Jahrgang 
1868
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Europa für eine Monarchin ſchickt. Während ſie die ganze Nacht im Coupé der Eiſenbahn ſaß, trug ſie das Königs⸗Diadem auf dem Kopfe. Sie war kaum von ihrem Conſul in das Hotel geführt worden, als ſie dieſen im reinſten Franzöſiſch fragte, was am Abend im Theater gegeben werde. Der Conſul antwortete ihr natürlich, es ſei eine Offenbach'ſche Oper:Genovefa von Brabant; aber er verſchwieg ihr, daß dieſelbe ſehr langweilig ſei, in der Ueberzeugung, daß die Souveränin auf ihrer Inſel nicht allzu ſehr verwöhnt ſein könne. Die Königin machte es alſo ganz wie der Kaiſer von Ruß⸗ land, als dieſer in Paris eintraf: ſie ging ſofort, um die Offen⸗ bach'ſche Oper zu hören, und ſie geſiel ihr, wie voraus zu ſehen war, da ihr Hofkapellmeiſter, ein Schwarzer, jedenfalls kein ſo aus⸗ gezeichneter Componiſt iſt wie Offenbach.

Die Monarchin von Mohelh blieb bis zu Ende im Theater und geruhte, die Muſik ſehr ſchön zu finden. Was ſie von der Handlung gedacht hat, weiß man nicht. Jedenfalls hat ſie es ſehr ſonderbar gefunden, daß die Frauen in Europa wie die arme Genovefa von dem grauſamen Golo in ſchmuzige Höhlen eingeſperrt und von aller⸗ lei ſchnöden Intriguen verfolgt werden.

Ich denke, ſie wird in Paris ſchon andern Sinnes werden, wenn ſie ſieht, wie die Damen der vornehmen Welt in koſtbaren Equipagen einherfahren, große Haarwürſte auf dem Kopfe tragen und ſich die Geſichter mit Schwarz, Roth und Weiß tätowiren, auch ſchwarze Schönheitsfleckchen auf den Backen und große goldene Käfer, Schlangen, Ringe u. dergl. in den Ohren tragen.

Die Beherrſcherin von Mohelh hat, wie erzählt wird, inſofern ganz die Gewohnheiten europäiſcher Potentaten, als ſie mit einem Gefolge von Hofdamen reiſt, einen Großkammerherrn, viele Domeſtiken und ſogar einen Leibkoch bei ſich hat, der ganz allein autoriſirt iſt, ihr die Speiſen zu bereiten, welche ſie zu ſich nimmt. Eben deshalb war es auch ſein Erſtes, eine ganz neue Kaſſerole zu verlangen, welche noch kein Sterblicher benutzt, um der Königin ihre gewohnte Reisſpeiſe anzurichten.

Bei dieſer Gelegenheit erfährt man, daß auch die kürzlich ver⸗ ſtorbene Königin von Madagascar, von deren Ableben ich erzählte, und deren Verwandte die Königin Fatuma iſt, ihren eigenen Leib⸗ koch gehabt, der ihr alleheiligen Gerichte bereiten mußte. Hoffent⸗ lich wird Fatuma nicht die böſen Gewohnheiten ihrer erhabenen Tante von Madagascar geerbt haben, die von Morgens bis Abends Branntwein zu trinken pflegte und infolge eines unmäßigen Genuſſes von Alkohol geſtorben ſein ſoll.

Wie voraus zu ſehen iſt, wird einerſeits die Königin Fatuma auf die Pariſerinnen und andererſeits werden die Pariſerinnen auf die Königin Fatuma einen großen Einfluß üben. Schon im vorigen Jahre, als die gebräunten Töchter ſüdlicher Zonen in Paris zur Ausſtellung erſchienen, ward es ſtark Mode, ſich das Geſicht mit braunem Puder zu färben; die Schönen von Paris wollen als Spanierinnen, Braſilianerinnen und Mexicanerinnen erſcheinen. In⸗ deß ſahen ſie bald ein, daß man dadurch den Teint verderbe, und die Mode ſchlief wieder ein. Ich wette darauf, daß es jetzt Mode wird, ſich das Geſicht kaffeebraun zu färben, und daß die Königin Fatuma nicht ohne Chignon auf ihre Inſel zurückkehren wird.

Alexander Dumas Vater kann bekanntlich keinen Abend ſchlafen gehen, ohne vorher an irgend eine Zeitung irgend einen Brief ge⸗ ſchrieben zu haben, um von ſich veden zu machen. Er muß immer irgend etwas Ungewöhnliches auf dem Tapet haben, das ſeinen Na⸗ men der Mitwelt im Gedächtniß bewahrt.

Seine ſchöne Miß Adah Menken iſt nach Paris zurückgekehrt, nachdem dieDummköpfe in Deutſchland ſie ausgeziſcht haben. In den Armen des Papa Dumas tröſtete ſie ſich über das in Wien er⸗ littene Misgeſchick und wird ſich zum Herbſt wieder auf das Pferd gebunden durch dieSavanna eines Boulevard⸗Theaters ſchleppen laſſen.

Alexander Dumas hat indeß einen neuen Schützling gefunden, ein junges Mädchen, das ſomnambul iſt, und mit dem er die tollſten Experimente anſtellt, um der Welt all den Unſinn erzählen zu können, den er mit ihr treibt.

Jetzt iſt er nach Havre gereiſt und ward dort mit all der Shympathie und der Aufmerkſamkeit empfangen, welche man ſeinem berühmten Namen ſchuldet. Dumas aber ſchreibt einen Brief an die Zeitungen, in welchem er eine ganz andere Urſache hiefür entdeckt.

Was man für ihn und an ihm in Havre thut, alle die Liebens⸗ würdigkeiten, die Hochachtung, mit welcher man ihm entgegen kommt, gelten nicht dem, was er geleiſtet hat, auch nicht dem, was er noch leiſten wird, mit einem Wort: nicht dem berühmten Schriftſteller. Der Grund für all dieſe Sympathie liegtin einer einfachen mag⸗ netiſchen Reciprocität, welche er einflößt und empfindet.

Die verborgene und geheimnißvolle Seite des Gefühls, ſchreibt er,macht mir auch immer den Ausdruck der Dankbarkeit, welche es mir einflößt, ſo ſchwierig. Er ſchildert ſich ſelbſt als von magneti⸗ ſcher Kraft behaftet; auf Alle, meint er, übe er dieſen Magnetismus, und der Pariſer Figaro ſetzt mit Recht dieſem albernen Briefe hinzu, es ſei zu befürchten, daß Dumas, der immer die Koketterie des Magnetismus gehabt, endlich dahin kommen werde, ſein Publikum einzuſchläfern.

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Kaum iſt die traurige Senſation verwiſcht, welche der Proceß Chorinsky in der ganzen civiliſirten Welt erregte, ſo kommt ſchon von London die Nachricht von einer neuen Vergiftungs⸗Methode, welche ſich wie eine düſtere Wolke über die Welt der Jockehs legt. Ein Groom, ein Reitknecht, iſt angeklagt, ein Pferd vergiftet zu haben, das aller Berechnung nach ein anderes in dem am nächſten Tage ſtattgefundenen Wettrennen beſiegt haben würde. Das arme Thier iſt am Abend vor dieſem Wettrennen unter großen Convulſionen ge⸗ ſtorben, und die Autopſie hat ergeben, daß das Pferd wirklich ver⸗ giftet worden.

Entſetzen verbreitete ſich in allen Pferdeſtällen der engliſchen Jockeys. Die Anklage ward erhoben und wirklich, man fand bei dem Sn auf welchen der Verdacht gelenkt worden, eine Biole mit Gift.

Die Sache ward von den Gerichten aufs Strengſte verfolgt. Der

muthmaßliche Thäter iſt verhaftet; erwarten wir die ſtandalöſeſten Enthüllungen, die vielleicht die Mitſchuld an dieſem Pferdemord auf die Schultern eines der gefeiertſten Namen Englands wälzen werden⸗

Was der Menſch auch erfinden mag, ob Chaſſepot oder Zünd⸗ nadel, es findet ſeinen Meiſter in höheren Gewalten.

Da kommt ſoeben die Nachricht von einem ſeltſamen Vorfall, der den neuen Gewehren einen gefährlichen Gegner verſchafft und dem Kriegsminiſter Niel vielleicht neues Kopfzerbrechen verurſacht, da er eben mit der Chaſſepot⸗Bewaffnung fertig iſt.

Ein Infanterie-Regiment exercirte auf den Wällen von Bois⸗le⸗Duc, als plötzlich ein Gewitter heraufſtieg. Das Regiment ward unter Donnerkrachen mit einem Platzregen überſchüttet und wollte auseinander gehen. Der Oberſt aber ſah hierin ein Ver⸗ brechen gegen die Disciplin und befahl, allen Elementen zum Trotz das Exercitium fortzuſetzen.

Da plötzlich kam ein neuer und fürchterlicher Donnerſchlag, gleichzeitig ein Blitz drei Glieder der Soldaten lagen am Boden. Als die erſte Schreckenswirkung vorüber, kamen die Uebrigen den zu Boden geſchmetterten zu Hülfe, und dieſe fanden ihr VBewußtſein wie⸗ der. Keine Spur des Blitzes ward an ihren Leibern gefunden. Das Gewehr des einen Soldaten hatte den Blitz angezogen, dieſer war in die Mündung eingedrungen und am Kolben wieder herausgefahren, ohne den Soldaten zu verletzen(was allerdings unglaublich erſcheint). Die Spitze des Bajonettes war zerſplittert, der Lauf ſelbſt wenig beſchädigt. Als der Blitz aus der Waffe herausdrang, war das Fluidum, ohne Zweifel einen rechten Winkel machend, in die Patron⸗ taſche gedrungen und hatte dieſe zerriſſen, und was das Merkwürdigſte, die Patronen ſelbſt waren unberührt geblieben. Ohne dieſes Glück wäre der arme Soldat ohne Zweifel wie ein Pulverthurm in die Luft gefahren.

Ich erzähle dieſen Vorfall hier wieder, wie er amtlich berichtet wird. Der Himmel iſt oft wunderbar gnädig gegen einen Menſchen. Nach dem Gefecht von Paleſtro(während der italieniſchen Krieges von 1859) zeigte mir ein Officier, der eine Colonne führte, einen ungariſchen Soldaten, der zwölf Kugeln bekommen hatte und dennoch ohne die geringſte Verletzung auf dem Marſche ruhig ſeine Cigarre rauchte. Man betrachtete ihn als den merkwürdigſten Verwundeten, obgleich er der Geſündeſte war. Das Seltſamſte bei ſolchen unglaub⸗ lichen Rettungen iſt, daß der Himmel dieſe Menſchen ſchließlich ruhig im Bette ſterben läßt, ohne ſie auch nur zu der geringſten erwähnens⸗ werthen Miſſion aufbewahrt zu haben.

Ein Pariſer Blatt erzählt die Art und Weiſe, wie der General Froſſard zum Gouverneur des kaiſerlichen Prinzen ernannt wurde.

Froſſard befand ſich im Cabinet des Kaiſers Napoleon und er⸗ wartete als Adjutant des Kaiſers deſſen Befehle, als eben der kleine Prinz eintrat und von ſeinem Vater irgend etwas verlangte. Napo⸗, leon IlI. verſagte dem Pringen ſeinen Wunſch und hieß ihn hinaus⸗ gehen, weil er unartig geweſen ſei. Der Kleine klammerte ſich eigen⸗ ſinnig an das Bureau des Vaters und ſtampfte mit dem Fuß. Des Kaiſers Stirn runzelte ſich. Froſſard, der ſo lange ſchweigend dage⸗ ſeſſen, erhob ſich und trat zu dem Prinzen.

Wie, Monſeigneur, ſagte er ebenſo ehrerbietig wie beſtimmt, Se. Majeſtät der Kaiſer baten Sie hinaus zu gehen, und Sie wider⸗ ſtreben? Gehorchen Sie auf der Stelle, Prinz!

Der Knabe, dem dieſe Sprache imponirte, zog ſich, verfolgt von dem ſtrengen Blick des Adjutanten, ſchmollend zurück, und als bald darauf auch General Froſſard den Kaiſer verließ, ſagte dieſer zu ihm: Apropos, lieber General, ich ernenne Sie zum Gouverneur des kaiſerlichen Prinzen.

Man weiß, daß der letztere in dem General einen ebenſo ſtrengen wie unnachſichtlichen Erzieher erhielt, der es auf der letzten Reiſe des

Prinzen an Verweiſen nicht fehlen ließ.

Rürzlich erſt erzählte ich von dem Proceß um die Krone der Königin Victoria von England, den die Pairskammer zu Gunſten der Letzteren entſchied. Jetzt kommt auch die franzöſiſche Regierung wahrſcheinlich nächſtens, um von der engliſchen eine Summe von