—
Ruhmes hinab und in halber Verkommenheit ſo weit iſt, daß er am zweiten Tag nach dem Erſten und Sechszehnten ſchon keinen Pfennig ſeiner Gage mehr im Sacke hat, deſſen menſch⸗ liches Bedürfniß jedoch gleichen Schritt hält mit dem des Künſtlers— der läßt ſich dann ausnahmsweiſe wol einmal herab, ein mit Ehrfurcht dargebotenes Glas Bier anzunehmen und das lauſchende Ohr des Novizen dafür mit einer huld⸗ vollen, lehrhaften Mahnung voll Stil und Pathos zu be⸗ ſchenken. Ja, ſelbſt die letzten und jüngſten Fachgenoſſen meſſen behutſam ihr Betragen ab wider den Neuling erfüllt ſie doch nun das Bewußtſein, daß ſie eben nicht mehr die Letzten!
„Nur ein Einziger machte gleich anfangs eine Ausnahme. Es war ein hübſcher, ſchlanker, brünetter Junge in meinem Alter, auch erſt ſeit zwei Jahren bei der Bühne, der ſich mir gleich aufs Freundlichſte anſchloß. Sein treuherzig gerades Weſen, ſeine weichgeſtimmte Gemüthsart, ſeine beſcheidene Achtung vor dem Mehr, das ich etwa an Wiſſen ihm voraus hatte, hingegen die ungeſuchte, tactvolle Manier, ſeine Belehrung da', wo meine Unerfahrenheit bei ihm Rath ſuchte, und mehr als dies, jenes unnennbare Etwas, das wie ein ſympathiſches Flui⸗ dum aus der Seele manches Menſchen auf uns einwirkt, rief meine volle Gegenneigung zu ihm wach, und binnen Kurzem durfte Guſtav, ſo hieß der junge Mann, mein cordialſter Freund genannt werden.
i in G..., bei dem ich nunmehr enga— girt war, hatte mit einer completen Geſellſchaft für Schau⸗ ſpiel und Oper ſchon faſt den ganzen Winter dort zugebracht.
„Meine Ankunft fiel in die letzten vierzehn Tage der Sai⸗ ſon. Der Theaterbeſuch war in leiſem Abſterben begriffen, und einige unglückliche Benefizianten hatten um dieſe Zeit etwa fünf Groſchen eingenommen. Alles war froh, als mit Palm⸗ ſonntag endlich die Bude geſchloſſen wurde. Die Oper war damit entlaſſen; das Schauſpiel ſollte erſt zum Beginn der Sommerſaiſon, in etwa drei Wochen, wieder antreten.
„Scrophulöſe Menſchen, ſagt man, bekommen in jedem Frühjahr ihren Ausſchlag, das deutſche Theater nicht anders. Kaum iſt nämlich dieſer Waffenſtillſtand der Contracte einge⸗ treten, ſo bricht's los: Extra⸗Benefize, Concerte, operiſtiſche Tutti⸗Fruttis, muſikaliſch⸗declamatoriſche Matinéen und Soi⸗ réen in wilder Hetzjagd, hauptſächlich aber jene kühn impro⸗ viſirten Spritzfahrten in die Umgegend, zu vereinſamten Klein⸗ ſtädtern, die des Wintergenuſſes nicht habhaft werden konnten, und nun jedenfalls über die Maßen glücklich ſind, die abe— rühmten Mitglieder des Stadttheaters zu A.» einmal auf kurzes Gaſtſpiel in ihrer Mitte zu haben. Im allgemeinen wirft das noch immer ein ganz reinliches Nebenverdienſt ab, und bringt man die romantiſch⸗drolligen Intermezzis, die da⸗ bei vorfallen, mit in Rechnung, ſo ſind es edie ſchönen Tage von Aranjuez»(alias Scheppenſtedt, Polkwitz, Kräh⸗ winkel, Birnbaum u. ſ. w.), welche das deutſche Schauſpiel jährlich einmal feiert. Bei uns damals geſchah es gerade ſo! Unſer Theaterfriſeur, ein toller Burſch, der unter dem Spitz⸗ namen„Figaro“ glänzte, ward Impreſſario und raffte vier bis fünf von uns Mitgliedern zu einer Gaſtſpielfahrt nach dem vier Meilen entfernten N.... zuſammen. Guſtav und ich waren darunter. Es iſt jetzt nicht meine Abſicht, Ihnen eine Schilderung dieſer luftig⸗luſtigen Entrepriſe zu entwerfen, die am letzten Ende— es mußte auch einmal ſo kommen— recht kläglich verpuffte; ich erwähne nur dies Ereigniß, weil ſich von ihm aus meine Bekanntſchaft mit einer jungen Schauſpielerin datirt, von der ich hauptſächlich reden will.
„Ich hatte in den vierzehn Tagen meiner Anfängerſchaft, wie ſchon erwähnt, wenig, faſt gar keine Bekanntſchaften gemacht.
„Denn wenn ich ſchon meinen Herren Collegen in re— ſpectvoller Scheu auswich, wie vielmehr den Frauen und Fräuleins der Geſellſchaft. Kaum wagt' ich ja blos den Namen einer Dame laut auszuſprechen, ja, ich glaubte mich gar wie einen Dieb auf Schleichwegen ertappt, wenn ich mir leiſe in einſamer Stunde, ſüßſchauernd nur einmal vorflüſterte: Fräulein N. N.— deine Collegin! Während der Vor⸗ ſtellungen am Abend nahm ich gewiß jede Minute Zeit wahr, um in eine dunkle Ecke zwiſchen die Proſceniumscouliſſen zu
691„
ſchlüpfen und von hier aus die Scene zu beobachten. Ach, wie groß, wie ſchön, wie göttlich erſchienen mir dann zumeiſt all dieſe weiblichen Weſen, gleich ernſten und keuſchen Veſtalinnen, welche der Kunſt heilige Flamme hüten! O Flluſion!
„Eines Abends ſah ich ein Fräulein Emma Wormann das»Käthchen von Heilbronn“ ſpielen. Freund, wo ſoll ich Worte hernehmen, Ihnen den Zuſtand der Verzückung zu ſchildern, in den ich mich damals verſenkt fühlte? Nie hab' ich dieſe Rolle ſo wieder ſpielen ſehen, nie hab' ich auch viel— leicht die Schauer der Andacht ſo empfunden wie damals, da ich ſie überhaupt zum erſten Mal ſah! Jene duftige, lichtvolle, wunderſame Traumſcene unter den Holunderſtrauch, da das ſchlafende Käthchen, übermannt von dem magiſchen Einfluß des Geliebten, der ſich fragend über ſie beugt, ihm ihr ganzes volles Herz eröffnet, dieſe einzige Scene ſteht noch immer mit all dem Zauber vor mir, welchen ihr das Spiel der jungen Künſtlerin damals verlieh. Aber Spiel— was ſag' ich? Hier war mehr als das: hier war echte, reine, kindliche Natur hier war ein tiefes, wahres, dichteriſches Empfinden, das aus der Seele dieſes Mädchens heraus klang, das war nicht die Künſtlerin mehr, das war das liebende, keuſche, muthvolle, hingebende Käthchen ſelbſt, das ich im Scheine der Lampen da vor mir ſah! Ja, ich ſchloß die Augen, und ſtatt dieſes Lampenſcheins ſah ich goldenes Sonnenlicht nieder⸗ fallen und durch die Holunderzweige brechen und eine zit⸗ ternde Glorie um das Lockenhaupt der Schlafenden weben. O, ich hätte das ſchöne Kind ſelbſt lieben, hätte anbetend zu ſeinen Füßen ſinken mögen! Immer und immer klang mir dieſer unbeſchreiblich anmuthige Zauber in Ohren, womit ſie das„Ja, mein hoher Herr!» über die Lippen hauchte. Wie gern hätt' ich dem angebeteten Kinde mich genähert! Ich wagt' es nicht, erſt die Nothwendigkeit mußte meinem Verlangen zu Hülfe kommen. Das war, wie ich ſchon oben ſagte, der der Fall jetzt.
„Emma Wormann war die Braut meines Freundes. Ich erfuhr das nun erſt. Nun freilich mußt' ich meine aufdäm⸗ mernde Leidenſchaft zu unterdrücken ſuchen; ich hatte Guſtav zu lieb, wie hätt' ich da Verrath an ihm üben können? Und es gelang mir: es war fürder nichts als Freundſchaft, was ich an Gefühl zwiſchen den Beiden theilte.— Der erwähnten Gaſtſpielunternehmung, welche Meiſter„Figaro“ veranſtaltet, hatte ſich Emma nur Guſtav's halber angeſchloſſen. Da wir Sämmtliche nur drei Herren und zwei Damen waren, ſo konnten wir Sämmtliche auch im Gaſthofe, in dem wir zu ſpielen gedachten, Aufnahme finden. Dies gemeinſame Woh⸗ nen— es verſteht ſich indeß wol, daß wir Herren und Damen wenigſtens aparte Zimmer hatten— ließ doch jene familiäre Vertrautheit zwiſchen mir und den Uebrigen jetzt aufkommen, an welche ich vorher kaum zu denken gewagt. Und dazu kam mehr und die Hauptſache. Die Noth erheiſchte es, daß ich bei unſern jetzigen Vorſtellungen ſchon große Rollen ſpielte. Mit der Gefahr wächſt der Muth, ſagt man, ich zog mich recht leidlich aus der Affaire, ja, ſchon glaubte ich hier und da ein Zeichen leiſen Beifalls zu vernehmen, was denn natürlich meiner wachſenden Sicherheit zu Gute kam.
„So ſpielt' ich denn auch zum erſten Mal mit Emma. Große vertrauliche Scenen hatten wir Beide, es war das Holbein'ſche Stückchen„Der Verräther“, worin ich den Onkel Berger, ſie Nichte Röschen vorſtellte, ja, ein paar Mal hatte man mir gar anbefohlen, ſie zu umarmen, ſie zu küſſen!
„Ach, Freund, wenn ich nicht fürchten müßte, Sie zu langweilen, jetzt, bei der Erinnerung an dieſe erſten ſüßen Genüſſe, welche dem Neueingeweihten der Kunſt zutheil werden, könnte ich ſchon wieder eine langhallende Scala von Gefühlstönen erklingen laſſen; aber nichts da, das ſind Ju⸗ gendthorheiten, eine wie die andere. Sie werden die näm⸗ lichen Zauberklänge wol auch gehört, Ihr Herz wird die nämlichen Schauer der Entzückung wol auch empfunden haben! O du märchenhaft ſchöne Zeit, als wir noch ſangen:
Roſen auf den Weg geſtreut Und des Harms vergeſſen. Ja, wenn man alt wird!


