ſechshundert Millionen zu verlangen, welche ſie ſeit 1815 von Eng⸗ land zu fordern ſich berechtigt glaubt. Die Angelegenheit wird vor dem Corps legislativ in Paris verhandelt werden, doch iſt ſchwerlich ein Kriegsfall zu befürchten.
General Napier iſt von Abhſſinien nach England zurückgekehrt und hat den Sohn des Königs Theodor mitgebracht, der nach dem Willen der Königin Victoria in England erzogen werden ſoll.
Der Hausfreund bringt heute das Porträt dieſes Knaben.
War man eine lange Zeit zweifelhaft, ob Theodor wirklich todt oder nicht, ob er ſich ſelbſt das Leben genommen oder ob eine feind⸗ liche Kugel ihn getödtet, ſo erheben ſich jetzt auch Stimmen, welche behaupten, der Knabe, welchen Napier mitgebracht, ſei gar nicht der Sohn Theodor's. Mit dieſer Behauptung tritt namentlich ein Mann auf, der ſoeben mit der engliſchen Expedition von Abyſſinien nach Europa zurückgekehrt iſt. Es iſt dies ein Franzoſe, der in Handels⸗ intereſſen nach Abhſſinien gereiſt war und von Theodor zu ſeinem Miniſter ernannt wurde. Theodor liebte ihn ſehr, das hinderte ihn aber nicht, ihm ſeine Gnade zu entziehen und ihn in Ketten legen zu laſſen. Kurz vor Beginn der Expedition zog Theodor ihn wieder an ſeinen Hof und übergab ihm ſeine Aemter wieder.
Dieſer Abenteurer hat in der letzten Stunde an der Seite Theodor's gekämpft und behauptet, Theodor ſei von einer engliſchen Kugel gefallen, der Knabe aber, welchen Napier mit ſich genommen, ſei keineswegs des Königs Kind; Theodor habe einen viel älteren Sohn gehabt, der ſich an dem Kampfe gegen die Fremden auch be⸗ theiligt, und jedenfalls noch am Leben ſei. Man weiß nicht, wie
viel auf dieſe Behauptung zu geben iſt; einſtweilen halten wir den
braunen Königsſohn für den richtigen und führen ihn heute unſern Leſern vor.
Die Spielbanken werden in Deutſchland 1872 aufgehoben; die Pächter derſelben ſehen ſich alſo nach anderen Höhlen um. Herr Blanc hat ſich bereits ſeinen Rückzug nach Monaco geſichert, die anderen werden auch irgend ein Obdach finden, wohin ihnen die Spielwuth namentlich der Franzoſen folgen kann.
Man behauptet, eine Geſellſchaft franzöſiſcher Kapitaliſten habe bereits dem Stadtrathe von Lugano in der italieniſchen Schweiz eine koloſſale Summe für die Berechtigung geboten, eine Spielbank in dieſem Orte zu errichten. Die Speculanten baben dem Vorſtande der Stadt die Rechnungsabſchlüſſe von Baden, Homburg und Monaco vorgelegt, die ſo verführeriſch ſein ſollen, daß wohl der Bundesrath einen Machtſpruch wird thun müſſen, um den neuen Skandal zu ver⸗ hüten.
In England iſt vor einigen Tagen der weiſeſte Spruch ſeit Salomo gefällt worden.
Ein Schneider ward vors Halsgericht geführt, weil er einen Soldaten getödtet. Der Richter hielt ihm folgende Anſprache:
„Angeklagter, Sie haben nicht nur dieſen Soldaten getödtet, Sie haben, indem ſie ihn ergriffen, die Hoſe ihrer Königin zerriſſen!“
Der Schneider ward zum Strange verurtheilt, man weiß nicht, für den Mord oder für das Beinkleid?
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Schulausgang.
Carl Vöker hat uns in dem vorliegenden Bilde ein Meiſter⸗ ſtück von Compoſition und Charakeriſtik geliefert. Wir bewundern an demſelben nicht nur die überaus drollige Situation, ſondern auch ein gewiſſes Etwas, welches uns in den Stand ſetzt, jedem der handelnd eingreifenden, ja ſelbſt der blos zuſehenden Kinder ein Prognoſtikon für die Zukunft zu ſtellen.
Die Schule iſt aus, und mit dieſer vollendeten Thatſache iſt die Seele der Schüler, Schülerinnen und, mehr noch, die des Lehrers reich beglückt. Alle verlaſſen befriedigt das„Lokal“ und eilen hin⸗ aus, um das eben Gelernte ſo ſchnell als möglich wieder zu vergeſſen.
Aber das Erhebende dieſes Moments wird durch ein Inter⸗ mezzo, wenn auch nicht getrübt, ſo doch unterbrochen. Der böſe Heinz hat dem guten Lieschen die Schreibtafel„entzwei gemacht!“ — Warum?— Wer vermag in der Seele des Knaben zu leſen, und wer weiß, was ihn zu dieſer entſetzlichen That bewogen hat!— Wies ſie vielleicht einen kindlichen Liebesantrag von ihm mit ſchnö⸗ dem Hohn zurück, oder hat ſie ihm gar ein Stück Butterbrot ver⸗ weigert? Letzeres würde mehr noch als das Erſtere im Stande ge⸗ weſen ſein, den ohnehin ſchlimm gearteten Heinz zum Aeußerſten zu reizen.
Genug, er hat ſich an ihr in einer ſo empfindlichen Weiſe ge⸗ rächt, daß das gute Lieschen vor uns in Thränen aufgelöſt er⸗ cheint.
Da aber kommt Friedrich, Lieschens Brackenburg, doch entſchie⸗ den energiſcher als der Goethe ſche. Mit raſchem Griff hat er den ſchlimmen Heinz am Kragen gefaßt, und aus ſeiner, vorläufig noch pladohirend auf Lieschen hinweiſenden Hand überkommt es uns wie eine Ahnung zukünftiger Ohrfeigen. Heinz leiſtet nur ſchwachen Wi⸗ derſtand. Während wir uns Friedrich in Zukunft als Soldaten
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denken, muthmaßen wir in wie jetzt wird er ſpäterhin auch gewiß manche ſchlechte Sc e zu verthei⸗ digen haben, und dann ebenſo wie auf i um nahme mildernder Umſtände bitten. Dies würde ihm indeß bei Fried⸗ rich's erwachter Thatkraft ſicher nichts nützen, wenn nicht zu ſeinem Glück in demſelben Augenblick der Lehrer mit drohend erhobener Fauſt als Ruheſtifter in die Thür träte. Der Kampf wird demnach wenigſtens an dieſem Orte nicht zum Austrag gebracht werden, jedenfalls zum
großen Misvergnügen der umſtehenden„Herren und Damen“, die be⸗
reits lebhaft für die Sache Partei genommen haben.
Von dieſen Letzteren intereſſirt uns am meiſten der kleine Mann links, der augenſcheinlich zur beſſer ſituirten Minorität der Dorfkin⸗ der gehört. Ohne Zweifel haben wir in ihm einen zukünftigen Theo⸗ logen vor uns, der bei aller ihm innewohnenden friedfertigen Ten⸗ denz doch ſchon ſo viel ſtudentiſchen Comment in ſich fühlt, daß er für ganz ungeſtörtes„Auspauken laſſen“ der beiden Contrahenten ſtimmt. Auf der Treppe ſehen wir ein Kerlchen mit freudig geſchwun⸗ gener Mütze. Ein ſchlimmes Zeichen! Luſt am Skandal, Schaden freude und Feigheit ſprechen aus der ganzen Erſcheinunh. Wer weiß, wo dieſer Burſche dereinſt enden wird! Außer den kleinen Mädchen, die entweder mit der Neugierde ihres Geſchlechts dem Spektakel zuſehen, oder in einer Art mütterlicher Sorgfalt kleinere Geſchwiſter von dem möglicherweiſe gefährlichen Schauplatz der Thaten wegführen, flößt uns nur eine Figur noch beſonderen Re⸗ ſpect ein. Es iſt der bereits außerhalb des Schulhofes befind⸗ liche, dem Beſchauer nur von der Kehrſeite bemerkliche Junge. In ihm blüht der großen Species des deutſchen Michel ein nicht zu unterſchätzender Zuwachs. Aus ſolchem Holze entwickeln ſich die wahren Spießbürger, die Leute, die nichts Beſſeres wiſſen an Sonn⸗ und Feiertagen als ein Geſpräch von Krieg und Kriegsge⸗ ſchrei, wenn es nur nicht nahe bei ihnen, ſondern„hinten weit in der Türkei“ ertönt. Siegmund Haber.
Der Buran.
Es gibt keine ſür ſich allein ſtehende Erſcheinung im Reiche der Natur; jedes Naturereigniß hat ſeinen Ausgangspunkt, und ſeine Be⸗ endigung iſt zugleich der Uebergang in andere Begebenheiten und Bewegungen telluriſcher Verhältniſſe, die dem Vorgange überdem in ſeinem Verlaufe nicht fremd blieben. Ebenſo findet in dem ganzen Gebiete unſeres Sonnen⸗ und Planetenſyſtems, ſelbſtredend alſo auch der Erde und ihres Dunſtkreiſes, keine Begebenheit ſtatt, welche nicht ihren beſtimmten Regeln nach vor ſich ginge, oder die Wir⸗ kung gewiſſer feſtſtehender Urſachen wäre. Dieſer Gedanke iſt keines⸗ wegs neu, ſondern ſchon Kopernicus, Galilei, Kepler beſonders, Huhgens, Caſſini, Haleh und verſchiedene Andere ſtellten dieſe Mei⸗ nung ohne beſtimmte Beweiſe, als Folgerung oder Vermuthung aus einzelnen Thatſachen auf, und die Nachwelt, namentlich unſer Jahr⸗ hundert, ſollte die Beweiſe für jene Anſichten, beſonders in Bezug auf die atmoſphäriſchen Strömungen, die Winde und ihre Verän⸗ derlichkeit, liefern. Wahrſcheinlich lenkte die Regelmäßigkeit der Paſſatwinde nördlich und ſüdlich vom Aequator, der Monſune im in⸗ diſchen Meere, der beſtimmten Luftzüge zwiſchen den Wendekreiſen die Aufmerkſamkeit der Forſcher zuerſt auf dieſen Gegenſtand, und ein glücklicher Gedanke war es, ein Jahrhundert hindurch die in den Logbüchern der Schiffer niedergeſchriebenen Beobachtungen zu ver⸗ gleichen, um daraus Folgerungen und Schlüſſe zu ziehen. Vom Staate geleitete Commiſſionen und Privatgeſellſchaften traten dem⸗ nächſt in Britannien zuſammen, um auf Grund der geſammelten Er⸗ fahrungen weitere Beobachtungen und Verechnungen auſzuſtellen, welche zu dem Reſultate führten, daß man jetzt jeden gewöhnlichen Sturm, einen bis drei Tage vor ſeinem Ausbruche, vorher beſtim⸗ men kann. Eigene Einrichtungen wurden in Folge deſſen an den Küſten getroffen, und längere Zeit vor Ausbruch heftiger Windſtrö⸗ mungen fliegen die Sturmſignale um Britanniens Küſten, die Schiffe zu warnen, und der Schiffer, welcher gewarnt ſein will, kann in den meiſten Fällen den ſichern Hafen oder ſonſtigen Schutz vor der drohenden Gefahr ſuchen und finden. Es iſt dies ein bedeutender Schritt weiter in der Erkenntniß atmoſphäriſcher Erſcheinungen und der Natur überhaupt, welcher gewiß Folgen haben wird. Poch die⸗ ſem erſten Anfange richtiger Beobachtung und Berechnung entziehen ſich bisher noch hartnäckig gewiſſe Erſcheinungen auf demſelben Ge⸗ biete, vielleicht weil die Gelegenheit zu andauernder und eingehender Beobachtung fehlt; die veranlaſſenden Urſachen zu den plötzlichen heftigen und meiſt furchtbar zerſtörenden Orkanen, wie zum Hurri⸗ cnia in Amerika, zu den Orkanen Weſtindiens, am Cap der guten Hoffnung, in Oſtindien, den Teifunen im chineſiſchen Meere, zum Sirocco oder Samum in der Sahara und zu dem Buran in den Steppen Aſiens, ſind uns bisher noch gänzlich unbekannt und daher eine Vorherbeſtimmung ihrer Ausbrüche bis jetzt unmöglich.
Der Umſtand, daß die gedachten Erſcheinungen faſt alle in Aequatorialgegenden, oder doch in wärmeren Klimaken auftreten, macht es wahrſcheinlich, daß ſie durch dieſelben, oder doch ſehr ähn⸗ liche Veranlaſſungen hervorgerufen werden. Ihre verheerende Wir⸗ kung und ihre meiſtens kurze Dauer beweiſen ihre Verwandiſchaft aber ſo ſehr, als das begrenzte Terrain, auf dem ſie jene ausüben, und beſonders charakteriſirt werden ſie noch durch die ihnen eigenen, bald
Heinz einen dereinſtigen Juriſten. So
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