deinem Glück ſoll dir nichts fehlen, mein Herzensfranz du biſt die Hauptperſon des Feſtes.“ Meiſter Denis hätte ähnlich noch lange zu dem Jüng⸗
ling ſprechen können, ohne daß dieſer ihn unterbrochen hätte.
Er hörte ihn nicht; mit aus dem Fenſter gelehntem Ober⸗ körper ſchaute er aufmerkſam in die Ferne.
„Sagt mir doch“, redete Hauptmann La Rameée den greiſen Jakob von Campdaraine an,„weshalb Ihr wünſchtet, daß ich den Arzt um den Namen des Fürſten fragen und erforſchen ſollte, wohin ſie ihren Weg nähmen?“
„Ihr wolltet auch den Grund der Erregung wiſſen, welche der Name dieſes Lommeau auf mich hervorbrachte?“
„Allerdings; und welches iſt dieſer Grund?“
„Später ſollt Ihr Beides erfahren, wenn es an der
Zeit ſein wird“, laute die düſtere Antwort.
„Wie es Euch gefällt!“
„O, mir gefällt nur das Gute, ich will es überall üben und geübt wiſſen.“
„Das iſt die beſte Art, ſtets glücklich zu ſein.“
„Ah!“ rief jetzt plötzlich Franz von La Ramée, welcher noch immer am Fenſter ſtand,„dort kommen aufs Neue Reiter angeſprengt— ſeht dort auf der Straße von Ruffec— ſie jagen in geſtrecktem Galop und müſſen bald hier ſein— o ſeht nur, ſie ſind ganz mit Staub bedeckt!“
„Herr im Himmel!“ ſagte Meiſter Denis le Roy, in⸗
dem er unter Thränen der Rührung ſeine Hände faltete,
„welch geſegneter Tag! than!“
Wie zuvor eilte er alsdann hinunter, um, ſein Käppchen in der Hand, in demüthiger Stellung zu harren. Er hatte nicht lange ſo geſtanden, als auch ſchon die Cavalcade vor der Thür ſeines Wirthshauſes anlangte. Der vorderſte Reiter hielt ſein Pferd an; die Andern folgten ſeinem Beiſpiel.
„Wir ſind zu Vivonne, mein guter Mann?“ fragte Jener den Kronenwirth.
„Zu Befehl, gnädigſter Herr.“
„Gehört dies Wirthshaus dir?“
„Ja wohl, gnädigſter Herr.“
„Wir haben einen entſetzlichen Durſt!“
„Belieben Sie, in den(drei Kronen? einzukehren; Sie ſollen einen Wein haben, der— ſich nicht gewaſchen hat!“
„Wohl geſprochen!“ entgegnete der Ritter, über Meiſter Denis' Antwort ein herzliches Gelächter aufſchlagend.„Nur behagt das Trinken nicht ohne Eſſen!“
„Wie viel ſind Sie Ihrer, gnädigſter Herr?“
„Unſerer achtzehn!“
„Achtzehn?“
„Nun, iſt das ſo wunderbar? Hat dein Wirthshaus niemals anderthalb Dutzend Leute auf einmal beherr⸗ ergt?“
„Anderhalb Dutzend...!“
„Mordi— dieſer gute Mann ſcheint plötzlich toll ge⸗ worden zu ſein!“
„Hm! hm!“ murmelte Meiſter Denis vor ſich hin;„ar⸗ mer Franz— ich kann dir nicht helfen— aber du mußt hier zurückſtehen!— Treten Sie ein, meine Herrſchaften; der Tiſch iſt gedeckt, und— gewiß zu Ihrem Erſtaunen— für achtzehn Perſonen angerichtet. Treten Sie nur ein; ich ſchwöre Ihnen, Sie werden ein wahrhaft königliches Mahl halten.“
Die Ritter lachten und ſchwangen ſich aus dem Sattel.
„Ein königliches Mahl?“ rief der Erſte;„Mordi— wo fände man das auch beſſer als in einem Wirthshauſe, welches drei Kronen als Zeichen trägt! Laſſen Sie uns ein⸗ treten, meine Herren!“
Der Sprecher mochte fünfunddreißig Jahre zählen, aber ſchon glänzten einige Silberfäden in ſeinem Barte. Auf ſei⸗ nem wohlwollenden Geſichte lag die herzgewinnendſte Offen⸗ heit; ſein Blick war thatkräftig und doch milde; ſein Auf⸗ treten würdevoll und freundlich zugleich, und ſein Aeußeres glich mehr einem Krieger, als einem Hofmanne. Aber dennoch thronke unverkennbare Majeſtät auf ſeinem klugen Geſichte, und für die hohe Stirn ſchien eine zweifache Krone nicht zu
Was Gott thut, das iſt wohl ge⸗
— 658„—
ſchwer. Von all den Herren war er der Einzige, welcher einen Mantel und einen Federbuſch trug; ſeine Gefährten waren mit einer weißen Schärpe umgürtet, und er war unter ſeinem Purpurmantel gekleidet wie ein Soldat. Seine Bein⸗ kleider waren aus gelblichbraunem Sammt angefertigt, und ſein Wamms war abgenutzt; man ſah die Spuren des viel getragenen Harniſches darauf. Sein grauer, ſchon ſchadhafter Filzhut war von einem weißen, vom Staube der Landſtraße ſchmuzig gewordenen Federbuſche überſchattet, welchem indeß großes Goldſtück von franzöſiſchem Gepräge als Agraffe iente.
„Meiſter Wirth“, rief dieſer Mann überraſcht, als er der beſetzten Tafel anſichtig wurde,„Ihr ſeid ein Hexen⸗ meiſter!“
Die Ritter geriethen gleichfalls in großes Erſtaunen und folgten willig dem Beiſpiele ihres Herrn, welcher ſich am obern Ende des Tiſches niedergelaſſen hatte.
„Ah— die ſchönen Blumen!“ ſagte er beim Anblick der weißen Roſen hoch erfreut,„Mordi, Blumen für mich? Man liebt mich alſo hier!“
„Sire, man kennt Sie ja nicht!“ verſetzte Einer aus der Tafelrunde.
„Schweig, d'Aubigné, oder ich entziehe dir Speiſe und Trank!“
„Sire, entziehen Sie mir lieber das Wort, das iſt leichter zu ertragen!“
„Wohl geſprochen, mein Getreuer; dieſer Limvuſiner Wein hat eine köſtliche Blume, und dennoch ſagte König Karl IX. immer, er könne zweierlei Wein nicht trinken: den Limouſiner und den Katharinenwein.“
„Sire, ich glaube, Sie wollen eine boshafte Anſpielung auf Ihre Schwiegermutter machen!“ ſagte Einer der Edel⸗
leute.
„Ich bin durchaus nicht boshaft, Caumont; die Wahr⸗ heit iſt Niemand nachtheilig, ſagen die Weiſen. Dennoch gibt es gewiſſe Geſchichten, welche ſich ohne Nachtheil für die betheiligten Perſonen nicht wohl erzählen laſſen. Was denken Sie zum Beiſpiel über Guiſe, welchem ich 1585 einen Zwei⸗ kampf antrug, damit des franzöſiſchen Blutes geſchont würde, und welcher mir antworten ließ, die Zweikämpfe ſeien durch einen Erlaß des Königs bei ſchwerer Strafe verboten?“
Die Ritter von der Tafelrunde ſchlugen ein lautes Ge⸗ lächter auf.
„Doch laſſen wir ſeinen Schatten in Frieden; ſanft möge
ſeine Aſche ruhen in dem Flußbett der Loire.— Holla, Mei⸗ ſter Wirth, kredenz uns noch von dieſem Wein, mit welchem du mir allzu ſparſam umzugehen ſcheinſt.“
„Hier, gnädigſter Herr!“ beeilte ſich Meiſter Denis zu antworten und war befliſſen, ſeinen ganzen Vorrath herbei⸗ zutragen.„Zum Glück hat der König nicht Alles ausge⸗ trunken!“
„Der König?“ fragten alle Edelleute wie aus Einem Munde.
„Ja, der König— oder der Fürſt— oder— ich weiß es ſelbſt nicht— kurz, der Herr mit den drei Goldſtücken, welche das Gepräge Karl's X. von Frankreich trugen!“
„Ein Greis, welcher zehn Ritter im Geleite hatte?“
„Ja wohl, gnädigſter Herr!“
„Er ſpricht von meinem Oheim“, ſagte der Mann im rothen Mantel leiſe zu ſeinem Nachbar.—„Und wann war derſelbe hier?“ fragte er wieder.
„Heut am Tage.“
„Wohin nahm er ſeinen Weg?“
„Nach ſeinem Schloſſe Fontenay.“
„Sein Schloß!“ ſagte lachend der Vorſitzende der Tafel⸗ runde.„Nun, Neuvy führt die Befehle des Königs von Frankreich trefflich aus. Dieſer geheime Zug nach Angou⸗ mois hat ſein Gutes gehabt; wir wiſſen nun, daß wir auf den Herzog von Epernon nur zählen dürfen, im Falle uns das Glück günſtig iſt. Solche zweifelhafte Freunde finden ſich immer. Mordi, ich liebe und achte nur Edelleute wie
Sie, meine Herren, und kann ich, ein ſo wackeres Häuflein
—
F— — —
——————


