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Viel hat ſeiner Zeit Miß Marh Walker in Europa von ſich reden gemacht, theils wegen ihres excentriſchen Coſtüms, theils wegen ihrer Dienſtleiſtungen als Arzt in der Bundesarmee. Man hat wunder⸗
liche Märchen über dieſen Aesculap im Unterrock verbreitet. Wir
finden heute im„World“ von New⸗York eine vom ehemaligen Stabs⸗ arzt und Hauptmann in der Armee der Vereinigten Staaten, Robert Bartholon, unterzeichnete und von Chicago datirte Correſpondenz, die ein neues Licht auf dieſen berühmten amerikaniſchen weiblichen Doctor wirft. Er erzählt:
„Meine zweite Begegnung mit Miß Walker fand in Chattanooga ſtatt. Sie war vom Kriegsminiſterium zu dem Oberwundarzt Wood nach Louisville geſchickt worden, der ſie, wahrſcheinlich in Folge von von Waſhington aus erhaltenen Inſtructionen, nach der Armee ſandte mit dem Befehle, ſich zur Dispoſition des Doctor Perin, Director des Medicinalweſens der Armee von Cumberland, zu ſtellen. Als dieſem ſich die wunderbare Erſcheinung vorſtellte und in die Reihen des ärztlichen Offizierperſonals aufgenommen zu werden verlangte, war Doctor Perin nicht wenig überraſcht und, ich darf ſagen, ſogar etwas indignirt, das Leben ſeiner Kranken und Verwundeten einem ſolchen Wunderdoctor anvertrauen zu ſollen. Ehe er ſich entſchloß, ihr einen ſolchen Poſten anzuvertrauen, berief er eine Commiſſion zu⸗ ſammen, um die Kenntniſſe der Anſtellerin zu prüfen. Ich gehörte zu dieſer Commiſſion. Die Frau Doctorin ſchien etwas befangen bei dieſer Prüfung und ſuchte ſich unſere Nachſicht zu gewinnen, deren ſie allerdings bedurfte; denn es ſtellte ſich bald bei ihr eine ſolche Unkenntniß in allen Branchen der Arzneikunde heraus, daß es uns ſchwer wurde, die Prüfung überhaupt fortzuſetzen, und die Com⸗ miſſion erklärte endlich einſtimmig, daß ſie nicht mehr mediciniſche Kenntniſſe als jede gewöhnliche Krankenwärterin habe und ſie ent⸗ ſchieden unfähig zu Dienſtleiſtungen eines Arztes ſei, höchſtens viel⸗ leicht als Krankenwärterin in irgend einem Hospital zu verwenden ſein könne. Während des Examens lernten wir mehrere Einzelheiten ihrer Geſchichte kennen, die ich aber lieber unerwähnt laſſe. Sie hatte, wie ſie ſagte, ein Diplom eines„hydropathiſchen Inſtituts“ von Geneva(New⸗York), ſie hat aber nie den Fuß in irgend eine medi⸗ einiſche Anſtalt geſetzt, noch irgend einen mediciniſchen Curſus durch⸗ gemacht. Ein oder zwei Tage ſpäter kam eine Ordre aus dem Hauptquartier mit dem Befehl, die Miß zu den äußerſten Vorpoſten zu ſchicken. Wir erfuhren darauf, daß ſie, als ſie eines Tages bis an die äußerſte Grenzen geritten ſei, gefangen genommen und nach Richmond geſchickt worden ſei, wo ſie trotz ihres Geſchlechtes und ihres angeblichen Grades eines Arztes mit großer Strenge behandelt worden wäre. Später hat ſich's herausgeſtellt, daß Alles ein wohl⸗ überlegter Plan geweſen iſt. Miß Walker hat die Rolle eines Spions geſpielt und ſich in der Abſicht, gefangen genommen zu werden, nach vorn begeben, wo ihr Geſchlecht und ihre„Profeſſion“ ihr mehr Freiheit und Gelegenheit der Beobachtung geſtatten würden als allen andern Gefangenen; der ärztliche Stand diente alſo dem ſtrategiſchen Manövre des Hauptquartiers nur als Deckmantel.
Signirt: Robert Bartholon.“
Wir geben dieſe Enthüllungen ohne alle Nebenbemerkungen wieder und ohne im Geringſten den Bewunderern, die ſich das tiefe Wiſſen und die große Bedeutung der berühmten Doctorin dieſſeits und jenſeits Oceans zu verſchaffen gewußt hat, irgendwie nahe treten zu wollen.
Wie man einander aus dem Wege ſchafft.
Wenn die Amerikaner in Texas ſich an Jemand rächen wollen, ſo geben ſie ſich nicht etwa erſt die Mühe, beim Gericht oder anders wo ſich in den Hinterhalt zu legen, ſie machen das lieber auf eigne Fauſt ab. So kam kürzlich in Houſton ein ſolcher Gentleman in eins der erſten Hotels der Stadt und fragte nach einem Mr. Pruitt.—
„Bitte, in den Salon zu treten“, antwortete der Wirth,„ich werde Mr. Pruitt ſogleich davon benachrichtigen.“
Dieſer kam bald darauf herab:„Sie haben mich rufen laſſen“, redete er den Angekommenen an, indem er die Thüre hinter ſich ſchließt,„darf ich wiſſen...“
„O, ſogleich“, antwortet Mr. Brown, indem er ſeinen ſechs⸗ iet Revolver zieht und dem Frager ſofort vier Kugeln ein⸗ verleibt.
„Teufel!“ ſchreit dieſer,„iſt's ſo gemeint, alſo eine ernſte Ange⸗ legenheit führt Sie her, wart' ein wenig, ich bin Ihr Mann“, dabei zieht er ſein Bowiemeſſer aus der Taſche und führt nach ſeinem Gegner mehrere Hiebe, als wolle er Riemen aus ſeinem Felle ſchneiden, und ſo wüthet der Kampf ſo lange, bis Brown den Geiſt aufgibt. Pruitt, obgleich ſtark verwundet, lebte noch, und man ſchaffte ihn auf ſein Zimmer; die ganze Scene fand übrigens unter den Augen der liebens⸗ würdigen Miß Sallie Saint Clair ſtatt. Beide machten der hübſchen
Putzmacherin den Hof, und daß ſie Mr. Pruitt den Vorzug gab,
brachte Mr. Brown in Wuth. Trotz der Sorgfalt der ſchönen Miß
iſt Pruitt dennoch ſeinen Wunden erlegen. Das amerikaniſche Blatt fügt hinzu, ſeit wenigſtens acht Tagen
habe man in Houſton keinen ſo intereſſanten Kampf geſehen.
Was wahr iſt, muß anerkannt werden; es gibt keinen Weg drum hin. Der Orleans, welcher 18 Jahre hindurch König der Franzoſen genannt wurde und Louis Philippe hieß, hatte in ſeiner Jugend viel gelitten oder ausgehalten; war, um ſich zu ernähren, zwei Jahre Schulmeiſter und ſah ſich einige Zeit hindurch genöthigt, wie der ewige Jude, raſtlos zu wandern, weil man ihn nirgends dulden wollte. Auf dieſen Irrfahrten in der Schweiz begleitete ihn niemand als ein treuer Diener Namens Boudoin, und Beide kamen eines Abends an das Hospiz auf dem St.⸗Gotthardt, wo ſie um Herberge zu bitten beabſichtigten. Es ward geläutet und ein Ka⸗ puziner ſteckte den Kopf zum Obſervationsfenſter heraus.
„Was wollt ihr?“ fragte der Bruder barſch.
„Nahrung und Herberge!“ antwortete man.
„Hier werden keine Fußgänger aufgenommen“, lautete die tröſtliche Erwiderung,„namentlich nicht Fußgänger eurer Art!“
„Aber wir wollen bezahlen!“
„Nein, nein, jene Schenke iſt gut genug für euch!“
Er warf das Fenſter zu, und der Orleans logirte mit Maul⸗ thiertreibern auf der Streu einer elenden Alpenſpelunke.
Nur Schade, daß dieſe Nothzeit auch für Louis Philippe wenig Nutzen hatte, denn auf ihn fand ebenfalls jenes Urtheil Anwendung, welches zuerſt die Soldaten der großen Armee nach der Reſtaura⸗ tion über die Bourbonen und die Emigranten überhaupt fällten. Es lautete:„Sie haben nichts gelernt und nichts v 8
Der ſpäter ſo berühmte engliſche Wundarzt Sharp ward einſt eilig zu einem hohen Herrn gerufen und fand, daß die Wunde, welche er behandeln ſollte, höchſt unbedeutend war. Aergerlich dar⸗ über, ſeine gerade für dringende Fälle beanſpruchte Zeit ſo ver⸗
geudet zu haben, ſchickte er ſeinen Diener mit heftigen Worten nach
Hauſe, um ein Pflaſter zu holen. Der Patient, in der Aufregung des Arztes Beſorgniß über ſeinen Zuſtand erkennend, fragte ängſt⸗ lich, ob Gefahr für ihn, beziehungsweiſe die Wunde zu fürchten.
„Ja, Mhlord!“ ſagte Sharp,„wenn der Kerl nicht lange Beine macht, kann ſchon das Unglück paſſiren!“
„Wie— welches denn?“ ruft der Lord entſetzt.
„Nun, Myhlord!“ erwiderte Sharp trocken,„daß die Wunde zugeheilt iſt, ehe er zurückkommt.“ C. S
— E.
A. K. in Z. Wir danken für die Aufrichtigkeit. Jede Meinung muß gehört werden.
G. K. in B. Sofort acceptirt.
B. U. in D. S Idee vinf Sie lieber im Lande! Es iſt auf dieſe Weiſe ſchon Manche ins Unglück gerannt.
eſc 5 0 Wird Sie erhalten brieflich Nachricht.
C. K. in Püsseldorf. Es iſt das wohl ganz natürlich. Derſelbe Künſtler ver⸗ werthet dieſelbe Idee wiederholt, oder anderen Redactionen gefällt vaſſelbe ild.
v. Sch., Stegemann, Brechtel, und allen Abonnenten, die deshalb Beſchwerde führten: Von uns wird jede Nummer regelmäßig an das Zeitungs⸗Comptoir abge iefert; kommt es einmal vor, daß eine Nummer verloren geht, liefern wir dieſelbe unent⸗ geltlich nach.. 3 P. K. in Berlin. Der betreffende Herr iſt hier nicht mehr beſchäftigt. Die Gedichte liegen zur Abholung bereit. Vivat Kergasz! Wir bedauern, Alles ablehnen zu müſſen.
Der Hausfreund erſcheint in Bänden von je 16 Heften à 6 großen Bogen mit ſchönen Original⸗Illuſtrationen, mit einem
mit humoriſtiſchen Bildern illuſtrirten Umſchlag elegant geheftet.
Preis pro Heft 5 Sgr.
Verlag der Hausfreund⸗Expedition(E. Graetz) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21.
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Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen. Haupt⸗Expedition und Druck bei F. A. Brockhaus in Leipzig.
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