der Stelle, wo vor Jahren ein Reiſender von Räuberhand erſchlagen wurde, erhebt ſich ein großes ſchwarzes Kreuz; links und rechts zieht ſich dichtes Gehölz unmittelbar am Wege hin; hier ſpähte ich vorſichtig durch das Dickicht des Waldes. Ich hörte in der Dunkelheit das Geſtampf eines Roſſes. Ich ſchärfte meine Augen und erkannte die Umriſſe eines Reiters, welcher aufmerkſam nach der Richtung von Vivonne hinüber ſchaute.
„Ich athmete auf; es war noch nicht zu ſpät.
„Der Reiter machte einige ungeduldige Bewegungen, und es dauerte nicht lange, ſo ließ ſich der Hufſchlag eines zweiten Pferdes vernehmen.
„(Endlich! ſagte die dunkele Geſtalt leiſe vor ſich hin.
„Ein Reiter in ſchwarzem Mantel erſchien auf ſchnau⸗ bendem Roſſe; es war Lorenzo Borgognoni, ich erkannte ihn deutlich wieder.
„„Ich glaubte ſchon, Ihr hättet Euch in Vivonne häus⸗ lich niedergelaſſen, Theuerſter! redete der Erſte den Ankömm⸗ ling an.
„„Dieſer Satan von La Ramte war halsſtarrig.»
„Und willigte endlich ein?»
„(Nach langem Ueberreden.»
„(So ſeid zufrieden!
„„Ich bin es. Allein dieſer nächtliche Ritt hat mich abgemattet, Tolomev; der Himmel klärt ſich auf, laßt uns vorerſt im Schritt reiten.
„„Wie Ihr wollt, Lorenzo.»
„Langſam ſetzten die beiden Männer ihren Weg fort; ihr Ziel ſchien Poitiers. Es wurde mir leicht, ihnen zu folgen, und ich wandte jede Vorſichtsmaßregel an, um nicht gehört zu werden. Ich zitterte nur vor dem Einen: daß ſie über den Gegenſtand, den ich zu erfahren brannte, nicht reden würden. „„Aber ſagt mir endlich, Lorenzo“, begann nach kurzer Pauſe der, welchen der Andere Tolomeo genannt hatte,(wa⸗ rum Ihr mich ſo plötzlich aus Paris entführtet, und warum wir in fünf Tagen zehn Pferde zu Schanden geritten haben? Soll ich denn nie erfahren, weſſen Kind wir während dieſes langen Rittes mit uns geführt, und warum Ihr es fort und hierher nach Poitou gebracht habt? Weshalb dies un⸗ durchdringliche Geheimniß, Freund? Redet; die Nacht iſt verſchwiegen; auf der weiten Landſtraße gibt es keine Horcher! O laßt mich endlich Alles wiſſen, ich vergehe vor Neugierde!»
„„Ich liebe den Hauptmann La Ramcen, entgegnete der zweite Reiter lachend; cer hat keine Kinder; ich habe ihm einen Sohn gebracht, um ſeine Einſamkeit erträglicher zu machen! Das iſt das ganze Geheimniß!
„„Spottet nicht!»
„„Haha— das ſagte mir dieſer Stunde ebenfalls!*
„„So iſt er alſo ein zuverläſſiger „Ein Ehrenmann!»
„(Alſo ein ſeltener Mann!» „„Er wird dem Kinde ein guter Vater ſein.» „„Vater? Pflegevater wollt Ihr ſagen!“
„„Einerlei; wenn er nur gut iſt.
„„Gut— für Eure Zwecke, Lorenzo! Aber nochmals, Freund: ich flehe Euch an, den Schleier zu lüften!
„„Was wollt Ihr denn noch wiſſen?»
„„Das Eine: weshalb mußte dieſes unſchuldige kleine Weſen verſchwinden?
„„Weil es im Wege war.
„(Wem?*
„„Auf weſſen Anlaß verſchwindet es denn?
„„Auf den meinen, wie Ihr geſehen habt!
„„Und nach weſſen Befehlen handelt Ihr?»
„Ihr errathet es nicht?“
„(Nein.»
„«Um ſo ſchlimmer für Euch, mein lieber Tolomeo. „„Ihr ſeid unausſtehlich, Lorenzo! Redet doch einmal
Teufelskerl noch vor einer
Menſch 7*
in Eurem Leben ohne Rückhalt.“
„Aber beantworte ich denn nicht jede Euerer Fragen? „„Ja, aber wie eine Sphinx. „„Es iſt immer eine Antwort! „„Woher habt Ihr dies Kind? „„Aus Paris. „„Von wem? „„(Wollt Ihr's wiſſen? „(So ſprecht doch!» „„Von Lommeau. „„Von Lommeau, dem Arzt am königlichen Hofe? „Ja. „„Endlich brecht Ihr Euer eigenſinniges Schweigen. „(Ich muß ja wol; Ihr ſtellt ja ein förmliches Ver⸗ hör mit mir an. Aber ich kann Euch nicht mehr ſagen, als
ich ſelber weiß.»
„„So ſagt mir wenigſtens Alles, was Ihr wißt. War Lommeau der Vater dieſes Kindes?
„„Möglich!»
„„Das iſt keine Antwort, Lorenzo. Lommeau bekommen?
„(Vom Zufall.»
„„Wie nennt ſich dieſer Zufall?
„„Er nennt ſich gar nicht, Freund!“
„„Es iſt alſo eine hohe Perſon?
„(Eine ſehr hohe.
„„Männlichen oder weiblichen Geſchlechts.
„„Das Letztere.»
„„So ahne ich, wer den Knaben dem Arzte übergeben hat.
„(Nun?*
„„Ihre Majeſtät die Königin Katharina!“ erwiderte Tolomeo mit gedämpfter Stimme.
„(Still, ſtill, Freund!»
„„Thörichte Furcht! Noch einmal: auf der weiten Land⸗ ſtraße gibt es keine Horcher!— Die Königin⸗Mutter alſo hat dies Kind dem Aeskulap anvertraut, ſagt Ihr?
„„Ihr ſagt es, nicht ich!»
„„Einerlei; aber warum entledigt ſelben und gibt es Euch?»
„„Euer fortwährendes Fragen iſt unerträglich!»
„„Sprecht offen, und Ihr ſeid aller meiner Frager uitt. 3„„Nun wohl! Lommeau vollzieht nur die Befehle der Königin⸗Mutter, ebenſo wie ich.»
„„So iſt ſie es alſo, welcher dies Kind im Wege iſt.
„„Ohne Zweifel.»
„(Die Gründe— 2
„„Was dieſe anlangt, Freund, ſo ſchwöre ich Euch, ſie ſo wenig zu wiſſen, wie Ihr ſelbſt.»
„Wohl; ſo wißt Ihr wenigſtens, wer des Säuglings Vater iſt!»
„„Das iſt ein Geheimniß für Jedermann.»
„„Außer für die Königin⸗Mutter, für Lommeau und für Euch. Ein Geheimniß, um das drei Menſchen wiſſen, hört auf, ein Geheimniß zu ſein. Lorenzo, ob Ihr mich zum Theilnehmer deſſelben macht.“
„„Glaubt Ihr, daß mein Kopf feſt auf meinem Rumpfe ſitzt?»
„„Ihr ſcherzt wieder!
„(Nicht im geringſten. Ich wiederhole es: glaubt Ihr, daß mein Kopf auf meinen Schultern feſt ſitzt?
„„So feſt wie der meinige.»—
„„Nun wohl: wenn dieſes Geheimniß von uns an eine Dritten verrathen würde, ſo ſeid gewiß, daß unſere Häupter in den Sand rollten; Meiſter Nicolas Pilefort verſteht ſein Handwerk!»
„(Der Henker von Paris?
„(Eben der.
„„Mich ſchaudert, Lorenzo! Laßt uns dieſen ſchrecklichen Mann nicht nennen; in jetzigen Zeiten iſt das von unheilvoller Vorbedeutung!“
„„Warum beſteht Ihr darauf, Alles zu wiſſen!
Von wem hat es
ſich Lommeau des⸗
Es iſt alſo ganz gleichgültig,


