Jahrgang 
1868
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Wollt Ihr leben und ſterben für Franz III., König von Frankreich? rief plötzlich Herr von Campdaraine.

Ja! Ja! antworteten Alle ausnahmslos.

Schwört Ihr, für die Vertheidigung ſeiner heiligen Rechte auf die Krone Gut und Blut einzuſetzen?

Wir ſchwören es.

Schwört Ihr, ihm überall jederzeit und in allen Stücken unbedingten Gehorſam zu leiſten, als gute und getreue Unter⸗ thanen?

Wir ſchwören es.

Wenn er endlich bei dem Verſuche, den Thron ſeiner Väter wieder zu erobern, fallen ſollte ſchwört Ihr, ſeine Rächer zu werden.

Ja, ja, wir ſchwören es!

Ein Findelkind zum König von Frankreich ausge⸗ rufen von einer Hand voll Bauern und zwei grauköpfigen Alten es war eine ſeltſame Scene, welche ſich da unter dem ſchlichten Dache eines einfachen Dorfwirthshauſes ab⸗ ſpielte!

Drei Könige bei mir an Einem Tage! rief freude⸗ ſtrahlend Meiſter Deniswahrlich, mein Urahn, Martin Le Roy, wußte wohl, was er that, als er über unſerer Haus⸗ thür als Wirthshausſchild drei Kronen befeſtigte. Er war Prophet, ohne es zu ahnen!

Junger Mann, ſagte Jakob von Campdaraine jetzt zu einem der Unbekannten,wie nennt Ihr Euch?

Peter Barrière, hoher Herr.

Und Ihr, junger Freund?

Jean Chätel! entgegnete der Student aus Paris. Er fragte den Letzten:Und wie heißt Ihr? Franz Ravaillac! lautete die Antwort.

11. Der Galgen auf dem Greveplatze.

Sieben Jahre waren vergangen, ſeitdem in dem Gaſt hauſeZur Krone von Vivonne das Kind des ſchwarzen Hauſes als König von Frankreich begrüßt worden war.

Am Morgen des 3. October 1596 lagerte der Herbſt⸗ himmel grau und düſter über Paris; die Luft war ſcharf, eiſig jagte der Wind durch die Straßen, und ein feiner durch⸗ dringender Regen ſank hernieder.

Trotz dieſes abſcheulichen Wetters aber herrſchte auf allen Straßen reges Leben. Es war kein Sonntag, und dennoch waren die Läden faſt ausnahmslos geſchloſſen; eine zahlreiche Menſchenmenge wogte einem gemeinſamen Ziele entgegen; Künſtler, Bürger, Edelleute Alle ſchweigſam und be⸗ klommen.

Ihr Ziel war der Greveplatz, jener Platz, auf welchem die zum Tode verurtheilten Verbrecher durch die Hand des Nachrichters vom Leben gebracht wurden.

Ein hohes ſchwarzes Schaffot war errichtet; auf ihm erhob ſich ein neu gezimmerter Galgen.

Paris ſollte alſo Zeuge einer Hinrichtung ſein. Zweifel⸗ los ſollte die Todesſtrafe, das entſetzliche Merkmal jener rauhen und barbariſchen Zeiten, an einem mit ſchwerer Schuld Be⸗ ladenen vollzogen werden, und die Menge eilte herbei, um dem traurigen Schauſpiel beizuwohnen. In einer kleinen Nebenſtraße ſtanden zwei Männer im eifrigen, aber leiſe geführten Geſpräch.

Der Eine von ihnen konnte fünfundzwanzig Jahre zählen und trug die Kleidung eines Dieners in einem vornehmen Hauſe; ſein Geſicht war blaß und ſorgenvoll, ſeine Blicke unruhig, beinahe verſtört; mit gerunzelter Stirn und eine Hand krampfhaft gegen die Mauer gelehnt, horchte er auf die Worte ſeines Gefährten. Dieſer war ein Greis von hohem Wuchs, der jedoch durch das Alter, vielleicht auch durch Gram, gebeugt war. Seine langen Haare waren weiß wie friſch gefallener Schnee, aber gleich ſeinem ſilberfarbigen Barte wirr und vernachläſſigt. Seine Augen waren geröthet von vielem Weinen, und ſeinen abgehärmten Zügen hatte ein unge⸗ heures Weh tiefe Spuren eingegraben. An der Seite trug

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er einen gewichtigen Degen, deſſen Handgriff er feſt umklammert hielt und zornig ſchüttelte.

Wo ſind ſie denn, ſagte er mit gedämpfter Stimme, all dieſe ritterlichen Herren, welche in den Tod gehen wollten für ihn? Er er wird ſterben, und ſie werden leben, die erbärmlichen Feiglinge! Sterben er mein Kind, in vollſter Jugendblüte, in friſcher Kraft o, Gott legt mir ſchwere Buße auf für die Sünden meiner vergangenen Tage! Dieſes ſchuldloſe Opfer blutet für mich die Gerechtigkeit will ſeinen Tod! Die Gerechtigkeit? Gibt es denn eine Gerechtigkeit auf Erden? Haben dieſe Henker denn noch nicht genug des Bluts der Volvis, müſſen ſie das Drama von Saint⸗Cloud wiederholen? Wo ſind die Edlen hin, deren Herzen beim Namen Franz III. höher ſchlugen? Ach das Grab deckt ſie Alle Meiſter Denis le Roy ſtarb zu Vivonne in der Blüte ſeiner Tage, hinweg gerafft durch ein Fieber; Guillemette, die gute Guillemette folgte ihm aus Gram bald nach. Ihre elf Kinder, die muthvollen und edlen Söhne, fielen im Gefecht, oder mußten ihre Pflichttreue gegen ihren rechtmäßigen Monarchen noch theuerer büßen, fünf von ihnen ſtarben den Tod durch Henkershand. Der greiſe Campdaraine, mein alter Waffenbruder, kehrte von dieſem Fontenay niemals wieder, wohin man ihn unter der Vorſpiegelung gelockt, er ſolle hier von dem Schurken Lommeau nähere Aufklärung über

das ganze, ſchändliche, zum Untergange des Kronprinzen ge⸗

ſchmiedete Complot erhalten. Simon Garlande, der wackere Landmann, unſer kluger Unterhändler, ward auf der Straße nach Angoulème ermordet gefunden, ein meuchleriſcher Dolchſtoß hatte dem Leben des Rechtſchaffenen ein Ende gemacht. Peter Barriere und der arme junge Jean Chätel wurden gevier⸗ theilt wie viele von der Tafelrunde des 3. October 1589

ſind nun noch am Leben? Drei, von denen Einer binnen

einer Stunde aufgehört haben wird zu ſein! Und gerade ihn muß das Geſchick hinraffen, während ich altersſchwacher Mann mein elendes Daſein noch länger zu tragen verdammt bin. Mußte ich deshalb fünfundachtzig Jahre alt werden, um den Letzten der Valvis ſchmachvoll am Galgen ſterben zu ſehen? Wo iſt da die Hand des Herrn! Wahrlich, ich erkenne ihr Walten nur an der verdienten Strafe, welche über jenen Lorenzo Borgognoni, jenen Tolomev Caſaroſſa und jenen Lommeau hereinbrach, die der aufgeregte Pöbel eines Tages voll Wuth in den Staub zerrte und in Stücken riß. Aber der Gott, der die Schuldigen beſtraft und vernichtet, kann er nicht auch die Unſchuldigen beſchirmen und erretten? Wenn ſie ihn wenigſtens wie einen Edelmann ſterben ließen! Aber ſie treiben ihre wahnwitzige Verblendung ſo weit, daß ſie den Sohn ihres Königs wie einen gemeinen Verbrecher an den Galgen bringen. Mein armer, mein über Alles ge⸗ liebter Franz dein Wiegenfeſt iſt morgen; aber ſie be⸗ ſcheeren dir ſchon heute dieſe Henker!

Ein ungeheuerer Tumult erhob ſich jetzt auf dem Greve⸗ platze. Der Greis ſchrie laut auf.

Er kommt er kommt! keuchte er hervor.Hörſt du die Meute? Sie werden ihn tödten und ich bin macht⸗ los, ich kann ihm nicht beiſtehen! Vater im Himmel, du züchtigſt mich zu ſchwer! Dieſe Strafe iſt zu herbe, rette ihn, ſende mir an ſeiner Statt den Tod. Ich bin ſchuldbeladen und ſcheide gern! Großer Gott ich ſtehe hier, indeß er vielleicht ſchon ſtirbt. Komm, komm, Franz! Er ſoll mich ſehen mich und dich. Er ſoll erfahren, daß wenigſtens zwei Herzen noch in treuer Liebe für ihn ſchlagen zwei Herzen, welche dieſe ganze elende Rotte aufwiegen, die ihn

verkennt. Horch, wie ſie herbei eilen, einen Valois ſterben zu ſehen aber die Schmach dieſes Verbrechens die ewige Verdammniß auf ihre Häupter! Komm!

Der Greis und ſein Gefährte erreichten den Greveplatz in dem Augenblicke, wo der Zug mit dem Verurtheilten von einer andern Seite her erſchien.

Voran ging Meiſter Nicolas Pilefort, der Scharfrichter,

eine rieſige Geſtalt mit finſterem, von ſchwarzem Vollbart um⸗

rahmtem Geſicht. Ein großer rother Mantel umhüllte ihn; an ſeiner Rechten trug er das Richtſchwert. Ihm folgten