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Ich ſchrieb vor Kurzem von dem Feldzuge, welchen Herr v. K. in Homburg gegen die Bank eröffnet. Wie alle Feld⸗ züge der Gegenwart, iſt auch dieſer ſehr kurz geweſen. Herr v. K. concentrirte ſich nach wechſelndem Glück und Unglück in Nauheim, und wurde hier mit Sack und Pack gefangen genom⸗ men. Es erging der Nauheimer Bank mit dieſem fetten Biſſen wie den Rheinfiſchern, wenn den Netzen der Holländer ein Lachs entwiſcht; Herrn v. K. aber erging es, wie es allen ſeinen Vor⸗ gängern geſchehen iſt: was in Wiesbaden gewonnen wird, neh⸗ men dem Glücklichen die Banken von Homburg, Nauheim und Baden ab, und ſelten entgeht Einer der Scylla, ohne in die Charybdis zu fallen.
Auf jeder Promenade wird uns von kundigen Leuten dieſe oder jene Geſtalt bezeichnet, die im vorigen Jahre 3, 4 oder 500,000 Franken gewonnen und mit einer rührenden Gewiſſen⸗ haftigkeit der Bank Alles wieder zurückgeliefert haben. Ihr ganzes Glück war eben nur ein unruhiger Traum, von dem ſie nicht einmal Vergnügen gehabt haben, wenn ſie es nicht machen, wie einer der ruſſiſchen Gäſte, der ſeine 150,000 Francs vor Kurzem gewann und ſich mit ſeinem Raub auf die Eiſenbahn begab, um direct nach dem Kaukaſus zurück zu kehren. Dieſer ge⸗ ſcheite Mann wußte, daß der allerkürzeſte Weg vom Glück zum Ruin die Bahnzüge zwiſchen den Rheiniſchen Curorten ſind; er wählte deshalb den kleinen Umweg über die Alpen zum Schwar⸗ zen Meer.
Je näher die haute saison rückt, deſto mehr Charakter erhält die Geſellſchaft. Wiesbaden iſt der Sammelplatz der Bourgviſie und des mittlern Beamtenthums. Drüben in Ems hat die Geſellſchaft einen andern Stempel; es iſt viel hohe Ariſto⸗ tratie dort, und infolge deſſen wird an den Ufern der Lahn vornehmlich ruſſiſch, franzöſiſch und jüdiſch geſprochen. Selbſt⸗ verſtändlich ſind, wie immer, ſo auch in dieſem Jahre eine Menge Komödianten und Muſikanten in Ems; das Theater iſt aber eben nicht größer als ein Winkelmaß. Eine deutſche Komödie wäre ſchwerlich in dieſer Ecke des Curſaales aufzuführen, die man ſo genial zum Theater geſchaffen. Der Franzoſe hat das Talent, in einer Portchaiſe ein ganzes Luſtſpiel mit Ballet⸗Di⸗ vertiſſement aufzuführen; zwei deutſche Künſtler hätten auf dieſer Bühne nicht einmal Raum genug, vor einander den Hut abzu⸗ nehmen und ſich guten Morgen zu wünſchen.
Der Emſer Brunnen ſoll viel ſchöne Tugenden haben, auf die ich mich hier nicht einlaſſen kann. Sie trinken ihn dort ſo⸗ gar zweimal des Tages, um die Cur zu beſchleunigen, und Man⸗ chem mag das ſchon doppelt geholfen haben. Da lobe ich mir den Wiesbadener Kochbrunnen, namentlich Sonntags, wenn die Leute der Umgegend oder die durchziehenden Gäſte kommen. Haufenweiſe ſieht man ſie vor dem Kochbrunnen ſtehen und das ſchmuzige Waſſer koſten. Die Landleute müſſen ein ungeheueres Vergnügen an dem heißen Brunnen haben; ſie trinken ihn aus den großen Gläſern und eſſen ein Stück Kuchen dazu, was am Ende ebenſo ſchmackvoll ſein mag, wie der Blümchen⸗-Kaffee, den der Reſtaurant des Curhauſes ſerviren läßt. So ein Landbe⸗ wohner iſt viel glücklicher daran, wenn er ein Glas Kochbrun⸗ nen trinkt und Kirſchtorte dazu ißt, als wenn wir Unglücklichen im Curhaus⸗Reſtaurant eine Entrecòte bordelaise von Ser⸗ vietten ſpeiſen, die nach ſchwarzer Seife riechen, nicht zu reden von den Grobheiten der Kellner, ungebildeten Leuten, die hier noch den längſt aus der Mode gekommenen Kunſtgriff anwen⸗ den, beim Herausgeben auf der Aſſiette einen Gulden unter die Rechnung gleiten zu laſſen. Ich würde dieſen Kellnern gewiß nicht böſe ſein, wenn ſie mich mit neuen Taſchenſpielerkünſten überraſchten, doch ſie verletzen den Gebildeten durch ihre alten verbrauchten Scherze.
Irre ich nicht, ſo bin ich den Pächtern des Reſtaurants ſchon auf dem Bahnhofe in Straßburg begegnet. Die hohe Pacht, die in ſolchen Localen vielleicht bezahlt wird, rechtfertigt Alles, und ein Reiſender muß ja auch auf Alles gefaßt ſein, hier aber, im Curhaus von Wiesbaden, herrſcht ſtets ein glückliches Freund⸗
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Bade-Photographien.
W.
ſchaftsverhältniß zwiſchen der Adminiſtration und dem Pächter des Reſtaurants, der, wie man mir ſagt, nur 1500 Gulden Pacht zu zahlen braucht. Uebrigens weiß man hier allgemein, warum die Adminiſtration ſich ihre Kaperbriefe ſo gering bezahlen läßt.
Es liegt im Allgemeinen viel ſcheinbare Nobleſſe in Allem, was dieſe Adminiſtration thut; die Freimaurerei ihres Gewerbes rechtfertigt oder gebietet dies. So bezahlt ſie beiſpielsweiſe die Künſtler, welche in ihren Concerten mitwirken, in höchſt anſtän⸗ diger Weiſe, und wiederum vertheilt ſie die Freibillets zu dieſen Concerten in ſolcher Menge, daß kaum auf eine Einnahme zu rechnen iſt.
Die Adminiſtration weiß, daß die Künſtler, wenn ſie einige Tage vor dem Concert eintreffen, ſchon mindeſtens ebenſo viel an der Bank verſpielen, als ſie Honorar erhalten, und wenn ſie ihr Ho⸗ norar ausgezahlt bekommen, auch dieſes ſofort an die Roulette tragen. Es iſt alſo zu berechnen, daß die Künſtler an die Bank gerade noch einmal ſo viel zahlen, wie die Bank an ſie zahlt; je höher aber die Adminiſtration die Künſtler honorirt, deſto mehr wird dieſes leichtſinnige Volk an die Bank verlieren.
Der Vortheil iſt dabei natürlich auf Seite des Publikums, das zu einem großen muſikaliſchen Genuß im Curhauſe verſam⸗ melt wird und angeregt durch denſelben, ſein Geld in die Spiel⸗ ſäle trägt, in welchem Falle der ganze Vortheil wiederum auf Seite der Adminiſtration iſt.
Es iſt dies eben derſelbe Ausgleichungsproceß, den wir in der ganzen großen Natur beobachten. Es fällt kein Blatt vom Baume, ohne den Boden zu nähren, und in den Bädern kein Gulden aus der Taſche, ohne zur Dividende zu werden.
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Große Affichen verkünden uns etwas Ungewöhnliches. Chri⸗ ſtine Rilsſon, die ſchwediſche Sängerin von der großen Oper in Paris, wird zu Anfang September in einem der Curhaus⸗Con⸗ certe auftreten. Sie wird zum erſten Mal auf deutſchem Boden ſingen und kein Wunder iſt's, wenn man ſich auf den höchſten Genuß vorbereitet.
Es hat kaum jemals eine Sängerin ſo ſchnell und uner⸗ wartet ihr Glück gemacht wie die blonde Nilsſon, das Bettel⸗ muſikanten⸗Kind. Als ſie die Pariſer große Oper im Winter be⸗ trat, war Alles außer ſich von Enthuſiasmus, und als ſie im Frühjahr nach London ging, trug man ihr bei ihrer Abſchieds⸗ vorſtellung in Paris ſilberne und goldene Lorbeerbäume auf die Bühne. In London ſchlug ſie die Patti und die Lucca, und nach dem Honorar, das ſie für ihr Wiederengagement an der großen Pariſer Oper verlangt hat, berechnet man, daß ſie etwa 5 Sgr. für jede Note erhält, die ſie zu ſingen ſich verpflichtet.
Es gibt keine glücklicheren Leute als die Tenoriſten und Tenoriſtinnen. Selbſt Frau Miolan⸗Carralho, die zwar ſehr viel Schule, aber gar keine Stimme mehr hat, läßt ſich hier für jede Arie, die ſie im Concert ſingt, ihre 1000 Francs zahlen, und die Nilsſon nimmt 5000 Francs für den einen kurzen Abend, den ſie durch einige Coloraturen verherrlicht. Beſcheidener iſt die blonde Irma von Murska, die ſich hier am Theater auf Thei⸗ lung einläßt und Wiesbaden zur Sommerruhe gewählt hat. Man ſieht ſie täglich zwiſchen Wiesbaden und Biberich kutſchiren. An ihrer Seite ſitzt mein guter Freund S. wenn ſie kutſchirt, und nebenher läuft ihr unzertrennlicher Freund Pluto, der dicke Neufundländer, der ſogar Abends, wenn ſie im Theater ſingt, in ihrer Garderobe ihre Tugend bewachen muß. Sie liebt dieſen Hund ſo über alle Maßen, daß es mich nicht wundern ſollte, wenn auf ihrer Spazierfahrt auch einmal Pluto an ihrer Seite ſitzen und mein guter Freund neben dem Wagen herlaufen müßte.
Auch Wachtel nimmt ſtets ſeine Villegiatur in Wiesbaden. Die Murska liebt ihren Neufundländer und Wachtel ſeinen Traber; während Beide auf der Chauſſee kutſchiren, macht Niemann eine Serie auf Noir und gewinnt 4000 Thaler am trente et qua-
rante. Es gibt, wie ich ſage, kein glüclicheres Volk als dieſe
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