— 2 2
„Wir Drei, Emma, Guſtav und ich, waren jetzt eng liirt; wir hatten uns nach Möglichkeit lieb; man ſah uns, wo es nur anging, in traulichem Dreigeſpräch beiſammen. Emma war das herzigſte Geſchöpf, das mir noch je vor Au⸗ gen gekommen.
„Aber wie geſagt, ſie war Guſtav's Braut, das allein ſchützte mich vor der Gefahr, mich recht gründlich in ſie zu verlieben. Sie war nicht groß, aber ihr Körper hatte jene weichen, runden, gefälligen Formen, die immer bezaubern, ſei es auf dem Kothurn oder Soccus, ſei's unter dem dunkeln Schleier des Pathos oder dem roſigen des Humors; Emma war gleich beliebt und gleich vorzüglich als tragiſche und als muntere Liebhaberin, im Trauer⸗ wie im Luſtſpiele; ihr braunes Lockenköpfchen mit den braunen, großen Augen, die bald träumeriſch ernſt, bald ſtrahlend heiter in die Welt blickten, mit den zwei Grübchenwangen, die gleich lichtem Sammt von mattem Bronzeſchimmer angehaucht ſchienen, mit den feinen Roſenlippen, die immer halb lächelnd nie ſo ganz geſchloſſen waren, um nicht zwei Reihen kleiner, blendend⸗ weißer Zähne zu verrathen, ach immer, wenn ich das hübſche Mädchen in ſeiner ſchelmiſch drolligen Art, lachend und ſingend am Arme Guſtav's oder an ſeinem Halſe hängen ſah, ſtand mir der ſüße Neckbold Oberon's, Puck, im Gedächtniß, wie er aufs Aug' der im Walde Schlummernden ſeinen Liebes⸗ zauberſaft träufelt.
„Guſtav durfte wol glücklich im Beſitz ſolchen Schatzes genannt werden, ja— und er war' auch.
„Indeß ſchwanden dieſe Interimstage vorüber. Wir hatten ſchlechte Geſchäfte gemacht und entkamen nur eben mit heiler Haut einem gänzlichen Bankrott, das heißt, wir konnten ge⸗ rade noch eben unſere Rückreiſe nach Glogau ermöglichen. Was that aber uns das?
Macht mein Glück im Norden Pauſe, Iſt der Süd mein Vaterland!
ſangen wir jungen Leute, als wir, von N.... abdampfend, aus dem Waggon dritter Klaſſe ſtatt unſerer Taſchentücher fünf leere Geldſäcke zum kare well ſchwenkten.
„Die Sommerſaiſon nahm ihren Anfang, ihren ruhigen Fortgang, ihr ſanftes Ende. Das glückliche Verhältniß zwi⸗ ſchen uns Dreien dauerte fort. Gegen Mitte September ſie⸗ delten wir, die T.. ſche Geſellſchaft, nach L. über. gute T... war als Director ein entſchiedener Pechvogel. Ver— ſtand er nun ſein Geſchäft nicht, oder war er ſo indolent und und ſaumſelig, oder ließ er ſich als ein gutmüthiger, ſchwanker Charakter von allen ihn umgebenden, ſich oft durchkreuzenden Einflüſſen beherrſchen, wer weiß? wahrſcheinlich aber wird es der Verein aller drei Urſachen geweſen ſein, der den raſchen und unvermeidlichen Ruin ſeiner Direction bald zur Folge hatte.
„Die beiden letzten Winter waren recht unheilvoll für ihn geweſen. Dieſen Sommer hindurch hatte ſich's, wie man ſagt, gemacht; allein jeder Ueberſchuß der Kaſſe mußte ja ſo— fort ein altes Loch ſtopfen helfen, und ſo hatte er im Grunde auch jetzt nichts. Als die Sommerſaiſon ſchloß, verließ uns eine bedeutende Zahl Mitglieder, denen vermuthlich etwas ſchwante; die Completirung konnte ſo raſch nicht geſchehen, und ſo hielten wir in L.. einen faſt kläglichen Einzug. Das war eine ſchlimme Vorbedeutung.
„Allein, Dank der unverwüſtlichen Theaterluſt ſeiner lieben Bewohner, traf das leicht zu Befürchtende noch nicht ein: unſere Geſellſchaft ergänzte ſich zur Noth noch früh genug, um den erſten triſten Eindruck vergeſſen zu machen: die Einnahmen fielen Abend für Abend brillant aus, und der arme, gute Kerl von Director konnte ſich's nach langer Faſtenzeit wieder ein⸗ mal ſchmecken laſſen. Ach! die Herrlichkeit dauerte leider nicht lange; es war wie das letzte helle Aufflackern einer ver⸗ löſchenden Kerze, wie ein freundlich purpurnes Abendroth, auf welches finſtere Nacht folgt.
„Und es war auch in der Natur ſo. Der October⸗Nach⸗ ſommer hatte ſich noch niemals ſo warm, ſo heiter, ſo ſonnig angelaſſen wie diesmal. Und wie genoſſen wir ihn! Wie ver⸗
Der
— 692
geworfen!
8—
gnügt ſchweiften wir in großen Trupps oder auch wir Drei nur auf den grünen, laubbekränzten Hügelkämmen umher, welche das freundliche Thalſtädtchen rings in maleriſcher Anmuth umgaben.
Auch dies nahm ein Ende. Bald meldeten ſich Nacht⸗ fröſte als die Vorboten des Winters“ Darauf begannen die Berge ſich in weiße Reifdecken zu hüllen. Die Sonne ward müde und ſchloß langſam ihr Strahlenauge und zog die grauen Nebelvorhänge vor ihr Bett, um zu ſchlafen. Und als das zitternde Herbſtlaub nicht mehr vom Lichte geküßt ward, fiel es todtmüde von den Zweigen und bedeckte in bleichrothen Streifen die Bergpfade und raſchelte unheimlich, wenn der Fuß eines vereinzelten Wanderers darüber hin⸗ ſchritt. So brach der Winter herein. Bald wirbelten dichte Schneeflocken an den kahlen Bergwänden herab, und wie eine weiße Leichendecke legte er ſich über die grauen und rothen Häuſerdächer der Stadt und über die einſamen Straßen. Und alle Luſt, alles Glück nahm Abſchied!
„Wir waren zwei Monate in L..., da erkrankte Emma. Eines Abends hatte ſie anſtrengend getanzt.— Wie? ge⸗ tanzt? fragen Sie. Ja, auch das! Auch Balleteuſe war Emma: ſie war eben Alles, ſie war ein Wunderkind! Die ſchillernde Mannichfaltigkeit ihres Talents hatte ſich erſt An⸗
fangs unſers Aufenthaltes in L... ſo recht kund gege⸗ ben. Obwol nur für das Fach munterer Liebhaberinnen en⸗
gagirt, war ſie in jenen Tagen, da die rathloſe Direction an dieſem empfindlichen Mitglieder⸗Mangel litt, bald für eine fehlende Heldin, bald für eine entwichene Salon⸗ und An⸗ ſtandsdame, bald für eine noch nicht eingetroffene Soubrette bereitwilligſt eingeſprungen. Und Alles war erſtaunt, Alles mußte bekennen, daß die hier und da ſehr empfundene Lücke ja auf einmal gefüllt ſei. Erſt machte man die überraſchte Wahrnehmung, daß ſie eine gar allerliebſte Stimme habe, daß ihr Liedervortrag von einem höchſt anmuthigen Reize um⸗ haucht ſei. Dann ſpielte ſie einmal in der bekannten Farce (Mein Name iſt Meier» die bekannte Paraderolle.„Ah, ah! ſtammelte man da allſeitig, ah! die Kleine tanzt auch? und wie tanzt ſie!»
„Und das Staunen ward zum Entzücken, und das Ent⸗ zücken zum Rauſche, und der Rauſch zum fieberiſchen Ver⸗ langen, das Wunder öfter zu ſehen, und die Kaſſe ſtand ſich ſehr gut dabei; der ſchlaue T.... war wol die Woche zwei⸗ mal mit der Bitte zur Hand:(Nicht wahr, Emmchen, mor⸗ gen tanzen wir wieder?!? Und die Gute that es, obwol ihr die Extra⸗Ausgabe für Balletſchuhe nicht einmal remu⸗ nerirt ward. Das, Freund, iſt eine alte Geſchichte!„Dank vom Hauſe Habsburg?!“ Ja, das gute Kind hätte nur jetzt einmal nicht tanzen wollen, wer weiß, ob's ihr nicht gar noch als Contractbruch wäre ausgelegt worden?
„Nun alſo eines Abends, es war ein recht ſchneidendes Froſtwetter draußen, hatte ſie ſich matt und heiß getanzt, und, ohne ſich abzukühlen, war ſie unbeſonnen genug, raſch in die rauhe Nachtluft hinaus getreten: die Folge war eine ſtarke Erkältung, an der ſie acht Tage lang zu Bett lag. Wir waren ſehr beſorgt. Guſtav war faſt ſtündlich bei ihr. Auch ich kam wol zuweilen, wenn mir allein— Guſtav und ich bewohnten ein Zimmer— zu bang ward. Da hatte ich denn
unter Anderm auch die Entdeckung gemacht, daß Emma trotz
der hübſchen Gage, welche ſie bezog, ſehr eingeſchränkt lebte, daß ſie oft ſtatt eines ordentlichen Mittagsmahles mit einem Stück einfachen Butterbrodes vorlieb nahm.
„„Warum das?» fragte ich betroffen ihren Bräutigam, ihn beiſeite nehmend.
„„Ach, ſeufzte der,«wie oft hab ich ihr das ſchon vor⸗ Zwei Drittel ihres Einkommens ſchickt ſie regel⸗ mäßig nach Haus an die Mutter! Wozu das? Die Alte iſt eine ganz tüchtige Schauſpielerin, ſie könnte Engagement nehmen, allein ſie mag nicht. Bequemer iſts ihr, auf der Bärenhaut zu liegen und von dem Schweiß ihrer gehorſamen Tochter ſich füttern zu laſſen. Emma verliert auch kein Wort darum, und will ich einmal vernünftig ſein und ihr
————


