Jahrgang 
1868
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S2.

Gott Vater lohne es Ihnen tauſendmal, ehrwürdiger err! Gott Vater, Sohn und heiliger Geiſt zu ihnen müſſen wir unſere Herzen jetzt erheben! Ihre Gnade ſei mit uns, uns rings umſchwebend, Amen!

Der Verurtheilte ſagte leiſe einige Worte, faltete die Hände zum Gebet und kniete dann nieder, um das heilige Abendmahl zu empfangen.

Ich werde Sie im Paradieſe erwarten, Sie und meinen theuren Vater! ſagte er, als er ſich erhob. Dann wandte er ſich an den Nachrichter.

Meiſter Nicolas Pilefort, Ihr habt Edelleuten das Haupt abgeſchlagen wackeren Männern heute ſollt Ihr Euer Meiſterſtück thun: Ihr werdet einen Valois henken, einen König von Frankreich! Ans Werk!

Einen Augenblick ſpäter ſchwankte der entſeelte Leichnam des Kindes des ſchwarzen Hauſes unter dem Galgen auf dem Gröpeplatze im Winde.

Die Menge ſtieß einen lauten Ruf der Angſt und des Schreckens aus. Ein Schrei aber ertönte durchdringender als alle, es war ein Schmerzens-, ein Wuthgeſchrei, ein Schrei der Verzweiflung und des tiefſten Haſſes.

Ein Greis ſank wie vom Blitze getroffen beim Anblick

des grauenhaften Schauſpiels todt ſeinem Begleiter, einem

reichgekleideten Bedienten, in die Arme. Seine letzten Worte konnte Niemand deuten; die Menge vernahm nur einen Ruf, deſſen Sinn ihr aber dunkel blieb, den Ruf:

Ravaillac du wirſt uns rächen!

12. Der Letzte der erſchworenen.

Vierzehn Jahre waren nach der Hinrichtung Franzens

von La Ramee vergangen. Man ſchrieb den 14. Mai 1610.

An dieſem Tage fuhr König Heinrich 1V. von Frankreich

und Navarra durch die Straßen ſeiner Hauptſtadt Paris. Seine Carroſſe lenkte in die Straße de la Ferronnière ein, welche damals noch ſehr enge und an jenem Tage über⸗ dies durch Wagen, von denen Wein abgeladen wurde, ge⸗ ſperrt war.

Schon ſeitdem der Monarch den Louvre verlaſſen, war ihm ſchattengleich ein Mann gefolgt, den Niemand beachtet hatte. Plötzlich ſchwang ſich dieſer Menſch auf das vordere Rad der Staatskutſche und ſtieß Heinrich IV. ein Meſſer zwei⸗ mal bis ans Heft in die Bruſt.

Einer dieſer Stiche durchbohrte das Herz des edeln Königs; er verſchied auf der Stelle.

Der ritterliche Mann, der tapfere, weiſe und gerechte Herrſcher, der Beſte vielleicht, der je auf einem Throne ſaß, ſtarb durch Mörders Hand!

Das Scheuſal, welches die Unthat vollbrachte, gab vor dem Richter an, er habe keine Mitſchuldigen.

Einige behaupten, er hätte geſagt:Ich habe keine Mitſchuldigen mehr!

Keine Macht der Erde wenigſtens konnte ihm einen Na⸗ men entreißen: und am 27. Mai 1610 machte das Beil des Henkers dem Leben des Verbrechers ein Ende.

Sein Name ward verflucht, gebrandmarkt von der Ge⸗

ſchichte, und noch heutigen Tages wird Franz Ravaillac,

der Königsmörder, nur mit Schauder und Abſcheu genannt.

Die erſte Thränt.

In der Jugend weint man oftmals; ſie fließen wie Regentropfen von den Wangen hernieder, die kleinen perlen⸗ den Dinger, wenn uns Mama einen Schlag auf den Rücken gegeben oder Papa uns mit einer Ohrfeige tractirt. Sie ſind der Abfluß eines überquellenden Kindergemüths, das erſt wie⸗ der wohl und heiter wird, nachdem es eine Portion ſolcher Eindringlinge aus den Augen gedrückt.

Dieſe Art Thränen rechnen wir nicht. Sie ſind das Billigſte, was ein Menſchenkind in ſeinen Jugendjahren von ſich geben kann, ſie ſind das Leichteſte, was der kleine Re⸗ beller im Vaterhauſe oder in der Schule zu produciren vermag. Er renommirt mit ihnen, und das iſt der Unterſchied des Jun⸗ gen vor dem Erwachſenen: Letzterer ſchämt ſich ihrer. Die Thräne gilt ihm als ein Zeichen der Schwäche, er preßt ſie mit Gewalt in das Auge zurück, wenn ſie hervor zu brechen droht, und ruft er ſo den Eindruck eines ruhigen, gefaßten Charakters hervor, der den Gefahren mit hellem Blicke ent⸗ gegen zu treten vermag.

Die Beherrſchung der Gefühle iſt eine unſchätzbare Kunſt. Sie in Anwendung zu bringen bei allen außerordentlichen Gelegenheiten, dürfte jedes Menſchen erſte Pflicht ſein. Eine Ueberſtürzung erringt nur in Kriſen, und auch da mit ſehr unbeſtimmten Ausſichten, Erfolge. Menſchen, die ſich leicht hin⸗ reißen laſſen, haben ſelten einen feſten Willen. Sie folgen ihren Launen, ihren plötzlichen Einfällen, ſehen dieſe für vollgültige Be⸗ weiſe ihrer Ueberlegung an und folgen ihnen blindlings durch des tagesgeſchäftlichen Lebens Wirrniſſe. Sie gehen unter an ihren eigenen Capricen und geben noch in der letzten Stunde der Welt die Schuld, daß dieſe ſie nicht beſſer zu leiten gewußt.

Es gibt viele ſolcher Naturen. ihnen, und mögen es mir die Väter verzeihen, wenn ich über mein eigen Fleiſch und Blut mein Urtheil ſpreche. Ein gut Stück Selbſterkenntniß iſt jedem Menſchen empfehlenswerth. Es läßt uns manchen Fehltritt vermeiden, der uns vielleicht auf unſichere Lebenswege geführt.

Ich gehöre ſelbſt zu

Wir leiden an Eitelkeiten, wir machen uns Einbildungen, die die Umgebung nicht verſteht und die uns entfremden laſ⸗ ſen den liebſten, den beſten Freund. Wir fühlen in ſpäterm Alter, wie wenig Freude wir von dem Erdendaſein gehabt, und verſteigen wir uns in das Reich der Betrachtung, ſo müſſen wir geſtehen, daß wir uns die Schuld ſelbſt beizu⸗ meſſen haben.

Ich ſpreche heute ganz anders, als ich früher geſprochen, und ich ſehe einige Geſichter ſich zum ſatiriſchen Lachen verziehen, das ſagen will:Dich hat das Unglück mürbe gemacht.

Warum wirkt das Unglück auflöſend auf unſere Herzen ein und das Glück verhärtend? Warum werden wir weiſer geſtimmt, ruhiger, wenn der Schmerz ſich auf unſere Gemü⸗ ther legt? Es zieht eine ſtille Wehmuth durch unſere Seele, ſobald wir uns einſam und verlaſſen glauben, es bemächtigt ſich unſerer eine Todesſehnſucht, ein unausſprechliches Angſt⸗ gefühl, das ſich auf unſere Thatkraft, auf unſer Denken und Plänemachen mit bleierner Schwere legt. Wir ſind in der Stimmung, die Welt ihren Gang gehen zu laſſen und uns um nichts zu bekümmern. Im dumpfen Hinbrüten laſſen wir die Stunde verrinnen, und nur ein leiſes Aufzucken belebt unſere Nerven, ein Erſchrecken der Glieder, wenn ein Klang ertönt oder eine Stimme uns in unſerer Ruhe ſtört. Der Menſch, der verlaſſene, der in Angſt und Mühſal ſeinen Leib dahin ſchleppende, nimmt in der Einſamkeit eine ſcheue Miene an,

es iſt, als wenn er kein gutes Gewiſſen hat, und jede Anſpie⸗ lung auf ſeine Exiſtenz treibt ihm eine befangene Röthe ins Geſicht. Eine Unſicherheit bemächtigt ſich ſeiner, die ihn nie⸗ mals zu richtigem Frieden mit ſich ſelbſt kommen läßt. Lieber Leſer, haſt du ſchon jemals den innern Kitzel em⸗ pfunden, wider die ſtaatliche Ordnung dich aufzulehnen? Es liegt ſo viel Erhabenes, Gott⸗ und Erlöſer⸗Werdendes darin, daß ein feuriger Kopf einem Verſuche ſchwerlich widerſtehen kann. Ich that dieſen Verſuch, und er brachte mich auf Num⸗ mer Sicher.

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