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aufſteigenden, bald ſich in Erde oder Waſſer einbohrenden Wirbel⸗
winde. So weit man bis jetzt zu beobachten Gelegenheit gehabt, zeigt
ſich der Buran nur in den Steppengegenden des ſüdweſtlichen Sibi⸗
riens, dem Sitze der drei Kirgiſenhorden, Turan, der Tartarei, am Kaspiſchen Meere und am Aralſee, eine Strecke am Uralgebirge nordwärts hinauf und auf einem ſchmalen Gürtel dieſſeits des Ural, in den ruſſiſchen Steppen, wo er meiſt ſein Ende findet.
Man kann den Buran zuächſt in Sommer⸗ und Winterburan ſcheiden. Der Sommerburan iſt der minder gefährliche; er beginnt meiſtens um Mittag, die Sonne nimmt einen blutrothen Schein an, der Wind wirbelt Sand und was ihm ſonſt in den Weg kommt ſäulenar⸗ tig empor und geht weiter, einen ſchmalern oder breitern Strich fegend, eine ſchwüle, das Athmen an ſich ſchon erſchwerende Luft begleitet ihn. Iſt er recht heftig, ſo legt er wol bei ſeinem Gange über den Ural ganze Strecken Wald nieder und verliert ſich jenſeits des Ge⸗ birges in immer ſchwächer werdenden Wirbeln. Der Sommerburan dauert nie länger, wie von Mittag bis zum Abend; vor Untergang der Sonne beruhigt ſich die Natur; aber die aufgewühlten Staub⸗ maſſen ſchweben noch in einer gewiſſen Höhe, wie Nebel, aus dem Dörfer, Städte, Hügel oder Wald wie Inſeln hervorragen über der Gegend. Zuweilen hebt der Buran im Sommer an, legt ſich jedoch ſchon nach kurzer Zeit wieder und wiederholt dies mehrmals; es ſoll dieſe Erſcheinung ſtets unbeſtändiges Wetter im Gefolge haben.
Ungleich böſer iſt der Winterburan. Man theilt ihn in obern und untern Buran, und am ſchrecklichſten iſt das Wüthen deſſelben, wenn ein oberer und ein unterer Buran zuſammentreffen. Ein Zei⸗ chen ſeines Eintrittes, welches demſelben jedoch unmittelbar vorher geht, iſt ein pfeifender Windſtoß, der plötzlich über die mit Schnee be⸗ deckte Steppe fährt. Bald darauf erheben ſich beim untern Buran, als käme der Luftzug aus der Erde, ganze Schneeſtreifen, die immer höher ſteigen, der Wind heult und pfeift, ballt und wirbelt den Schnee zuſammen und jagt ihn wieder ſtöbernd auseinander. Ge⸗ genſtände, auf die der Buran ſtößt, ſcheinen ſeine Stärke zu ver⸗ mehren und feſſeln ſeine Wirbel an der Stelle. Tritt ein oberer Buran mit Schneegeſtöber aus den Wolken hinzu, ſo kämpfen beide förmlich mit einander. Die Sonne verfinſtert ſich und die dicke Luft erſtickt faſt. Der Winterburan tritt, entweder von Oſt⸗Südweſt oder von Südoſt kommend, am Abend oder am Morgen, ſehr häufig bei klarem ruhigen Wetter ein. Seine Dauer iſt in der Regel ebenfalls nur zwölf Stunden, doch gibt es auch Burane, die zwei bis drei Tage anhalten, und deren Wirkung dann ſchrecklich iſt. Man will bemerkt haben, daß der Buran hauptſächlich beim Wechſel der Jah⸗ reszeiten eintritt. Die Zelte der Steppenbewohner können natürlich dieſen heftigen Wirbeln nicht widerſtehen, und am beſten fahren ſie noch, wenn der Wind ſie ſofort mit Schnee und Staubmaſſen über deckt. Menſchen und Vieh überkommt beim Eintritt des Burans eine gewaltige Angſt; beſonders merkwürdig aber iſt, daß jedes Orienti⸗ rungsvermögen und jede Ortskenntniß der Geſchöpfe verloren gehen. Das einzige Rettungsmittel für den Menſchen iſt, ſich, wie beim Sa⸗
mum in der Sahara, flach auf das Geſicht zu Boden zu werfen,
und Viele retten ſich dadurch, indem ſie in dieſer Lage das Ende des Burans abwarten. An eine Beherrſchung des Viehs iſt jedoch in keiner Weiſe zu denken: wie toll ſtürmt es mit dem Winde davon und in die Steppe hinein, bis es vor Anſtrengung ſtürzt oder ſchon früher unter Schnee und Sand begraben wird. Manches Stück ge⸗ räth auch in Abgründe oder läuft geradezu in Seen und anderes Gewäſſer, um in denſelben zu ertrinken. Nur die kurze Dauer des Buran kann einen Theil des Viehs erhalten, dauert derſelbe länger an, ſo iſt in der Regel Alles verloren, was an zahmen Thieren in ſein Bereich kommt. So z. B. jagte ein Buran im Jahre 1827 aus
der ſüdlichen Kirgiſenſteppe 10500 Kamele, 280000 Pferde, 13000 Rin⸗
der und 1,000,000 Schafe nordwärts in die Saratower Steppe, wo alle umkamen, ein Verluſt, der auf 13,000,000 Rubel veran⸗ ſchlagt ward. Als ein erſter Verſuch der Thiere, dem Unwetter zu widerſtehen, kann vielleicht gelten, daß ſie ſich mit der breiten Seite gegen den Wind legen, doch geben ſie dies ſehr bald auf. Wie das Wetter auf die wilden Thiere der Steppe wirkt, hat bis jetzt noch nicht feſtgeſtellt werden können.
An Erklärungen über die Veranlaſſung zu dem Buran fehlt es natürlich nicht, doch iſt keine derſelben ausreichend. Man will be⸗ merkt haben, daß der Buran ſich ſtets bei eintretendem Thauwetter
erhebt, beſonders wenn die Temperatur der Luft bis auf 8 bis 10 R.
geſtiegen iſt. Andere behaupten dagegen, daß er bei eintretendem neuen Froſte nach vorausgegangenem Thauwetter auftritt. Ein Pro⸗ feſſor Eversmann, der zu Kaſan wohnte und ſich viel mit der Er⸗ ſcheinung des Buran beſchäftigte, ſtellte die Behauptung auf, daß er ſeine veranlaſſenden Urſachen in den gefrorenen Dünſten der Luft, die ſich bei Thauwetter in Schnee verwandelten, habe; eine Erklä⸗ rung, die ſo gut wie gar nichts ſagt. Soviel ſcheint nur gewiß zu ſein, daß bei erhöhter Temperatur der Luft die Burane aus Oſten wehen, die Südweſtburane warme und die Südoſtburane kühle
Luftzüge bilden. Ihr plötzliches Auftreten bei heiterſtem Wetter, kla⸗
rem Himmel und Sonnenſchein iſt eine Erſcheinung, an der haupt⸗ ſächlich vorläufig alle Erklärungsweiſen ſcheitern müſſen. C. 8
Ein weiblicher Mazeppa.
In der Nacht des 12. November gegen 10 Uhr weckte der Schuß einer Schildwache ein kleines Detachement Amerikaner aus dem Schlafe, das in Arkanſas zum Schutz der Jagd und Fiſcherei für die Chehennes⸗Indianer aufgeſtellt war. Im Nu ſprangen Offiziere und Soldaten, die irgend einen nächtlichen Ueberfall der Wilden ver⸗ mutheten, und poſtirten ſich hinter die aus Baumſtämmen gebildeten Verhaue, die das Lager umgaben. Die Nacht war heiter; plötzlich hörten die im Hinterhalt liegenden Soldaten von der Ebene her dumpfes Pferdegetrappel, und kaum hatten ſie Zeit zu ſehen, ob vielleicht ein Indianer ſich auf dem Pferde befinde, als daſſelbe mit der Schnelligkeit eines Pfeiles auf das Verhau zugeſtürzt kam, mit einem Sprunge über daſſelbe hinwegſetzte und zu Boden fiel. Faſt gleichzeitig mit dem Pferde ſetzte auch eine Heerde jener ſchrecklichen, in Amerika ſehr zahlreichen grauen Wölfe über die Verſchanzung, ohne ſich im Mindeſten durch die Schüſſe, mit welchen ſie empfangen wur⸗ den, abhalten zu laſſen. Schnaufend umzingelten die Heißhungerigen die Zelte; ein unbeſchreiblicher Wirrwarr herrſchte einige Minuten lang im Innern des Lagers, aber bald befreiten Säbel und Bajonette die Amerikaner von dieſen fürchterlichen Gegnern. Als die Ruhe wieder hergeſtellt war, fanden die Soldaten das Pferd mitten unter einem Dutzend getödteter Wölfe; es war ein prächtiger, kohlſchwarzer Muſtang, der Sturz hatte ihn getödtet. Auf dem Rücken deſſelben lag, an Armen, Füßen und um den Leib feſtgebunden ein wunder⸗ ſchönes Weib in der Tracht der Squaws der Prairien, deren langes ſchwarzes Haar um das Haupt flatterte und bis auf den Boden herabhing. Man band ſie ſofort los und gewahrte, daß ſie noch am Leben ſei und nur die Beſinnung verloren habe; man führte die Indianerin in das Zelt und ließ ihr alle Sorgfalt angedeihen, die ihr Zuſtand erheiſchte.
Nach ungefähr einer halben Stunde kam ſie zu ſich und blickte mit einem ſolchen Ausdruck des Schreckens um ſich, daß Jeder be⸗ gierig war zu erfahren, warum und auf welche Weiſe man ſie mitten in der Nacht auf ein Pferd gebunden, der Verfolgung der Wölfe habe preisgeben können. Vergeblich ſtrengte ſie ſich an, auf die Fragen des Commandanten zu antworten: der Schrecken hatte ſie ſtumm gemacht. Man ließ ſie allein, und die Soldaten verſuchten ſich wieder zur Ruhe zu begeben, nicht ohne ſich gegenſeitig ihre Vermuthungen über das ſeltſame Ereigniß, das ihren Schlummer geſtört hatte, zuzuraunen.
Am andern Morgen gegen 7 Uhr hatten die Amerikaner den Schlüſſel zu dieſem Räthſel. Zwei Indianer, den Körper ganz zur Erde gebeugt, als ſuchten ſie dort die gewünſchten Spuren, kamen direct aufs Lager zugeſprengt und ſprangen, als ſie vor der Palliſade, auf einen Haufen zuſammengeworfen, die Cadaver der getödteten Wölfe ſahen, von den Pferden. Der eine ware der Häuptling eines Cheyennenſtammes, der andere der Bruder der von den Soldaten aufgenommenen Unglücklichen.
„Sei gegrüßt, Bruder!“ rief der Häuptling dem Commandanten des Detachements zu,„haben deine Krieger geſtern nicht von hier aus ein ſchwarzes Roß, das eine Indianerin auf ſeinem Rücken trug, vorüberlaufen ſehen? wir haben die Spur verfolgt und ſie ſührt uns hierher.“
„Die grauen Wölfe dort mögen dich überzeugen, daß dich die Spur nicht getäuſcht hat“, erwiderte der Commandant,„iſt die Squaw, welche ſich in unſern Zelten befindet, von deinem Stamm?“
„Ja, denn aus meinem Wigwam iſt ſie, auf meinen wildeſten Muſtang gebunden, gekommen.“
„Darf ich dich fragen, was ſie begangen hat, um eine ſolche Strafe zu verdienen? Du wirſt errathen haben, daß ſie beinah die Beute der grauen Wölfe geworden iſt.“
„Ich hab's geſehen, ſie war mein Weib. Geſtern, als wir mit euch beſchäftigt waren, unſere Unterſtützungen auszuſtellen, hat ſie den Kriegern, welche einen Pawnie, deſſen Tomahawk den Schädel meines alten Vaters geſpalten, bewachen ſollten, Feuerwaſſer zu trinken gegeben, und nachdem die Wachen betrunken, hat ſie die Stricke, mit denen unſer Feind an den Todespfahl gebunden war, zerhauen und hat mit ihm entfliehen wollen. Die andern Squaws des Stammes haben ſie zurückgehalten, aber der Pawnie hat ſich ge⸗ rettet. Bei meiner Rückkehr habe ich meine Krieger um mich ver⸗ ſammelt, und ich ſelbſt habe ſie zum Tode verurtheilt; doch da ſie erſt ſeit acht Tagen mein Weib iſt, wollte ich ihr Blut nicht fließen ſehen, und ich zog es vor, ſie den Jaguars und Wölfen zur Beute vorzuwerfen.“
„Dein Wunſch iſt nicht erfüllt worden, die Schuldige lebt; wenn ihr Gnade angedeihen zu laſſen, ſo ſollſt du ſie wieder aben.“
„Gnade ihr! Was der Häuptling der Chehennen geſtern gewollt, das will er auch heute noch.“
„Nun, aber warum, wenn du ſie nicht wieder haben willſt, haſt du dich ſo raſch auf ihre Spur begeben?“
„Weil mir mein Muſtang leid thut“, erwiderte das Haupt der Krieger des Arkanſas. Nach einer ſolchen Antwort läßt ſich's ſchwer glauben, wie ge⸗
wiſſe Miſſionare behaupten, daß die Indianer ſchon ſo nahe daran
ſein, civiliſirt zu werden.
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