„Gnädigſter Herr, Ihr ſeid in der That ein Kenner, wie nur wenige in dem Lande leben. Ich bekenne offen, daß ich erſt heute in aller Eile die letzten Zeichnungsſtriche machte, um Euerm Befehle nachzukommen— ich war in luſtiger Geſellſchaft, ich hatte——“
„Die Feier meiner Ankunft begehen helfen“, ſagte lächelnd der Mediceer.„Gut ſo— aber wenn Ihr ſo etwas vorhabt wie Dieſes, mein Freund, dann ſchafſt Euch künftig die Ruhe der Deutſchen an, damit Ihr Alles ſo ſchön zu Ende bringt wie dieſes hier oben Gezeichnete.“ Julian trat betroffen zurück.
„Gnädiger Herr“, ſtammelte er.„Ihr wißt?“
„Allerdings. Ich war der Deutſche im Schatten des Gondel⸗ daches, neben deſſen Fahrzeug das Enre mit der luſtigen Geſell⸗ ſchaft glitt, während Ihr Euch mit Montone unterhieltet— daher auch meine Kenntniß der unſichern Linien— man muß ſich nie höhere Begabung beilegen wollen, als man wirklich beſitzt. Einem Künſtler wie Ihr, Julian, von Eurer Bedeutung, vermag Niemand ſo ſchnell den kleinen Fehler nachzuweiſen, ohne das Werk genau betrachtet zu haben. Verzeiht mir den Scherz— und nehmt zum Angedenken dieſes hier.“ Er reichte dem Künſt⸗
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ler eine ſchwere, goldene Kette, an welcher eine ſeltene Münze befeſtigt war. Es war ein echtes Mediceer⸗Geſchenk. Julian beugte ſich und drückte die Hand Lorenzo's an ſeine Bruſt.„Ihr ſollt nicht dafür danken— ich habe Euch meinen Dank zu ſagen für das, was Ihr mir gebracht“, rief Lorenzo.„Aber Ihr müßt mir dafür eine kleine Aenderung geſtatten. Hier, wo die Linien ſo unſicher laufen, ſoll das Project eines großen Talentes aus⸗ geführt werden— es iſt die Zeichnung zu einer prächtigen Treppe, auf welcher man hinab und hinauf gehen, reiten und fahren kann, es hat Stefan dAngelino den Plan gezeichnet—
hier iſt er. Der Künſtler iſt ſchon vor langer Zeit geſtorben.“
Julian betrachtete die Zeichnung.
„Ihr habt Recht, gnädigſter Herr“, ſagte er,„das iſt ein Meiſterwerk, und es iſt eine Ehre für mich, dieſes Prachtſtück meinem Baue angefügt zu ſehen.“
Poggio⸗Cajano wird noch heute von den Freunden der Bau⸗ kunſt mit Entzücken betrachtet. Man huldigt dem Genie Giamberto's, der hohen Kunſtliebe Lorenzo's und ſchaut bewundernd die ſchöne Freitreppe an, das einzige, große Werk des Malers Agelino, welches durch den Mediceer auf die Nachwelt gekommen iſt.
öadePhotographien.
Mitten hinein in die Mitte unſeres Badelebens ſchallte in voriger Woche das Geräuſch einer Ohrfeige, die ſelbſt die Rheu⸗ matismatiker in ihren Badewannen erſchreckte. Im Curgarten erzählte man ſich davon in unverſtändlichen Worten; die Einen behaupteten, es ſei nur eine der täglichen elektriſchen Entladungen, die ſo regelmäßig über uns donnern und blitzen; die Andern waren genauer unterrichtet und meinten, es habe bei ver Hohen Pforte eingeſchlagen; einer der herzoglichen Lakaien im Schloſſe zu Bieberich, ſchon ſeit der Entthronung ſeines Herrn von unten bis oben mit der Elektricität verbiſſenen Grolls angefüllt, habe ſich auf den Repräſentanten einer europäiſchen Macht herab entladen, und nur die gemeine Welt nannte dieſen Proceß eine— Ohrfeige.
Die Zeitungen erzählten am nächſten Tage von einer„gröb⸗ lichen Mishandlung des türkiſchen Geſandten“.
Der Schloßgarten von Bieberich iſt eine der ſchönſten Gar⸗ ten⸗Anlagen; der Herzog als Beſitzer dieſes Schloſſes hielt ihn ſtets dem Publikum geöffnet, aber er geſtattete in demſelben das Rauchen nicht. Der Herzog iſt fort, aber er kann trotzdem das Rauchen in ſeinem Garten nicht leiden. Als ich kürzlich ahnungs⸗ los mit der Cigarre in der Hand eintrat, ſchritt der wachhabende Lakai des Herzogs mit obrigkeitlicher Haltung auf mich zu und ſchnauzte mich an:„Das Rauchen iſt hier verboten!“ Er hätte das freilich mit mehr Artigkeit ſagen können, aber ich fand da⸗ rin nichts Ungewöhnliches, ich erinnerte mich unwillkürlich des Morgens, an welchem kürzlich in London mein guter Freund Mr. H. zu mir hereintrat und eine ihm gebotene Cigarre mit den Worten ablehnte:„Sie rauchen ſehr ſtarke Cigarren!“— „Woher wiſſen Sie das?“ fragte ich.—„Ihre Nachbarin ſagt es, die durch ihren Tabacksrauch ſehr beläſtigt wird!“
Wenn alſo meine Hotelnachbarin in London ſich ſchon durch den Tabacksrauch beläſtigt fühlte, den ich in meinem eigenen Zimmer verbreitete, warum ſoll ſich der Herzog von Naſſau, wenn er in Frankfurt wohnt, nicht beläſtigt fühlen durch den Qualm, den man in ſeinem Garten zu Bieberich verbreitet? 3
Der Herzog von Raſſau iſt in Sachen des Tabacks ein ſehr feinfühlender Herr. Man erzählt mir, wenn er zu jener glück⸗ lichen Zeit, da er noch die Krone trug, eine Cigarre geraucht, habe er ſtets erſt einen halbſtündigen Spaziergang im Parke gemacht, ehe er die Gemächer ſeiner Gemahlin beſucht, um deren Nerven nicht durch Tabacksgeruch zu beleidigen. Wenn nun der Herzog das Rauchen ſelbſt in dieſem ſeinem Parke geſtattet hätte, wo, frage ich, hätte er, ohne von Neuem durch Tabacksrauch inficirt zu werden, ſeinen Spaziergang machen ſollen, ehe er ſich zur Herzogin begab?
Man muß gerecht ſein und die Sache von zwei Seiten be⸗ trachten. Der Herzog von Naſſau kann das Rauchen in Bieberich
nicht leiden, weil das ihn in ſeiner Wohnung in Frankfurt ſtört, der türkiſche Botſchafter aber kann das Rauchen nicht laſſen, weil er ein Türke iſt. Es collidiren hier alſo nur zwei entgegen⸗ geſetzte Principien, infolge deren der Türke dem Lakaien ſeine Cigarre und der Lakai dem Türken ſeine fünf Finger ins Geſicht warf. Ein europäiſcher Conflict iſt daraus nicht entſtanden, wol aber iſt eine der letzten Mauern des Feudalismus, die das Jahr 1848 vor dem heimlichen Plätzchen in Bieberich ſtehen ließ, ge⸗ fallen und auf höhere Ordre telegraphiſch ſogleich die Rauchfrei⸗ heit in Bieberich eingeführt worden.
Es wäre ja auch ein Anachronismus: in dem Augenblick, wo man in Berlin die Todesſtrafe abſchafft, ſtraft man durch herzogliche Hausgewalten in Biberich das Cigarrenrauchen.
Als ich im vorigen Jahre von Berlin nach Paris reiſte, ſaß ich, ſo lange ich mich auf deutſchem Boden befand, in einem Rauchcoupé. Als ich die belgiſche Grenze überſchritten, ohne das Coupé zu wechſeln, trat der Conducteur an mein Fenſter und ſagte ziemlich brutal:„Mein Herr, Sie ſitzen hier nicht in einer Tabagie!“ worauf ich ihm antwortete:„Das weiß ich und bitte deshalb um die übliche Höflichkeit!“—
Ohne davon zu ahnen, hatte ich den Rechtsboden gewechſelt.
Mich erinnert das unwillkürlich an jenen ältlichen Herrn, der ſeinen jugendlichen Nachbar im Coupé fragte:„Genirt Sie der Cigarrenrauch, mein Herr?“—„Ach ja“, antwortete der junge Mann.—„So rathe ich Ihnen, niemals zu rauchen!“ fährt Jener fort und zündet ſich eine neue Cigarre an.
Moral: Wer nicht raucht, ſoll es ſich angewöhnen, aber dem Lakaien des Herzogs von Naſſau aus dem Wege gehen. Das Tabakrauchen kann nichts Böſes ſein; denn ich leſe ſoeben, daß der Kaiſer Napoleon der Witwe eines Arbeiters, welcher aus Verſehen bei einem Manöver in Vincennes erſchoſſen wurde, eine Gnade erwieſen, indem er ihr das Privilegium ſchenkte, einen Tabacksladen zu eröffnen. Dafür daß man ihr aus Verſehen ihren Mann erſchoſſen, genießt ſie alſo denſelben Vorzug, deſſen ſich in Frankreich nur Damen erfreuen, über deren Häuptern die Sonne hoher Gnaden niedergegangen iſt.
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„Seit wir mit der preußiſchen Regierung aſſocirt ſind, haben wir kein Glück mehr!“ So ſagen die hieſigen Spielbank⸗Wirthe (ich kann ſie nicht anders als Wirthe bezeichnen, da man ja die induſtriellen öffentlichen Häuſer ſo zu rubriciren pflegl).
Die Zahl der Spieler wird täglich größer, aber die Bank iſt im Verluſt, ſo ſagten ihre Rabbiner; ſie ſieht kein Glück mit den Hohenzollern, und die Beſitzer der Actien trauern um ihre Renten.
Bisher waren dieſe Actien rentabler als Petroleumquellen
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