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mann an eine junge Berliner Dame, der man zu jeder Stunde auf dem Trottoir der Friedrichsſtraße begegnen kann, und flü⸗ ſterte ihr zu:„Ich habe Ordre, Ihnen das Betreten des Spiel⸗ ſaales zu unterſagen.“
Die Dame nahm die Botſchaft mit jener Kaltblütigkeit hin, welche an alle Chancen des Lebens gewöhnte Charaklere kenn⸗ zeichnet, ich aber begrefe die Härte dieſer Maßregel nicht. Dieſe Dame iſt gerade ſo ehrenwerth wie alle die Pariſer Cocotten, welche die Bank umgeben, juſt ſo ehrenwerth wie Mademoiſelle B., mit dem blonden, oder wie Madame S. mit dem rothen Haar vom Verge Breda, oder wie alle die Uebrigen, die vor
dem Zero gleiche Rechte theilen.
Es iſt neutraler Boden hier, auf welchem ſich ſekbſt die vieux partis, die alten Parteien Frankreichs mit dem zweiten „Kgiſerreich begegnen können, ohne ihren Grundſätzen zu ſchaden. Die Familie Orleans, vertreten durch die Herzöge Aumale, Join⸗ ville und Chartres, Graf Chambord, Heinrich V., der Souverän von Frohsdorf, der auf einer Kürbis ſcheibe mit Majeſtät manö⸗ verirt, und Madame B., die Geliebte Napoleon's III.— alle begegnen ſich hier ohne Vorurtheile, ſie baden Wonne an Wanne, ſie trinken des Morgens aus einem Brunnen, vielleicht gar aus einem Glaſe, um ſich zum fernern Kampfe um Frankreichs Krone zu ſtärken. Ihr Rheumatismus iſt ohne politiſche Beimiſchung, ihre Miene ohne Leidenſchaft.
Und was ſollte auch daraus werden, wenn, um die Par⸗ teien vor Colliſion zu hüten, der Polizeimann am Eingange des Spielſaales der Madame B. den Eintritt verſagté mit den Wor⸗ ten;„Madame, ich bedauere, Ihnen, als einer intimen Ver⸗ bündeten des Napoleonismus, das Betreten des Lokales für den Augenblick verbieten zu müſſen, da Se. Hoheit der Herzog von Joinville ſoeben drinnen iſt und auf Rouge geſetzt hat!“ Oder wenn Heinrich V.(der freilich erſt erwartet wird) am Eingange polizeilich mit der Bemerkung empfangen würde:„Majeſtät müſ⸗ ſen Sich einen Moment gedulden, Se. Hoheit der Herzog von Chartres ſpielen eben das Maximum!“
Es iſt mir deshalb begreiflich, weshalb jener Arzt in Dings⸗ kirchen, deſſen Namen ich leider vergeſſen, die vollſtändige Neu⸗ tralität der Curorte ſelbſt in Völkerkriegen beantragt. Ein Bade⸗ ort iſt ein Krankenbett, und wenn hier auch geſpielt wird, wer tann es einem Patienten verſagen, auf ſeiner Bettdecke Sechsund⸗ ſechzig zu ſpielen!
Und welche Vortheile würde dieſe Neutralität der Curorte in Kriegszeiten einem verfolgten General bieten, der ſich bei einem ſtrategiſchen Marſch auf einen Curort zurückzieht und im Namen des Voölkerrechts dem Feinde verbietet, ihn hier anzu⸗ greifen, weil ſein Armee⸗Corps Brunnen trinken müſſe, um ſich von den Strapazen zu erholen.
Als wir im Feldzuge 1866 vor Wien den Badeort Pyra⸗ warth erreichten und in den Ort hinein ritten, um Quartier zu machen, hatten alle Damen dieſe mit Ems rivaliſirenden Quellen verlaſſen, und rauhe Krieger legten ſich in die Marmorwannen,
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die Tages vorher noch die zarteſten Glieder umſchloſſen. Wie wich⸗ tig wäre es geweſen, dieſes Damenbad neutral zu erklären!— Ich ſtimme deshalb ganz für den Antrag des Arztes in Dingskirchen.
Da der Rheumatismus über die ganze Welt verbreitet iſt, ſenden alle fünf Welttheile in jeder Saiſon ihre Contingente nach Wies baden.
Es iſt mir leiver unmöglich, eine Staliſtik des Rheumatis⸗ mus hier aufzuſtellen, doch glaube ich, die, freilich oberflächliche, Vemerkung gemacht haben, daß die Commerzienräthe am meiſten damit behaftet ſind.
Der geheime rheumatiſche Commerzienrath und der geheime oberrheumatiſche Commiſſionsrath ſind uns hier ſehr geläufige Perſonen. Die gegenwärtige Hauſſe, die in Paris drei Wechſel⸗ Agenten ruinirte, hat indeß auch eine ganze Anzahl von Ban⸗ kiers gichtbrüchig gemacht.
Neben ihnen iſt Wiesbaden alljährlich der Sammelort einer Anzahl von Mimen, Sängern, Sängerinnen, Regiſſeuren und Theaterdirectoren. Für Berlin pflegt Wiesbaven der Entdeckungs⸗ ort der erſten Liebhaberinnen geworden zu ſein; denn in faſt ge⸗ nau zu berechnenden Zeiträumen ſammelten ſich hier die Spitzen der Berliner Hoftheater⸗Verwaltungen, um alle zugleich ein und daſſelbe ungewöhnliche Talent zu entdecken, gerade wie im Gefechte jerer Offi⸗ zier, der an einem ſtehen gebliebenen feindlichen Geſchütze vorüber kommt, ſeinen Namen als Eroberer auf daſſelbe zu ſchreiben pflegt. Die Pellet wurde hier entdeckt, die Ehrhart auch. Um nicht aus der Gewohnheit zu kommen, ſandte man Frl. Buska hierher, um ſie ein paar Jahre ſpäter zu entdeden, gerade wie man die Oſtereier zu verſcharren pflegt, die dann der Haſe gelegt hat.
Als man Frl. B. jetzt wieder nach Berlin ſandte, um ſie als Meteor zu produciren, war die Claque außer ſich vor Ent⸗ zücken.
Man ſoll doch in Wiesbaden eine officielle Theaterſchule gründen. Der Boden iſt warm und die Vegetation eine üppige. Die Kunſt treibt heute ihre Blüten weit ſeltener noch als die Alos; man ſoll alſo von hier in Zukunft die Talente beziehen, wie den Pfefferkuchen von Braunſchweig und die Schinken von Bayonne.
Man hört es heute nicht gern, wenn die Leute uns hier ſagen, ganz Berlin ſei außer ſich vor Freude bei dem Gedanken, daß Frl. B. wieder engagirt ſei, um das Hoftheater in Verlin vor dem Untergange zu retten. Später indeß, wenn wir erſt daran gewöhnt ſind, unſere Talente aus der Wiesbadener Schule zu beziehen, wird Niemand Außerordentliches daran finden. Wer fragt denn darnach, weßhalb in Braunſchweig die beſten Pfeffer⸗ kuchen ſind? Das Renommé muß erſt unangreifbar gemacht wer⸗ den. Mag dann immerhin der Teufel der Langeweile im Berliner Schauſpielhauſe predigen, der deutſchen Bühne eröffnen ſich ja
die hertlichſten Ausſichten durch die Unermüdtichkeit der Talent⸗ Entdecker. Hans Wachenhuſen.
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Aus aller Welt.
Wie die braune Königin reiſt.— Alexander Dumas und ſein Magnetismus.— Ein neuer Vergiftungsproceß.— Ein Concurrent der Chaſſepots.— General Froſſard und die Spielbanken.— Die Hoſe der Königin.
Noch einmal muß ich auf die ſchöne Königin von Mohelh zurück⸗
mehr Aufſehen erregt als alle die Monarchen zuſammen genommen, die im vorigen Jahre zur Seineſtadt wallfahrteten.
Vergebens habe ich mir im Gothaiſchen Almanach Rath zu holen geſucht, um meinen Leſern etwas Näheres mitzutheilen; der Almanach iſt nur unvollkommen wie Alles in dieſer Welt, und läßt uns im Stich wie alle Bücher, wenn wir etwas darin ſuchen wollen.
Die Königin Fatuma, die kaffeebraune Beherrſcherin einer ſchönen Inſel, iſt, wie mir ihr Empfang im Hafen von Marſeille beweiſt, eine anerkannte Monarchin, ohne daß wir jemals etwas davon erfahren haben. Sie hat einen Conſul in Marſeille, der ihr bei ihrer Ankunft im Gala⸗Coſtüm die Honneurs gemacht, und dieſer Conſul führt einen europäiſchen Namen, Alfred Rabaud, was mich auf die Vermuthung führt, daß er kein Schwarzer, daß er in die Galatracht der europäiſchen Conſuln gekleidet geweſen iſt, als er ihr ſagte:„Königin, Sie werden in Paris
ſeiner erhabenen Souveränin entgegen ging und das Leben iſt hier ſehr ſchön in Frankreich und Ihr Wunder ſehen!“ Und die kaffeebraune Königin ſcheint auch zu wiſſen, was ſich in 84*
kommen, die inzwiſchen wirklich in Paris eingetroffen iſt und dort


