Jahrgang 
1868
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immerfort anſehen müſſen.

Den eigenen Namen zu nennen. Ich? Je nun, ich bin nur ein armer Schelm von Edelmann, mit durchlöchertem Wamms und abgetragenem Hut

Aber der Name!

Ich bin der Herr von Saint⸗Denis.

Potztauſend, das iſt mein Schutzheiliger! Nun, Sie machen ihm alle Ehre!

Wie das, guter Mann?

Ich meine, weil Sie ein ſo offenes, ehrliches Geſicht haben, ſind Sie gewiß ein wackerer Menſch, und an einem ſolchen kann der heilige Denis ſeine rechte Freude haben.

Dieſer würdige Gaſtwirth prellt uns ſicher nicht wenig, Rosny! ſagte der Mann im rothen Mantel leiſe zu dem Schatzmeiſter.

Warum meinen Sie das, gnädiger Herr?

Er ſagt uns Schmeicheleien!

DAubigne, welcher dieſe Worte aufgefangen hatte, rief heiter:Sie ſind der entzückendſte Menſch auf Erden, hoher Herr!

Fängſt du auch an, mir Schmeicheleien zu ſagen, d'Aubigne!

Von jetzt an, ſtumm wie das Grab! lautete die Antwort.

Franz von La Ramce hatte den Vorſitzer der Tafelrunde Jetzt erhob ſich dieſer und ſagte:

Vivat das Gaſthaus von Vivonne; es möge wachſen und gedeihen! Nehmt meinen Dank, Meiſter Wirth. Euer Limouſiner war ausgezeichnet. Rosny, bezahle dieſem wackeren Mann die Zeche. Vergiß, daß der Herr von Saint⸗Denis arm iſt, und bezahle, als ob er es nicht wäre. Vorwärts meine Herren, nach der Normandie. Vielleicht haben unſere Feinde Luſt, Revanche für Arques zu nehmen; es ſoll an uns nicht fehlen!

In dieſem Augenblick erblickte der Sprecher das Kind des ſchwarzen Hauſes. Er hielt inne, betrachtete den Jüngling lange Zeit in ſtummem Erſtaunen und murmelte dann:Wäre er nicht in meinen Armen verſchieden ich würde ſchwören, er ſei es, ſo unverkennbar iſt die Aehnlichkeit. Doch die Todten kehren nicht wieder. Wie heißeſt du, mein Sohn?

Franz, mein hoher Herr.

Biſt du ein Edelmann?

Ich bin es!

Wohl, wenn du einſt die Schärfe deines Schwertes er⸗ proben willſt, ſo denke daran, daß in den Reihen des Siegers von Coutras und Arques die Muthigen hochwillkommen ſind. Auf Wiederſehen!

Als ſich der Mann mit dem rothen Mantel in den Sattel ſchwang, winkte er dem Kinde des ſchwarzen Hauſes noch ein freundliches Lebewohl zu; dann wandte er ſich zu Philipp von Rosny und ſagte:

Mordi, welche Aehnlichkeit!

3. Die drei Unbekannten. Etwa zwei Stunden nachdem die Edelleute das Gaſt⸗

haus zu denDrei Kronen verlaſſen hatten, ging es in

deſſen Inneren ſehr vergnügt und luſtig her. Die elf Söhne Meiſter Le Roh' waren heimgekehrt und hatten ihr Arbeits⸗

zeug mit den Feiertagskleidern vertauſcht; die Nacht war an⸗

gebrochen; am Himmel zogen die Sterne auf, und linde Luft wiegte leiſe die Wipfel der Bäume. Dank der Bereitwillig⸗ keit, mit welcher Simon Garlande ſeinen Hühnerhof zur Ver⸗ fügung geſtellt hatte, war es Meiſter Denis und ſeiner Guille⸗ mette gelungen, die Breſche, welche die Ankunft der beiden Cavalcaden dem Speiſevorrathe verurſacht, wieder auszufüllen.

Die Tafel in dem großen Saale hatte ihr feierliches Aus⸗

ſehen wieder erhalten, und derStrauß des Königs, wie der würdige Gaſtwirth ſich ausdrückte, ſtand an ſeiner alten Stelle. Sechs große zinnerne Kannen, gefüllt mit jenem Limouſiner, welcher dem Ritter Saint⸗Denis ſo vortrefflich ge⸗

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mundet, prangten ſpiegelblank auf dem Schänktiſch. Meiſter Le Roh war auf dem Gipfel des Glückes er hatte ſoeben drei Golbſtücke mit dem Gepräge König Heinrich's IV. in ſeine Truhe verſchloſſen eben da, wo er ſchon jene mit dem Bildniſſe des Cardinals bewahrte, den er in unſchuldigem Stolze nicht anders nannte, alsden König. Frau Guille⸗ mette trippelte in der fröhlichſten Stimmung von Einem zum Andern, aber am meiſten von ihrem Cöleſtin zum Kinde des ſchwarzen Hauſes, welche beiden Helden des Feſtes von ihr mit Liebkoſungen überhäuft wurden.

Franz mußte wider Willen immer an die letzten Worte des Herrn von Saint Denis denken, in welchen er eine mittel⸗ bare Aufforderung ſah, ſein Schwert nicht länger müßig in der Scheide ruhen zu laſſen; aber auch das an Rosny ge⸗ richtete:Welche Aehnlichkeit! konnte er nicht aus dem Sinn bringen. Weit hatte er ſich aus dem Fenſter gelehnt, um die Antwort dieſes Edelmannes zu hören, allein die Schnellig⸗ keit und das Getümmel der davon ſprengenden Reiter hatte dieſelbe nicht zu ſeinem Ohr dringen laſſen.

Wie bei der Entfernung des Gefolges des Cardinals ſah er der zweiten Cavalcade lange und träumeriſch nach er hätte ſich dieſem Saint⸗Denis zu Füßen ſtürzen und ihn be⸗ ſchwören mögen, über dieſe geheimnißvolle Aehnlichkeit, welche ſchon dem Kirchenfürſten aufgefallen war, mehr zu ſagen allein er durfte es nicht wagen, dergleichen Gedanken laut werden zu laſſen, ihn verhinderte daran eine dunkle, ahnungs⸗ volle Beklommenheit und wohl auch die Furcht, den greiſen Hauptmann zu bekümmern. Ihm war, als würde der räthſel⸗ hafte Schleier ſeiner Geburt niemals gelüftet, und der tiefſte Schmerz erfüllte ſeine Bruſt.

Was gäbe ich, den Namen meiner Mutter zu erfahren zu wiſſen, ob ſie noch lebt! ſagte er zu ſich.O wie ſchön, wie vornehm und mächtig muß ſie ſein!.

So verſank er in ein dumpfes Sinnen.

Woran denkſt du? fragte Guillemette mit mütterlicher Zärtlichkeit ihren Pflegling.

An meine Mutter!

Die gute Frau bezog dieſe Antwort auf ſich und ant⸗ wortete mit einer neuen Liebkoſung.

In einem Winkel des Saales ſtanden die beiden Greiſe, der Hauptmann La Ramée und Jakob von Campdaraine, ſtumm und in tiefes Nachdenken verſunken; allein ihre Gedan⸗ ken beſchäftigten ſich mit dem nämlichen Gegenſtande.

Zweifellos war es die Erinnerung an ſeine Blutthat, welche

vor ihm aufſtieg. Allein außerdem grübelte der alte Mann noch über ein finſteres Geheimniß nach, deſſen Knoten er nahe daran war zu entwirren; vor deſſen Löſung er aber zurückbebte.

Schlechte Zeitung! rief Simon Garlande, welcher ſich einen Augenblick entfernt hatte und nun wieder zu der kleinen Geſellſchaft zurückkehrte.

Sofort umringten ihn alle Anweſenden mit der Auf⸗ forderung zu erzählen.

Garlande. Du läufſt dich alſo außer Athem, um eine üble Nach⸗ richt zu bringen? Die kommt immer früh genug, ſagte Denis le Roy.Aber ſprich nur!

Wen erwarteten wir noch, ehe wir uns zu Tiſche ſetzen wollten? 12

Nun, Seine Ehrwürden, unſern guten Herrn Pfarrer.

Ihr verſteht mich alſo, wie ich ſehe.

O nein, nein

Herr Euſtache Cvcquerel wird nicht kommen!

Was ſagſt du?

Ich ſage, Meiſter Denis, daß ſich Seine Ehrwürden gerade auf den Weg nach den(Drei Kronen» machen woll⸗ ten, als Sylvain, der Hirtenknabe Pierret Jargnau's, gelaufen kam, um ihn zu ſeinem Herrn hinauszuholen, welcher in den

letzten Zügen liegt. Ihr wißt, das iſt ein weiter Weg. Der

Der Hauptmann war noch bleicher als gewöhnlich.

heute, an deren Jahrestage, mit verdoppelter Kraft wieder

Laßt mich nur erſt zu Athem kommen! erwiderte

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