthum ſeinen Stolz ſuchte, auch die alten Geſchlechter des Landes, die den Franken und Hohenſtaufen zur Heerfahrt folgten, hatten auf manchen Bergeshang Thurm—⸗ und Mauerwerk geſetzt, oder um ihres Seelenheils willen Stiftungen gegründet, aus denen ſich ſtattliche Klöſter mit verſchwiegenen Zellen und kühlen Kellern er⸗ hoben. Bürger und Ritter glaubten ihre Macht für die Ewigkeit be⸗ feſtigt, aber die alte Stadt Nürnberg iſt nur noch ein Schatten ihres mittelalterlichen Glanzes, und die ſtolzen Burgen liegen vollends in Trümmern, moysbewachſen, von Epheu und düſtern Sagen um⸗ ſponnen.
Eine der ſchönſten Burgruinen Mittelfrankens iſt der Hohenſtein, keck über Wald und Fels emporragend, mit dem geborſtenen Mauer⸗ werk noch trotzig auf das Dörflein hinab ſchauend, das mit ſeinen Strohdächern ſchutzſuchend an den Fuß des Berges ſich ſchmiegt. Die Herren des Hohenſteins waren ein uraltes Geſchlecht, das ein ſchwarzes Gitter in weißem Felde als Wappen führte und ſchon im 12. Jahrhundert reich begütert und hoch angeſehen ſein mußte. Schenkte doch Adalbert von Hohenſtein 1169 dem Kloſter Heilsbrunn die Güter Erbach, Burgfarnbach, Sperbeslohe und Sulzbach. Hohenſtein ſelbſt kam ſpäter an die Reichsvogtei Nürnberg und durch Kaiſer Karl IV. an die Krone Böhmen, die ihn indeſſen nicht lange
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