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XI. Jahrgang.
1868. ℳ 43.
Der Erbe eines Thrones.
Novelle von Hermann Uhde. (Schluß.)
2 9. Enthüllungen. )
akob von Campdaraine ſtand faſt aufrecht; ſeine Augen
rollten wild, und ſeine Lippen bebten. Auf den Jubel des
Feſtes war eine Todtenſtille gefolgt: Jeder der Anweſenden ahnte dunkel, daß etwas Furchtbares kommen werde. Der Hauptmann La Ramee, von unſäglicher Angſt gefoltert, be⸗ trachtete ſeinen alten Waffengefährten voll des höchſten Stau⸗ nens; denn nie hatte er ihn ſo erregt geſehen. Das Kind des ſchwarzen Hauſes fühlte ſein Herz ſeltſam erbeben. — Der Nachtwind ſtrich durch die geöffneten Fenſter über das Licht der Lampen hin, welches flackernd rauchte und einen düſtern Schein verbreitete; in der Ferne hörte man das hei— ſere Geſchrei einer Eule.
„So hört!“ wiederholte Jacob von Campdaraine.
„Es war vor achtzehn Jahren, am 3. October 1571. Ihr müßt euch des entſetzlichen Ungewitters erinnern, welches in jener Nacht über Vivonne losbrach. Allabendlich pflegte ich bei meinem alten Waffengefährten und Freunde La Ramée einige Stunden zuzubringen und war auf dem Wege zum ſchwarzen Hauſe, als der Sturm mich überraſchte. Ich be⸗ ſchleunigte meine Schritte und befand mich bald unter dem ſchützenden Dache.— Nach kurzer Zeit hörten wir den Huf⸗ ſchlag eines galopirenden Roſſes durch die Nacht erſchallen, und einen Augenblick ſpäter geſchahen drei Schläge an die Thüre des alten Gebäudes. Der Hauptmann öffnete, und herein trat ein rieſenhafter Mann, gehüllt in einen ſchwarzen Mantel. Ich weiß nicht, wie es kam, ich fühlte, daß ich im Wege war, und ließ die Beiden allein.“
Der Sprecher bemerkte den flehenden Blick des alten La Ramee nicht, welcher ihn um Erbarmen zu bitten ſchien, und fuhr fort:
„Ich wollte nach Hauſe zurückkehren, allein das wü⸗ thende Unwetter, der Hagel und der Regen, welcher mich bis auf die Haut durchnäßte, und der Sturm, der mich gleich einem Trunkenen hin⸗ und herwarf, vereitelten jeglichen Ver⸗ ſuch zum Fortgehen. Ich ſah mich gezwungen, unter dem her—
vorſpringenden Dache des alten Hauſes Schutz zu ſuchen, und
lehnte mich gegen die Wand, indeß draußen Blitz und Schlag ſich unabläſſig folgten und die Elemente ſo in Auf⸗
ruhr waren, daß ich todesbange für das Heil meiner Seele
betete, weil ich nicht glaubte, den Platz lebendig zu ver⸗ laſſen. „Wider Willen hörte ich eine Stimme im Innern des
Wachenhuſen's Hausfreund. XI. 14.
Gebäudes in befehlendem Tone ſprechen:(Ich bin Lorenzo Borgognoni. Hauptmann La Ramee, ich komme in geſtrecktem Galop von Paris, um Euch dies Kind zu bringen. Es ſollte ſterben; ich aber dachte, daß Ihr bei dem jungen Weſen Vater⸗ ſtelle vertreten würdet, und beſchloß, ein ohnehin nutzloſes Verbrechen zu verhindern!»
„(Ich werde dem Kleinen Vater ſein!“ entgegnete der Hauptmann.
„„Schwören Sie mir, dieſes Geheimniß ewig zu be⸗ wahren!»
„(Ich ſchwöre es.»
„(Gut. Leben Sie wohl, Hauptmann La Ramée.
„Ich hörte, wie die Thür des ſchwarzen Hauſes geöff⸗ net wurde, und drückte mich, um nicht geſehen zu werden, gegen die Mauer.— Das Unwetter hatte nachgelaſſen.— Der nächtliche Reiter ſchwang ſich wieder in den Sattel, ſpornte ſein Pferd an und verſchwand auf der Landſtraße nach Poitiers.“
„Der nächtliche Reiter—!“ ſagte Guillemette, indem ſie ſich bekreuzte.„Sie haben uns getäuſcht, Hauptmann!“
„Es mußte ſein!“ antwortete der leichenbleiche La Ra⸗ mie leiſe, und große Thränen rollten über ſeine Wangen: „es mußte ſein— ich hatte es geſchworen!“
„Ihr, Freund, nicht ſo ich!“ fuhr Campdaraine fort. „Auch mein war das Geheimniß; der Zufall hatte mich zum Mitwiſſer gemacht— ich hatte nichts geſchworen, ich konnte thun und that, was Ihr nicht durftet!“
Der Sohn des ſchwarzen Hauſes hatte ſich gleichfalls erhoben und ſog dem Erzähler gierig jedes Wort vom Munde. — Er begriff, daß man über ihn, über ſeine Geburt, ſeine Zukunft ſprach, und lauſchte mit angehaltenem Athem.
„Ich zweifelte keinen Augenblick, daß dieſer nächtliche Ritt vielmehr ein Verbrechen in ſich ſchlöſſe, als verhindere,
und mir kam der Einfall, daß es früher oder ſpäter gelegen ſein möchte, das Geheimniß dieſes Italieners ganz zu kennen. Ich ſagte mir, daß er nicht allein von Paris gekommeh ſein könnte, beſonders da die Wege ſo unſicher waren, Wdaß er einen Begleiter, vielleicht deren mehrere haben mußte, und daß dieſelben in der Nähe, nach der Richtung von Poitiers zu vermuthen ſeien. „Blitzſchnell durchzuckten dieſe Gedanken meinen Sinn; raſch eilte ich den Fußpfad entlang, welcher ſich hinter den Hecken hinzieht, und auf Richtwegen, querfeldein laufend, hatte ich bald die große Landſtraße von Poitiers erreicht. An 85
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