Jahrgang 
1868
Einzelbild herunterladen

684

Yankee humbug.

(Schluß.)

Chicago beſonders täuſchte alle vernünftigen Combinationen durch ſein rapides Wachsthum; und Hunderte von Perſonen wur⸗ den reiche Leute, ohne irgendeinen ungewöhnlichen Schritt ge⸗ gethan zu haben. Hier ein Beiſpiel.

Ende der vierziger Jahre irren wir nicht, im Herbſt 1849 kam ein Tiſchler von New⸗York nach Chicago. Das ehrliche Schwabenblut hatte einige hundert Thaler geſpart, gehört, daß Chicagoein Platz werde, und war ſchleunigſt von New⸗ York aufgebrochen, um ſeine durch ſchwere Arbeit erworbenen 700 Dollars vortheilhaft anzulegen und ſo recht ſchnell ein rei⸗ cher Mann zu werden.

Unſer biederer Landsmann gerirte ſich, als er das Ufer von Illinois betrat er hatte von Buffalo aus den billigern Weg über die Seen gewählt als Speculant. Er fragte in mehreren Bar-Rooms nach Bauſtellen, indem er mit wichtiger Miene eine Hand auf die Bruſttaſche ſeines Rockes legte, in welcher die Brieftaſche mit der Baarſchaft in Banknoten ſtak.

Dieſe unſchuldige Prahlerei blieb nicht ohne Folgen. Chi⸗ cago wimmelte damals wie alle neu emporblühenden Städte von Geſindel aller Art. Gaunernde Commiſſionäre, Taſchendiebe, falſche Spieler, lauter Kerle, bei denen ein Meſſerſtich billig zu haben war, trieben ſich umher, und unſer Schwabe hatte noch keine zehn Schritte auf dem Boden des Prairie⸗Staates gethan, als auch ſchon ein halbes Dutzend Gauner ihn zum Opfer erkoren hatten.

Das Hotel, in dem er abgeſtiegen war, gehörte juſt nicht zu den beſten, und der Wirth war ſo weit ein Schurke, als er es ſein konnte, ohne mit den Geſetzen in directen Conflict zu kommen. Als er daher bemerkte, daß einige der erwähnten Banditen Anſtalten trafen, dendeutſchen Gentleman völlig betrunken zu machen, trat er zu ihnen und erklärte, er würde nicht dulden, daß die Brief⸗ taſche ſeines Gaſtesverſchwände. Dagegen würde er nicht interveniren, wenn dem Fremden eine Bauſtelle verkauft würde.

Die Gauner verſtanden ihn. Als der Schwabe mehr als dreiviertel betrunken war, führten ihn ſeine Zechgenoſſen an die Wand, wo der Plan derCity of Chicago hing. Man zeigte ihm einenSquare der zu dem enorm billigen Preiſe von 1000 Dollars zu verkaufen war.

In der That, da lag der Square, umgeben von vier rechtwinkelig laufenden Straßen. Er enthielt nach dem Plan der City of Chicago 16 Bauſtellen; mithin waren 1000 Dollars nur ein geringer Preis. Der ehrliche Schwabe glaubte zu träu⸗ men, erklärte aber mit der Hartnäckigkeit, die dieſem Stamme eigen iſt, und die durch ſeinen Zuſtand noch geſteigert wurde, er werde nur 700 Dollars bezahlen. Dies ſei ſeine ganze Baarſchaft.

Als die Gauner ſahen, daß ihr Opfer außer Stande ſei, mehr zu zahlen, gaben ſie nach. Ein Rechtsanwalt ſetzte den Con⸗ tract auf, der New⸗Yorker Deutſche zahlte ſeine 700 Dollars und ging dann als glücklicher Beſitzer einer Bauſtelle zu Ruhe.

Der Speculant erwachte am nächſten Morgen in dem un⸗ angenehmen Bewußtſein, ein für ihn ſehr bedeutendes Geſchäft in nicht durchaus zurechnungsfähigem Zuſtande abgeſchloſſen zu haben. Schleunigſt machte er ſich auf, ſeine Bauſtellen, ſeinenSquare in Augenſchein zu nehmen.

Auf ſein Befragen wies man ihn hinaus nach dem See.

Böſe Ahnungen überkamen den Mann. Täuſchte ihn ſein Gedächtniß nicht, ſo dehnte ſich an jener Stelle ein weiter, mit Schilf bewachſener Sumpf.

In der That hatte es mit dem Sumpf ſeine Richtigkeit. Der Square lag mitten im Sumpfe, ein angenehmer Sommer⸗ aufenthalt fürPadden und Rohrdommeln.

Unſer Landsmann eilte zu einem Rechtsanwalt, wies den Kaufcontract und ſetzte den Sachverhalt auseinander. Der Lawyer bedeutete den Schwaben, daß er ſo zu ſagen beſchwin⸗ delt ſei, und zwar in aller Form Rechtens. Doch ſei dieBau⸗ ſtelle keineswegs ganz werthlos. Der Juriſt wies dem verun⸗ glückten Speculanten vermittels einfacher Potenzen⸗Rechnung nach, daß, wenn Chicago wie während der letzten Jahre ſich vergrößere, in einer Reihe von Jahren jene Sümpfe zugeworfen und das Hauptgeſchäftsviertheil der Stabt dort ſtehen würde.

Einigermaßen getröſtet zahlte der Deutſche dem Rechtsan⸗ walt 5 Dollars, bat ihn, ſeine Rechte wahrzunehmen und reiſte niedergeſchlagen nach New⸗York zurück.

Nach 4 oder 5 Jahren erhielt er ein Schreiben von ſeinem Chicagoer Rechtsfreunde, worin dieſer um 100 oder 200 Dol⸗ lars nachſuchte. Ein Theil jenes Sumpfes war bereits zuge⸗ ſchüttet. Die Straßenbildung hatte den famoſenSquare be⸗

reits erreicht, und das geforderte Geld ſollte zum Bau einer

Rampe angewandt werden, damit Gemüll und Straßenkoth auf die Bauſtelle gefahren werden könnten.

Der Tiſchler ſandte das Geld und erhielt zwei Jahre darauf für denSquare, auf welchem die ſchönſten Gebäude ſtehen, 200,000 Dollars in Gold.

Ganz ähnlich ging es einem deutſchen Farmer, der in der Nähe Chicagos eine Beſitzung kaufte, die durchweg aus Sumpfboden be⸗ ſtand. Heute prangen auf dieſem Terrain die Villen reicher Kaufleute,

Ein deutſcher Arzt, der in Mitte der funfziger Jahre in Milwaukee wirkte, erhielt zu jener Zeit(nach der großen Kriſis) für ſeinen mediciniſchen Beiſtand häufig Anweiſungen auf Bau⸗ ſtellen, die er jedoch ſtets weiter in Zahlung gab. Hätte er nur einen kleinen Theil dieſer Grundſtücke behalten, wäre er heute Millionär.

Speculation und Humbug begnügen ſich natürlich nicht mit der ſicheren Ausſicht auf Gewinn, welche ſich beim Ankauf von Grundſtücken in den Städten und Dörfern bietet. Das eigent⸗ liche Feld ihrer Thätigkeit iſt die Gründung neuer Wohnplätze.

Wenn der Frühling Eis und Schnee auf Gewäſſern und

Land ſchmilzt, wenn friſches Grün die Erde bekleidet, trifft man.

daher auf allen Eiſenbahnen und Dampfſchiffen des Weſtens Land⸗ Speculanten, welche über die Grenzen der Civiliſation hinaus dringen und geeignete Plätze zur Anlage neuer Städte ſuchen. Das Hauptaugenmerk der Speculanten iſt: eine günſtige Waſſer⸗ verbindung, fruchtbares Hinterland und die Ausſicht, durch eine ſpäter etwa gebaute Eiſenbahn berührt zu werden.

Iſt der geeignete Platz gefunden, ſo wird ein Hotel, ein ſog. Country-store,(ein Laden, in welchem alle Lebensbedürf⸗ niſſe feil geboten werden) eine Stellmacher⸗ und eine Schmiede⸗ Werkſtatt etablirt. Dieſe vier Etabliſſements bilden ſtets den Keim werdender Städte.

Iſt ſo für das erſte Bedürfniß unternehmungsluſtiger An⸗ ſiedler geſorgt, wird ſofort in allen großen Journalen nachdrückich Reclame für dieaufblühende Stadt gemacht und die Chancen im ſchönſten Lichte geſchildert, welche dem Anſiedler dort geboten ſind.

Daß auf dieſem weiten Felde der Humbug wuchern muß, liegt auf der Hand. Die großartigſten Unternehmungen, leviglich auf Schwindel baſirt, kommen faſt jährlich zu Stande und fin⸗ den faſt immer reichlichen Gewinn; denn wann hat es je an Narren gefehlt? Mundus vult decipi! Nur ſelten werden die Humbuger behumbugt.

Wie ſchon erwähnt, artet faſt in jedem Decennium das Landgeſchäft in Schwindel aus, und in ſolchen Zeiten iſt die Beobachtung der weſtlichen Geſchäftswelt von höchſten Intereſſe.

Man kann ſich hier von der Aufregung, welche alsdann jeden irgendwie ſpeculativen Amerikaner erfaßt und welcher Amerikaner wäre nicht unternehmend eine nur unklare Vor⸗ ſtellung machen. Selbſt die Politik tritt dann in den Hinter⸗ grund, und ſogar die amerikaniſchen Damen, ja die Schulbuben werden von dem allgemeinen Schwindel erfaßt.

Aehnliches haben nur Holland mit ſeinem Tulpenzwiebel⸗ Schwindel, Frankreich zur Zeit des Law'ſchen pinanz·Schnindel⸗ geſehen.

Die Repräſentanten großer Kapitalien ſpeculiren in Anlage ganzer Städte und in weiten Farmländereien. Weniger Bemit⸗ telte kaufen einzelne Bauſtellen und 160⸗Acker⸗Stücke. Der Tage⸗ löhner und der Dienſtbote wagt ſeine geringe Habe in Zehntheilen und Hunderttheilen einer Bauſtelle oder einer Farm.

Faſt Jedermann ſieht ein, daß der Humbug ein Ende mit Schrecken nehmen muß; Jeder aber hofft noch vor dem Einſturz des Kartenhauſes ſein Geld mit anſehnlichem Gewinn zurück zu erlangen, und immer höher, immer ſchwindelhafter werden die

S.

.

Sr