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Individuen, die in den vier Wänden, unter vier Augen, im Stillen die freieſte Meinung von der Ehe hatten, nannten die praktiſche Durchführung meiner Heiraths⸗Idee eine Verläſte⸗ rung des heiligen Pfandes, und Andere, die noch Gott fürch⸗ teten und ihre Brüder liebten beim Geſangbuch und hinter des Pfarrers Kanzel, ſagten kurzweg, ich ſei verrückt. Wie könnte auch ein Menſch bei Sinnen ſein, der den Staat und die Kirche ignorirte und ſeine Ehe ohne jegliche formelle Be⸗ glaubigung von Civilſtandsamtswegen ließ! Er mußte ent⸗ weder ohne Moral, ohne chriſtliche Tugend ſein oder mußte ſein: verrückt.
Göttliches Wort! Die Menge wirft dich all Denen ins Geſicht, die ſie nicht verſteht.— Du biſt das„Kreuzige!“ das jedem Neuerer entgegen gedonnert wird. Der Einzelne wird immer unterliegen im Kampfe wider die Tradition und die ſtaat⸗ liche Ordnung. Er wird verurtheilt von Rechts wegen, und wie Wenigen fällt es ein, zu glauben, daß ihm Unrecht geſchehe.
Es fallen die Krähen über ihn her, die kleinen See⸗ len, und ſprechen Meinungen aus, deren Verlautbarung ſie zu anderer Zeit klugerweiſe unterlaſſen. Wir kennen dieſe Vögel, ſie laſſen ſich nur in Lebenswintern, in Unglücksnächten hören. Den Glücklichen ſchreien ſie niemals an. Sie ſtammen von den Raben ab, ſtehlen wie dieſe, und wenn ſie eine gute Zunge haben, lügen ſie wie dieſe. Man wird ſie nie achten, aber zur Belebung einer Winterlandſchaft unentbehrlich finden.
Darum mag ihre Exiſtenz eine berechtigte ſein, und wer nur dem Hohen, dem Edeln ſeinen Blick zugewandt, wird ſich niemals die Mühe geben, einen Flintenſchuß unter ſie ab⸗ zufeuern.
Mir war ſie neu, die Erfahrung, daß Freunde und Be⸗ kannte in Zeiten des Misgeſchicks zuerſt den Stein auf uns werfen. Mir war ſie neu, die Erfahrung, ſage ich— es waren ſo Viele, die mir verbunden waren, und ich konnte nie zweifeln an ihrer Aufrichtigkeit.
Wo ſind ſie hin, die Braven, die ſich's wohl ſchmecken
——S— Lorenz von Medici's erſte Stunden in Venedig.
ließen an meinem Tiſche?
Sie waren im Wohlleben bei mir, ich möchte in Sorgen daheim einmal bei ihnen ſein— bil⸗ liger Wunſch, den ich ausſprach, als ſich der Kummer bei mir blicken ließ, aber Niemand hörte ihn. Wer ſollte nicht lächeln über dieſes Wechſeln der Geſinnungen? Ich lächelte auch, aber mit jener Bitterkeit, die Gift hätte über die Welt ſpritzen können.
Ich bin müde, Freund, laß mich ausruhen in deinem Hauſe; du haſt mir oft eine Freiſtätte angeboten, wo ich ſie nicht brauchte. Nun bitte ich dich darum. Der, zu dem ich dies ſprach, ließ ſich durch ſeinen Diener als nicht zu Hauſe mel— den und bedauerte tief mein Geſchick, ebenfalls durch ſeinen Diener. Herz, du biſt nicht von Eiſen, du haſt flüſſiges Blut in dir— es ſtrömte über in meinem Innern, eine namem loſe Angſt von Verlaſſenheit ergriff mich— ich konnte ſie nicht zurückhalten, die heißquellende Flüſſigkeit in meinen Auge, ſie perlten hernieder, die Thränen, und mit lautem Schreie hätte ich hinſinken mögen auf die Knie und Gott um ſeine Gnade anflehen.
Gott? Sonderbar, in ſchlimmen Zeiten ſucht man ihn immer auf, in guten Tagen wird er beiſeite geſchoben. In der Freude dachte ich wenig an ihn, und im Leid wollte ſich der Glaube an ihn nicht ſogleich finden. Aber unſere Meinung mag eine illuſoriſche ſein oder nicht— im höchſten Schmerz, im tiefſten Wehe glauben wir, ſeine Stimme zu hören, und das Bild, das uns in Gedanken von ihm vor⸗ ſchwebt, ſtimmt unſer Herz zum Frieden, zur Verſöhnung, ſo bald wir nahe daran ſind, aufgelöſt von innerer Zerriſſenheit, unſerm Daſein mit Gewalt ein Ende zu machen.
Ich glaube, die erſten Thränen, weint man ſie im ſpä— tern Alter, wirken tief und nachhaltig auf unſern ganzen Organismus ein. Mir aber iſt, als wär' ich älter geworden, als ich wirklich bin, und blick' ich in den Spiegel, ſind's die grauen Haare, die mich zuerſt an das Geſchehene erinnern. Otto Spielberg.
Von G. Hiltl.
Die prächtige Lagunen⸗Stadt, die Herrin der Meere, das
aus Marmor und Eiſen gebaute Venedig glich einem Ameiſen⸗
haufen am Tage Johannes des Täufers im Jahre 1479. Ueberall Flaggen und Fahnen, von Straße zu Straße zogen ſich die Guirlanden, alle jene tauſend ſchwarzen Gondeln hatten ſich heute ein buntes Feſtkleid übergeworfen. Auf den Sitzen nächſt dem hohen Schiffsſchnabel ſtanden prächtig gekleidete Ruderer, und in dem Canale grande wimmelte es von Fahrzeugen, welche die glänzenden Wappen der hohen Beſitzer am Spiegel der kleinen Schiffe führten. Die mächtige Stadt entfaltete ihren vollen Glanz nicht allein an ihren prächtigen Gebäuden, Säulen und Kirchen, auch alle Einwohner erſchienen im höchſten Staate, die ſtrah⸗ lendſten Roben und Schleier mit Silber durchwirkt, umgaben die ſchlanken, üppigen Geſtalten und die ſchönen Köpfe der Damen, was aus dem Orient an koſtbaren Stoffen in gewirkter Seide, Goldzindel und Damaſtgeweben nach Venedig gebracht worden war, das ſchien eigens für heute hervorgeſucht, um im Strahle eines herrlichen, italieniſchen Sonnenſcheins zu funkeln und zu ſchimmern. Hoch oben aber auf der Lagune, da wo die Piacetta von den Wogen beſpült wird, lag in magjeſtätiſcher Ruhe, be⸗ mannt mit ſeinen Hunderten von Ruderern, überſpannt von roth⸗ ſammtenem Zeltdache der Buccentoro, das Schiff des Dogen Movenigo, der heute die lange, golddurchſchoſſene Robe angelegt und die Mütze auf das Haupt gevrückt hatte, an deren Spitze die unſchätzbare Perle prangte. Der Grund aller dieſer feſtlichen Vorbereitungen, dieſes Jubels und der Entfaltung ungeheuerer Pracht war die Ankunft eines Gaſtes, deſſen Namen nicht allein Italiens, ſondern Europas Völker, ſelbſt die, welche den Halb⸗ mond verehrten als ihr Glaubenszeichen, mit Achtung und Ehr⸗ ſurcht nannten. Lorenz von Medici, mit dem Beinamen der
den Lorenz geladen, eine kurze Zeit in der Stadt Venedig zuzu⸗
WMarmor, die herrlichen Werke des Pinſels förderte, prüfte und
deutlich ſichtbar— Lorenz von Medici läßt ſein prächtiges Schiff
Prächtige, das Staatsoberhaupt des mächtigen Nachbarlandes Florenz, wurde heute als Gaſt Venedigs erwartet. Müde der fort—— währenden Feindſeligkeiten hatten Venedig und Florenz ſich nach manchem Kampfe die Hände gereicht, Movenigo der Doge hatte
bringen, und der Prächtige, allgemein Vergötterte wollte erſcheinen. Erwartungsvoll blickte Alles nach dem Meere hin, die Boote und Gondeln ſchoſſen unruhig umher— da plötzlich tauchen am Horizonte die weißen Segel der Flotille des Mediceer's empor, ein bläulicher Rauch kräuſelt ſich empor, und der Donner eines Salutſchiffes hallt über die Wellen. Im Nu ſind die Gondeln, die Schiffe auf einer Stelle verſammelt, das Meer und die Lagune bedecken ſich mit einer beweglichen Maſſe, von Fahr— zeugen, Menſchen und Blumen gebildet, und durch ſie Alle rauſcht das rieſige gold und roth gefärbte Ungeheuer der Buccentoro, durch zweihundert Ruder getrieben. Zu gleicher Zeit antworten die Geſchütze vom Caſtell, wenige Minüten ſpäter wird die Flottille
zum Buccentoro ſteuern und bald darauf betritt der Gefeierte unter zahlloſen„Evvivas“ das Verdeck des Dogenſchiffes. Lang⸗ ſam erfolgt die Einfahrt in den Hafen Venedigs, Jeder der hier verſammelten Tauſende will den Medici ſehen, von deſſen Ruhm die Sänger melden, der oft mit dem Schwerte in der Fauſt die Feinde niederſchlug und zugleich mit der Ruhe des Gelehrten jedes Wiſſen, mit dem Auge des Künſtlers jede neue Geſtaltung in
ſchätzte, der ſtaunenden Menge in Muſeen und Kirchen zu allge⸗ meiner Luſt aufſtellte. Der erſte Florentiner Bürger zeigte in
ſeiner äußern Erſcheinung jene einfache Pracht und Würde, die
den wahrhaft bedeutenden Menſchen auszeichnet. Ohne des klein⸗


