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Der Chignon iſt gerettet! In Havre iſt ſoeben ein Schiff eingetroffen, das eine der ſeltſamſten Ladungen aus Südamerika bringt. Alle europäiſchen Friſeure ſind in Aufregung; denn die beſagte Schiffs⸗ ladung beſteht aus— Menſchenhaar.
Die Sache klingt wunderlich, aber ſie iſt beſtätigt; der„Prophet“ ſoll im Hafen von Havre mit ſeiner Ladung einen Geruch verbreiten, der Alles in die Flucht ſchlägt; der ganze Haarwuſt, mit welchem er angefüllt iſt, ſtrömt einen peſtilenzialiſchen Geſtank aus, aber das Haar ſelbſt ſoll aus den ſchönſten Farben beſtehen, ſeidenweich ſein und in allen Nuancen ſich ſchattiren.
Die Apachen und Comanchen nämlich und wie alle die Indianer⸗ ſtämme heißen, haben bekanntlich die angenehme Gewohnheit, ihre Feinde zu ſkalpiren, wie man das in Cooper's, Gerſtäcker's, Armand's und anderen Romanen zum Ueberfluß geleſen. Die ſchönſten Tro⸗ phäen eines Indianerhäuptlings beſtehen in den Perrüken der er⸗ ſchlagenen Feinde, und jedes Häuptlings⸗Wigwam wetteifert daher mit dem reichſten europäiſchen Perrükenladen.
Als nun die Franzoſen, ſo erzählt man, in Mexico eindrangen, flohen die wilden Eingeborenen und verſteckten ſowol die Gebeine ihrer Väter als die Trophäen ihrer Siege in Höhlen und Felſenklüften. Die Franzoſen aber haben eine feine Naſe für Perrüken und ſpürten natürlich alle dieſe Verſtecke auf. Speculanten ſchafften dieſe Schätze nach Veracruz, befrachteten nach Beendigung des Krieges ein ganzes Schiff mit dieſer Sammlung, und dieſes lief endlich vor ganz Kurzem in Havre ein.
Sämmtliche Pariſer Perruquiers haben ſich natürlich bei dieſer Gelegenheit nach Havre in Bewegung geſetzt und die ganze Schiffs⸗ ladung geſtürmt. Mögen dieſe Indianer-Skalpe immerhin einen infernaliſchen Geruch haben, ſie werden die feinſten und koſtbarſten Chignons daraus fabriciren, und ſo wird es denn geſchehen, daß unſere vornehmſten Damen in den nobelſten Salons denſelben Skalp auf dem Kopfe tragen, der in irgendeinem ſüdamerikaniſchen Urwalde einem Unglücklichen vom Schädel geſchnitten worden.
Die Pariſer Perruguiers ihrerſeits werden vorläufig nicht mehr nöthig haben, ihre Miſſtonäre in die Provinzen zu ſenden, um den Armen ein paar elende Thaler für ihren Haarſchmuck zu bieten, den ein unglückliches Geſchöpf oft unter Thränen hingibt, um für den Erlös den Hunger zu ſtillen.
Nir kommt da eine traurige Parallele in den Sinn. Wer iſt grauſamer: der Indianer, der ſeinem erſchlagenen Feinde den Skalp vom Kopfe ſchneidet, oder der Perruquier, der einer armen aber tugend⸗ haften Arbeiterin ein armſeliges Goldſtück für ihren ſchönſten Schmuck, ihr reiches Haar, bietet? Wer iſt der Unmenſch von Beiden: der Indianer, der den Skalp des Todten, oder der Friſeur, der dem weinenden Mädchen das ſchönſte Haar vom Kopfe ſchneidet, um es mit tauſend Procent Gewinn an eine Phryne zu verkaufen?
Glänzende Ausſichten infolge des mexicaniſchen Krieges.
Noch einmal, und hoffentlich zum letzten mal, Adelinchen Patti. Wie ich es vorausgeſagt, hat's ihr Marquis dennoch durchgeſetzt, und Vater Patti muß die Segel ſtreichen. Adeline hat ihren Marquis in London geheirathet. Sie wird ſeine Schulden bezahlen müſſen; aber was thut's, ſie wird Marquiſe, und wenn der Stiefvater des Glück⸗ lichen ſtirbt, wird ſie Herzogin von Valmh, was unter Brüdern viele hunderttauſend Franes werth iſt!
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Wir Alle haben genug gehört und geleſen von der Selbſtändigkeit, mit welcher die jungen Damen in Nord⸗ amerika ſich ſowol in der Familie wie in der Geſellſchaft bewegen; den intereſſanteſten Beitrag zur ameri⸗ kaniſchen Sittengeſchichte geben uns aber jetzt ſieben junge Damen aus New⸗York, die im Frühjahr den ori⸗ ginellen Plan faßten, ohne jede Be⸗ gleitung eine Vergnügungsreiſe nach Europa anzutreten.
Der Plan war kaum verabredet, als er auch ſchon ins Werk geſetzt wurde. Alle Sieben, ſämmtlich junge und hübſche Mädchen, erklärten ihren
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Aeltern, ſie würden in acht Tagen eine große Reiſe antreten, der
hatten natürlich nichts dagegen einzuwenden, und zur verabredeten Stunde befanden ſich alle Sieben auf dem Schiffe.
In der ausgelaſſenſten Laune geſchah die Ueberfahrt. Sie kamen in England an, gingen von England nach Frankreich, durchreiſten Deutſchland und Heſterreich und kamen nach Ungarn ohne alle Fähr⸗ lichkeiten, aber auch ohne irgend einen männlichen Schutz.
Trotzdem iſt die Reiſe nicht ohne Zwiſchenfälle geſchehen. Zwei der jungen Damen haben ſich unterwegs von ihren Kameradinnen getrennt, ſie haben die Bekanntſchaft zweier liebenswürdiger Männer gemacht, ſind zurückgeblieben und im Begriff, ſich zu verheirathen. Alle beide haben ihren verehrten Aeltern geſchrieben, ſie hätten den Mann ihrer Wahl gefunden, ſie möchten alſo ſo gütig ſein, ihnen den Heiraths⸗Conſens und die Mitgift nach Europa zu ſenden.
Die übrigen Fünf ſind noch auf der Reiſe und befinden ſich wohl. Wie viele von ihnen nach Amerika zurückkehren werden, das hängt natürlich davon ab, ob auch ſie dem Mann ihrer Wahl be⸗ gegnen oder nicht.
Wenn es ſo fort geht mit dem Befreiungsdrange der Frauen, wird es wol kommen, wie es in einem ſveben in Italien aufge⸗ führten Zukunftsſtück gezeigt wird. Das Stück ſpielt im Jahre 1878. Die Frauen gehen ins Wirthshaus und machen den Männern den Hof, die inzwiſchen zu Hauſe ſitzen, die Küche und die Wäſche be⸗ ſorgen und zum Klavier melancholiſche Liebeslieder ſingen. Ich bin ganz dafür, daß es alſo komme; es wird ja dann endlich einmal für uns Männer die Sorge um das tägliche Brot aufhören.
Die beiden Hansfreunde.
Die Zeit ſchreitet unaufhaltſam vorwärts, und alte Vorurtheile müſſen in ihr gebührendes Nichts verſinken. Früher wußte man eine große, tief eingewurzelte Feindſchaft zweier Parteien nicht präg⸗ nanter zu kennzeichnen, als daß man ſie„wie Hund und Katze“ mit einander leben ließ. O. Becker hat in dem uns vorliegenden Bildchen die Hinfälligkeit obiger Redensart aufs Schlagendſte wider⸗ legt. Hund und Katze ſind in der heutigen Zeit ſchon viel zu ſehr von der Cultur beleckt, als daß ſie ſich nicht von der frühern, theils inſtinctiven, theils durch Tradition von ihren Altvordern überkom⸗ menen Abneigung frei zu machen und unter berückſichtigender Scho⸗ nung ihrer„berechtigten Eigenthümlichkeiten“ Freundſchaft zu ſchlie⸗ ßen verſtanden hätten. Beide ſind neben dem Bewußtſein ihres eige⸗ nen Werthes zur Anerkennung der Vorzüge des Gegners gelangt; beide wiſſen ſich demnach gegenſeitig zu ſchätzen, zu ergänzen. Wer weiß, ob wir nicht ſpäterhin einmal von einem Liebespaar, deſſen minnigliches Beiſammenſein wir bisher mit den Turteltäubchen ver⸗ glichen, im vollſten Ernſte ſagen werden: Sie lebten ſo froh, ſo glücklich und einträchtig wie Hund und Katze! S. H.
Ein zweites Mädchen von Zaragoza.
Es war im verfloſſenen erbitterten Kriege der chriſtiniſchen Truppen gegen die Karliſten, als ein kleines Häuflein Freiheits⸗ kämpfer, die Vertheidiger der Conſtitution, ſich von den Seinigen ab⸗ geſchloſſen und dem Tode geweiht ſah.
Der Schauplatz des Kampfes iſt ein Dorf, nahe bei Huesca in Aragonien. Das Porf iſt, wie faſt alle ſpaniſchen Dörfer, von feſter und ſchöner Bauart. Nur eine Straße bildend, ſtehen links und rechts ſteinerne Häuſer, deren Thüren und Fenſter nach dem Innern des Dorfes gehen. Oben und unten am Ausgange deſſelben ſind Thore, welche mit ſogenannten ſpaniſchen Reitern und anderem Boll⸗ werk verſchanzt und verrammelt ſind. Mitten im Dorfe aber auf einem hübſchen Platze befindet ſich eine maſſive Kirche, welche wohl manchen Kanonenſchuß auszuhalten im Stande iſt. Ein feſter, aber nicht übermäßig hoher Thurm mit einer Platform krönt die Kirche.
Das Häuflein der Criſtinos befindet ſich im Dorfe, auf den Terraſſen der Häuſer hinter kleinen Bruſtwehren knieend und feuernd auf die von allen Seiten andringenden karliſtiſchen Feinde.
Eine Bergkanone ſendet vom Thurme aus Kartätſchen in die Reihen der Gegner. Nichtsdeſtoweniger dringen aber dieſe unter wildem und fanatiſchem Geheul immer ſtürmiſcher vor und bald ſinken Thore und Häuſer vor den Kugeln des ſchweren Geſchützes des Feindes.
Unaufhaltſam dringen die Maſſen der Karliſtas vor. In ge⸗ ſchloſſenen Reihen ziehen ſich die wenigen, noch kampffähigen Criſtinos vor der Uebermacht des Feindes auf den Platz nach der Kirche zurück. Raſch öffnet ſich das Thor, die Freunde ſind verſchwunden, eine Gewehrſalve kracht und ein Steinhagel ſchmettert auf die ſtürmenden Karliſten hernieder.
Nit ſchweren Verluſten ziehen ſich dieſe vom Thurme zurück, noch verfolgt vom Kartätſchenfeuer der Criſtinos.
Abermals ſammeln ſich die Karliſten. Ein Trompeter fordert die Vertheidiger des Thurmes zur Uebergabe auf. Doch umſonſt! Der Commandant tritt an den äußerſten Rand des Thurmes, ihm zur Seite die Tochter, mit der Fahne in der Hand.
„Eine Uebergabe nie! Sieg oder Tod!“ lautet des Comman⸗
Papa möge nur das Geld dazu bereit legen. Papa und Mama
danten Antwort.


