Jahrgang 
1868
Einzelbild herunterladen

lieblich einkleiden können. So nützten dem Municipium alle ſeine Anſtrengungen nichts; es nützte nichts, daß es ſeine ver⸗ einzelt ſtehenden Holzkaſten auf dem Pittiplatze bis zu großen Triumphlaſten erweiterte, die der Volkswitz für Buden von Zeitungsverkäufern hielt; es nützte nichts, daß es in ſeinem kindiſchen Spiel auf mehrern Plätzen hohe Tannenbäume auf pflanzen und fingiren ließ, als ob ſie in großen Schüſſeln ſtänden: die Tannenbäume blieben vereinzelt ſtehen und ließen das Auge nicht errathen, welche Beziehung ſie auf florentiniſche Plätze wie der von St. Maria Novella haben ſollten. Von all den floren⸗ tiniſchen Feſten war nur das eine gelungen, nämlich bei dem Ball, welchen das Municipium dem kronprinzlichen Paar in dem Palaſt der Caſcinen gab. Und warum war dies gelungen? weil der Feſtſchmuck einer Perſon übergeben war, welche einfach den Spuren der Natürlichkeit folgte. Die Zeitungen werden wol viel berichtet haben über das Feenreich in den Caſcinen. Die Mittel dazu waren ſo einfach: Lichtkugeln in den drei italieniſchen Farben grün, roth und weiß. Eine nicht überhäufte Vertheilung dieſer Kugeln auf Strauchwerk, hohe Bäume und architektoniſche Linien an ein paar Gebäuden, das war Alles. Der großartige Eindruck war durch natürliche Benutzung der Baummaſſen und unter ſolcher Farbenvertheilung erwirkt, daß ſich auch auf größern Flächen immer wieder die Farben der italieniſchen Tricolore unter⸗ ſchieden. Etwas Neues war aber auch das nicht. Aehnliches haben ſchon deutſche Concertgärten mit ihren italieniſchen Nächten, wenn nicht ſo ausgedehnt, doch vielleicht noch ſinnreicher zu Stande gebracht. Dieſer Anklang an deutſche Empfindung war wol auch der Grund, warum der Kronprinz von Preußen über das Caſcinenfeſt ſo entzückt war und weit über Mitternacht hin über dabei verweilte, trotzdem er am Morgen um 5 Uhr ſchon auf dem Bahnhofe zur Rückreiſe nach Deutſchland ſein mußte. Das kronprinzliche Paar, Humbert und Margarethe, wurde bei ſeinem Einzuge in Florenz von Volk aus allen Theilen Italiens begrüßt. Bon dem Palaſt der Caſcinen an bis zum Pittipalaſt, auf einer Strecke von einer guten Stunde Weges, ſtanden auf beiden Seiten der Straße die Leute in dichten Reihen. Unge⸗ wohnte Phyſiognomien und fremd durcheinander klingende Sprach⸗ arten verdeckten förmlich das florentiniſche, ja faſt das ganze toscaniſche Element, und wie es ſo an dem Vorherrſchen einer beſonderen italieniſchen Eigenart fehlte, machte das faſt den Ein druck, als ob es gar nicht Italten wäre. Je localer ein Italiener aufgewachſen iſt, deſto mehr kommt ihm das Italieniſche anderer Art als gar nicht italieniſch vor. So haben die Florentiner z. B. viel gegen die Piemonteſen einzuwenden, aber ganz ver⸗ ächtlich werfen ſie die Zumuthung zurück, in der piemonteſiſchen Sprachart etwas Italieniſches ſehen zu ſollen. Beim feſtlichen Einzuge gewann ſich die Prinzeſſin Margarethe durch ihr aller⸗ liebſt holdſeliges Benehmen nach allen Seiten, Schritt auf Schritt die Herzen der Menge. Sie iſt ſo zarter, niedlicher Form, daß dies dem Italiener faſt ſelbſt wie etwas Fremdes ſchien. Parrebbe un Inglesina, man könnte ſie für eine kleine Eng⸗ länderin halten, hörte ich einmal neben mir ausrufen. Come é carina! wie lieb ſie iſt! ging es durch die Reihen; denn die Schönheit der jungen Prinzeſſin ſcheint ſo ganz Seele, daß dar⸗ über der Eindruck von körperlicher Schönheit zurückgeht. So hörte ich auch nirgends ausrufen: come è bella! wie ſchön ſie iſt! Die Kronprinzeſſin hatte es auch mit allem kindlichen Ernſt denn wir lönnen nicht ſagen mit vornehmer fürſtlicher Würde auf ſich genommen, dem Volk, das ſeine Landesmutter hat, ſich als kommende Königin zu nähern. Und der Eindruck von ihr muß dieſer bei Vielen geweſen ſein, denn man hörte bald von der piccola Regina, der kleinen Königin, reden. Auf der langen Strecke ihrer Einzugsfahrt durch die Allee der Caſcinen war ihr kleines Köpfchen unaufhörlich, gleichſam wie im Tact in Bewegung, um das Volk zu begrüßen. Aber dann ging es nicht mehr. Das Köpfchen wollte huldvoller Neigung nicht mehr folgen, der Hals muß ihr endlich ſehr geſchmerzt haben, und ſie

nahm ihre Zuflucht zu den Händen, um nach Art des heiligen Vaters zu grüßen. Dieſe zarte Geſtalt mit ihrer weichen Schmieg ſamkeit ließ um ſo mehr den Contraſt jener andern Geſtalt an ihrer Seite hervortreten. Prinz Humbert ſchaute ſo ſtarr darein, als ob das, was um ihn vorging, ihn gar nicht berühre; ja wenn an ſeinen Augen etwas zu leſen war, hätte es zu Zeiten bedünken können, als ob er davon keine Kenntniß hätte. Dieſes ſtiere Dreinſchauen des italieniſchen Thronerben, das in früherer Zeit nie ſo bei ihm bemerkt worden war, iſt auch bei weitern Ge⸗ legenheiten auffällig geweſen. Namentlich bei dem Schauſpiel des Feſttourniers im Amphitheater der Caſcinen hat das viel Redens gemacht. Da waren ſie ſich Seite an Seite, die Thron⸗ erben Preußens und Italiens. Daß dieſe eine ganze halbe Stunde lang ſich ſo gar nichts zu ſagen hätten, wollte den Leu⸗ ten nicht einleuchten. Kaum daß man den Prinzen Humbert einmal durch ein paar Worte des Kronprinzen von Preußen an⸗ geregt ſah, verſank er wieder in ſeine Starrheit zurück. Dem Kronprinzen von Preußen war aber dafür reichlicher Erſatz an der Königin von Portugal und vor allem an der Prinzeſſin Margarethe. Da war ein Intereſſe an Unterhaltung zu ſehen. Es iſt in der That gefragt worden unter den Leuten, ob das Verhalten des Prinzen Humbert etwa durch Eiferſucht auf den preußiſchen Thronerben veranlaßt ſei, nämlich Eiferſucht wegen der Huldigungen, welche das Volk dem Letztern bei allen Ge⸗ legenheiten brachte, und deren ſich Prinz Humbert, wenn er ſo fortfährt, bei dem italieniſchen Volke allmählich wird ganz ent wöhnen müſſen. Aber es wird frank und frei geſagt, daß an alledem nichts ſei, und daß Prinz Humbert im Allgemeinen wie im Beſonderen von dem Treiben um ihn wohl nur gelangweilt wäre. Auch zeigte er ſich, wie bemerkt worden iſt, zum Abſchiede bei der Abreiſe des Kronprinzen von Preußen recht freundlich gegen dieſen. Gelangweilt ſcheint Prinz Humbert auch bei erſteren Gelegenheiten geweſen zu ſein, wo ſeine Abweſenheit Aufmerkſamkeit erregte. Die Prinzeſſin Margarethe iſt wißbegierig, und ſcheint von der jungen Luſt des Schaffens ihrer neuen Stellung getrieben. Sie beſuchte Kunſtgalerien, Schulen und Anſtalten jeglicher Art. Die erſten Tage wurde wol gemeldet, daß ſie ihr Gemahl begleitete, dann fand ſie ſich allein an Orten wie das große Hospital von Sta.⸗Maria Nuova, wo ſie bis in den Operationsſaal vordrang. und dem königl. Commiſſar des Hospitals ihre Belobigung über die Pflege und Heilart von Kranken ausſprach, wie das officiöſe JournalLa Nazione berichtete. Ja, wenn das in unſern Zeiten ſo ginge, hätte Margarethe wol auch das Zeug dazu, ihre Königinrolle in recht urſprünglicher patriarchaliſcher Weiſe zu nehmen. Gleich nach dem Ende der Feſtlichkeiten in Florenz huſchte ſie, von nur einer Freundin begleitet, frühmorgens vor 8 Uhr aus dem Pittipalaſt heraus, um ſich, recht ungehindert zu Fuß ſpazierend, Florenz zu beſehen. Wenn man aber wie ſie ſo lange vom Volk mit eifrigen Blicken geſehen worden, dann iſt es ſchwer, ungekannt durch die Straßen von Florenz zu wandeln. Sie wurde bald vom Volk ſo zudringlich verfolgt, daß ſie mehr mals in Kirchen ihre Zuflucht nahm, um da durch Seitenaus⸗ gänge ſich wieder zu befreien. So kam ſie bis in Via nazionale vor den Schauladen des Photographen Alinari, dem der Kron prinz von Preußen die Aufnahme ſeines Bildes geſtattet hatte, welches in dieſem Laden zu ſehen iſt. Die Prinzeſſin will ſich auch photographiren laſſen, und bringt dies ſogleich zur Aus⸗ führung. Ihr Bild, an jenem Morgen unter den bezeichneten Verhältniſſen entſtanden, hat einen eigenen Charakterzug, der ſich wohl keinem Photographen von ihr ſo leicht wieder darbieten wird. Sie iſt ſtehend, das Köpfchen etwas geneigt, und doch wie etwas nach aufwärts ſchauend, und ihre Hände ſind in den Schos gefaltet. Sie ſieht faſt wie eine kleine halbe büßende Sünderin aus. Man könnte glauben, daß eine jener weichen Frauengeſtalten Perugino's, die in demüthiger Andacht gen Himmel ſich wenden, zum Modell gedient hätte. K. Koch.

88*