eine tiefe, von ſteilen Abhängen begrenzte Schlucht gewunden hatte, trat ich endlich in die offene Ebene hinaus. Zu meiner Rechten und Linken erblickte ich hohe Berge, deren Gipfel in das Himmelsgewölbe hinein zu ragen ſchienen. Dieſe Berge waren mit beſtändigem Grün bedeckt, während ſich vor mir ein Thal öffnete, das ſich in bewachſenen Abhängen bis zum Meere hinabſenkte.
Noch nie hatte ich etwas ſo wahrhaft Erhabenes erblickt. Die Großartigkeit der Landſchaft, in Verbindung mit den ſelt⸗ ſamen Formen der Wolken, die, vom Winde gegen die andere Seite der Sierra getrieben, einige der romantiſchſten Punkte in der Natur bald enthüllten, bald wieder verbargen, erregte in meiner Seele ein ſo lebendiges Entzücken, daß ich dann und wann unwillkürlich mein Pferd anhielt, um mich in den ungeſtörten Genuß dieſer Naturwunder verſenken zu können.
„Maſſa nicht nach Paradies kommen heut, wenn ihm anſchaut die Berge der ganzen Morgen“, warnte mein kleiner Führer⸗
Dies veranlaßte mich, mein Pferd aufs Neue in Trab zu ſetzen. Ich war nur eine kurze Strecke weiter geritten, als ich zu glauben begann, daß die Prophezeiung der alten Judith nicht ganz bedeutungslos geweſen ſei, denn ein glänzen⸗ des, obgleich auch ominöſes Schauſpiel zeigte ſich meinem Blicke. Eine rieſenhafte ſchwarze Wolkenmaſſe war gleichſam aus dem Schoſe des Meeres emporgeſtiegen und ſchwebte nun, ſcheinbar unbeweglich, am fernen Rande des Horizonts. Ich ſtarrte noch betroffen auf jene Wolkengruppe hin, als ſie, wie vor einem mächtigen Windſtoße hergetrieben, ſich plötzlich in Bewegung ſetzte, und eine düſtere Nebelmaſſe nach der anderen rollte heran und alle verbreiteten ſich mit Blitzes— ſchnelligkeit über das noch vor wenigen Minuten ſo klare und heitere Firmament.
„Orkan kommen, Maſſa— jetzt für gewiß!“ rief mein Führer.„Alte Judith immer haben Recht, und wenn Maſſa nicht reiten ſchnell, die Regen uns wird fangen.“
Ich ließ die Worte des Jungen unbeachtet, denn es war ein großartiges und prachtvolles Panorama, das in jenem Moment meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Die eine Hälfte des Himmelsgewölbes war rabenſchwarz, während die andere noch hell und ſtrahlend erſchien und von keinem Wölkchen getrübt ward. Vielleicht noch nie hat das Auge eines Menſchen auf einem ſchlagendern Contraſte geruht, noch nie eine ſolche Miſchung hinreißender Lieblichkeit und düſterer Erhabenheit geſehen. Und dieſer Contraſt erreichte ſeinen Höhepunkt, als plötzlich aus dem ſchwarzen Wolkenvorhange ein Blitzſtrahl nach dem anderen hervorzuckte und in das Meer hinabfuhr, und als der Donner, nachdem er in der Ferne dumpf gerollt hatte, in den Bergen ſeinen Widerhall fand, indem ſein Schall von Klippe zu Klippe und von Felſen zu Felſen dröhnend zurückgeworfen ward. Es war die Per⸗ ſonificirung des Friedens und Krieges; aber ach! der blaue Himmel, das Sinnbild des Friedens, ward durch die ſich immer weiter entrollenden Kriegswollen immer mehr ver⸗ dunkelt.
Endlich wendete ich mich um, in der Abſicht meine Reiſe fortzuſetzen. Mein Pferd ſchien nicht minder, als mein Führer, die Nothwendigkeit energiſcher Anſtrengung zu fühlen, und bald fand ſo zu ſagen, ein Wettlauf zwiſchen mir und dem Sturme ſtatt. Bevor ich jedoch meines Freundes Plantage erreichen konnte, flogen die Wolken über mein Haupt hinweg und in den oberen Luftſchichten heulte es, als ob ein heftiger Wind dort wüthete, obgleich unten kein Lufthauch zu fühlen war, kein Baumblatt ſich regte und nicht die kleinſte Welle die ruhige Oberfläche des Meeres bewegte.
Und nun erblickte ich die Paradies⸗Villa vor mir. Wohl verdiente ſie ihren Namen, denn einen ſchöner gelegenen Wohnſitz hatte ich noch nie geſehen. In dem Augenblicke, als ich das Haus erreichte, begann der Regen herabzufallen, und ſchnell vom Pferde ſpringend, eilte ich die Freitreppe hinauf und betrat den Hausflur. Ich wurde von Herrn Gordon und ſeinen beiden Töchtern mit großer Herzlichkeit begrüßt, und obgleich Maria ihre Freude über meine Ankunft minder laut
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ausſprach, als ihre Schweſter, ſo zeigten doch der beredte Blick ihres Auges und ihre gerötheten Wangen, daß ich ihr keineswegs unwillkommen war.
„Ich bin erfreut, daß Sie gekommen ſind, obgleich wir Sie kaum noch erwartet hätten“, ſagte Herr Gordon.„Wie aber kommt es, daß der Oberſt Sie nicht begleitet hat?“
„Er weigerte ſich, ſein Haus zu verlaſſen, weil die alte Judith für heute einen Orkan prophezeit hatte. Obgleich ich über dieſe Prophezeiung anfangs zu ſpotten geneigt war, glaube ich nun, daß ſie doch Recht gehabt hat.“
„Das unterliegt keinem Zweifel, jene alte Frau hat immer recht; das Queckſilber im Wetterglaſe iſt wie ein Blei⸗ klumpen gefallen. Wir wollen nun frühſtücken, ſonſt könnten wir durch unerwartete Ereigniſſe um unſer Mahl geprellt werden.— Ah, hier iſt auch Madame Suter mit ihren Töchtern; ich glaube, Sie ſind mit den Damen bereits be⸗ kannt.“
Madame Suter war die Witwe eines ſchottiſchen Plantagen⸗ beſitzers, eine ſehr corpulente und etwas pretentiöſe Frau; doch mit den übrigen Mitgliedern der Geſellſchaft hat meine Er⸗ zählung nichts zu thun.
Während wir beim Frühſtück ſaßen, wuchs die Heftigkeit des Windes, und als wir die Mahlzeit beendet hatten, war der Orkan zum vollen Ausbruch gekommen. Herr Gordon begann nun die zur Abwendung etwaiger Unfälle erforderlichen Vorkehrungen zu treffen. Sämmtliche Fenſter und Thüren wurden in der Eile verbarrikadirt und die leicht transportablen Werthſachen, ſo wie ein reichlicher Vorrath von Lebensmitteln durch eine Fallthür in einen Keller hinuntergeſchafft, der aus⸗ vrücklich zu dem Zwecke erbaut war, den Bewohnern der Villa Sicherheit gegen die Wuth der Orkane zu gewähren.
Dieſe Vorkehrungen waren kaum beendet, als die Plantagen⸗ arbeiter und die ganze Bevölkerung des nahe gelegenen Dorfes erſchienen, um bei ihrem Brotherrn und ſeiner Familie Schutz und Obdach zu ſuchen.
Mittlerweile war der ganze Himmel rabenſchwarz ge⸗ worden, die Wolken ſchienen ſich unmittelbar auf die Ober⸗ fläche des Meeres herabgeſenkt zu haben, welches der Sturm nun zu haushohen Wellen emportrieb, während dann und wann blendend helle Blitze aus dem dunkeln Gewölk hervor⸗ zuckten und von der Meeresflut verſchlungen zn werden ſchienen; doch ſchon im nächſten Augenblicke kamen ſie unter dem weißen Schaume zum Vorſchein, und, ſcheinbar gen Himmel empor⸗ ſteigend, trafen ſie mit neuen aus den Wolken herabfahrenden Blitzſtrahlen zuſammen.
Der Donner dröhnte mit entſetzlichem Krachen über unſern Häuptern, und das Haus ſchien bis in ſeinen Grundlagen zu erzittern. Der Regen ſtürzte mit einer Heftigkeit herab, als ob die Schleuſen des Himmels ſich geöffnet hätten und die ewigen Gewäſſer auf uns niederſtrömten. Was den Schreckniſſen der Scene die Krone aufſetzte, war der Umſtand, daß es allmählich ganz finſter wurde, während die Heftigkeit des Sturmes mit jedem Augenblicke zunahm.
Um 11 Uhr war das Getöſe des Orkans zu einem ſo überwältigenden Brüllen angewachſen, daß die ſtärkſte An⸗ ſtrengung der menſchlichen Stimme, und zwar in nächſter Nähe, ſich als durchaus ungenügend erwies und jeder unſerer Verſuche, uns durch Worte einander verſtändlich zu machen, gänzlich vereitelt wurde.
Das Erzittern und Krachen der Mauern der Villa zeigte uns nun, daß es hohe Zeit war, zu größerer Sicherheit den Keller aufzuſuchen. Die Neger wurden aus ihrem Zuſtande dumpfer Betäubung emporgerüttelt und durch Zeichen aufge⸗ fordert, ſich eilig hinunter zu begeben. Bald waren ſämmt⸗ liche in der Villa befindlichen Menſchen, mit Ausnahme des Herrn Gordon, wohlbehalten hinunter gebracht: Marie und ich gingen zuletzt. Als wir uns auf dem Wege zum Keller befanden, verkündete ein lautes Krachen die Thatſache, daß etwas gefallen oder eingeſtürzt war, und ich eilte zurück, um zu ermitteln, ob irgendein Unfall meinen gaſtfreundlichen Wirth ereilt habe. Ich fand ihn unbeſchädigt im Wohn⸗ zimmer; aber ein in den Wolken plötzlich entſtandener Riß
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