Jahrgang 
1868
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ſich gebildet, wird oft durch Beiſpiele treffend erwieſen, wie ich deren ſelbſt in meiner erſten Unterhaltung mit den Leſern des Hausfreund anzuführen hatte; aber auch Leute, die ganz im Geſchäft und im praktiſchen Leben aufgehen, ſcheinen von jenem heimlichen Zuge nach Italien nicht ganz frei zu bleiben. So war es mir neulich klar, zu leſen, von einem recht braven jungen deutſchen Kaufmann, der mit Weib und Kind in Italien anſäſſig geweſen, und überdrüſſig der mancherlei Unbehaglichkeiten von Land und Leuten, die Berliner Athmoſphäre mit derjenigen der Arnoſtadt vertauſcht hat, und den nun die Schilderungen von den florentiniſchen Feſtlichkeiten zur Hochzeitsfeier des Prinzen Humbert und jenes Aeugleins von Prinzeſſin Margarethe zu ſo warmer Stimmung erhoben, daß der lebhafte Wunſch ihm kam, wieder einmal in demſchönen Florenz zu verweilen. Doch ſind die Herzen im großen deutſchen Lande ſo reich und mannich⸗ faltig geartet, daß ſie ſchon viele heimliche Züge nach Italien ge⸗ währen laſſen können, und immer noch genug behalten für Klang und Schng, und Lied und Luſt und Freude am traulichen Vater⸗ herd. Deſſen war mir neulich auch ein deutſcher Kaufmann Zeuge, der ſich gern zu den Berliner Kindern rechnet, wiewol er von weiter hinten her, aus Pommern ſtammt. Er war nach Florenz gekommen in jener Zeit, wo allerdings das patriarchaliſche Walten der Großherzoge noch beſtand, doch aber alle die Fäden ſchon ge⸗ ſponnen wurden, um Toscana in eine neue politiſche Ordnung und Florenz in die Geſchicke einer großen Stadt, eines König⸗ reichs Italien hinüberzuleiten. Er ſchaute ſo leicht und luftig darein, wie der Wind, der ihm von Montemorello herab in die Straßen nachhuſchte. Sein beſtes Kapital war wol, wie bei den meiſten Deutſchen, die in Italien ſo wohl gediehen, die zuchtvoll anerzogene Arbeitsluſt, die durch friſchen Muth immer wieder von ſelbſt gebiert. Es war bei ihm ein beſonderer Drang, den Leuten, die es noch nicht von ihm wußten, zu erzählen, wie man eine Kanone mache. Nämlich: man nimmt ein Loch und gießt Metall darum. Und er hat ſeinen Kanonenguß fertig gekriegt. Mit dem nach heutigen Verhältniſſen beſcheidenen Laden be⸗ ginnend, der nach Erfindung eines deutſchen Schneiders dem florentiniſchen Tiſchlergewerk einſt zum Muſter gedient, hat er ſich nun, den Anforderungen der Neuzeit in der Hauptſtadt lauſchend, immer weiter und prächtiger über einen großen Palaſt ausge⸗ breitet, und es gibt keinen zweiten Laden ſeines Geſchäfts in der Arnoſtadt, der es nur zur Vergleichung mit dem des rührigen Preußen brächte. Ein Stück Preußen wird auch da in Ehren gehalten. Wenn bei irgendeinem öffentlichen Feierzuge der König von Italien vorüberfährt, da wird ſein Blick neben der italieniſchen auf die preußiſche Fahne gerichtet. Die preußiſche Fahne wehte da an jenem Morgen 1866, als der König dort vorüber krieges⸗ muthig auszog; die preußiſche Fahne wehte dort fort und fort, als die Schlacht von Cuſtoza verloren war, und trotzdem Herren vom Municipium die Entfernung derſelben verlangt hatten, weil das italieniſche Volk bei ſeiner Trauer über Cuſtozza durch die Freude über Sadowa ſich verletzt fühlen könnte. Dieſer Preuße, dem aller Segen Italiens zugefloſſen, bei dem hohe und höchſte Herrſchaften einkehren müſſen, wenn ſie haben wollen, was nur bei ihm in der Hauptſtadt zu finden iſt, kam neulich von einer Rundreiſe hierher zurück. Er hatte auch ein Stück Deutſchland wieder geſehen, nur eine Strecke von Frankfurt a. M. hinauf bis München. Er hatte da in Frankfurt auch die Neupreußen kennen gelernt.Nun fahre mal zu, alter Preuße, ſagte er zum Droſchkenkutſcher. Das war wie Feuer ins Pech geworfen. Na warte nur, alter Freund, fuhr er fort,binnen fünf Jahren werdet ihr gute Preußen ſein; wir werden euch ſchon preußiſch hauen. Es gehörte wol zu ſeiner beſonderen Art, wenn er, dem widerhaarigen Preußen ſeinen Dienſt lohnend, ihm gleichzeitig auf die Achſeln klopfte, um ihn gut preußiſch hauen zu helfen. Trotzdem es in dieſer Zeit in Süddeutſchland dem Norddeutſchen gegenüber gelegentlich wohl unfreundlich ſieden und kochen kann, war es unſerm Berliner Pommer doch recht traulich von Frankfurt bis München geworden, und es war ihm da die Betrachtung gekommen, wie ſchön es iſt an Land bei uns draußen, und wie ſchön an Leuten, und daß wir Italien gar nicht brauchen. So etwas Ebenmaß in der Stimmung zu erhalten iſt gut für einen freundnachbarlichen Verkehr zwiſchen Deutſchland und Italien;

denn bei ſolchem können wir uns des Schönen erfreuen, wo Italien es uns bielet, ohne der Schöne der Heimat weniger zu genießen. So geht es wol auch nicht ganz richtig zu, wenn Schilderungen von florentiniſchen Feſten ſo große Herrlichkeiten von ferne ſchauen laſſen, als ob es in Italien ſo etwas ganz anderes wäre als auf der übrigen Gotteserde. Die Italiener haben draußen bei uns wol noch immer den Ruf einer reichen Begabung für äußere Anordnung von feſtlichem Schmuck. Ich habe der Feſte in Italien viele und ſchöne geſehen, und viele zu ſchildern gehabt, und es bedünkt mich, daß es namentlich in der Hauptſtadt am Arno mit dieſer Begabung ſehr raſch zum Ver⸗ falle geht. Selbſt in Venedig, das zum Einzuge des Königs Victor Emanuel noch einmal eine wunderliche Märchenpracht ent⸗ faltete, ſagte man mir, daß in früherer Zeit, wol noch vor 1848, bei Feſtlichkeiten zu Ehren des Wiener Hofes die Pracht doch noch größer geweſen wäre. Zu einem natürlichen Feſtſchmuck gehört eine Seele, gehört ein Feſthauch, der, wie Glocken am Oſtermorgen, eine große Gemeinſchaft von Menſchen wohlig ſtimmt. Von einer ſo gemeinſamen Stimmung iſt am Arno ſchon ſeit lange nichts mehr zu ſpüren geweſen. Schon der Sprachgebrauch:Faramio le feste? farmio le feste?(Wer⸗ den ſie Feſte machen? ſie machen Feſte) gibt die wahre Volks⸗ empfindung wieder, das Volk macht die Feſte nicht; es ſind einige Herren vom Municipium, die in der Empfindung des Volkes wie Fremde erſcheinen: dieſe machen die Feſte. Dieſe Iſolirtheit, dieſe Zuſammenhangloſigkeit, man könnte ſagen dieſe Herzloſigkeit, war bei dem neulichen Feſtſchmuck zum Einzuge des neuvermähl⸗ ten kronprinzlichen Paares in Florenz zu einem charakteriſtiſchen Ausdruck gekommen. Das Municipium hatte diesmal, um Flo⸗ renz als Blumenſtadt einzukleiden, in der That einen großartigen Aufwand gemacht, um Blumen jeglicher Art herbeizuſchaffen, und reichlich waren ſie auch dao. Vom Eingange in die Stadt bei den Caſcinen, dem florentiniſchen Luſtwäldchen, beginnend, waren durch alle Straßen, durch welche der Feſtzug bis zum Pittipalaſt ging, in Zwiſchenräumen von etwa zehn bis zwanzig Schritten auf beiden Seiten bald Blumenvaſen, bald Bäumchen und große Blumenſträucher aufgeſtellt, Blumen von mildem Blick bis zur brennenden Glutfarbe, und doch ſah das Alles ſo kleinlich, ſo dürftig und froſtig aus. Wenn man ſo einzelne ſchöne Blumen⸗ ſträuße betrachtete, ſo konnte man in der That in Verlegenheit ſein, ſich Rechenſchaft darüber zu geben, warum das Ganze einen ſo unfruchtbaren Eindruck machte. Eine Löſung für das Auge fand ſich indeß in dem Feſtſchmuck ſelbſt. Auf eine kurze Strecke, in via Rondinelli, war an zarten Spalierſtangen einfaches Laub hinaufgeſchlungen, und überdachte in kleinen Zwiſchenräumen die Straße. Kleine Blümchen, ſparſam geſäet, unterbrachen das Grüne. Das Ganze war ſo höchſt beſcheiden gemacht, und doch welchen herrlichen Geſammteindruck machte das! Warum? Weil irgend⸗ eine gütige Hand die armen Blumen zu traulicher Gemeinſchaft in Guirlanden mit einander verbunden hatte. Der Sinn war nicht reich, aber man ſah einen Sinn, und das that wohl. Da⸗ gegen waren die einzelnen Blumenſträuße, denen man ſchon durch ihre zwängende Verballung das Blumenleben abgeſchnitten hatte, auf Holzkäſten aufgeſtellt; ſie ſchienen keinen anderen Zweck zu haben, als den Verkehr zu hemmen, und nahmen ſich nach dem einfachen Geſetze des Sehens bei kleiner Entfernung ſchon wie bunte Pfähle aus, von denen jeder allein ſtand und nichts mit den andern zu thun hatte. Dieſe Verödung war das rechte Spiegelbild für die Verödung des Gemüths. Mit wie viel unend⸗ lich geringern Mitteln haben wir deutſche Städte feſtlich kleiden geſehen! Dazu gehört aber, daß die Leute ſich gut ſind, und freundnachbarlich ſich die Hände reichen. Da ziehen Blätter⸗ und Blumengewinde von Haus zu Haus, vom Fenſter des Nachbars zum Nachbar ſich hin, und umſchlingen eine Gemeinſchaft froher Menſchen. Hier war von der Bevölkerung wenig und nichts geſchehen, ſelbſt an dem Palaſt der Familie Corſini, die ſo ganz zum piemonteſiſchen Hofe hält, waren nur wenige Kränze ſo jämmerlich dürftig zu ſehen, daß es wünſchenswerther ſchienen, es wäre damit nicht erſt ruchbar geworden, daß in Florenz die Aus⸗ ſchmückung von Häuſerfagaden mit grünem Laub eine nicht ganz unbekannte Sache ſei. Freundliche Hände und Gemeinſinn hätten mit einem geringen Theil des ganzen Blumenaufwandes Florenz

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