Jahrgang 
1868
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auch das gibt man hier? Hedwig: Fräulein Sander. Eine Sander kenn' ich als vorzügliche Schauſpielerin, und ſie ſtammt aus Berlin. Wenn dies gar die Schweſter wäre?! Ha, ich bin neugierig!

Vielleicht ein eben ſolches Talent?

Faſt vermuth' ich. Ein Stück wie dieſes ſieht man ſonſt nicht in Privattheatern. Die Rolle der Hedwig iſt ein Paradepferd für naive Liebhaberinnen geworden, freilich ein Beweis, welche merkwürdige, ja bedenkliche Kunſtrichtung auf den Brettern platzgreift. Man findet die einfache, echte Natur nicht mehr wirkſam genug und ſetzt eine beflitterte, ge⸗ ſchminkte, pomphaft aufgeſtutzte an deren Stelle. Gewiſſe Ge⸗ ſchmacksperioden ſcheinen, ſo oft ſie abſterben, ſo oft auch wie⸗ der aufzuleben. Gebe der Himmel, daß dieſe Gurlimanier, die wir ſchon vor Jahrzehnten einmal von der Bühne ge⸗ ſtäupt, und die mit dieſer Hedwig und ähnlichen Pflänzchen wie⸗ der auftauchen will, nicht lange Beſtand habe. Der gute Müller hätte wahrlich was Beſſeres thun können, als ſolch ein Ding uns auftiſchen, das zu Theetiſchconfect allenfalls gut ge⸗ nug iſt, auf der Bühne aber geradezu ſich als läppiſche, abge⸗ ſchmackte Unnatur ausweiſt. Freilich eine Goßmann oder Rabe oder Schneeberger kann uns das Zeug einigermaßen genießbar machen und entweder hält ſich dieſe Darſtellerin ſchon dafür

Das wäre wol ebenſo abgeſchmackt!

Ach nein! Ich glaub's auch nicht, ſagte H... mit einem ſehr bezeichnenden Seitenblick auf einen feingekleideten, neben uns ſitzenden Herrn.Eher vermuth' ich, es ſoll hier eine Prüfung ſtattfinden: man hat ein Talent aufgeſpürt, das man ſo raſch als möglich zu Geld machen möchte ſchon ſteht irgendein Agent auf der Lauer

Hedwig ſprang auf die Bühne. Es war eine anmuthige friſche Erſcheinung, noch halb Kind, wie es mit der Rolle juſt harmonirte. Und doch mehr als Kind, wie ſie da ſpielte. Ein reiches, blühendes Talent ſprach in der That aus dieſer ganzen Darſtellung. Mit mehr als gewöhnlichem Verſtändniß ward jeder Ton, jede Geſte behandelt. Wie tief trat die ſchwache, unbeholfene, geiſtloſe Spielweiſe der Uebrigen in den Schatten zurück vor dieſer! Und wie jubelte, klatſchte, rief man von allen Seiten dem holden Mädchen entgegen! Ja, auch Freund H...., auch ich, auch unſer Nachbar, der bewußte Vampyr hing gefeſſelt an dem kindlichen Zauber ihres Spieles.

Als der Vorhang gefallen, war der Fremde ſofort ver⸗ ſchwunden. Ich ſah ihn noch eben die Thür zum Bühnen aufgang hinter ſich zuſchlagen; dann wandte ich mich zu H.... um.Sie hatten recht, Freund, begann ich, aber ich hielt erſtaunt inne. Starr, mit finſterm Auge auf jene Thür blickend, an die Banklehne vorgebeugt, auf welcher ſeine Linke, das Haupt ſtützend, ruhte, ſaß er da, ohne mich zu hören; eine ſchwere Gedankenlaſt ſchien auf ſeiner Stirn zu lagern. Eine Pauſe trat ein. Dann erhob er ſich raſch, nahm ſeinen Hut, und nachdem er noch einen langen, ſeltſamen Blick auf die geſchloſſene Gardine geheftet, wandte er ſich langſam zum Gehen. Ich ergriff ſeinen Arm, und als wir vor die Haus⸗ thür gelangt waren, blieb er noch einmal ſtehen, blickte rück⸗ wärts und ſeufzte:Armes Kind! Sie hat ihr Herz ent deckt! O, jener aber auch, und ſie ahnt nicht, daß hinter ſeinem Beifallslächeln der Mord lauert. Herzentdecken und Herzbegraben wie kurz iſt der Weg zwiſchen beiden! Ich war höchlich erſtaunt. In ſolcher Stimmung hatte ich Freund H.... nie geſehen.

Es muß etwas ganz Beſonderes ſein, redete ich ihn beſorgt an,was dieſe ſeltlame, wehmüthige Bewegung in Ihnen hervorruft! Darf ich es nicht wiſſen? twas ſo Veſonderes? Mein Gott, nein! rief er, indem wir langſam dahinſchritten.Das Allereinfachſte, Nächſtliegende berührt mich. Da iſt ein junges, friſches, hei⸗ teres Gemüth, das dem Syrenenliede der Kunſt gelauſcht hat. O, wie lockend das klingt: Komm, ſüßes Kind, komm zu mir! Sieh da, die bunten Blumen, die ich dir ins Haar flechten will! Die Glorie von Sonnenlicht, in der du einherwan⸗ deln ſollſt! Höre den Geſang der Muſen, wie begeiſterungs

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trunken er aufwallt! Komm, miſche dein Lied in ihre Töne! Und das arme thörichte Kind wandelt hin, umſtrickt von den Lockungen der Armida, und betritt ihre Zaubergärten, und ja, eine Fülle berauſchenden Glückes ſtrömt in dieſem Augenblicke auf ſie nieder: das blüht und klingt und kichert und jauchzt und duftet um ſie her, als hab ein Paradies ſich vor ihr aufgethan, ach, aber wie lange, wie lange wird dieſer Rauſch der Entzückung dauern? Wie bald werden ihre Augen klar ſehen, wie bald wird die Larve der holden Täuſchung nieder⸗ fallen, und ein hohläugig grinſendes Knochengeſicht ſie an⸗ ſtarren? Es iſt eine eigene Welt, in der wir Künſtler zu Hauſe ſind. Euch, die ihr neugierig von fern ſteht, ſie an⸗ zublicken, euch wendet ſie ein freundliches, lachendes, blühen⸗ des Antlitz entgegen; aber ihr Janushaupt trägt noch ein anderes, das ihr nicht ſeht: ein verblaßtes, weinendes, ſchmerz⸗ bewegtes, in das nur wir ſchauen, deſſen Leid und Elend nur wir mit empfinden. Jugend, Glück, Liebe, Herz, das, Freund, ſind Dinge, von denen man hinter den Cvu⸗ liſſen nur noch träumt wie von einem halb vergeſſenen Ammenmärchen. Die Gardine, die uns von euch trennt, iſt der Schleier vor dem Bilde zu Sais. Wehe dem Jünglinge, der Jungfrau, die nach Befriedigung ihrer ſchwärmeriſchen Wünſche dürſtend, ihn aufheben: eine Sphynx lauert dahinter und ſtreckt ihre Arme aus nach den Unſeligen und umklam⸗ mert ſie und preßt ſie feſt und feſter an die marmorne, kalte Bruſt an, bis ihre Herzen zerquetſcht, gebrochen, ſich zu Tode bluten! Ha ja! Sie ſchauen mich ungläubig an? Ich übertreibe? Geduld, Lieber! Ich erzähl' Ihnen eine kleine, einfache Geſchichte, welche mir vorhin einſiel, als wir das junge, hübſche, heitere Kind ſpielen ſahen.

Wir waren in die Nähe des Café Volpi gelangt.Laſſen Sie uns da hinaufgehen! ſagte er und ſchritt voran. Schwei⸗ gend folgte ich. Es waren nur wenige Gäſte oben. Wir ſetzten uns in einen einſamen Winkel, und nachdem ein dienſt⸗ fertiger, flinker Kellner uns mit der beſtellten Flaſche Nüdes⸗ heimer verſorgt und wir die erſte Blume gekoſtet hatten, lehnte ſich Freund H.... nachdenkend in den Seſſel zurück und begann:

Es iſt ein rauhes, eiſiges Frühjahrswetter. Die Luft hängt voll graufeuchter Nebelſchleier. Ein dichter Hagel ſchlägt praſſelnd gegen die Lederdecke eines Planwägelchens, das mich ſammt meinen Habſeligkeiten auf dem ſchmuzigen Chauſſeewege knarrend dahinſchleppt. Wir ſchreiben den 1. April 185*. Ich bin auf der Fahrt in mein erſtes Engagement begriffen. Was meinen Sie? Wenn ich von Aberglauben nicht ſo frei wäre, dieſen erſten April mit ſeinem Weltunter⸗ gangswetter hätt' ich mein Verhängniß nennen dürfen! Hinter mir lag eine freundliche, ſchöne, ruhige Welt voll Sonnenſchein und Behagen vor mir eine trübe, graue, verhangene Zukunft, die aus hohlen Räthſelaugen mich an⸗ ſtarrte was hatt' ich Thor Alles auf den Fall eines Wür⸗ fels geſetzt? Doch der Rubikon war überſchritten; darum nicht gebangt! vorwärts!

Die geſpenſtig rieſenhaften Vorſtellungen, die man ſich von neuen und fremden Dingen, in welche man blindlings geführt wird, oft macht, ſchrumpfen von dem Moment an zu all⸗ täglichen Formen zuſammen, wo man, mitten darin ſtehend, die Augen öffnet. Ich war erſt einige Tage bei der Bühne und hatte meine unbeholfenen Debuts kaum hinter mir, da war ich ſchon heimiſch, da fühlte ich mich ſchon als Einen vom Handwerk, da erdreiſtete ich mich hin und wieder gar ſchon, mit einem meiner jüngern Collegen perIhr zu discuriren. Denn eine Portion Keckheit muß man freilich mitbringen, wenn man als gelbſchnäbeliger Neuling unter das Schau⸗ ſpielervolk tritt. Das Standesgefühl ſtreckt da gewaltig ſeine Vorſten. Die Alten pah! heben die Naſe hoch, ſchreiten mit Grandezza vorüber und meinen Wunders ihren Nimbus befleckt, wenn ſie nur die flüchtigſte Notiz von dieſer neu⸗ backenen Schülerexiſtenz nehmen. Da iſt höchſtens ein ganz Alter, der ſchon lange wieder über die Sonnenhöhe ſeines