Jahrgang 
1868
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ließ

cau⸗ Nen⸗ ſſche an lten.

die jene und

der

Slulnrtes Polisblatt Beraegebe Haus XI. Jahrgang. 1868. 44.

Wacheuhuſen.

herz und Bühne.

Eine Epiſode aus dem Theaterleben. Von C. G.

er Abend eines Sommertages begann zu dunkeln. Hier XVund da flammten ſchon die Gaslichter auf. Aber das

bunte, wogende, heitere, geſchäftige Leben pulſirte noch durch die Straßen. In der großen Reſidenz geht es nicht ſobald zur Ruhe. Arm in Arm flanirten wir, der Hoſfſchau ſpieler H.... und ich, müßig über das Trottoir hin. Ohne ein beſtimmtes Ziel zu haben, überließen wir es behaglich plaudernd dem Zufall, wohin er uns führen werde. Vom Alexanderplatz floß der lebhafteſte Verkehrsſtrom nach rechts ab, der Gegend des Wallner⸗Theaters zu, mit dem ließen wir uns willenlos forttreiben. Aber wie kam's doch? An irgendeiner Straßenecke fanden wir uns plötzlich herausgeſtoßen aus dem Gewoge und abſeits in die ruhigere Zweigader ge lenkt, die durch die Blumenſtraße ihren Weg nahm. Auch gut! Wir ſchlenderten da weiter. Etwa zehn Häuſer entlang mochten wir geſchritten ſein, da blieb H.... plötzlich ſtehen und hob ſeine Hand auf, indem er ſich lachend zu mir wandte:

Da, Freund, ſchauen Sie hin! rief er ich ſah vorläufig nichts als eine rothe Laterne, die irgendein Wirths⸗ haus bedeuten mochteſchauen Sie hin, da winkt uns der rettende Stern! Da laſſen Sie uns eintreten!

Wir ſchritten durch die offene Thür in einen kurzen Haus⸗ flur, an deſſen Hinterwand über dem Eingange zu einem düſter erhellten Entréezimmer in buntgemalter Transparent ſchrift zu leſen war:Thalia.

Ah! rief ich befriedigt und ließ mich von H.... wei⸗ ter ins Schlepptau nehmen. Ein Privattheater der Reſidenz das war mir, der ich als Fremder erſt vor Kurzem hier angekommen, etwas erwünſcht Neues. Man hat da nur durch Vermittelung von Geſellſchaftsmitgliedern Eintritt. H.... mochte aber wol von dem Vorſtand mit Achtung gekannt ſein: ein Paar Worte von ihm genügten, und wir befanden uns im In⸗ nern des Heiligthums und auf der zweiten Parquetbank. Man gab drei Stücke an dieſem Abend; das erſte war ſchon vorüber, und die Menge der Zuſchauer hatte ſich großentheils in die an⸗ grenzenden Reſtaurationszimmer und den Garten zerſtreut. Ich hatte alſo genug Muße, Beobachtungen anzuſtellen und dazwi⸗ ſchen die erläuternden Bemerkungen Freund H.... 8 anzuhören.

Sehen Sie, Liebſter, flüſterte er mir zu,die ur⸗ ſimple, ehrwürdige Vorhalle, durch die manche unſerer großen und kleinen Künſtler erſt gehen mußten, bevor ſie in das Sanctiſſimum der Kunſt eintraten. Wir haben zwei Inſti⸗ tute hierorts das bedeutendere iſt die Urania die ganz

Wachenhuſen's Hausfreund. KI. 15. 2

beſonders dieſem Zwecke geweiht ſind. In zehn andern, die da und dort noch ihr freundlich beſcheidenes Stillleben friſten, gilt es nur eben die Unterhaltung, die Befriedigung junger Commis und Handwerker, die ihrdramatiſches Talent gern vor Brüdern und Schweſtern, vor Freunden und Freundinnen

zur Schau ſtellen, ohne je einmal daran zu denken, ihren

Ladentiſch oder die Schnitzbank verlaſſen zu wollen. Hier gibt es ſich ſchon oft in höherm Sinne kund. Sie finden in dem ganzen innern Habitus dieſes Privattempels ſchon eine Annäherung an die Form öffentlicher Bühnen. Ja, es würde ſchon manche Kleinſtadt ſich brüſten, eine ſo prakticabel aus⸗ geſtattete Kunſthalle wie dieſe aufweiſen zu können, ſo ſchlimm auch die Zeit mit ihr gewirthſchaftet und ſo unſauber im Vergleich mit unſern Theatern auch ihr ganzes Gepräge ſich darthut. Ja, dieſe Räume haben auch eben bald ein Jahr⸗ hundert dem nämlichen Berufe gedient, und hier muß man denn auch eben einmal hergehen, will man die gute alte, kindliche Zeit, die allmählich abſtirbt, noch in ihren letzten Athemzügen belauſchen! Sie werden es an dieſem Publikum, das ſich aus den Zünften der Handwerker, der Wäſcherinnen und Putzmamſells rekrutirt, beobachten: noch ſind ſeine ur ſprünglich naiven Anſchauungen nicht getrübt, noch hat ſein urkräftiges Urtheil nicht den Kappzaum einer eingebilde⸗ ten parfumirten Aeſthetik ſich überwerfen laſſen, noch ſtrömt der Quell ſeiner Affecte voll aus, noch iſt ſein Lachen und und Weinen naturecht ob auch die Leiſtungen der Dar⸗ ſteller mitunter von primitivſtem Werthe ſind. Aber laſſen Sie dann auch einmal eine Erſcheinung vor ihm auftauchen, die nur halbwegs aus dem flachen Rahmen heraustritt: ſei's ein gaſtirender Schauſpieler von Fach und ob noch ſo un⸗ bedeutend, hier macht ihn ja ſeine bloße Routine ſchon zum Meiſter! ſei's ein junges Talent, das vielverſprechend ſchon jene Staffel erklommen hat, von wo aus der Schritt in die Oeffentlichkeit kühn gewagt wird, ja, dann ſollen Sie den ungeheuchelten ſtürmiſchen Ausdruck der Bewunderung, des Dankes, der Anerkennung erſt einmal wahrnehmen! Laſſen Sie mich den Zettel doch ſehen. Vielleicht find' ich

Er durchflog ihn. Plötzlich fuhr er überraſcht auf.

Was tauſend! rief erFräulein Sander? Sander, ſetzte er langſamer hinzu und ſah mich fragend an, als könne er die Antwort auf meinem Geſichte leſen wär' es denn möglich?

Was denn? forſchte ich.

Da leſen Sie nur: Sie hat ihr Herz entdeckt

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