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„Iſt denn Eure Mutter gar nicht beſorgt, daß Ihr bei„Gewiß, gewiß, Hauptmann: er hat es mir ja ganz Eurer Jugend ganz allein ſo weite Reiſen unternehmt?“ fragte laut geſagt, und ich habe es nicht vergeſſen: es war der Herr theilnehmend Frau Guillemette. von Saint⸗Denis.“
„Ich habe keine Mutter mehr!“ lautete die traurige„Das ſagte er nur im Scherz.“
Antwort.„Wie ſo im Scherz, mein Alter?“
Der Sohn des ſchwarzen Hauſes blickte ihn voll brüder⸗ licher Zuneigung innig an, als wollte er ſagen: ich verſtehe auf blutgem Schlachtfeld— ich ſah ihn nur einmal, aber das deinen Schmerz! iſt genug: dieſen Mann vergißt man nie! Er ſchlug ſich
„Armer junger Mann!“ entgegnete Meiſter Denis.— tapfer wie ein Löwe, dieſer heldenherzige, wackere, edle „Und was treibt Ihr in der großen Stadt?“ WMann—“
4Jch bin Student.“„Aber ſein Name! So nennt doch endlich ſeinen Na⸗
In dieſem Augenblick ließ ſich der Thürklopfer zum drit⸗ men!“
„Ich kenne ihn wohl, dieſen Mann, ich ſah ihn einſt
ten Mal vernehmen.
„Alle tauſend!“ ſagte der Kronenwirth leiſe zu ſeinem
Nachbar Jakob von Campdaraine,„es ſcheint, als will uns heute die ganze hungrige Familie unſeres lieben Herrgotts beſuchen!“
Einer der Söhne, welcher inzwiſchen hinunter geeilt war, trat jetzt mit einem dritten Unbekannten wieder ein, welcher gleich den beiden Andern um ein gaſtliches Dach für die Nacht bat. Meiſter Denis hieß ihn ſich neben dem jungen Stu⸗ denten niederlaſſen. Es war ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit ſtumpfſinnigen Geſichtszügen und höchſt ſchäbig gekleidet. Der Wirth wußte Dank ſeinen Fragen bald, daß ſein neuer Gaſt aus Niort käme und nach ſeiner Vaterſtadt Orleans zu wandern beabſichtige.
Nach und nach wurden die Vorräthe aufgezehrt; bereits kreiſte die vierte jener großen Kannen; die Blicke der Zecher wurden glänzender und die Unterhaltung lebhafter. Jakob von Campdaraine wurde ganz roth im Geſicht, und Frau Guillemette lächelte Jedem ſtillvergnügt zu.
„Trinkt, Kinder, trinkt und eßt!“ rief Meiſter Denis in froher Weinlaune.„Der König— nein, der Fürſt—
der— der Saint⸗Denis bezahlt Alles, was der Saint⸗Franz
koſtet.— Die Edelleute müſſen ihr Geld hergeben, damit wir in den„drei Kronen» luſtig ſind! Dieſer Tag iſt der e meines Lebens! O, welche Ehre, welche Ehre!“
„Jener, welchen Ihr meint, war gar kein König, Mei- ſter Denis!“ ſagte Hauptmann La Rameée.
„Ganz Recht, Ihr habt es mir ſchon geſagt, mein Al⸗ ter: Er iſt drei Fürſtn auf einmal— er iſt—“
„Es iſt der Sieger von Cahors und Coutras— der Bearner, der König von Navarra— Heinrich IV., Souve⸗
rän von Frankreich!“
„König Heinrich IV.— Ah, ah!— alſo gibt es jetzt
zwei Beherrſcher von Frankreich? Und beide an Einem Tage unter meinem ſchlechten Dache? O, welche Ehre, welche Ehre! Zwei Könige auf einmal— welche Ehre!“
Meiſter Denis blähte ſich auf wie ein Pfau, wenn er ein Rad ſchlägt, und der Hauptmann fuhr fort: „Der Cardinal von Bourbon hat ſeine klägliche Rolle aus⸗
geſpielt: der einzig wahre Monarch iſt ſein Neffe, unſer ge⸗
liebter großer König Heinrich!“
„Nein— nein!“ ſchrie jetzt plötzlich Jakob von Camp⸗ daraine, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend, daß die Be⸗
cher zuſammenklirrten;„nein, der wahre König von Frank⸗ reich iſt nicht Heinrich von Bourbon— er ſo wenig, als ſein Oheim, der Cardinal. Ich kenne ihn, dieſen wahren, dieſen einzig echten König— ich!“
„Was!“ rief der würdige Kronenwirth jetzt, erſtaunt die Hände znſammenſchlagend;„nun ſind es gar ihrer drei? Himmel, wo ſoll das noch hinaus!“
„Ich kann dies Geheimniß nicht länger in der verſchwie⸗ genen Bruſt bewahren“, fuhr der greiſe Jacob von Campda⸗ raine in glühender Erregung fort,„die Zeit iſt gekommen, wo es ans Licht ſoll. Die Vorſehung ſelbſt hat mir den Weg gezeigt— o wie lechzte ich nach dieſer Stunde, wie drängte es mich, mein Herz zu entlaſten und das Recht zu Ehren zu bringen! Gott will es— ich werde ſprechen.— Hört mich— Alle.— lauſchet aufmertſam auf meine Worte; denn
„Und kennt Ihr den Namen des Vornehmſten von der bei meinem Degen und dieſem grauen Haupte ſchwöre ich, nur
zweiten Cavalcade? Wißt Ihr, wer der Mann mit dem wei⸗ ßen Federbuſch und im rothen Mantel war?“
Wahrheit zu ſagen.
(Schluß folgt.)
vankee Zunbug.
Der Schwindel, dieſer Poſitiv des Superlativs Humbug, iſt nicht neu, vielmehr ein ſo altes Product des hoch entwickelten Eigennutzes, daß ſchon in den erſten Kapiteln der Bibel mehrerer Fälle Erwähnung geſchieht, in welchen angeſehene jüdiſche Staats⸗ bürger ſtark in Schwindel machen.
Namentlich dem Erzvater Jakob werden unſere modernen Induſtrieritter ihre Anerkennung nicht verſagen können ob des Talentes, welches derſelbe ſchon in jener frühen Periode bei ſeinen kleinen Geſchäften zweideutiger Art an den Tag legte. Denn ſelbſt der ſtrebſamſte oſtpreußiſche Staatsanwalt hätte ſich außer Stande geſehen, Material zu einer ſoliden Anklage zu ſammeln aus Handlungen wie da ſind: Das Werfen buntgeſchälter Stäbe in die Tränk⸗Rinnen det Schafe,— die vortheilhafte Verwerthung eines Linſengerichtes an einen hungrig heimkehrenden Bruder— und die geiſtreich erſonnene kleine Täuſchung durch Pelz⸗Fauſt⸗ handſchuhe, mittels welcher der ehrliche Eſau um den Segen des ſterbenden Vaters gebracht wurde.
Ebenfalls ſehr unternehmend, wenn auch nicht ſo gewandt zeigte ſich Ehren⸗Laban; denn die Verwechſelung der Rahel und Lea, durch welche der genannte Gutsbeſitzer den„ſmarten“ Jakob „hineinfallen“ ließ, würde heutigen Tages Papa Laban mit un⸗ fehlbarer Sicherheit auf die Anklagebank geführt haben. Dieſer
alte Herr kann ſonach ſeinem Schöpfer danken, der ihn einige tauſend Jahre früher geboren werden ließ, in einer Zeit, da Staatsanwälte noch nicht erfunden und heirathsfähige Töchter ſo ſelten waren, daß die Schwiegerſöhne ſchon beide Augen zu⸗ drückten. Freilich mag den klugen Jakob der Umſtand getröſtet haben, daß beide Mädchen als recht„gute Partien“ gelten konnten.
Doch zurück zu unſerm Thema:
Die Theilung der Arbeit, welche ſich mehr und mehr voll⸗
zieht, hat bewirkt, daß eine beſtimmte Berufsklaſſe ſich ſowol der geſetzlich erlaubten„höheren Induſtrie“, als auch dem eigentlichen Schwindel widmet; wodurch(zum gerechten Bedauern der Induſtrie⸗ ritter) allerdings nicht ausgeſchloſſen iſt, daß einzelne Unberufene den Schwindel als„noble Paſſion“ nebenher betreiben, und ſo den eigentlichen Fachmännern Concurrenz machen.
Durch eben jene Fachmänner iſt allerdings die Entwicklung der höheren Induſtrie und des unerlaubten Schwindels weſentlich gefördert, beiſpielsweiſe iſt in den zu uns überkommenen Schriften des Alterthums nirgends angedeutet worden, daß die alten Juden, Aegypter, Griechen oder Römer ſich der Univerſal⸗Geſundheits⸗ Biere oder Schnäpſe bedient hätten; dennoch würde man die ſeit Jakob erzielten Fortſchritte, im Hinblick auf die Länge der Zeit,
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