Jahrgang 
1868
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(Warum beſteht Ihr darauf, mir Alles zu ver⸗ ſchweigen?*

Ihr wollt Aufklärung?

Ja!

Nun wohl; habt ſie denn zum eigenen Verderben. Dies Kind iſt der Sohn des Königs»

Des Königs und der Königin von Frankreich?»

(Allerdings.»

Nach dieſen Worten Lorenzo Borgognoni's entſtand ein kurzes Schweigen. Die Erregung, die Freude über meine glückliche Entdeckung ſchwellte mir die Bruſt; ich beſchloß, meinen Weg dem Saume des Waldes entlang ſo weit als möglich fortzuſetzen.

Nun ſeid Ihr doch zufrieden! fuhr der Italiener fort: (wenigſtens habe ich Euch Alles geſagt. Unſer Beider Häupter ſtehen jetzt für dies Geheimniß ein zwei ſtatt eins das iſt Alles, was Eure Mitwiſſenſchaft Euch einträgt!

(Das arme Kindchen!»

Glaubt mir, wir ſind weit mehr zu beklagen.»

Fürchtet nichts, ich werde verſchwiegener ſein als Ihr!»

Ich zweifle daran nicht.»

Aber warum ins Himmels Namen hat Lommeau die Erklärung abgegeben, die Königin habe einen todten Knaben geboren?

(Die Königin⸗Mutter hat es ſo gewollt, und Lommeau iſt ihr Geſchöpf.»

Allein welchen Plan verfolgt Katharina von Medici, indem ſie den Erſtgeborenen der Königin Eliſabeth verſchwin⸗ den läßt?*

«Sie will vielleicht, daß Einer nach dem Andern, alle ihre Söhne den Thron beſteigen. Dies vermuthe ich nur; ich weiß nichts Gewiſſes. Es gilt mir auch gleichviel. Ich erhalte Befehle, welche ich genau und verſchwiegen vollführe, um etwas Anderes kümmere ich mich nicht. Doch genug der Worte, Tolomeo; Poitiers iſt noch fern; vorwärts im Galop!»

Die beiden Reiter gaben ihren Thieren die Sporen es war mir unmöglich, ihnen zur Seite zu bleiben und noch mehr zu erforſchen; langſam kehrte ich nach Vivonne zurück.

10. Franz III., Bönig von Frankreich.

Die Aufregung, welche die Enthüllungen des alten Campdaraine hervorbrachten, iſt nicht zu beſchreiben. Alle Anweſenden hatten ſich erhoben und ſogen dem Sprecher die Worte begierig von den Lippen Guillemette, der Kronen wirth, die elf Söhne des Hauſes, Simon Garlande, der Haupt⸗ mann La Ramée, ja ſogar die drei Unbekannten, obgleich ſie den inneren Zuſammenhang der Erzählung Jakob's natürlich nicht begreifen konnten.

Das Kind des ſchwarzen Hauſes ſtand hoch aufgerichtet vor dem Strauße von weißen Roſen, auf jener Stelle, wo lurz zuvor der Cardinal von Bourbon, König der Liguiſten und Heinrich 1V., König von Frankreich und Navarra geſeſſen. Sein Geſicht war bleich und von einem ſeligen Lächeln ver llärt; eine Welt von neuen und großen Gedanken zog hell in ſeinem Geiſte herauf, und eine ſtolze Freude ſtrahlte aus ſeinen Blicken.

Meiſter Denis betrachtete ihn mit ehrfurchtsvollem Staunen, und Frau Guillemette wagte nicht, ſich ihm zu nähern. In den Augen des greiſen Hauptmanns ſchwamm eine Thräne.

Jakob! ſagte er mit zitternder Stimme,Jakob, warum

haſt du mir dies Geheimniß ſo lange Zeit verborgen!

Ich hatte Scheu vor deinem Eide, aber das Recht mußte eines Tages zu Ehren kommen. Dieſer Tag iſt heute ange⸗ brochen; Gott ſelbſt hieß mich ſprechen. Sollte dein Herz noch von Zweifeln befangen ſein, ſo erinnere dich nur, wie heftig dieſer ſogenannte Karl X. und nachher der Bearner von der wunderbaren Aehnlichkeit ergriffen wurden. Rufe dir ferner die Erzählung König Heinrich's IV. ins Gedächtniß zurück, jene Geſchichte von Tonina, der Wahrſagerin, welche zu

Katharina von Medici ſagte:Einen gibt es, der die Valvis entweder ſelber rächt, oder aus deſſen Gebeinen ihnen doch ein Rächer auferſteht.Nenne ihn, Tonina!» entgegnete die Königin.Es iſt Ihr erſter Enkel. Auch er wird einſt König ſein, allein Ihr Stamm wird nur unter Einer ſchreck⸗ lichen Bedingung gerochen werden: dies Kind muß noch am Tage ſeiner Geburt verſchwinden?. Erinnert Ihr Euch deſſen?

Wahr wahr! murmelte der Hauptmann La Ramee vor ſich hin.

Nun? Hatte ich Recht, als ich ſagte, weder Karl X., noch Heinrich IV. ſei der rechtmäßige König von Frankreich? Der echte Herrſcher über dieſes Land iſt der Sproß der Valvis, der Sohn Karl IX., das Kind des ſchwarzen Hauſes, ſeht ihn hier! Franz von Valvis, königliche Majeſtät von Frankreich dir weihe ich den Reſt meines Lebens, dir meinen Arm und mein Herzblut. Heil, Heil Franz III., ſouveränen Monarchen dieſes Landes!

Der Greis beugte das Knie vor dem Kinde des ſchwarzen Hauſes.Lang lebe Franz III., unſer König und Herr!

Lang lebe Franz III., König von Frankreich! riefen ihm alle Anweſenden begeiſtert nach.

Die drei Unbekannten hatten ſich überraſcht gefragt, ob dies Alles kein Traum ſei; ſie betrachteten den ſchönen Jüng⸗ ling mit ehrfurchtsvoller Achtung, und als Jakob von Camp⸗ daraine das Knie vor ihm beugte, als Alle dem jungen König zujauchzten, da wurden auch ſie mit hingeriſſen und ſtimmten in den allgemeinen Freudentaumel ein.

Wie rief jetzt Franz, indem er den Greis freudig erregt zu ſich empor hob,wie ich wäre der Sohn eines Königs?

Karl's[X. von Frankreich legitimes Kind.

Und wer wer iſt meine Mutter?

Fliſabeth von Oeſterreich, Königin der Franzoſen.

Wo iſt ſie? Hat Gott ſie mir erhalten?

Die hohe Frau iſt aus der Welt geſchieden für immerdar.

O mein Heiland! So ſollte ich nicht das Glück haben, ſie zu ſehen, ihr ans Herz zu ſinken und den ſüßen Mutter⸗ namen auszuſprechen!

Die Königin lebt!

Sie lebt?

Seit vierzehn Jahren iſt ſie in das Kloſter Sancta⸗ Clara zu Wien, ihrer Vaterſtadt, als Nonne eingetreten.

OH! ſie lebt Dank dir, mein himmliſcher Vater! Ich werde ſie ſehen ich muß ſie ſehen! Ich ſtelle ſie mir vor ſchön, ſtolz und mächtig, eine echte Königin.

Frau Guillemette liefen die hellen Thränen über die Wangen. Franz ſah dies und fuhr liebevoll fort:Ich werde dich nie vergeſſen, meine gute zweite Mutter dein und deiner liebevollen Sorge für mich wird mein Herz ſtets dankbar gedenken! Umarme mich, Mutter!

Die arme Kronenwirthin wagte nicht, ſeinen Worten Folge zu leiſten, allein er drückte ſie ſtürmiſch an die Bruſt.

Und Sie, mein Vater werden Sie mich nun nicht mehr lieben, da Sie das Geheimniß meiner Geburt kennen? Für Sie werde ich ſtets das Kind des ſchwarzen Hauſes bleiben; meinen rechten Vater hat mir der liebe Gott ge⸗ nommen, Sie werden mir immer ſtatt ſeiner zur Seite ſtehen. Und Mordi! wie der König von Navarra ſagte Sie ſollen ſehen, daß ich Ihnen in der Führung der Waffen Ehre mache!

Unſer Bruder Franz iſt ein König! riefen die elf Söhne des Kronenwirthes im höchſten Erſtaunen aus.

Der wackere Meiſter Denis ſeinerſeits ſchlug ein über das andere mal die Hände zuſammen und ſagte:Achtzehn Jahre lang einen König von Frankreich unter ſeinem Dache zu ſehen und keine Ahnung davon zu haben nein, dieſe Ehre! dieſe Ehre!

Franz umarmte alle Anweſenden; einer der drei Unbe⸗ kannten küßte ihm die Hand, die andern und mit ihnen Simon Garlande folgten ſeinem Beiſpiel.