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Theil an unſerm Mahle.
Pfarrer kann vor Mitternacht nicht zurück ſein, und ſo hat er mich denn beauftragt, Euch zu ſagen, daß er ſich von Herzen gefreut haben würde, an unſerm ſchönen Feſte theilzunehmen;
daß ihm dies aber leider unmöglich wäre, da ihn die Pflicht
von hinnen riefe.“ Während Jedermann ſein Bedauern über dieſen Zwiſchen⸗
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fall äußerte, ſagte plötzlich der Hauptmann La Ramee in tiefer
Erregung:
„Meine Freunde, erlaubt mir ein Gleiches zu thun, wie Seine Ehrwürden, und mich zurückzuziehen.“
„Wie!“ riefen Alle durcheinander,„Sie wollten an unſerm Feſte nicht theilnehmen? Nein, das können wir nicht zu⸗ geben.“ „Ich werde ein zu trauriger Gaſt ſein.“
„Bleiben Sie, mein Vater, ich flehe Sie darum!“ ſagte Franz.„Haben Sie vergeſſen, daß heute mein Ehren⸗ tag iſt?“
„O, wie könnte ich das vergeſſen!“ entgegnete der Greis mit einem ſchmerzlichen Blick zum Himmel.
„Schweigt, Freund; bekämpft Eure finſteren Gedanken!“ flüſterte ihm Herr von Campdaraine zu.„Ihr müßt uns Geſellſchaft leiſten—“
„Wie, Ihr, die Ihr Alles wißt, könnt wollen, daß ich an einem dritten October—“.
„Verbannt dieſe düſtern Sorgen es muß ſein!“
„Wohl, ſo bleibe ich denn“, ſagte der greiſe Hauptmann jetzt, indem er ſeinen Freund Jakob forſchend anſah, als wollte er in deſſen Seele leſen.—
„Zu Tiſche! Zu Tiſche!“ rief Meiſter Denis le Roy, „und da Seine Ehrwürden den Vorſitz bei der Tafel nicht führen kann, ſo ſoll ihn unſer lieber Franz übernehmen, denn Er iſt es ja, dem die Feier gilt.“
„Ich— ich ſoll den Ehrenplatz einnehmen?“ erwiderte das Kind des ſchwarzen Hauſes.„O nicht doch, ich bin der Jüngſte in dieſem Kreiſe!“
„Um ſo mehr— zu Tiſche!“
Alle beeilten ſich, der Einladung des Kronenwirthes Folge zu leiſten, und ließen ſich auf den alterthümlichen Holzſtühlen nieder. Zu Franzens Rechten ſaß die gute Guillemette, und der greiſe Campdaraine zu ſeiner Linken. Hauptmann La Ramte hatte zwiſchen Guillemette und Simon Garlande Platz genommen, wie Denis le Roy neben Jakob; die elf Söhne des Hauſes folgten dann, nach ihrem Alter, auf den Vater.
„Freunde!“ rief der Kronenwirth luſtig aus, indem er einen kräftigen Angriff auf ein gebratenes Huhn vollführte, „jetzt ſollen uns weder Könige, noch Cardinäle, noch Geſandte, noch Ritter in unſerer Feſtlichkeit ſtören. Es iſt jetzt zu ſpät für hohe Gäſte, das Reich iſt unſer, und wir wollen uns recht gütlich thun.“
In dieſem Augenblicke ertönte dumpf der Klopfer an der Hausthür.
„Element!“ ſagte der Sprecher, indem er in die Höhe fuhr,„darauf war ich nicht gefaßt. Sollte das noch ein vornehmer Herr mit Begleitung ſein?— Geh und öffne, Antoine!“
Einer der elf Söhne des Hauſes erhob ſich, ging hin⸗ aus und erſchien bald mit den Worten wieder:
Es iſt ein junger Wanderer, der um Obdach bittet.“
„Laß ihn eintreten, Antoine; wir haben auf achtzehn Gäſte gerechnet, er ſei willkommen.“
Auf der Schwelle erſchien ein Jüngling in ärmlicher Kleidung und in beſtäubten Schuhen. Sein Auftreten zeugte von großer Beſcheidenheit; als er eine ſo zahlreiche Verſamm⸗
lung beim hellen Kerzenſchein um den feſtlich hergerichteten Tiſch vereint ſah, trat er einen Schritt zurück, gleich als wollte er ſagen, ſein Platz ſei nicht hier allein einer der Söhne
wies ihm einen Stuhl neben dem ſeinigen an, und Meiſter Denis ſagte herzlich: „Willkommen, junger Mann! Setzt Euch und nehmt Wir ſind in heiterer Runde bei⸗ ſammen, um das Feſt des heiligen Franz zu feiern, und ein fröhlicher Gaſt mehr erhöht unſer Aller Luſtigkeit.“
„Nehmt meinen Dank für die Ehre, welche Ihr mir er⸗ zeigt, edler Herr“, entgegnete der Unbekannte mit tiefer Stimme.„Ich nehme Euer freundliches Anerbieten um ſo eher an, als es mein Schutzheiliger iſt, den Ihr feiert.“
„Ah, um ſo beſſer, junger Mann!“
Der Unbekannte ſetzte ſich auf den ihm angewieſenen Platz, ohne ſich noch ferner bitten zu laſſen.— Sein Geſicht war blaß und kummervoll, und wenn er ſprach, zuckte tiefe Bitterkeit um ſeinen Mund. Sein Blick war ſcheu, wirr hing ihm das Haar herab, aber in ſeinem ganzen Auftreten war demüthige Unterthänigkeit ein ſo hervorſtechender Zug, daß man alles Andere darüber vergaß. Man überſah ganz, daß ein Fremder das Mahl theilte, ſo zurückhaltend benahm ſich derſelbe.—
„Herr Franz“, redete Meiſter Denis den neuen Gaſt mit vollem Munde an:„kommt Ihr von weit her?“
„Aus Angouléme, meinem Vaterlande.“
„Und habt Ihr ein fernes Ziel?“
„Die Stadt Paris, wo ich einen Dienſt bei einem vor⸗ nehmen Herrn angenommen habe.“
„Ihr ſeid wohl noch ſehr jung?“
„Ich bin am 3. October 1571 geboren.“
„Wie ich!“ rief Cöleſtin jauchzend aus.„Stoßt an— wir ſind in gleichem Alter; das hat der Zufall gut gefügt!“
„Es gibt keinen Zufall; der höchſte Lenker aller Dinge iſt Gott!“ wandte Jakob von Campdaraine ein. Dann ließ er ſeine Blicke voll innigen Mitleidens auf dem Hauptmann La Ramee ruhen, welcher zitternd mit bleicher Lippe murmelte:
„Großer Gott— ſoll mich denn Alles an dieſen fluch⸗ würdigen Tag erinnern?“
Plötzlich ertönte der Klopfer zum zweiten Male.
„Sendet uns der Himmel noch einen Gaſt?“ ſagte lachend Meiſter Denis.„Heute Abend iſt uns Jedermann willkommen, beſonders wenn er in Seinem Namen Einlaß begehrt.— Oeffne, Guillaume!“
Der Angeregte gehorchte und erſchien gleich ſeinem Bru⸗ der mit den Worten wieder:
„Ein junger Wanderer bittet um Obdach, Vater!“
Die Gaſtfreundſchaft des Wirthshauſes zu den„Drei Kronen“ wird nicht vergebens erbeten; wo Platz für achtzehn iſt, findet auch der Neunzehnte, ja, ſo Gott will, der Zwan⸗ zigſte Raum!“
Ein blutjunger Menſch trat mit Guillaume in das Zimmer. Er konnte höchſtens funfzehn Jahre zählen; ſein Geſicht war aufgeweckt und einnehmend; lange blonde Haare quollen unter einer Kopfbedeckung von braunem Tuch hervor und fielen bis auf die Schulter herab; ſein Wamms, gleich⸗ falls von brauner Farbe, ließ den ſchlanken Wuchs vortheil⸗ haft hervortreten; ein leichtes Ränzel war auf ſeinem Rücken befeſtigt; ſeine Beinkleider waren grau und noch faſt neu, und in der Hand hielt er einen blühenden Zweig, mit welchem er nachläſſig ſpielte. Seine ganze Erſcheinung bot ein ſeltſames Gemiſch von Freimuth und Aengſtlichkeit.
„Seid willkommen“, ſprach Meiſter Denis mit freund⸗ lichem Gruße,„und ſetzt Euch mit an unſern Familientiſch, junger Mann. Das Wandern wird Euren Hunger geweckt haben in Eurem Alter kann man ohnehin immer eſſen.“
Der Jüngling oder eigentlich der Knabe warf ſeine Kopf⸗ bedeckung und ſeinen Zweig zur Seite und ſetzte ſich neben dem Unbekannten nieder. Bald ließ er es ſich mit der ganzen Eßluſt eines Funfzehnjährigen munden. Meiſter Denis hatte vollkommen Recht gehabt. Allein dieſer wackere Mann, wel⸗ chen die bei jedem Gaſtwirth, beſonders unter Umſtänden, wie die erzählten, ſehr erklärliche Neugierde plagte, ließ ihm mit Fragen nicht lange Ruhe.
„Habt Ihr einen weiten Weg gehabt?“ ſo begann er ſein Examen.
„Ich komme von La Rochelle, wo mein Oheim wohnt, der Juwelier Meiſter Euſebius Falconet.“
„Und was iſt jetzt Euer Ziel?“
„Ich kehre zu meinem Pater, einem wackern Pariſer Bürger, zurück.“


